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Corona zwischen Stadt und Land

„Bleibt zuhause, ihr Städter macht uns krank“

von Hannah Beitzer
etwa 10 Min. Lesedauer

Kurz vor Pfingsten war es wieder soweit: Die Bürgermeister des Münchner Umlands fürchteten einen „Kollaps, ein Fiasko“, wenn sich bei schönem Wetter immer mehr Städter:innen auf den Weg in die Berge und an die Seen machen. Anwohner:innen hatten an den vergangenen Wochenenden immer wieder zugeparkte Wiesen beklagt, rücksichtslose Ausflügler, die sich ohne Mund-Nasen-Schutz vor Kiosken drängelten. Auf Facebook verteidigten sich eben jene Ausflügler:innen gegen pauschale Unterstellungen und Verdächtigungen.

Ganz so schlimm wurde es an Pfingsten dann doch nicht. An vielen Orten war das Wetter schlecht, es kamen wenige Besucher:innen. Doch die Episode zeigt, dass die Stimmung in einem seit Monaten andauernden Konflikt angespannt ist: In der Corona-Krise blicken viele Städter:innen sehnsüchtig aufs Land. Während in der Stadt die gewohnten Anlaufpunkte – Cafés, Läden, Restaurants, Kneipen, Clubs, Museen und Theater – verwaisten, hatte das Landleben von allem reichlich, was in der Pandemie noch erlaubt war: Natur, frische Luft, viel Platz zum Spazierengehen und Sport treiben bei maximaler Distanz zu anderen Menschen. Kein Wunder also, dass die Münchner:innen in ihre Autos stiegen und an den Tegernsee fuhren, die Berliner:innen nach Brandenburg und so weiter.

Die Leute aber, die dort wohnen, waren und sind nicht unbedingt begeistert von der coronabedingten Landliebe. Nicht nur den Münchner:innen schallte von den Umland-Bürgermeistern ein genervtes „Bleibts dahoam“ entgegen. Ähnliches spielte sich weiter nördlich ab.

Meine Familie und ich wohnen im Norden von Berlin, zehn Autominuten entfernt vom Bucher Forst. In der Corona-Krise eine super Sache. Wir treffen beim Spaziergang maximal eine Handvoll anderer Leute und unsere Kinder können ungestört in den Baumhäusern herumturnen. Doch dass wir die Landesgrenzen dabei auch mal hinter uns lassen, gefällt nicht jedem. Mit Blick auf unser Berliner Kennzeichen schnauzte uns einmal ein Brandenburger an: „Bleibt doch zuhause, ihr macht uns krank!“ Und auf die Rückfrage, warum er denn nicht zuhause bleibe, kam: „Ich wohne hier!“ Womit offensichtlich nicht der Wald, sondern Brandenburg gemeint war.

Kompliziert wird es auch da, wo Menschen zwischen Stadt und Land pendeln. Ein Wochenendhaus ist schließlich auch ein Zuhause, oder? In der Prignitz durchkreuzte ein Landrat die Pläne mancher Berliner:innen, den Lockdown im Brandenburger Zweitwohnsitz auszusitzen: Es dürfe sich nur im Landkreis aufhalten, wer hier seinen Erstwohnsitz habe. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein machten ihre Grenzen gleich komplett dicht, um Besucher:innen fern zu halten. Ihre Argumentation war ganz ähnlich der des Landrats in der Prignitz: Die Krankenhäuser der Region könnten im Falle steigender Corona-Zahlen nicht auch noch Berliner:innen und Hamburger:innen mitversorgen. Die unerwünschten Besucher:innen reagierten wiederum empört: Wenn wir euch Geld bringen, sind wir euch gut genug – und jetzt auf einmal Fremde, die es auszusperren gilt?

Die neue Landliebe ist eines von mehreren Missverständnissen

All diese Episoden zeigen: In der Corona-Krise verändert sich etwas im Verhältnis zwischen Stadt und Land. Im Diskurs der vergangenen Jahrzehnte kam der ländliche Raum häufig nur in Gestalt der sogenannten „abgehängten Regionen“ vor, während es alle, die jung und hoffnungsvoll waren, in die Städte zog. In der Corona-Krise wurde auf einmal das, was dem ländlichen Raum sonst eher nachteilig ausgelegt wurde – es ist reichlich Platz da, aber wenige Menschen – zum Vorteil. Die Stadt wird nun zur Menschenansammlung, der es zu entfliehen gilt, das Land ein Zufluchtsort.

Schon erscheinen Artikel, die erklären, warum das Dorf in Krisenzeiten besser als die Großstadt ist. Neben den bereits erwähnten Aspekten kommen da noch andere zur Sprache: „Für Viren sind Kleinstädte ein hartes Pflaster. Noch nie habe ich jemanden an einer der zwei Bushaltestellen im Dorf (...) stehen, geschweige denn in einen Bus einsteigen sehen. Jeder fährt Auto“, schreibt etwa Vinzent Tschirpke im SZ Magazin. Klassische Virenherde wie Türklinken beim Carsharing oder Leihroller gebe es hier nicht, da die meisten Wege fußläufig zu erreichen seien. Und die soziale Kontrolle auf dem Dorf sei auch einmal zu etwas gut. Nämlich dazu, illegale Corona-Partys zu verhindern.

Ungewöhnlich ist die neue Landliebe nicht, sagt Werner Bätzing: „In Krisenzeiten erscheint das Landleben den Städtern schon immer als Idylle, in der sie der Krise entfliehen können. Das gilt für Seuchenausbrüche wie für Kriege.“ Bätzing ist emeritierter Professor für Kulturgeographie und beschäftigt sich seit mehreren Jahrzehnten mit dem ländlichen Raum. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Das Landleben – Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“ beschreibt er ausführlich, wie sich Bilder von Stadt- und Landleben als Gegensätze entwickelten – und welche Konflikte daraus entstehen.

In der Corona-Krise fällt ein Effekt ins Auge, den Landforscher auch sonst beklagen: Die Annahmen, die über das Landleben kursieren, haben nicht immer etwas mit der Realität zu tun haben. Zum Beispiel die, dass man dort während einer Pandemie grundsätzlich besser geschützt sei. So gab es zu Beginn der Corona-Krise zwar Fälle von massenhafter Ansteckung in typischen Großstadt-Situationen – etwa in gut besuchten Clubs in Berlin. Aber eben auch in ländlichen Regionen. Denn auch dort gibt es entgegen vieler Vorurteile ein reges Sozialleben: Karnevalssitzungen, Starkbierfeste, rückkehrende Skiurlauber, die das Virus mit zum Kaffeeklatsch bei den Nachbarn bringen. Die bekanntesten Corona-Hotspots der ersten Stunde waren nicht Berlin und München. Sondern Tirschenreuth und Heinsberg. Auch in der fortschreitenden Pandemie hat das Landleben nicht nur Vorteile. Denn wo der ländliche Raum mit einer geringen Bevölkerungsdichte punkten kann, ist in der Stadt die medizinische Versorgung besser.

Städte gelten als Seuchenherde und das Land als gesund

Die Vorstellung von der Stadt als „Seuchenherd“ hat jedoch eine lange Tradition, schreibt etwa der Historiker Malte Thießen. „Die Verknüpfung von Seuchen mit Armut und einer ungesunden, unhygienischen und unmoralischen Lebensführung prägte die Wahrnehmung meist nachhaltiger als tatsächliche Bedrohungen“, schreibt er. „Dass das Schlagwort vom ‚Seuchenherd‘ Stadt ausgerechnet Ende des 19. Jahrhunderts und damit zu jener Zeit allgegenwärtig wurde, als europäische Städte gegenüber ländlichen Regionen erhebliche gesundheitliche Fortschritte machten, spricht für die Wirkmächtigkeit solcher Raumkonstruktionen.“

Die Spanische Grippe von 1918/1919 zum Beispiel wütete dem Historiker zufolge in Städten und auf dem Land gleichermaßen. Doch Städte boten damals die größere Projektionsfläche für Seuchenangst. Zum einen würden in den miteinander verbundenen Vierteln, Straßen und Gassen Verbreitungswege sichtbarer, sie bildeten eine „Mental Map“ der Ansteckung. Zudem verdichtete sich dort die politische und mediale Aufmerksamkeit. Und nicht zuletzt habe die Vorstellung von der lasterhaften und somit ungesunden Stadt auch eine politisch-ideologische Dimension. Sie diente schon immer konservativen Kräften, die das gute, weil traditionelle Landleben als Gegensatz zur liberalen Stadt konstruierten und politisch nutzten. Diese starke Verbindung von Seuchenangst und Raumkonzepten führte Thießen zufolge immer schon zu Abschottung und Isolation von Regionen oder ganzen Ländern.

Im Interview mit der Taz erklärt er, dass diese Form der Isolation gerade zu Beginn der Seuche durchaus positive Effekte hätte. Sie verlangsamte die Ausbreitung einer Pandemie – könnte diese allerdings nicht verhindern. „In einer globalisierten Welt spiegeln Isolation und Quarantäne den Wunsch nach Kontrolle, diese ist aber letztlich eine Illusion“, sagt er. „Aufklärung ist das bessere Mittel.“

Es geht um die Frage, wer gehört hierher und wer nicht

Doch nicht immer hilft Aufklärung gegen altbekannte Muster. Menschen, so beschreibt es Thießen ebenso wie viele Kolleginnen und Kollegen, verbinden Seuchen schon immer mit dem „Fremden“, dem „Anderen“. Die Juden galten zum Beispiel schon im Mittelalter als Brunnenvergifter, als Verbreiter der Pest.

Auch in der aktuellen Pandemie zeigten sich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das Coronavirus trat gerade zu Beginn als „gelbe Gefahr“, als „chinesisches Virus“ in den Medien auf – mit schlimmen Folgen für alle Menschen, die damit assoziiert wurden und werden. In Berlin, München, Dresden, Leipzig wurden in den vergangenen Wochen und Monaten asiatisch aussehende Menschen angegriffen, zahlreiche mehr berichten von Beschimpfungen, Diskriminierung und Misstrauen.

Auch in den Konflikten zwischen Land- und Stadtbevölkerung geht es unter anderem um die Frage: Wer gehört hierher und wer ist fremd? Wer ist also eine potentielle Gefahr – sei es als Virenbringer oder als zusätzlicher Patient, den es im Ernstfall zu betreuen gilt?

Das Land will mehr sein als ein Ergänzungsraum für Städter

Es geht aber noch um mehr. „Die Corona-Krise ist ein Auslöser für Konflikte, die sich lange aufgestaut haben“, sagt Werner Bätzing. Seitens der Landbevölkerung bestehe das Gefühl: „Die Städter denken, sie könnten auch in Corona-Zeiten überall hin und die Deutungshoheit über das, was erlaubt ist, für sich beanspruchen.“ Alle sollen zuhause bleiben? Pah, ich fahre trotzdem raus! Ganz egal, ob es dem Brandenburger Landrat, dem Tegernseer Bürgermeister und denen, die sie vertreten, passt.

Bätzing nennt weitere Konfliktsituationen der vergangenen Jahre, die die Landbevölkerung glauben ließen, sie hätten sich stets dem Willen der urbanen Gesellschaft zu unterwerfen. „Ganz ähnlich verlief zum Beispiel die Debatte um den Wolf“, sagt Bätzing. Der Appell von Naturschützern, das bedrohte Tier zu schützen, klang für die Landbevölkerung nach: Der ländliche Raum ist gleichbedeutend mit Wildnis. Dass hier auch Menschen leben, arbeiten, ihre Umwelt gestalten wollen, erscheint weniger wichtig.

So verfestigte sich für die Landbevölkerung der Eindruck, ihre Heimat sei für die Stadtbevölkerung nichts weiter als ein „Ergänzungsraum“ zum urbanen Leben. Gut für Natur, auch gut für Erholung. Aber kein Lebensraum mit eigener Identität. Die bereits in den vergangenen Jahren zunehmende Sehnsucht der Städter:innen nach Wochenendhäusern und Datschen auf dem Land, die man aber auch wieder verlassen kann, verstärkt dieses Bild noch. In der Uckermark, der sogenannten Toskana Berlins, sprechen Einwohner angesichts der vielen Berliner Wochenendhäuser schon von Gentrifizierung. Hier bekommt der Konflikt zwischen Stadt und Land ein bisschen was von Klassenkampf: Ein Wochenendhaus auf dem Land als Ergänzung zur Stadtwohnung muss man sich erst einmal leisten können.

Die Frage ist, was nach dem Lockdown geschieht

Das Verhalten der Städter:innen in der Corona-Krise bestätigt diese Befürchtungen und Vorurteile eher, als sie zu revidieren. Für den Lockdown, für die Zeit, in der die Aktivitäten in der Stadt brachliegen, das Arbeitsleben sich innerhalb der eigenen vier Wände abspielt, sind wir gut genug – aber was geschieht danach?

Werner Bätzing jedenfalls ist pessimistisch, dass die Corona-Pandemie zu einer Neubewertung des Landlebens, gar zu seiner Aufwertung führen könnte – aller temporären Landliebe zum Trotz. „Diese Effekte sind in der Regel nie von langer Dauer.“ Er fürchtet ganz im Gegenteil, dass die durch das Coronavirus ausgelöste Wirtschaftskrise den ländlichen Raum besonders hart treffen könnte. In einer Wirtschaftskrise würden sich die großen Wirtschaftsbetriebe auf ihre konkurrenzstärksten Standorte in den Metropolen zurückziehen, während dezentrale mittelgroße und Kleinbetriebe, die auf überregionale Märkte ausgerichtet sind, aufgrund ihrer geringen Marktmacht in Schwierigkeiten geraten, schließen müssten.

Dabei könnte die Pandemie der Meinung des Landforschers nach durchaus Lehren bereithalten, die zu einer Aufwertung des ländlichen Raums führen würden. „Zum Beispiel die Erkenntnis, dass es sinnvoll ist, neben einer global vernetzten Wirtschaft auch regionale Netzwerke zu fördern.“ Dafür bräuchte es allerdings eine andere Politik als die bisherige, die das Wachstum der Städte beschleunige und den ländlichen Raum bestenfalls als Rückzugsfläche für überfüllte Städte verstehe. Und ihn schlimmstenfalls aufgebe.

Was nach der Lektüre seines Buches allerdings auch klar ist: Der Forscher sieht die Zukunft des Landlebens nicht darin, dass Städter:innen während der Pandemie entdecken, dass Homeoffice auch prima in der Uckermark funktioniert. Sondern er sieht sie in der Landbevölkerung selbst, die die Deutungshoheit über ihre eigene Lebensweise, ihre Vor- und Nachteile behält und ihre eigene Identität weiterentwickelt.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel.

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