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Leben mit dem Virus

Corona verändert die Welt – es ist okay, wenn du deswegen trauerst

von Theresa Bäuerlein
etwa 9 Min. Lesedauer

David Kessler ist ein international bekannter Experte für Trauerbewältigung und sagte neulich in einem Interview, dass das Gefühl, das viele Menschen in der Coronakrise erleben, Trauer sei. Ich habe das erst nicht verstanden, weil ich um mich herum eher empörte, gleichgültige und fatalistische Reaktionen sah. Aber als ich mich näher mit Kesslers Arbeit beschäftigt habe, wurde mir klar, wie wichtig seine Feststellung ist, und dass Trauer nicht immer als Traurigkeit daherkommt. Also wollte ich selbst mit ihm reden.

Es war ziemlich schwierig, ihn persönlich zu fassen zu kriegen. Kessler hat gerade viel zu tun, unter anderem bietet er seit Beginn der Pandemie jeden Tag über seine Facebookseite kostenlose Online-Trauergruppen an. Ich erwischte ihn im Auto, wir sprachen eine halbe Stunde per Videokonferenz-Dienst Zoom.


Sie haben neulich einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Wir verarbeiten gerade alle den gemeinsamen Verlust der Welt, wie wir sie kannten.“

Ja, vor wenigen Monaten lebten wir in einer anderen Welt. Und wir wissen nicht, wie sie von nun an aussehen wird. Manche Menschen sind darüber wütend, andere traurig, wieder andere finden, dass es keine große Sache ist und dass es bald wieder vorbei sein wird. Ich denke, die Welt, wie wir sie kannten, kommt nicht wieder. Und wir werden in Zukunft immer darüber reden, wie die Welt vor der Pandemie aussah.

Wir werden Dinge sagen wie: „Weißt du noch, wie wir uns früher zur Begrüßung die Hand gegeben haben?“

Ja, genau.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Verlust bei den Menschen wirklich angekommen ist. Ich merke gar nichts von Trauer.

Das Gefühl von Trauer ist nicht immer offensichtlich. Vielleicht liegt man zum Beispiel morgens im Bett und fühlt sich schwer und bedrückt und weiß nicht, was das ist. Trauer kann sich aber auch als Wut ausdrücken. Das bringt uns zu den Trauerphasen: Eine Phase ist Leugnen, das äußert sich zum Beispiel so: Man denkt: „Das kann nicht wahr sein“, oder: „Das geht demnächst vorbei, und dann ist es wieder wie früher”, oder: „Alles halb so wild.“

Eine andere Phase ist Zorn. Ich bin also zum Beispiel wütend auf die Regierung, auf die ganze Welt oder auf Menschen, die das Virus verbreiten, weil sie sich nicht an die Regeln halten. Depression ist eine weitere Phase. Und schließlich kommt die Akzeptanz: „Okay, in dieser Realität leben wir jetzt. Was kann ich tun? Wie kommen wir damit so gut wie möglich klar?“

Die fünf Trauerphasen, auf die Kessler sich hier bezieht, gehen auf die international bekannte Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross zurück, die mit Kessler bis zu ihrem eigenen Tod 2004 befreundet war. Ihr Buch „Interviews mit Sterbenden“ von 1969, für das sie mit mehr als 200 Sterbenden sprach, ist ein Standardwerk der Sterbeforschung. Sie hat fünf Phasen definiert, die Sterbende und Trauernde durchlaufen: Leugnen, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Diese Phasen verlaufen bei Trauernden allerdings nicht linear, also nicht unbedingt in dieser bestimmten Reihenfolge. Kübler-Ross hat mehr als 20 Bücher geschrieben, die sich auf der ganzen Welt millionenfach verkauft haben. Zwei ihrer Bücher, „Geborgen im Leben“ und „Dem Leben neu vertrauen“ schrieb sie gemeinsam mit David Kessler.

Finden Sie es wichtig, dass wir in Corona-Zeiten trauern?

Es kann hilfreich sein, Gefühlen einen Namen zu geben. Wenn sie keine Trauer spüren, dann benennen sie das, was sie stattdessen fühlen. Wenn es ihnen gut geht, dann nennen sie es auch so. Ich wünsche mir einfach nur, dass die Menschen ihre Gefühle nicht verleugnen. Wenn wir unsere Gefühle verneinen, arbeiten sie gegen uns.

Ich dachte zu Beginn der Kontaktbeschränkungen: Wenn ich schon so viel zuhause sitze, will ich wenigstens was draus machen. Ich wurde ziemlich hyperaktiv. Irgendwann wurde mir klar, dass das vielleicht auch eine Flucht war.

Ja, wir hatten wahrscheinlich alle einen Moment, in dem wir dachten: „Okay, ich werde das Ding schon schaukeln.“ Viele haben sich sofort Hanteln gekauft und sich alle möglichen Projekte überlegt. Und dann saßen sie da mit ihren Hanteln und merkten, sie können gerade gar keine Gewichte heben.

Kessler kennt Trauerprozesse nicht nur von anderen Menschen. Im Alter von 13 Jahren – Kessler ist Jahrgang 1959 – lag seine Mutter auf der Intensivstation eines Krankenhauses in New Orleans, als ein Terrorschütze im 18. Stock des Hotels nebenan Feuer legte und dann vom Dach des Gebäudes aus die Menschen vor dem Hotel beschoss. Kessler war zu dieser Zeit im Hotel und bekam den Anschlag aus nächster Nähe mit. Drei Tage später starb seine Mutter.

Jahre später, Kessler war bereits ein bekannter Trauerexperte, starb sein eigener Sohn an einer Überdosis Drogen. Der Tod seines Sohnes führte bei ihm zu der Erkenntnis, dass sein Trauerprozess mit der Phase der Akzeptanz nicht abgeschlossen war. Etwas fehlte.

Sie haben den fünf Trauerphasen mit Erlaubnis der Familie von Elisabeth Kübler-Ross eine sechste Phase hinzugefügt: Sinn. Wie kann man denn Sinn in einer Pandemie finden?

Sinn finden bedeutet zum Beispiel, dass man Momente mit Bedeutung erkennt. Ein Gespräch wie dieses hier zum Beispiel oder besondere Momente mit der eigenen Familie. Ich habe neulich eine halbe Stunde lang mit jemandem am anderen Ende des Landes telefoniert, mit dem ich seit Jahren nicht geredet habe. Wir sollten Trauer in dieser Zeit beim Namen nennen, aber es ist auch wichtig, dass wir den Sinn benennen.


David Kessler

David Kessler ist ein amerikanischer Autor und Experte für Trauer und Verlust. Seine Mentorin war die Begründerin der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross. Mit ihr zusammen hat der 61-Jährige mehrere Bücher verfasst, die allesamt Bestseller wurden. Kessler unterrichtet Ärzte, Krankenschwestern, Berater, Polizisten und Ersthelfer über das Ende des Lebens, Trauma und Trauer.


Es klingt für mich ein bisschen seltsam, als würden wir einer schlimmen Sache unbedingt etwas Gutes abgewinnen wollen.

Sinn finden heißt nicht, dass man eine rosarote Soße über alles kippt oder so tut, als wäre alles in Ordnung. Sinn sollte man nicht suchen, um Schmerz zu leugnen oder zu vermeiden. Wir müssen schon anerkennen, wie schlimm die Situation ist. Aber gibt es auch etwas Gutes an dieser Zeit? Ich bin traurig darüber, dass ich Kontakte vermeiden muss und nicht einfach überall hingehen kann. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber ich bin auch froh darüber, dass wir beide aufgrund der Situation gerade dieses Gespräch führen. Kann nicht beides gleichzeitig stimmen? Wir sollten nicht in die Extreme gehen, es ist weder alles furchtbar noch alles toll. Aber wir sind nunmal in einer Zeit, die wir entweder nur aushalten – oder an der wir sogar wachsen können.

In seinem Buch „Finding Meaning“, das noch nicht auf Deutsch erschienen ist, schreibt Kessler, dass Sinnfindung relativ und persönlich ist und genauso aus großen wie aus kleinen Gesten bestehen kann: Manche Trauernden setzen sich für Menschen ein, die an der gleichen Krankheit oder Sucht wie der oder die Verstorbene leiden, andere gehen achtsamer mit ihren Beziehungen zu lebenden Menschen um oder schaffen Kunst. Sinnfindung, schreibt Kessler, ist relativ und persönlich und kann Monate oder sogar Jahre dauern. Sie lässt Schmerz nicht weniger werden, aber kann helfen, damit umzugehen. „Selbst wenn du einen Sinn findest, wirst du nicht das Gefühl haben, dass er den Verlust, den du erlebt hast, wert ist. Dein Verlust ist kein Test, keine Lektion, keine Aufgabe, kein Geschenk oder Segen. Verlust ist einfach etwas, das dir im Leben passiert. Sinn ist etwas, das du daraus machst“, schreibt Kessler.

Es scheint, dass jede Generation durch eine kollektive Krise geht und sich von der Welt verabschieden muss, die sie kannte. Denken Sie, dass die Menschen dazulernen – dass es vielleicht für die nächste Generation einfacher wird als für die davor?

Ja, jede Generation macht etwas durch, sei es ein Krieg oder die AIDS-Krise oder die Terroranschläge auf das World Trade Center 9/11 … Wenn man denkt, meiner Generation wird das nicht passieren, ist das nicht realistisch. Ich tendiere aber nicht dazu, das Wort „einfach“ im Zusammenhang mit Verlusten zu verwenden. Ich denke nicht, dass es einfacher wird. Wir können nur lernen, damit zu leben.

Ich habe mich viel mit der Arbeit des Psychologen Viktor Frankl beschäftigt. Frankl hat darüber geschrieben, wie ein Sonnenuntergang im Konzentrationslager Grund zur Freude für ihn war. Mich fasziniert das. Wie kann man Licht im Dunkeln finden?

Der KZ-Überlebende Viktor Frankl schreibt in seinem autobiografischen Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“: „Und auch noch im Lager, bei der Arbeit, macht der eine oder andere den neben ihm schuftenden Kameraden gelegentlich einmal auf irgendein prächtiges Bild aufmerksam, das sich da seinen Blicken bieten mag – etwa mitten im Bayerischen Wald (wo es getarnte, unterirdische Riesenfabriken für Rüstungszwecke zu bauen galt), zwischen dessen hohen Baumstämmen vielleicht gerade die untergehende Sonne so hindurchleuchtet wie in dem bekannten Aquarell von Dürer. Oder es kam einmal dazu, dass eines Abends, als wir, todmüde von der Arbeit, die Suppenschüssel in der Hand, in den Baracken auf dem Erdboden schon hingestreckt lagen, plötzlich ein Kamerad hereinstürzte, um uns aufzufordern, hinauszueilen auf den Appellplatz, trotz aller Müdigkeit und trotz der Kälte draußen, nur um uns den Anblick eines Sonnenuntergangs nicht entgehen zu lassen.“

In ihrem Buch schreiben Sie: „Schmerz ist unvermeidbar, aber Leiden ist optional.“

So ist es. Ich kann den Schmerz einer Erfahrung nicht auslöschen, ich kann den Schmerz über Covid-19 nicht abstellen oder darüber, dass ein geliebter Mensch stirbt. Aber Leiden ist etwas, dass in unserem Kopf stattfindet. Es ist der Lärm unserer Gedanken, die alles kommentieren: „Oh, alle um dich herum sterben“, oder: „Gott ist grausam“ oder was auch immer. Unser Denken ist nicht mitfühlend uns selbst gegenüber, wenn wir Verluste erleben. Wir können ihm aber beibringen, mitfühlender zu werden.

Wie geht das?

Es fängt damit an, dass wir diesen Lärm in unserem Kopf identifizieren und ihm nicht weiter zuhören. Wissen Sie, wir sind die erste Generation, die Gefühle unseren Gefühlen gegenüber hat. Das heißt, wir fühlen etwas und dann denken wir, dass wir das nicht fühlen sollten, oder dass das ein schlechtes Gefühl ist oder, dass wir uns von unserer Traurigkeit nicht runterziehen lassen sollten. So funktioniert das nicht. Wir kommen nicht daran vorbei, Gefühle zu fühlen.


Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

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