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Trauma

Atomschmerz – wie es ist, fünf Atombomben zu überleben

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1. Runterzählen

Bei seinem ersten Mal steht Douglas Hern noch mit dem Rücken zur Bombe. Er trägt einen dunkelblauen Overall, die helle Sturmhaube über den Kopf gezogen. Sein Hals, sein Nacken, seine Schultern sind bedeckt, die Augen, die Nasenwurzel, die Stirn ausgespart. Hände und Unterarme stecken bis zu den Ellenbogen in weißen, elastischen Stulpenhandschuhen.

Es ist Freitag, der 8. November 1957. Auf Christmas Island ist es 7 Uhr 46 in der Früh. Der Start in einen klammen Pazifikmorgen, 231 Kilometer nördlich des Äquators. Das ist da, wo die Sonne nicht sachte, sondern wie im Zeitraffer aufgeht.

Im Zwielicht, in dem kurzen Augenblick der Dämmerung, steht Douglas Hern, 21, Soldat Ihrer Majestät der Königin von England mit dem Rücken zum Meer. Und während aus den trichterförmigen Lautsprechern Marke Tannoy einer runterzählt, zählt Hern im Kopf mit:

„Zehn. Neun. Acht.“

Noch sieben Sekunden, dann explodiert seine erste Atombombe.

Zwischen Mai 1957 und dem September 1958 zündet das Vereinigte Königreich über dem Seegebiet vor Christmas Island, heute Kiritimati, neun Kernwaffen. Zwei schweben an Ballons hoch, die anderen werden aus Vaillant-Bombern in einer Flughöhe von rund zweieinhalb Kilometern ausgeklinkt. Alle neun sind ein lange geplantes, kalkuliertes Trial-And-Error an Mensch und Maschine, ein Einstimmen in den hastigen Takt des Kalten Krieges: Da ist Korea, ist der 17. Juni in der DDR, die Suez-Krise, der Volksaufstand in Ungarn, der Sputnik-Schock. Überhaupt: der Russe und die Kommunisten hier, der Westen und die Imperialisten da. Da ist das Gleichgewicht des Schreckens.

Und mittendrin das Empire, im politischen wie wirtschaftlichen Nachkriegsabschwung. Ein Großbritannien zwischen den Blöcken, auf der Suche nach verlorener Großmacht und Balance, im Marschgepäck und auf den Lippen das alte Lied, aus dem der Nationalstolz trieft: „Rule, Britannia! Britannia rule the waves; Britons never will be slaves“. Ein Land in den 1950er Jahren, wie so viele ausgelaugt vom Krieg, das in der kleinen, weltweiten Atombombenliga auf Augenhöhe mitspielen will, das Stärke demonstrieren will.

Und irgendwo im Königreich Douglas Hern, gerade 16 Jahre alt, der Unterschriften fälscht, damit die Royal Navy ihn doch bitte endlich rekrutiert. Der beim Fälschen auffliegt, bis ihn seine Mutter endlich ziehen lässt. Wohl auch, weil sie glaubte, ein Störfeuer wie ihn damit zum Schweigen bringen zu können.

Douglas Hern, ein älterer Herr mit Bart und Brille, steht in seinem Zimmer zuhause und blickt auf alte Navy Utensilien, dabei hält er eine Stoppuhr in der Hand.
Douglas Hern blickt auf eine alte Navy-Stoppuhr.

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Einheiten aus Versuchskaninchen
Doug war auf der Suche nach Halt in dem großen Ganzen und im festen Glauben daran, englische Arbeiterklassetristesse gegen Kameradschaft, Disziplin, Abenteuer eintauschen zu können. Da wollte einer das große „Bund-Fürs-Leben-Rad“ drehen.

Er wird erstmal Feldkoch. Dann Atombombentestperson. Die Navy macht aus ihm ein „Guinea Pig“, ein Meerschwein. Ein Versuchskaninchen. Nutzvieh.

„Wir wurden zu Robotern“, sagt er, „zu Nummern“.

Man muss sich Douglas Hern als einen gebrochenen Menschen vorstellen. Ganz oft gebrochen, ganz hart gebrochen, mit viel Schmerz gebrochen. Man kann ganz nah an ihn heranrücken und ihn nach seiner Kindheit, seiner Jugend im England der Vierziger und Fünfziger fragen. Er wird das zulassen.

„Ich bin fast taub“, sagt er. „Sie müssen mir schon direkt ins Gesicht sprechen“, sagt er.

Dann nimmt er sich die Zeit, die er dafür braucht, und es werden Stunden sein. Er wird sich den lieben langen Tag nehmen, in der Küche, im Salon, im Garten, im Schuppen, im Wohnzimmer seines Hauses, in der Bell Lane 36, Moulton, Lincolnshire. Unauffälliges, sauber aufgeräumtes England, akkurate Vorgärten. Bei den Herns streckt eine mannshohe, grün-gelbe Holzwindmühle ihre weißen Flügel Richtung Straße, im Vauxhall pendelt der Duftbaum „Strawberry“.

Doug war einer von rund 25.000. Das ist die mehr oder weniger offizielle Zahl, die das britische Verteidigungsministerium angibt: 25.000 Soldaten, die in den fünfziger und sechziger Jahren an den Versuchen teilnehmen mussten.

Douglas Hern wird seine Geschichten einfach wegerzählen, in monotonem Ton, mit leichtem Lispeln. Ihm fehlen eine Menge Zähne, die Reihen sind oben wie unten deutlich ausgedünnt. Er wird die Geschichten einfach dazustellen, zu all dem Kitsch in den ohnehin schon übervollen, überbordenden Räumen mit ihrem Exotik-Nippes, den Asia-Schwertern, den 13 Medaillen, den Bildern seiner Enkel in Uniform, der Miniatur-Haubitze.

Ein aus den Fugen gebombtes Leben
Er haut sie raus, die Sätze, mitten in die Räume, in deren Luft ein sauber- süßes Gemisch aus Duftkerze und Waschpulver hängt. Links neben dem Kamin prangt eine gerahmte Urkunde der „Royal Humane Society“; ein von der Schirmherrin Ihrer Majestät der Königin ausgestelltes Zeugnis darüber, dass Douglas Logan Peter Hern am 5. Juli 1978 einen älteren Mann vor dem Ertrinken im River Waham nahe Boston, Lincolnshire, bewahrte und ihm somit „ritterlich das Leben rettete“. Oh ja, hier hat alles seinen Stolz, seinen festen Platz. Mit Eifer und Waschmittel wird hier Ordnung in ein aus den Fugen gebombtes Leben gebracht.

Er sagt, er habe keinerlei Kindheitserinnerungen, vielleicht die paar Tage, die er mit der Sonntagsschule am Meer verbracht hat, aber sonst war's ein „pretty rough life at times“, ein ziemlich raues Leben damals. Dabei hat er unzählige Erinnerungen, ein unglaubliches Gedächtnis. Nur „Kindheit“, eine leichte, unbeschwerte Kindheit, die findet er darin nicht.

Kindheit, das ist „The Blitz“. Das Ausbomben Londons durch die Nazis, der 7. September 1940, Doug ist knapp vier Jahre alt. Die zweite Angriffswelle trifft sein Haus, seine Straße, die Gießereien und Raffinerien auf der Isle of Dogs. Brennende Chemikalien und brennende Farben treiben später auf der Themse. Die lodernden Flammenflecken auf dem breiten Strom wabern mit den Gezeiten mal aufwärts Richtung Stadt, dann wieder raus Richtung Themsemündung.

„Uns blieb keine Zeit, erwachsen zu werden“, sagt Doug. Als er zehn ist, stirbt der Vater an Krebs. Der Sohn rebelliert, die Mutter kapituliert. Sie sucht und findet die Härte und Hilfe der Kirche.

Kindheit, das ist der Kirchenälteste, der sich ihm annimmt, ihn verprügelt, ihn regelrecht vermöbelt. Ein Zehnjähriger, dem der Leibhaftige rausgedroschen werden soll: „Er dachte wohl, ich sei besessen“.

Dougs Kindheit, an die er sich nicht erinnert, ist auch die Erinnerung an das Schütteln, das noch während des Krieges beginnt. Ein lautes Knallen, ein Sprengen, eine Explosion, dann beginnt sein Zittern, das unkontrollierte. Doug, der Kriegszitterer, der unter Tischen Schutz sucht, sobald es richtig kracht. Das will nicht passen zu diesem heute großen, massigen Mann mit dem Musketierbart, der als Royal-Navy-Koch im Pazifik fünf Mal sieht, hört, fühlt, wie Kettenreaktion zu Feuerball zu Druckwelle zu Pilzwolke zu Fallout wird.

2. Zündung

„Mir gefiel die Kriegsmarine“, sagt Doug. „Ohne die Navy wäre ich heute ein weit schlimmerer Mensch. Ich wäre die reinste Rebellion gegen alles, gegen jeden.“

„Du erfährst Respekt und Disziplin. Du lernst Führung, Teamarbeit. Du wirst innerhalb weniger Wochen vom Jungen zum Mann“. Der Klassiker, das Klischee: Das Militär, die Mann-Mach-Maschine.

Keine Kirche, keine Schläge, keine Mutter, die dich aufgibt. Wer in der Navy versagt, der wird anders bestraft. „Du bekommst Zusatzaufgaben, mehr Trainings, mehr Drill. Aber die lassen dich nicht los, die werfen dich nicht weg. Die geben dir auch keine Zeit über irgendetwas nachzudenken.“

„Sieben. Sechs. Fünf.“

Noch vier Sekunden, dann explodiert seine erste Atombombe.

Es ist alles gut und richtig und kaum etwas ungewöhnlich, als Douglas Hern seine Kindheit zurücklässt und sich auf den Weg nach Christmas Island macht. Es ist der 11. September 1957, sein 21. Geburtstag, die Royal Air Force fliegt den Navy-Koch über Shannon und Neufundland nach New York. Warum? Wie weiter? Wie lange? „Ich hatte gelernt, keine Fragen zu stellen”, sagt er.

Saftige Ausgelassenheit mit einem Rest Jugend
Kein Misstrauen, kein Argwohn. Dafür ein grandioses Besäufnis mit zwei Marines in der Bar des Schwergewicht-Weltmeisters Jack Dempsey. Eine amerikanische Institution, direkt am Broadway. Zwischenlandung in New York, er lässt es krachen, mitten in Manhattan. Am Times Square geht er so richtig steil, so laut, so besoffen, so ausgelassen und unbedarft, dass er den Truppenanschluss verliert und unter Aufsicht in einem Zivilflugzeug nach San Francisco weiterfliegt. „Um sicherzugehen, dass ich mich auch ja benehme.“

Eigentlich grandios: Du bist 21 und seit fünf Jahren Kriegsmarinekoch. Du bekommst den Marschbefehl nach irgendwo, tastest dich vor durch die Welt, Amerika, Hawaii, dann heißt es: Christmas Island, Pazifik. Das erste, was du nach deiner Ankunft dort tust, um halb drei Uhr in der Früh, in pechschwarze Nacht getaucht, ist deine Unterschrift unter den „Official Secrets Act“ zu setzen.

Staatlich verordnete Geheimhaltung. So verpflichtest du dich, keinerlei Informationen preiszugeben. Kein Wort wirst du darüber verlieren, über das, was hier auf der Insel passiert. Auch nicht in den Briefen die du nach Hause schickst. Und von den einheimischen Frauen, die in den Lagunen fischen, wirst du schön die Finger lassen. Mindestens 800 Meter Abstand wirst du zu ihnen halten, zu den unantastbaren Postkartenmotiven.

Gut möglich, dass du dich da ganz groß fühlst, vielleicht sogar ein bisschen auserwählt. Du gehörst ab sofort zur Task Force „Grapple“, übersetzt: „Greifer“, und bist Teil eines groß angelegten atomaren Testprogramms. Dir wird gesagt, dass du dabei keinerlei Gefahr ausgesetzt sein wirst. Immer und immer wieder wird dir das gesagt.

„Ich habe ihnen alles geglaubt“, sagt Doug.

„Vier. Drei. Zwei.“

Noch eine Sekunde, dann explodiert deine erste Atombombe.

Im November 57 sind 3.000 britische Soldaten auf der Insel stationiert. Wie viele davon die Explosion erleben, das weiß Doug heute nicht mehr. Nur dass ihnen am Abend zuvor gesagt wird, sie würden am nächsten Tag an einer Übung teilnehmen.

Vor Sonnenaufgang der Appell: in Dreierreihen aufstellen, durchzählen. Sie tragen die Seitenwände ihrer Zelte mit sich, wohl damit die Druckwelle die Zelte nicht fortfegt und damit sie nicht auf dem klammen, feuchten Inselboden knien müssen. Es ist noch stockfinster, aus den Lautsprechern tönt Musik, „Glenn-Miller-Stuff“, sagt Doug, „irgendeine Big Band“. Die Soldaten scherzen.

Noch als das Flugzeug mit der Bombe von der Insel abhebt folgen die nächsten Befehle: Dreht euch mit dem Rücken zum Meer! Hockt euch in Kindslage auf die Planen, wie Föten! Die Augen schließen, die Hände fest draufpressen! Besser noch: Drückt mit aller Gewalt die Knie in die Augenhöhlen!

Was denkst du in so einem Moment? Was fühlst du?

„Du tust einfach das, was dir gesagt wird.“

„Eins.“

Zündung.

Douglas Herns erste Atombombe explodiert am 8. November 1957 um 07:47 Uhr Ortszeit, 37 Kilometer vor ihm, auf Christmas Island.

Plötzlich brennst du von innen heraus. Nicht einmal einen Wimpernschlag nachdem die auf den Namen „Grapple X“ getaufte Wasserstoffbombe detoniert, nachdem ein herkömmlicher Atomsprengsatz zündet, um die nötige Energie für die sonnenähnliche Verschmelzung der Wasserstoff- Isotope Deuterium und Tritium zu Helium zu liefern, nicht einmal diesen einen Wimpernschlag später brennt es nur so aus dir heraus: „Als würde ein Doppelgänger aus Feuer durch dich hindurch schreiten. Er springt dich von hinten an und drängt nach vorne wieder raus.“

Sekunden bloß, vielleicht auch nur Millisekunden. Genug Zeit aber, dass dein Feuerklon immer heißer und heißer und heißer wird. „Mein Unterkiefer brannte, kaum auszuhalten.“ Dann das Licht, so hell, so stark, dass du mit geschlossenen Augen das Innere deiner Hände siehst: „Die Knochen, die Adern, die Sehnen.“

3. Feuer und Fisch

Ab sofort zählen die Lautsprecher wieder hoch, von eins bis zehn. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Aus den Tannoys bellt es: Aufstehen, umdrehen! Was er dann sieht, ist nicht das, was er erwartet: ein Wolkenkreis, darum bemüht, ein Ball zu werden.

Eine Blase, die sich weiter und weiter ausdehnt. Doug schaut direkt in sie hinein, sieht der Blase beim Wachsen zu, sieht, wie sie ihre Farben ändert, von Gelb zu Grün, von Grün zu Schwarz. „Und du fragst dich, ob das irgendwann ein Ende hat oder ob es über dich hinauswächst“. Es wächst ihnen über den Kopf, mit einer Sprengkraft von 1,8 Megatonnen, 138-mal Hiroshima.

Über ihnen das Blau des Himmels, in das sich innerhalb von Sekunden eine Wolkenqualle ohne Tentakel formt. Eine, die einen dumpfen, hohlen Schlag von sich gibt. „Kein Knallen, eher ein Rollen, ein Pressen, ein Stoßen“, sagt Doug. Dann die Druckwelle, als stündest du bei der rasenden Durchfahrt eines Hochgeschwindigkeitszuges direkt an der Bahnsteigkante.

Aber keine Angst, dir passiert schon nichts. Haben sie ja gesagt. Auch dann nicht, wenn du nach der Explosion die toten Fische aus dem seichten Wasser zusammenklauben wirst. „Noch zehn Tage später spülte die Flut jede Menge Getier Richtung Land. Bis zu den Knien standen wir inmitten der Kadaver, brachten sie ans Ufer, luden sie auf Transporter, die sie dann zum Verbrennen wegfuhren.“

Nicht alle werden verbrannt. Du bist der, der das ganze Zeug nach der Detonation wegschafft. Und weil du Koch der Kriegsmarine bist, wirst du auch ein paar der Fische zubereiten und servieren lassen: „Sogar einen kleinen Fish-And-Chips-Laden hatten wir am Strand“, sagst du im verklärten Rückblick, fast ein bisschen stolz. Dich kümmert es nicht weiter, ob die schwarzgoldene Pilotmakrele, der blaue Marin, der Wahoo, der Thunfisch oder Oktopus verseucht sind oder strahlen.

Vögel, die vom Himmel fallen
Douglas Hern, leicht verschmierte Brillengläser, springt jetzt in Gedanken von Bombe zu Fisch und zurück. Während des Erzählens schlägt sein linker Fuß mechanisch gegen das Stuhlbein seines Gegenübers. An der Kühlschranktür seines Hauses in Moulton hängt der Zettel mit Terminen für die nächste Blutuntersuchung, im Hintergrund läuft das Waschmaschinenwasser ab.

Im Gartenteich pumpt eine Pumpe gurgelnd 35 Fischen Sauerstoff zu. Manchen hat seine zweite Frau Sandie Namen gegeben, sagt er. Einer heißt Sullivan, einer Henry. „Da sind mir während der großen Hitze im vergangenen Jahr glatt zehn von den Viechern weggestorben.“ Das habe ihn fast 1.000 Pfund gekostet, sagt er.

Fünf Atombomben werden vor seinen Augen explodieren. Bombe Nummer 2, Grapple Y, war die schlimmste, sagt er. Drei Megatonnen Sprengkraft, 230-mal Hiroshima, bis heute die größte britische Atomwaffe, die je getestet wurde. Er darf sich nicht hinhocken, nicht hinkauern, so wie beim ersten Mal. Er steht ihr einfach nur gegenüber.

„Ohne Schutzkleidung, kein Overall, keine Sturmhaube, nur ein leichtes blaues T-Shirt, dunkle Hose, Boots, Marine-Kappe. Um fünf nach Neun zündete die Bombe und fast im selben Augenblick kochte eine unerträgliche Hitze alles Leben aus mir heraus. Ich fiel auf die Knie, die Hände auf die Augen gepresst, und sah wie bei der November-Bombe dasselbe rosa Röntgenbild meiner Knochen und Venen. Waren wir bei der ersten Explosion noch leise, fast stumm, so entfuhr mir und den anderen jetzt ein Grunzen, ein Stöhnen, das sich mit dem unbeschreiblichen und ewig anhaltenden Donnerschlag der Bombe mischte.“

Nach Grapple Y muss Douglas Hern das Uferwasser wochenlang von Fischteilen und -kadavern säubern. Zum Ende der ersten Woche mischen sich immer häufiger Vögel unter den Fisch. Erblindete Vögel, orientierungslos verendet, die Augen ausgebrannt. „Die müssen vor Erschöpfung vom Himmel gefallen sein“, sagt er.

Jahrelang habe er an nichts anderes denken können, haben ihn tags wie nachts Albträume heimgesucht. Die bleiben bis heute, sagt er. Träume, die sich mal mit mehr, mal mit weniger Wucht in seinen Alltag spülen. Wovon sie erzählen? „Von Explosionen. Von Detonationen. Und dass ich ständig vor ihnen davonlaufe.“

Das Wasser, die Hitze, der Tod – das ist das Dreieck, in dem Douglas Logan Peter Hern sein Leben lebt, das sind die Koordinaten, an denen er sich ausrichtet, einpendelt und ausschlägt.

Er sagt dann doch tatsächlich, dass er Glück gehabt habe. Weil er kein großes Leiden davongetragen hat von all dem, was er auf Christmas Island gesehen, getan, und von dort mitgenommen hat. Und weiß noch im Moment, in dem er das ausspricht, dass es falsch ist, was er da sagt. „Meine direkten Nachkommen, meine Blutlinie,“ – er sagt wirklich Blutlinie, einen Begriff aus der Tierzucht – „die leidet bis heute darunter.“

Dann berichtet er von der Beerdigung seiner Tochter Gill. Gill war der 1963 geborene Mittelpunkt in seinem Wasser-Hitze-Tod-Dreieck, der Schwerpunkt. Oder ist es noch. Gill ist die Tochter, die 1977 stirbt. Als Doug, Jahre nachdem er die Kriegsmarine verlassen hatte, die Schiffe wohlhabender Eigner von Hafen zu Hafen an der englischen Südostküste steuerte, war Gill immer dabei.

„Es geschah, was geschehen sollte“, sagt Doug zu ihrem Tod. „Sie starb in meinen Armen.“

Woran? „Am Cushing-Syndrom.“

Gills Körper produzierte zu viel Cortisol, oftmals ausgelöst durch einen Tumor in der Hirnanhangsdrüse. Den sieht man nicht, dafür die Gewichtszunahme, die Hamsterbäckchen, das Vollmondgesicht, dazu die Körperhaare, die ungewöhnlich stark wachsen. Gill entwickelt einen „Stiernacken“, zwischen ihren Schultern sammelt sich das Fett. „Auf ihrem Rücken wuchs ihr ein Buckel, der mit Haaren bedeckt war. Als sie elf war mussten wir sie zwei Mal am Tag rasieren. Sie war ein Mädchen, das im Zeitraffer zur Greisin alterte.“

Er streute ihre Asche über die Reling einer geliehenen Yacht ins Meer.

Jeder Bruch eine Kerbe, jede Kerbe ein Schmerz
Doug erinnert sich. An jede Kleinigkeit, an winzige Details. An Nächte, die er auf dem Boden liegend vor Krankenhausbetten verbringt. An jede Fotografie, die die Ärzte von seiner Tochter während ihrer Behandlungen machen. An Gill, wie sie ein allerletztes Mal kollabiert. Im Auto, eine Dreizehnjährige, die sich hinten im Fußraum der Rücksitzbank mit Krämpfen windet, während er lichthupend gegen den Autostrom Richtung Notaufnahme rast.

Er hat ein untrügliches Gedächtnis, regelmäßig trainiert im fortwährenden Durchdenken und Vor-Augen-führen der Wege, der Momente, der Brüche. Jeder Bruch eine Kerbe, jede Kerbe ein Schmerz, da bleibt wenig Raum für anderes. Doug sieht so aus, als würde ihm ununterbrochen irgendwas weh tun. Er müsste laut darüber schreien, meint man. Wieder und wieder. Doch dafür, dass Gills Tod das Schlimmste ist, was ihm passieren konnte, bleibt er seltsam stumm.

Da zieht sich das Echo der Bombe quer durch die Generationen und er schluckt das einfach weg. Warum brüllt er es nicht raus? „Weil die Navy diesen einen, diesen menschlichen Wesenszug völlig zerstört hat: Ich zeige keine Emotionen, mein Gesicht sieht stets gleich aus. Und mir wird schlecht, wenn ich meine eigene Stimme höre. Weil sie so monoton klingt. Ich habe es so satt, mich zu hören“, sagt er.

Du Roboter. Du Nummer!

„Er weiß nicht, wie man liebt“, sagt seine zweite Frau Sandie.

Hallen die Explosionen bis heute in ihm so stark nach, dass er in dem ganzen Lärm gar nicht anders kann, als der Bombe mit ohrenbetäubendem Schweigen sein Leben zu widmen?

4. Schuld und Scham

Es gibt nicht viele Veteranen, die so offen, so ehrlich, so hart darüber reden wie Doug, glaubt Reverend Nicholas Frayling. „Auch, weil sie sich in einer Zwickmühle befinden: auf der einen Seite eine sorgsam gepflegte Navy-Nostalgie, auf der anderen ein tief empfundenes Scham- und Schuldgefühl.“

Frayling, Jahrgang 1944, ist 13 Jahre alt, als Douglas Herns erste Bombe explodiert. Bevor er zur Kirche kommt, macht er eine Ausbildung im Einzelhandel, wird dann Sozialarbeiter im geschlossenen Vollzug des Männergefängnisses Pentonville, nordöstlich von London. Heute verströmt er, hochgewachsen, das Haar gewissenhaft zurückpomadet, eine seines Amtes entsprechende Würde und Integrität.

Nicholas Frayling, ein älterer Mann mit Brille und grauem Harr steht in seinem Wohnzimmer vor einem Bücherregal. Er hält den linken Arm hoch, über dem schwarze Tücher liegen.
Nicolas Frayling in seinem Wohnzimmer.

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Er serviert Zitronenkuchen und Tee mit Milch und sagt: „Seit mehr als 30 Jahren nehme ich an Beerdigungen von Veteranen teil. Ich besuche sie, wenn sie krank sind, ich spende ihren Angehörigen Trost. Ich versuche, ihnen das Gefühl der Schuld und der Scham zu nehmen. Das Gefühl, etwas von dem selbst erfahrenen Horror vererbt zu haben – an das Kind, das keine Kinder bekommen kann; an das Kind, das mit Fehlbildungen geboren ist, das blind ist oder taub.“

Die Wohnung des Reverends liegt an der South Parade im südenglischen Southsea, Stadtteil von Portsmouth, einer der wichtigsten militärischen Häfen Europas. 27 Kriegsschiffe der Royal Navy liegen hier. Von Fraylings Eigentumswohnung im fünften Stock reicht der Blick bis zur knapp zehn Kilometer Luftlinie entfernten Isle of Wight. An der Fensterfront hat der Reverend ein Fernrohr aus Messing postiert, durch das er ab und an den Tankern und Fähren folgt, die die Meerenge „The Solent“ passieren.

Ein Scharnier zwischen Schuld und Wut
Dazu passt, dass Frayling Commander des britischen Ritterordens Order of Saint John ist. Er ist außerdem: Autor des Buches „Pardon and Peace: Making of the Peace Process in Ireland“. Ein Verfechter politischer Versöhnung und interreligiöser Beziehung. Er ist einer, der im Juli 2013 in der Kathedrale von Chichester leidenschaftlich zu „Homo-Ehe – Sakrament oder Skandal?“ spricht. Der für die Rechte Homosexueller eintritt und sich damit nicht nur den Segen der Church of England holt.

Frayling ist auch ein Scharnier zwischen Schuld und Wut, ist Überwinder einer Barriere zwischen den Generationen, die sich mal leise, mal lauter aufgebaut hat: Da ist die Verzweiflung des Vaters oder des Großvaters, das stetig glimmende, dann und wann auflodernde Martern, einen vielleicht durch Strahlung und Fallout einverleibten Gen-Defekt weitergegeben zu haben. „Natürlich weiß jeder Einzelne von ihnen, dass es nicht in seiner Hand lag und liegt“, sagt er, „doch trotz aller Vernunft quält sie eine unaufhörliche Schuld“.

Da ist auch eine gedämpfte, oft verdeckte Wut der Nachkommen auf ihre Väter und Großväter, die sie für ihr eigenes, vielleicht schwieriges, verkorkstes Leben gerne zur Verantwortung ziehen würden. „Die meisten Kinder oder Enkelkinder blenden die Wahrscheinlichkeit lieber aus, nach all den Jahrzehnten die Nachwirkungen der Tests am eigenen Leib erfahren und erdulden zu müssen“, sagt der Reverend. „Wer will schon immer und immer wieder an die eigene Sterblichkeit erinnert werden?“ Dann doch lieber schweigen und weit, weit von sich schieben, dass Daddy vor mehr als 60 Jahren Versuchskaninchen im Pazifik war.

Dass Daddy etwas abbekommt, war Kalkül. 12 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki explodiert Douglas Herns erste Bombe, „die tödlichen Auswirkungen der Strahlung waren lange bekannt“, sagt Frayling.

In der Tat heißt es in einem als geheim eingestuften Bericht des regierungsnahen Defence Research Policy Committee an die militärischen Stabschefs vom 20. Mai 1953: „Der Armee ist daran gelegen, die Auswirkungen verschiedenster Explosionsarten auf Mann und Material mit und ohne unterschiedliche Schutzvorrichtungen genauestens in Erfahrung zu bringen“. Und in einem vertraulichen Schreiben vom 20. September 1951 schreibt der damalige Konteradmiral Arthur David Torlesse: „Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Regierungsbeamten einen Anspruch auf Entschädigung für im Dienst erlittene Schäden haben.“

Ein Echo, das durch die Jahre hallt
Torlesse bezieht sich dabei auf die ersten britischen „Hurricane“-Atomtests im Oktober 1952 nahe der westaustralischen Monte Bello Islands. Er fügt noch hinzu, dass nicht automatisch jede Krankheit entschädigt werden müsse, nur weil sie eventuell auf eine Teilnahme an den Tests zurückzuführen sei. Zugleich entlässt er aber die Regierung nicht aus ihrer Verantwortung: „Ich bin dennoch der Meinung, dass seitens der Ministerien eine akzeptable Vorgehensweise gefunden werden kann, um mögliche Gerichtsverfahren zu Gunsten eines Geschädigten zu entscheiden.“

Dabei denkt Torlesse wohl weniger an die Kinder oder gar Kindeskinder der Atomtestveteranen. Doch wenn er in dem Schreiben formuliert, dass die gesundheitlichen Folgen „lange hinausgezögert werden könnten“, dann schwingt darin ein Bewusstsein über die Ungleichzeitigkeit der Vorgänge mit: Da sind die Explosionen in den 1950er und da ist ein zunächst kaum wahrnehmbares Echo, das in den Jahrzehnten darauf umso deutlicher widerhallen kann. Ein Echo, das mit Studien zu den Spätfolgen der Veteranen mal mehr, mal weniger laut verstärkt wird.

Aufwändig recherchierte Papiere, die je nach Couleur des Absenders und mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten die Verantwortung mal in die eine, mal in die andere Ecke pressen. Und sich damit doch nur neutralisieren: „Unter den Getesteten konnte im Allgemeinen eine höhere Lebenserwartung festgestellt werden als im Durchschnitt der britischen Gesamtbevölkerung“. Schreibt die britische Regierung im November 2018 und aktualisiert damit eine 1983 gestartete und vom Verteidigungsministerium bezahlte Studienreihe. Grund dafür sei der „Healthy-Worker-Effect“ oder auch „Healthy-Soldier-Effect“: Erwerbstätige zeigten einen allgemein gesünderen Lebensstil, Soldaten im Besonderen könnten zudem eine bessere medizinische Versorgung nutzen.

Für Kritiker ist der Effekt hingegen eine ganz besondere Form der Stichprobenverzerrung. Der Vergleich zwischen Soldaten, die per se schon einen gewissen Gesundheitszustand aufweisen müssten, um überhaupt rekrutiert zu werden, und der durchschnittlichen Gesamtbevölkerung, der kann nur hinken: hier eine „natürlich Berufsauslese“, dort ein gesamtgesellschaftliches Sammelsurium aus Alt und Jung, aus gesund und krank.

Andere bewerten die Rechnung des Verteidigungsministeriums grundsätzlich als viel zu optimistisch. Wissenschaftler um die Professorin Sue Rabbitt Roff von der Universität Dundee zum Beispiel. Roff untersuchte die Gesundheitsdaten von 2.500 Atomtestveteranen und fand heraus, dass ein Drittel von ihnen bereits im Alter zwischen 50 und 60 verstarb, davon wiederum zwei Drittel an Krebs.

Zudem konnte, so Roff, in einer gesondert untersuchten Stichprobe von rund eintausend Veteranen etwa jeder Siebte nach seiner Rückkehr von den Waffentests keine Kinder mehr zeugen. Und: „Unter den fast 5.000 Kindern und Enkelkindern dieser Gruppe gibt es allein 26 Fälle von Spina bifida – mehr als das Fünffache der im Vereinigten Königreich üblichen Rate an Lebendgeburten.“

Spina bifida, eine Fehlbildung der Wirbelsäule, oft auch des Rückenmarks, ein offener Rücken bei 0,52 Prozent der Nachkommen. Reicht das? Und wenn ja: wofür?

5. Daddy’s Girl

Es reicht für Zahlenschlachten. Für Relationen. Für Zusammenhänge, wo sie hergestellt werden können. Oft genug nur Vermutungen, wenig handfeste Beweise, verdeckte Schuldzuweisungen. Mal verpackt in wissenschaftliche Akribie und Gratwanderei, mal in politische Agenden. Der Blick hinter die Datenreihen offenbart Unsicherheit, lässt einen Kit der Angst zwischen den Generationen erkennen. Ja, ein etwas höheres Vorkommen von Krankheiten wie rheumatoide Arthritis oder autoimmune Schilddrüsenerkrankungen, dazu Asthma oder Ekzeme lasse sich in der Gemeinschaft der Atomtestveteranen feststellen. „Aber nicht im Übermaß“, so Dr. Becky Alexis-Martin, Co-Autorin von „Nuclear Families: A Social Study of British Nuclear Test Veteran Community Families“.

Auch von Geburtsfehlern wurde berichtet. Die große Mehrheit der Leiden sei aber psychosomatisch, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen: „Die schwerste Last für die meisten Nachkommen ist die schiere Angst, irgendwann das Erbe einer strahlenbedingten Krankheit antreten zu müssen.“

Das große Leiden ist Angst, ist Atomschmerz. Shelly Grigg ist genau das. Shelly Grigg, das ist der Schmerz zwischen dem 5. Lenden- und dem 1. Steißbeinwirbel. Shelly ist Diabetes, ist Morbus Biermer, ist das Problem mit der Schilddrüse, ist rheumatische Arthritis in ihren Kinderjahren.

Die Frau Shelly Grigg sitzt auf ihrem Sofa, stützt sich mit der Hand ab und hat einen nach unten gerichteten traurigen Blick.
Shelly Grigg auf ihrem Sofa zuhause.

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Shelly ist eine seltene Art der Fettsucht, ist die Adipositas dolorosa oder Dercumsche Krankheit, die 2003 bei ihr diagnostiziert wird. Fest, körnig und knotig fühlt sich das Fett an, „wie ein Bündel von Würmern“, beschreibt es der Namensgeber der Krankheit, der US-amerikanische Neurologe Francis Xavier Dercum. Die Vorderarme, die Unterschenkel, die Hände und Füße, Hals und Gesicht bleiben von den Fettansammlungen fast frei. Die Massen sammeln sich am Rumpf und an den Oberschenkeln.

Rund 20 Pillen muss Shelly jeden Tag schlucken, alle zehn Wochen wird ihr eine Thyroxin-Injektion intravenös verabreicht. Durch ihr 3-Zimmer-Küche-Bad-Heim in einer Reihenhaussiedlung in Hemlington nahe Middlesborough zieht der etwas strenge Geruch nach einem Labrador und zwei Katzen. Auf dem Boden vor dem Fernseher hockt in sich gefallen ein großer Plüschaffe, mit „Good Boy“ in Weiß bedruckt. Im schwarzen Bücherregal lehnt neben einer Handvoll Familienbildern auch die Phil-Collins-Biografie „Not Dead Yet“.

Ein Ausputzer, der die Angst wegsäuft
Shelly ist das Morphium, von dem sie glaubt, dass es ihr bester Freund sei. Das klinge zwar furchtbar, sagt sie, sie wisse das schon auch, aber sie habe nun einmal Schmerzen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Das Morphium stumpft zumindest die schlimmsten Spitzen ab.“

Shelly ist auch Daddy’s Girl und Daddy war Roy Grigg und Roy Grigg landet im Sommer 1959 auf Christmas Islands, ein Jahr nach den Grapple- Explosionen. 22 war er da.

Auch Roy war Ausputzer, sagt Shelly, hat aber nie eine Explosion miterlebt, trotzdem wünscht sie sich, er hätte ihr mehr darüber erzählt: Wie er den ganzen Müll auf der Insel wegräumte, den Sand von den Zelten und Autos fegte, im verseuchten Wasser schwamm, den verseuchten Fisch aß. Nach seiner Zeit in der Navy macht Roy dicht oder gar nicht erst auf und fängt das Trinken an. Ein Alkoholiker, der es an schlechten Tagen nicht ins eigene Schlafzimmer schafft. Dann packt ihn seine Frau ins Bett der Tochter. An ganz schlechten Tagen ist er so voll, dass er es einnässt.

Aber für Shelly ist er auch einer, der nicht eines Morgens aufwacht und sich dazu entschließt, alkoholabhängig zu werden. „Du kommst zurück, mit all den Erinnerungen und Ängsten im Gepäck, mit der Unsicherheit, dass du vielleicht selbst jede Menge Strahlung abbekommen hast“, sagt sie. Unvorstellbar sei das, diese immerwährende Furcht vor Spätfolgen oder gar einem vorzeitigen Tod. Daddy hat die einfach weggesoffen.

Roy Grigg wird beides: krank und früh sterben. Als er am 31. Juli 2001, mit 64, dem Knochenkrebs erliegt, stirbt er jedoch nicht als Roy Grigg, er stirbt als Bruder Paul. Im August 1987 tritt Corporal Roy Grigg, Atomtestveteran, Alkoholiker, dem Franziskanerorden bei.

Warum? „Auf die Frage hat er nur geantwortet: Weil ich den Ruf gehört habe“, sagt Shelly Grigg.

Franz von Assisi, Ordensgründer, Bettelmönch, Schutzpatron der Tiere, der Natur, der Umwelt. Der, dem dieser Satz zugeschrieben wird: „Die ganze Dunkelheit der Welt kann das Licht einer einzelnen Kerze nicht löschen.“ Als Bruder Paul soll Dad wohl auch die Natur und die Menschen geliebt haben, die Wanderer und Obdachlosen, die er von der Straße holte, sie wusch, ihnen Essen und saubere Kleidung gab. Ja, er war sogar Mitglied der „British Fuchsia Society“, sagt Shelly, ein wenig stolz. Als wäre das ein kleines bisschen Heiligsprechung.

Corporal Roy Grigg/Bruder Paul, geläutert, gereinigt, zurückgezogen, trocken, Menschen- und Blumenfreund. Licht in der dunklen Welt der Shelly Grigg. „Als Papa starb, fühlte ich mich sehr allein“, sagt sie. Licht aus. Während sie von ihrem Vater erzählt, wird sie immer mal wieder zu weinen beginnen, vier oder fünf Mal. Über Papas Tod erzählt sie nüchtern weiter: „Ab dann fingen meine gesundheitlichen Probleme an und ich begann, Fragen zu stellen.“

Sie sucht und findet. Andere, die ähnliche Leiden haben, Gleichgesinnte, Gefühlserben. Für die, vor allem aber für sich selbst, gründet sie die Facebook-Gruppe „Fallout“. Sie schafft sich ihr Milieu, ihre Trauma-Community mit 800 Mitgliedern.

Sie gräbt und wühlt sich in ihren Stammbaum, bis ins Jahr 1705 zurück. Sie findet nichts. Natürlich nicht, denn was wäre das, wenn ihr zwischen Industrieller Revolution und viktorianischem Zeitalter plötzlich ein Vorfahre querkommt, eine Fettsucht vielleicht, ein genetischer Abweichler, der ihr damit ihren Atomschmerz streitig machte?

Ein kleines bisschen Heiligsprechung
Sie findet auch keine Wut auf ihren Vater. Nein, sagt sie, die Väter treffe keine Schuld, „keiner von denen hat sich freiwillig gemeldet“. Vielmehr seien sie gezielt ausgewählt worden: fast alles unverheiratete, kinderlose, junge Männer, die sich vor ihrer Abreise einem Bluttest unterziehen mussten. „Auch wenn das Verteidigungsministerium das heute bestreitet, die meisten waren fit und gesund und kehrten krank zurück.“ Sie hätten ihr Leben gegeben, sagt sie. Als wäre das noch ein kleines bisschen mehr Heiligsprechung.

Am 6. August 2001 wird Roy Grigg/Bruder Paul beerdigt. Während der Totenmesse klingen Glocken, sie erinnern an die, die auch auf Christmas Island bei der Entwarnung nach den Tests läuteten. Aber auch an die, die heute noch einmal im Jahr in Japan geschlagen werden, immer am 6. August, immer um 8 Uhr 16. Der Tag, an dem Roy Grigg/Bruder Paul begraben wird, ist „Hiroshima Day“.

Während der Messe sagt einer der anwesenden Ordensbrüder noch: „Two things were born in Shelly's Dad, in that exploding light cloud burst“. Zwei Dinge wurden in Shelly's Dad geboren, in dieser explodierenden Lichtwolke.

Wäre da mehr Leben in ihrem Leben, wenn in seinem weniger Bombe gewesen wäre? Vielleicht hätte sich Roy Grigg auch ohne Atombombe ins Koma gesoffen. Vielleicht hätte er sich auch scheiden lassen, wäre auch Ordensbruder geworden, wäre auch an Krebs erkrankt, vielleicht früher, vielleicht auch später. Vielleicht auch nichts von alledem.

Heute ist alles Bombe im Leben der Shelly Grigg. Sie ist zum Bersten voll damit, sie schwimmt im Schmerz. Vielleicht auch, weil der Müll, der Dreck, der Staub, den Roy Grigg auf der Insel wegfegt, sich schon über sein Atomkind gelegt hat, als das noch gar nicht geboren war. Vielleicht auch nicht.

„Ich hasse mich“, sagt Shelly Grigg heute. „Ich verachte meinen Körper.“ Sie schämt sich für ihn. Für etwas, von dem die Ärzte sagen, er ähnelte mehr dem einer Achtzigjährigen statt einer Mittfünfzigerin. Und dass dieser Körper wohl in ein paar Jahren einen Rollstuhl brauche.

Vielleicht früher, vielleicht auch später. Vielleicht auch gar nicht.

Es ist diese Ungewissheit, die das Atomkind in sich trägt. Das Gefühl, dass die Dinge einfach nicht ganz richtig sind. Sicher ist nur, sagt Shelly, dass sie entschieden hat, dem Ganzen ein Ende zu setzen: Sie liebe Kinder, sagt sie, ach, wie fantastisch wäre das, könnte sie ihre Geschichte weitererzählen.

Da ist aber eben auch die Angst, mit den Geschichten „eine Art Gift“ weiterzugeben, sagt sie. „Also setze ich bei mir den Schlusspunkt für meine Familie: no kids, keine Kinder!“

Sie sei, sagt sie, das Ende ihrer Geschichte.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Bent Freiwald; Bildredaktion: Verena Meyer.

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