Rückblick und Ausblick zu meiner Corona-Berichterstattung

Einmal habe ich Panik bekommen

Ein Newsletter von Silke Jäger
etwa 6 Min. Lesedauer

Anfang Februar habe ich einen Text geschrieben, an den ich wieder sehr oft denken muss – jetzt, da wir die erste Welle der Pandemie offenbar hinter uns haben. Damals schrieb ich, dass das neue Coronavirus zeigt: Wir haben aus früheren Seuchenausbrüchen zu wenig gelernt. Ich plädierte dafür, nicht panisch zu werden, damit wir es schaffen können, den Vorsprung, den ein neues Virus immer hat, einzuholen. Die Kommentare unter dem Artikel gaben mir Recht: Panik hilft uns nicht. Davon war ich damals überzeugt und bin es heute noch genauso.

Was ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht wusste: Die Pandemie wird Deutschland erreichen – ganz einfach, weil sie jedes Land der Welt erreichen wird. Und schon drei Wochen später war es so weit: Die Nachrichtenlage änderte sich. Ich kann mich noch sehr genau an den Tag erinnern: Es war Sonntag, der 23. Februar. An diesem Tag las ich mich durch die Twitter-Feeds von deutschen und amerikanischen Wissenschaftsjournalist:innen, Virolog:innen und Epidemiolog:innen. Sie alle sagten das gleiche: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine weltweite Pandemie sehen werden, ist jetzt größer, als dass wir sie nicht sehen werden. Es sei wichtig, sich mit den Szenarien auseinanderzusetzen und die Zeit gut zu nutzen. Take-Home-Message: Bereitet euch vor.

Mir wurde an diesem Sonntagabend klar, dass das Virus auch in meiner Nachbarschaft auftauchen könnte – in unser aller Nachbarschaft. Zwei Tage später, am 25. Februar, erschien mein nächster Text, der von zwei Fragen geleitet war: Was muss jede:r von uns tun, um sich auf das Pandemie-Szenario vorzubereiten? Und was müssen wir alle tun, um uns und andere im Fall der Fälle möglichst gut zu schützen?

Dieser 25. Februar war der Faschingsdienstag. Am Wochenende danach lernte die ganze Republik den Kreis Heinsberg kennen.

Habe auch ich Panik geschoben?

Meine Fragen von damals sind lange die Leitfragen meiner Berichterstattung geblieben. Ich wollte immer zuerst verstehen, was die Pandemie uns abverlangt. Ich habe mir gewünscht, dass wir als Gesellschaft den Vorsprung gut nutzen, den uns das Glück vor die Tür gelegt hatte: Wir waren nicht die ersten, wir hatten Zeit. Das Glück ist uns treu geblieben: Wir sind besser als befürchtet durch die 1. Welle gekommen, haben im Vergleich zu anderen westlichen Staaten eine niedrige Covid-19-Todesrate (auch wenn du bei den Zahlen vorsichtig sein solltest, wie ich hier und hier beschrieben habe).

Was mich überrascht hat: Nach jedem neuen Text, den ich über die Pandemie schrieb, wurde ich von Leser:innen gebeten, bitte keine Panik zu schüren, nicht zu übertreiben. Ich vergewisserte mich bei mir selbst und bei anderen, ob mir das vielleicht durchgerutscht war: Hatte ich die Botschaft meines ersten Artikels vielleicht vergessen oder war ich – ohne es zu merken – in einen Panikmodus verfallen? Mein Anspruch war ja, möglichst neutral darzustellen, was wir wissen, was nicht und wie wir uns an die veränderte Lage anpassen sollten, damit wir möglichst gut durchkommen.

Aber einmal in der ganzen Zeit war es wirklich so. Einmal bin ich panisch geworden. Ungefähr eine Woche lang. Das war, als die Berichte aus Straßburg kamen. Dort war der Ansturm in den Kliniken für einige Tage so groß, dass die medizinischen Teams entscheiden mussten, wer zuerst Hilfe bekommt und wer vielleicht gar nicht mehr. Das war die Woche, als ich diesen Kommentar schrieb über den Mangel an Schutzkleidung und die zu erwartenden Folgen. In dieser Woche gelang es mir nicht mehr, abzuschalten. Auch nachts nicht. Ich hatte Angst um die Leute in den Krankenhäusern (berechtigt, wie die Nachrichtenlage zeigt). Was wäre, wenn es auch in Deutschland in diese Richtung kippen würde, schwierige Entscheidungen getroffen werden müssten? Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen und meine Gefühle total durcheinander gebracht. Daraufhin habe ich erst mal Urlaub genommen.

Was haben wir aus der Pandemie gelernt?

Inzwischen hat sich die mediale Debatte ziemlich verschoben. Hin zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen. Einige Leser:innen haben Krautreporter deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich auch von uns einen kritischeren Blick wünschen. Wir haben kritische Texte auf der Seite (hier und hier zum Beispiel), aber vielleicht zu wenige? Das fragen wir uns schon.

Viele dieser Zuschriften haben zuerst mich erreicht. Denn ich war in den vergangenen Wochen diejenige, die versucht hat zu erklären, wie die Lage einzuschätzen ist. Damit habe ich etwas versucht, was wir bei Krautreporter sonst nicht oft tun und schon gar nicht über einen so langen Zeitraum: Echtzeit-Reporting.

Ich – und wir alle in der Redaktion – wollten das Beste aus der Situation machen. Obwohl wir normalerweise lieber abwarten: Nicht zu berichten, wäre nicht möglich gewesen. Natürlich weiß man, während etwas gerade passiert, nicht immer, was das Beste ist. Aber ich bin mit dem, was wir gemacht haben, zufrieden. Es sind wichtige Texte dabei entstanden. Auch, weil das Feedback unserer Mitglieder – auch kritisches – den Weg ausgeleuchtet hat. Danke dafür!

Aber wahr ist auch: Krautreporter ist immer da besonders gut, wo wir die Dinge reifen lassen, wo wir Zusammenhänge herstellen und Hintergründe erklären, die in anderen Medien nur selten erklärt werden. Das, was hinter den Nachrichten steckt. Je länger die Pandemie dauert, desto mehr wird auch mein Ansatz wieder dahin zurückkehren. Ich werde wieder mehr Zeit haben, Ereignisse einzuordnen und in einen Zusammenhang zu stellen. Erstens, weil ich inzwischen gut im Thema drin bin (bilde ich mir zumindest ein), und zweitens, weil ich auf die Dynamik der Entwicklung besser eingestellt bin.

Meine Kolleg:innen und ich nutzen die Zeit übrigens, um uns zu fragen: Was haben wir aus der Pandemie bis jetzt gelernt? Und was davon brauchen unsere Leser:innen, um gut durch die nächste Zeit zu kommen? Was wird wichtig, sollte die Pandemie in Deutschland wieder Fahrt aufnehmen (womit übrigens alle Epidemiolog:innen und Virolog:innen rechnen – denn warum sollte diese Pandemie die erste sein, die nicht in mehreren Wellen verläuft)?

Ich verschiebe den Fokus auf medizinische Fragen

Als nächstes stürze ich mich in eine medizinische Recherche. Mich interessiert, mit welchen Folgen Menschen nach einer Covid-Erkrankung leben müssen. Ich versuche herauszufinden, was nach milden und mittelschweren Krankheitsverläufen passiert. Darüber ist bisher nur wenig bekannt. Ich möchte das Wenige zusammentragen und hoffe auch auf Neues zu stoßen. Dazu werde ich mit Mediziner:innen, Wissenschaftler:innen und Betroffenen sprechen.

Viele Fragen sind noch offen: Hat Deutschland das Richtige getan? Was sollte besser laufen?

Ich möchte mit einer Liste schließen. Mit fünf Fragen, die ich mir stelle, wenn ich an die Maßnahmen denke, die Deutschland ergriffen hat.

  1. Warum ist die Strategie bis heute unklar: Soll das Virus eingedämmt oder niedergeschlagen werden?

  2. Wann werden alle Teile von medizinischen Teams angemessen bezahlt und nicht durch das Aufweichen von Arbeitsschutzgesetzen ausgebeutet – Stichwort Pflege? Warum werden sie nicht regelmäßig getestet?

  3. Warum werden das Robert-Koch-Institut und die Gesundheitsämter nur zögerlich mit Geld und Koordinierungspower unterstützt – Stichwort Task-Force für neue Cluster, Stichwort verlässlichere Statistiken? Warum melden manche Gesundheitsämter und Landes-Gesundheitsämter die Zahlen immer noch nicht elektronisch? Warum gibt es dafür keine gemeinsame Plattform?

  4. Warum gibt es keine Koordinierungsstelle, die die jetzt notwendige und sinnvolle Forschung anregt oder zumindest die für unsere Gesellschaft relevanten Fragen sammelt?

  5. Wann wird Public-Health ein fester Teil unseres Gesundheitssystems? Und wie plant die Regierung die Risikokommunikation zu verbessern?

Wenn dir selbst Fragen einfallen, schreib mir gern eine Mail an silke@krautreporter.de oder kommentiere, wenn du Mitglied bist, diesen Artikel.


Redaktion und Schlussredaktion: Bent Freiwald; Bildredaktion: Martin Gommel; Reporterinnenfoto: Andy Alexander.

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