© Merav Maroody

Leben im Lockdown

Der Balkonstaat

Interview von Theresa Bäuerlein
etwa 6 Min. Lesedauer
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Wenn ich an Bilder der Corona-Krise denke, fallen mir Krankenhäuser, Ärzte und geschlossene Innenstädte ein. Du hast stattdessen Menschen auf Balkonen und hinter Fenstern fotografiert. Warum?

Mein erster Instinkt war eigentlich, touristische Orte in Berlin aufzunehmen, wie das Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie, das Sony-Center. Ich ging also dorthin und war schockiert. Da war niemand, es war absolut leer. Da begann ich zum ersten Mal, wirklich zu begreifen, was Corona bedeutet – als ich diese Leere sah. Aber diese Fotos waren mir letztlich zu offensichtlich. Also fing ich an, die Menschen um mich herum zu beobachten. Viele saßen in meinem Viertel in Neukölln wie immer am Kanal, tranken Bier und taten so, als wäre nichts geschehen. Aber ich kannte und sah auch immer mehr Menschen, die sich wirklich zurückzogen und nicht mehr auf die Straße gingen. Die nur noch auf ihren Balkonen zu sehen waren oder hinter ihren Fenstern. Beim ersten Foto, das ich gemacht habe, dachte ich, dass für den fotografierten Mann der Blick aus dem Fenster gerade die einzige Möglichkeit ist, die Welt zu sehen, die draußen ohne ihn weiterläuft. Und dass das ein Zustand ist, in dem gerade viele Menschen sind. Ich ging dann jeden Tag raus, um Fotos zu machen. Mein Handy sagt mir, dass jeder dieser Spaziergänge 10.000 Schritte dauerte. Am Ende hatte ich über 400 Bilder aufgenommen. Niemand hat mir den Auftrag dafür erteilt. Ich war wie besessen davon.

Wir sehen zwei Fenster, ein großes und ein kleines vor einer gelben Wand. Hinter dem kleinen Fenster steht ein Mann und schaut nach draußen.

Was hat dich daran so gepackt?

Normalerweise sehen wir unsere Wohnung oder unser Haus ja als sicheren Ort, zu dem wir zurückkehren. In dieser Zeit wurde er für viele zum Gefängnis, und manche hatten dabei mehr Glück als andere. Die Menschen auf den Balkonen haben mich an ein Spiel erinnert, das in Teilen von Deutschland aus irgendeinem Grund „Reise nach Jerusalem“ heißt. In Israel heißt es natürlich anders, wir nennen es „Musikalische Stühle“. Ich hatte das Gefühl, der Moment, in dem der Lockdown losging, war der Moment, in dem die Musik aufhörte. Wer hatte einen Stuhl, auf den er sich setzen konnte? Wer landete auf dem Boden? Wen hattest du neben dir? Wo auch immer du in diesem Moment warst, dieser Ort war von da an dein Fenster zur Welt. In Berlin sah ich Menschen auf riesigen Balkonen, andere guckten durch ein kleines Fenster auf den Hinterhof. Es heißt, das Virus mache keine Unterschiede unter den Menschen. Das stimmt nicht.

Wir sehen einen Menschen hinter seinem geöffneten Fenster – ein Dach wirft einen Schatten über den Menschen.
Ein Mann schaut von großen Balkon runter auf die Straße. Er trägt einen Bademantel.

Ich bin keine Fotografin. Kannst du mir erklären, wonach du beim Fotografieren gesucht hast?

Ich mochte es sehr, sehr gerne, wenn ich den Leuten ansehen konnte, dass sie nach draußen schauten, um zu sehen, was in der Welt vor sich ging. Sie haben dann einen bestimmten Blick, den man bei manchen Menschen auf meinen Fotos sieht. Und dann ist da der Rahmen, den die Architektur um sie herum ihnen gibt. Einmal habe ich eine halbe Stunde lang vor einem Balkon darauf gewartet, dass die Bewohnerin rauskommt, weil ich den Balkon so interessant fand. Ich wollte wissen, welche Person dazugehört. Ich habe sogar leise ein Liedchen vor mich hingesungen, wie eine Beschwörung, damit sie sich zeigt. Das hat sie dann tatsächlich getan.

Eine Frau steht auf einem Balkon und sieht direkt in die Kamera. Hinter dem Balkon ist die Hauswand verziert mit Kunst.

Aber letztlich waren die Momente auf den Fotos eine glückliche Fügung. Ich ging an einem Haus vorbei und in dieser Sekunde trat jemand auf den Balkon. Oder ich sah jemanden, der sich sonnte oder las oder schlief. Ich musste akzeptieren, dass ich null Kontrolle hatte und einfach in der Lage sein musste, diese Momente zu finden und zu sehen.

Ein Mensch sitzt auf seiner Liege auf dem Balkon und liest ein Buch und trägt eine Sonnenbrille.

Wie haben die Leute darauf reagiert, dass du sie fotografiert hast?

Ich hatte das Gefühl, dass sie verstehen, was ich tue, auch wenn wir nicht sprechen konnten, weil ich zu weit weg war. Auf manchen Fotos sieht man, dass sie mich direkt anblicken. Ich glaube, manche haben sogar begriffen, dass das ein historischer Moment war, den ich dokumentieren wollte. Und dass ihr Porträt ein Teil davon ist. Manche haben gelächelt und gewunken, einmal haben mir zwei Bewohner aus unterschiedlichen Fenstern ihre E-Mail-Adresse als Papierflugzeug geschickt. Als ich ihnen die Fotos gemailt habe, erfuhr ich, dass sie einander nicht kannten.

Eine Hauswand mit acht Fenstern. Links oben und rechts unten gucken Menschen Richtung Kamera.

Manche Leute haben mir signalisiert, dass sie nicht fotografiert werden wollten, deren Fotos habe ich natürlich gelöscht. Einmal bekam ich den Stinkefinger gezeigt.

Auffallend fand ich, und das ist vielleicht etwas sehr Deutsches, wie die Leute sich auf einmal um ihre Balkone gekümmert haben. Sie haben unheimlich viele Blumen und Pflanzen gesetzt und die Wände neu gestrichen. Ich hatte mich ja gefragt, warum die Baumärkte in der Pandemie nicht geschlossen wurden, aber ich glaube, dass hätten die Deutschen einfach nicht zugelassen (lacht). Lasst uns wenigstens renovieren, sonst machen wir Randale!

Ein Mann kümmert sich hinter einem großen Fenster um seine Blumen.

Hast du einen Balkon?

Ja, einen kleinen. Aber ich war sowieso dauernd draußen zum Fotografieren. Am Anfang habe ich mich noch nicht weit weg von meiner Wohnung getraut, mit der Zeit wurde ich dann mutiger.

Wovor hattest du Angst?

Mir war einfach nicht klar, wie weit ich gehen darf. Ich war mehr von den Nachrichten aus Israel geprägt als von denen in Deutschland und in Israel durfte man zeitweise nicht mehr als 100 Meter weit von seinem Zuhause weggehen. Dort herrschte wirklich Panik und meine Fotografenfreund:innen bekamen Ärger mit der Polizei, wenn sie Fotos machten. Ich wollte auf keinen Fall Probleme mit der Polizei kriegen, das ist für Ausländer:innen ja ein Alptraum.

Mit diesen Nachrichten aus Israel im Kopf ging ich also in Berlin nach draußen und bekam erstmal einen Kulturschock, weil die Leute wie immer am Wasser saßen und dazwischen Polizisten herumliefen, die supernett auf Deutsch und Englisch erklärten, wie soziale Distanzierung geht. Überhaupt finde ich, dass die Deutschen in dieser Pandemie ihre besten Seiten gezeigt haben. Sie geraten nicht in Panik. Sie vertrauen der politischen Führung, zumindest die meisten. Sie kommen wunderbar mit sozialer Distanz klar und ich glaube, sie waschen sich sogar gerne die Hände. Um im Bild der „Reise nach Jerusalem“ zu bleiben: Ich bin sehr froh, dass ich in Berlin war, als die Musik stoppte. Das Einzige, was mir Sorge macht, ist, dass ich meine Familie in Israel nicht besuchen kann, wenn dort etwas passiert.

Ein Mann meditiert auf dem Fenstersims mit geschlossenen Augen und im Schneidersitz.

Im virtuellen Covid Photo Museum gibt es eine ganze Kategorie namens „Caged“ (deutsch: „Gefangen“) mit Fotos von Menschen, die aus ihren Fenstern nach draußen schauen. Eines von deinen Fotos ist auch dabei.

Ja, überall auf der Welt waren und sind Balkone und Fenster in dieser Zeit der neue Lebensraum. Wenn man sich die Fotos ansieht, kann man kaum sagen, ob sie aus Sao Paolo oder Rom stammen oder aus Berlin. Ich habe dafür ein albernes Wortspiel in meinem Kopf, weil das Wort „Balkon“ so ähnlich klingt wie „Balkan“. Also nenne ich diesen neuen Seinszustand, den ich fotografierte, „Balkonstaat“. Es gibt darin keine Grenzen oder Länder. Es gibt nur noch Balkone, auf denen wir leben. Die Leute klatschten dort für Ärzt:innen und Pfleger:innen, sie machen Musik, sie nehmen ihre Drinks.

Eine schwarze Hauswand, auf der ein übergroßes Gemälde zu sehen ist – und in der Mitte schaut ein Mensch aus einem Fenster.
Eine Frau steht hinter einem geschlossenen Fenster und Telefoniert, die Hauswand ist verziert mit einem gemalten Vogel und einer Katze.

Sie schauen sogar Filme zusammen vom Fenster aus – an einem Abend wurde der Film „Cleo“ auf die Hauswand in meinem Hinterhof projiziert. Ich habe mich erst fürchterlich erschrocken. Aber dann sah ich, das alle meine Nachbarn Kissen in ihre Fenster gelegt hatten und gemeinsam diesen Film sahen. Es war sehr schön, sie so zu sehen.


Merav Maroody ist Fotografin und Künstlerin und lebt in Berlin. Sie hat als Set-Fotografin bei Filmproduktionen in den USA, Europa und Israel gearbeitet. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem ersten Preis in der Kategorie „Mobile Fotografie“ des Kolga Tbilisi Photo Festivals.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel

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