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Gegen Selbstoptimierung

Meditation ist nicht Wellness, sondern innere Revolution

von Theresa Bäuerlein
etwa 9 Min. Lesedauer

Ich saß in einer Art Bunker in der israelischen Wüste und starrte auf eine Pflaume. Ein paar Tage vorher noch hätte ich sie mir in großen Bissen einverleibt, wahrscheinlich mit Blick auf mein Handy, und hätte kaum mitgekriegt, dass da etwas in meinem Mund war. Jetzt nahm ich kleine Bissen im Tempo einer Hundertjährigen und hielt immer wieder inne, um zu staunen. Noch nie war ich so glücklich, so friedlich gewesen.

Eigentlich war ich in einer schwierigen Zeit, mein Vater war ein halbes Jahr vorher gestorben und hatte ein klaffendes, schmerzendes Loch in meinem Leben hinterlassen. Mein Freund riet mir zu einem Meditationsretreat, weil er mit Meditation seine Angstattacken im Griff behielt. Kurzentschlossen füllte ich das Anmeldeformular aus. Zehn Tage schweigen und stundenlang meditieren, um vier Uhr morgens aufstehen, die letzte Mahlzeit nachmittags (Obst und Popcorn). Hätte man mir ein paar Jahre vorher gesagt, dass ich einmal so ein Programm mitmachen würde, ich hätte ihn ausgelacht. Jetzt, umgeben von der Stille und Leere der Wüste, kam mir ein Gedanke: „Wer hätte das gedacht: Zwischen Himmel und Hölle liegen drei Tage Meditation.“ Und gleich danach: „Wieso hat mir das noch nie jemand gesagt?“

Das ist jetzt bald zehn Jahre her. Meditation ist eine der wichtigsten Entdeckungen, die ich je gemacht habe. Auf viele Erfahrungen in meinem Leben könnte ich verzichten, inklusive zwei Jahre Psychoanalyse, aber nicht darauf. Deswegen sollte es mich eigentlich freuen, wie populär Meditation in diesen Tagen ist. Influencer reden darüber so selbstverständlich wie übers Duschen, Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern „achtsame Mittagessen“ an und allein in den USA wird der Marktwert für Meditationsprodukte auf 1,2 Milliarden US-Dollar geschätzt. Aber wer Meditation auf Produkte aus dem App-Store und Atemübungen zwischen Meetings reduziert, verflacht sie auf eine Weise, die ich schmerzhaft finde.

Achtsamkeitskitsch findet man überall

Nicht, weil ich mich in meinen stillen Stunden gerne an der Vorstellung weide, dass ich schon meditiert habe, bevor es cool war (okay, vielleicht ein bisschen). Ich bin seit knapp zehn Jahren dabei, die Menschheit meditiert seit tausenden von Jahren, quer durch alle Religionen hindurch. Wahrscheinlich hat meine Uroma meditiert, nur nannte sie es „Rosenkränze beten“. Ein Early Adopter bin ich also beim besten Willen nicht. Mich stört es auch nicht, wenn Menschen keine Lust haben, tage- und wochenlang schweigend in einer Hütte zu sitzen, sondern einfach eine App herunterladen.

Aber ich habe ein großes Problem mit der Vermarktung von Meditation als Wellness-, Performance- und Selbstoptimierungstool. Mit den Bildern, die unweigerlich auftauchen, wenn ich das Wort „Meditation“ googele: junge Frau mit gekreuzten Beinen am Wasser, junger Mann mit versonnenem Blick vor Berglandschaft, Schattenrisse von Yoga-Posern vor Sonnenuntergängen. Ich habe auch ein Problem mit dem Achtsamkeitskitsch überall, mit Buddhas, wo früher Gartenzwerge waren: Neulich wohnte ich für ein paar Tage in einem Airbnb-Bauwagen, auf dem Kompostklo saß der Begründer des Buddhismus als Räucherstäbchenhalter neben den Desinfektionstüchern. Und als bei einer der Hygiene-Demos im Frühling meditierende Nazis in Berlin vor der Volksbühne saßen, überfiel mich der in letzter Zeit häufiger auftretende Drang, auf einen weniger peinlichen Planeten umziehen zu wollen.

Nun könnte ich die Ruhe bewahren (vielleicht mit Hilfe von Meditation). Alles, was Trend wird, verflacht, das ist ein Naturgesetz. Aber wenn man etwas liebt, möchte man es verteidigen. Ich verstehe nichts von Ballett oder Fußball, aber ich bin mir sicher, dass jeder Fan dieser Sportarten aufschreien würde, wenn man sie auf Muskel- und Ausdauertraining reduzieren würde. So geht es mir, wenn Meditation als Wellness- und Performance-Tool verkauft wird. Ja, sie eignet sich sehr gut, um Konzentration und Aufmerksamkeit zu trainieren und Entspannung zu finden. Aber wenn man dafür meditiert, ist das ein bisschen so, als würde man einen Mercedes kaufen, weil der so weiche Sitze hat. Als würde man ein Medikament gegen Bluthochdruck nehmen, weil man davon schöne Fingernägel bekommt. Kann man machen. Aber man sollte zumindest wissen: Das sind Nebeneffekte von Meditation, nicht ihr eigentlicher Kern.

Unser Denken macht, was es will

Yuval Noah Harari würde mich verstehen, das ist ein Trost. Wir sind uns nie begegnet, aber der bekannteste Historiker unserer Zeit widmet in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ das letzte Kapitel dem Meditieren. Darin beschreibt er, wie er im Jahr 2000 mit großer Skepsis an seinem ersten Meditationsretreat teilnahm. Es war exakt das gleiche Format wie mein erster Retreat Jahre später, ein zehntägiger Kurs in der Vipassana-Methode nach S. N. Goenka, wahrscheinlich saßen wir sogar in der gleichen Meditationshalle. Harari beschreibt, wie er die Anweisung erhielt, seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen Atem zu richten. „Wenn der Atem einströmt, bist du dir einfach nur bewusst – jetzt strömt der Atem herein. Wenn der Atem hinausfließt, bist du dir einfach nur bewusst – jetzt fließt der Atem hinaus. Und wenn du die Konzentration verlierst und dein Geist damit beginnt, zu Erinnerungen und Fantasien abzuschweifen, bist du dir einfach bewusst – jetzt schweift mein Geist vom Atem ab.“ Das klingt banal. Harari schreibt, es sei das Wichtigste, das jemals irgendwer zu ihm gesagt habe.

Bis dahin hatte der junge Intellektuelle sich für den Herrn über sein Leben gehalten, „den CEO meiner eigenen Marke“. Als er Meditieren lernte, verstand er, wie wenig Kontrolle er wirklich besaß. Sein Denken machte, was es wollte, seine Aufmerksamkeit schweifte nach spätestens zehn Sekunden vom Atem weg. Sein Kopf spulte automatisch ein Programm ab, ohne sich um die Person zu kümmern, die sich für den Chef hielt.

Ist es möglich, glücklich zu sein, auch wenn man nichts hat?

Mehr noch: Harari lernte, dass der Fluss seines Denkens mit Empfindungen im Körper verbunden war. Dass er in seinem Leben kaum auf die reale Welt reagierte, sondern auf Empfindungen in seinem Körper. „Wenn wir darüber empört sind, dass jemand unsere Nation oder unseren Gott beleidigt hat, sind es die Empfindungen eines Brennens in der Magengrube und eines Schmerzes, der sich wie ein Band um unser Herz legt, die die Beleidigung unerträglich machen. Unsere Nation fühlt nichts, aber unser Körper tut wirklich weh.“ Er begriff, dass „die tiefste Quelle meines Leids in den Mustern meines eigenen Geistes liegt.“

Solche und ähnliche Sätze kennt natürlich jeder, der in seinem Leben schon mehr als zehn Minuten auf Facebook verbracht oder den Text auf einer Packung Yogi-Tee gelesen hat. Große Weisheiten können aber nichts dafür, wenn sie mit kitschigen Bildern versehen und flächendeckend in der Welt verteilt werden wie Unkrautvernichter auf einem Sojafeld in Brasilien. Was Harari in seinem ersten Retreat verstanden hat, ist beim besten Willen nicht neu, aber seit tausenden von Jahren immer wieder bahnbrechend: Meditation bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als den eigenen Geist kennenzulernen, also jenes rätselhafte Ding, das die Welt wahrnimmt, sie mit Meinungen, Wünschen und Abneigungen einfärbt.

Indem man diese Abläufe beobachtet, gewinnt man nicht die Kontrolle über sie. Es geht auch nicht darum, sie zu analysieren. Was entsteht, ist zunächst eine Distanz zum oft irrsinnigen Drama des Denkens und Fühlens. In gewisser Weise ist man nicht mehr nur Protagonist im Film des eigenen Lebens, sondern auch Zuschauer. Daraus folgt, dass man vielleicht zum ersten Mal eine echte Wahl hat, ob man von dieser Geschichte mitgerissen wird oder nicht. Diese Entdeckung ist eine Form von Emanzipation, von geistiger Freiheit.

Der US-Neurowissenschaftler und Philosoph Sam Harris sieht darin eine mögliche Antwort auf eine Frage, die sich viele Menschen stellen: „Gibt es ein Glück, das nicht davon abhängt, ob man seine Lieblingsspeisen zur Verfügung hat, ob man Freunde oder Angehörige in Reichweite hat, ob man gute Bücher lesen kann oder ob man sich am Wochenende auf etwas freuen kann? Ist es möglich, glücklich zu sein, bevor etwas passiert, bevor die eigenen Wünsche befriedigt werden, trotz der Schwierigkeiten des Lebens, inmitten von körperlichen Schmerzen, Alter, Krankheit und Tod?“

Meditation ist keine Flucht vor der Wirklichkeit

Viele Menschen suchen die Antwort auf diese Fragen in Religion in ihren diversen Formen. Das geht, ist aber nicht nötig. Meditation ist ein Teil vieler religiöser Praktiken, aber sie funktioniert auch völlig unabhängig vom Glauben an höhere Wesen. Harris etwa ist Atheist und ausgewiesener Religionsgegner. „Auch wenn die Erkenntnisse, die wir beim Meditieren haben, uns nichts über den Ursprung des Universums sagen, bestätigen sie einige klar etablierte Wahrheiten über den menschlichen Geist: Was wir gemeinhin als Selbst verstehen, ist eine Illusion, positive Emotionen wie Mitgefühl und Geduld sind erlernbare Fähigkeiten, und die Art, wie wir denken, beeinflusst auf direkte Weise unsere Erfahrung der Welt“, sagt er.

Wenn man das zu Ende denkt, ist das nicht Wellness, sondern eine innere Revolution. Sie bedeutet, dass wir, soweit unsere Grundbedürfnisse gedeckt sind, nichts und niemanden in der Welt brauchen, um glücklich zu sein. Keine Traumhochzeit, keine Top-Karriere, kein Gadget der neuesten Generation. Es ist ein wirksames Gegenmittel für den Mist, mit dem wir unsere Tage und diese Welt vergiften: Endloser Konsum, hysterische Selbstverwirklichung, Fomo, das heißt die Angst, etwas zu verpassen – die Liste kann jeder für sich selbst vervollständigen.

Was nicht heißt, dass Meditation die Lösung für alles ist. Das muss man leider extra betonen, denn zu viele ihrer Fans glauben, dass alle Probleme der Welt sich von selbst auflösen würden, wenn nur genug Menschen ihre Hintern regelmäßig auf Meditationskissen parkten. Gut, wahrscheinlich wäre das tatsächlich hilfreich. Sich selbst zu verstehen, und den irren inneren Apparat, der Leiden produziert, kann sehr hilfreich dabei sein, weniger Leid in der Welt zu verbreiten. Aber nicht für jeden Menschen ist Meditation dabei die ideale oder gesündeste Methode. Und als Lösung für den Weltfrieden ist sie sowieso so realistisch wie das Ziel, dass alle Menschen sich die Haare in der gleichen Farbe färben.

Meditation, schreibt Harari, ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. „Es bedeutet im Gegenteil, mit der Wirklichkeit in Berührung zu kommen. Zumindest zwei Stunden am Tag nehme ich die Realität tatsächlich wahr, wie sie ist, während ich in den anderen 22 Stunden von E-Mails, Tweets und süßen Welpenvideos überhäuft werde.“

Als ich in der Wüste auf meine Pflaume starrte, hatte sich dem Anschein nach nichts in meinem Leben geändert: Mein Vater war immer noch tot, mein Liebesleben immer noch kompliziert, mein Job immer noch frustrierend. Aber drei Tage extrem unkomplizierter Meditationsübungen plus einige Vorträge über die Prinzipien dahinter hatten den Schmerz und das innere Chaos von Monaten und Jahren beruhigt und mir die Tür zu einem inneren Frieden geöffnet, von dem ich gar nicht geahnt hatte, dass es ihn geben könnte.


Ich habe mir die möglicherweise größenwahnsinnige Aufgabe vorgenommen, einen Text namens „Meditation, einfach erklärt“ zu schreiben. Viele von euch haben dafür schon an meiner Umfrage teilgenommen. Wenn du es auch tun willst, bitte hier entlang:


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

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