© Getty Images / Grandfailure

Corona-Träume

Warum du gerade so komische Träume hast

von Theresa Bäuerlein
etwa 13 Min. Lesedauer
Bearbeiten Share–URLs Kommentare Download Lesezeichen

Ich habe mich nie besonders für Träume interessiert. Aber als das Coronavirus kam, wurden meine Nächte intensiver als die Tage. Zuerst träumte ich von Wut: Ich schickte meinen Ex-Freund nach Italien, um Wasserleitungen zu reparieren, eine Freundin beschimpfte mich dafür. Der Traum war so heftig, dass ich am nächsten Tag versuchte, meinen Ex im Internet zu finden (wir haben seit vielen Jahren keinen Kontakt). Eine Nacht später verkaufte meine Mutter den Garten meines Elternhauses an einen großen Verlag, der ein Hochhaus darauf baute. Ich schrie sie an, bis ich aufwachte. Dann wurden die Träume psychedelischer und trauriger: Als Kriegerin zog ich mit einem Schwert durch eine Fantasiewelt mit schwarzroten Höhlen und großen, hölzernen Türen. Mein vor zehn Jahren verstorbener Vater kehrte nach Hause zurück und legte sich schwer krank ins Bett. 

Normalerweise erinnere ich mich selten an Träume, aber in den letzten Wochen waren sie morgens oft noch so lebendig, dass ich eine ganze Weile brauchte, um mich in der Realität wiederzufinden. Was war das für ein seltsamer Ritt, den meine Psyche durchmachte? Und ging es nur mir so? Ich wurde neugierig und gab die Frage an die KR-Community weiter. „Träumst du während der Corona-Pandemie anders als sonst?“, fragte ich und: „Erinnerst du dich jetzt häufiger an deine Träume?“ Noch während ich auf die Antworten wartete, 200 sollten es werden, fand ich überall im Netz Zeichen dafür, wie viele Menschen meine Frage in dieser Zeit beschäftigt: Sie sammeln ihre Träume auf Twitter, unter Hashtags wie #coronaträume und #coviddreams; es gibt auch eine Website namens idreamofcovid, auf der Menschen von Bangladesch bis Dänemark ihre Corona-Träume beschreiben. Traumforscher:innen in Frankreich, Italien und den USA arbeiten jetzt an Projekten, um Corona-Träume wissenschaftlich zu untersuchen. 

Eine Wissenschaftlerin und ein Psychotherapeut halfen mir, die Corona-Träume zu verstehen

Nach der Auswertung der Umfrage war klar: Auch die Krautreporter-Leser:innen träumen in der Pandemie anders, und viele erinneren sich auch öfter an ihre Träume als sonst. Harry träumt nicht nur intensiver, sondern wacht auch zwischendurch auf und kehrt dann an derselben Stelle wieder in seinen Traum zurück, „wie Netflix“. Christina träumt nun häufiger schwarz-weiß, Irmgards Mann sagt ihr, dass sie neuerdings laut im Schlaf redet. Viele haben Alpträume. „Ich träume mehr und gruseliger, dabei aber sehr abstrus, sodass ich morgens aufwache und mich frage, was in mir vorgehen muss, dass ich so etwas träume“, schreibt Nina. „Ich wundere mich schon seit drei Wochen über diesen seltsamen Zustand, also interessant, dass du fragst“, sagt Steffen. Etwa ein Fünftel der Teilnehmer:innen sagten, dass sie keine Veränderung sahen oder sogar weniger träumten. 

Man muss sich nicht für Traumbilder begeistern, um zu verstehen, dass es hier um mehr als ein paar amüsante Anekdoten geht. Sie sind ein Spiegel dessen, was die Menschheit gerade durchmacht. Ich habe versucht zu verstehen, welchen Mustern diese Träume folgen und was wir daraus über uns lernen können, auch für die Zeit nach Corona. Ich habe herausgefunden, warum Amerikaner öfter von Insekten träumen, was an den Träumen von Ärzt:innen anders ist und dass Angela Merkel eine wichtige Rolle in den Träumen vieler Europäer spielt. Dafür habe ich mit der Traumforscherin Deirdre Barrett gesprochen, die an der Harvard Medical School unterrichtet und gerade ebenfalls Corona-Träume sammelt. Und mit dem Psychotherapeuten Kurt Gemsemer, der sagt, für ihn seien die Träume seiner Patienten das, was für Orthopäden das Röntgenbild ist. 

Das bedeuten Alpträume von Grashüpfern mit Vampirzähnen

„Ich träume Horrorvisionen der Zukunft - also zum Beispiel, dass ich zu einer Freundin fahre und ihr Baby mitnehmen muss, weil sie von ihrem Freund geschlagen wurde und sich nicht mehr um ihr Kind kümmern kann. Der Traum ging bis zur Anmeldung für einen Pass, den ich im Traum gefälscht habe, weil ich Angst vor Entdeckung hatte. In einem anderen Traum bleibt unsere Familie für immer in unserem Haus eingesperrt. Die Nachbarn überleben es nicht. Wir pflanzen in ihren Wohnungen Gemüse an. Wir verfeuern die Möbel, aus Angst vor Straßenschlägern sind wir barrikadiert.“

- KR-Leserin Corinna

Wie Corinna geht es gerade vielen: Gut ein Drittel meiner Umfrage-Teilnehmer:innen berichteten mir, dass sie in letzter Zeit oft Alpträume hatten. Deirdre Barrett sagt mir, dass sogar die meisten der von ihr Befragten von Angstträumen berichteten. Was auch daran liegt, dass Barretts Fragestellung etwas anders ist als meine: Barrett fragt in ihrer Umfrage nicht allgemein nach veränderten Träumen in dieser Zeit, sondern konkret nach Träumen mit Corona-Bezug. (Wenn du auch daran teilnehmen möchtest: Hier kannst du deinen Traum eingeben). 

Die Fragestellung bei Deirdre Barrett lautet: „How many dreams have you had related to the covid-19 coronavirus?“, also: „Wie viele Träume mit Bezug zum Covid-19 Coronavirus hatten Sie?“

Barrett fragt also nicht, wie ich, allgemein danach, ob die Menschen in dieser Zeit anders träumen, sondern ob sie konkrete Corona-Träume haben. 

Manchmal gibt es in den Alpträumen meiner Umfrageteilnehmer:innen einen direkten Coronabezug, häufiger aber sind es Angstsituationen in den verschiedensten Formen: Menschenmengen, in denen Panik ausbricht, Prüfungen und Situationen, die völlig überfordern, wie diese hier:

„Ich sollte einen riesigen Reisebus aus dem Graben fahren, weil sonst keiner da war. Ich weiß nicht, ob ich es geschafft hätte, ich bin vorher aufgewacht“, schreibt ein anonymer Leser. 

Bei manchen kriechen oder fliegen Insekten durch die Träume. Deirdre Barrett sagt, in ihrer Umfrage sei das Insekten-Thema riesig. Ihre Teilnehmer berichten von „Schwärmen von Käfern, die auf sie zufliegen, Kakerlaken, Grashüpfer mit Vampirzähnen. Viele träumen auch Katastrophenbilder: Hurrikane, Erdbeben, Menschen, die wahllos auf der Straße herumschießen.“

Für das Übermaß an Insekten bei Barretts Teilnehmer:innen gibt es einen Grund, der zunächst banal klingt: Barretts Umfrage ist auf Englisch (die Hälfte der Teilnehmer:innen lebt in den USA, 20 Prozent in Kanada, der Rest verteilt sich über die ganze Welt). Auf Englisch sagt man: „I have a bug“, wenn man krank ist. Es gibt aber noch einen tieferen Grund: „Das Virus ist unsichtbar“, sagt Barrett. Es hat keine Gestalt, vor der wir uns fürchten können und die in unsere Träume dringen kann. Deshalb träumen wir in Metaphern. Barrett erinnert das an Anschläge der Aum-Sekte mit dem Nervenkampstoff Sarin auf die U-Bahn in Tokio 1995. „Weil auch das Gas unsichtbar ist, träumten die Menschen danach von allerlei Monstern, die angriffen.“ Ganz anders sehen laut Barrett die Alptraumbilder von Ärzt:innen und Pfleger:innen aus, die mit Covid-19-Kranken arbeiten: „Sie träumen von Patient:innen, die nach Luft ringen und an dem Virus sterben, weil sie das in ihrer Arbeit sehen.“

KR-Leser Jochen schreibt mir, dass er schlechter träumt, seit er in den Nachrichten Bilder über den Massenabtransport von Särgen in Italien gesehen hat. 

Die Tatsache, dass wir nicht wissen, wie diese Pandemie weitergehen wird und keine Medikamente haben, die sicher dagegen helfen, geschweige denn Impfungen, setzt unsere Psyche unter Druck. Wir fahren auf Sicht, ins Unbekannte. „Träume dienen der Verarbeitung“, sagt der Psychotherapeut Gemsemer. „Alpträume sind in diesem Sinne ein Hinweis darauf, dass es für eine bestimmte Problemstellung noch kein Datenmaterial gibt, das für eine Lösung verwendbar wäre.“

Das träumen wir, wenn es keinen Alltag gibt

„Ich wollte im Supermarkt einkaufen, doch da war absolut nichts. Leerer Raum, keine Regale, keine Menschen. Nur Kassen gab es noch. Und da lagen Pistazien und Bananen, die ich kaufte, obwohl ich sie nicht mag.“

- KR-Leserin Gaby

Viele Leser:innen haben Träume über ihren Alltag, in dem sie sich neu orientieren müssen. Das ergibt Sinn: Wir lernen gerade alle, eine neue Art zu leben und mit anderen Menschen umzugehen. Wie begrüßen wir einander? Wie unterhält man sich mit Maske im Gesicht? Oder, eine eigentlich banale Frage, die mir zuletzt ziemlich Kopfschmerzen bereitet hat: Wie regele ich die Geldübergabe mit einer Person, der ich auf Ebay-Kleinanzeigen meinen Mixer verkaufe? 

Aus der Traumforschung ist klar, dass Schlafen und Träumen für Lernprozesse wichtig sind. Wenn wir sehr mit Lernen beschäftigt sind, träumen wir manchmal lebendiger und intensiver. In dieser Studie, für die Teilnehmer intensiv Französisch lernten, machten diejenigen die besten Fortschritte, die auch auf Französisch träumten. Auch Ratten scheinen im Traum zu lernen: Forscher des Massachusetts Institute of Technology fanden heraus, dass die Gehirne von Ratten im Traum die gleiche Aktivität zeigten wie tagsüber, wenn sie durch ein Labyrinth liefen. Der finnische Traumforscher Antti Revonsuo glaubt, dass Träume uns auf risikoreiche und gefährliche Lebenssituationen vorbereiten, indem wir sie in der Traumrealität durchspielen. Das nennt sich Threat-Simulation-Theory (dt.: Bedrohungssimulationstheorie).

Manche Träume zeigen die Bruchstellen in uns

„Ich träume ganz konkret von Alltagssituationen, in denen mir Menschen zu nahekommen oder dass ich Gruppen sehe, die zu nahe zusammenstehen. Wenn ich träume, dass mir Menschen zu nahekommen, dann bitte ich diese, sich von mir zu entfernen, was die meisten dann nicht machen. Wenn ich träume, dass Gruppen zu nahe zusammenstehen und ich sie darauf hinweise, gibt es ablehnende Reaktionen.“

– Anonym

Nicht in allen Corona-Träumen geht es wirklich um das Virus und seine Folgen. Die Pandemie kann auch eine Kulisse sein, vor der die Psyche andere Themen bearbeitet (ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Gehirn mich nicht auf eine reale Situation vorbereiten wollte, in der meine Mutter ein Hochhaus in unseren Garten stellen lässt). 

„Eine Situation wie die jetzige kann individuelle Unsicherheiten und Ängste mobilisieren, alte Geschichten werden nach oben gedrängt“, sagt Gemsemer, „zum Beispiel, dass man sich nicht abgrenzen oder nicht Nein sagen kann.“ Gemsemer bittet sein Patient:innen manchmal, ein Traumtagebuch zu führen. „Für mich sind die Traumbeschreibungen ähnlich dem, was für einen Orthopäden das Röntgenbild ist: Sie zeigen die Bruchstelle“, sagt er. Über Träume kann er auch Heilungsprozesse verfolgen, wenn sich die Träume im Verlauf der Zeit ändern. „Sagen wir, jemand träumt, dass er in ein Auto steigt und nicht weiß, wo es hingeht, weil jemand anders fährt. Zu einem späteren Zeitpunkt träumt er vielleicht, dass er selbst am Steuer sitzt.“ Solche positiv weiterentwickelten Träume passieren manchmal spontan, aber Psychologen und Traumforscher coachen Menschen auch gezielt dahin, mit Methoden wie Imagery Rehearsal Therapy (IRT): Dabei schreiben die Träumer im Wachzustand Alpträume positiv um und prägen sie sich ein. Der neue Traum überschreibt den alten. Das klingt simpel, aber es funktioniert tatsächlich. In den USA werden so sogar traumatisierte Veteranen aus dem Irak- und Afghanistankrieg behandelt. 

IRT kann man mit therapeutischer Unterstützung lernen und umsetzen, aber es gibt auch Anleitungen zur Selbsthilfe, hier zum Beispiel. Auch Klarträume können gegen Alpträume helfen. Hier ein Artikel von uns dazu:

Für KR-Leser Axel, der laut eigener Aussage im Wachzustand keinen Ton halten kann, gingen im Traum auf einmal alte Wunden und Verletzungen in Gesang über, „so dass ich plötzlich eine Arie singen konnte.“

Nicht alle Träume sind tiefgründig, aber manche sind brillant

„In einer Nacht habe ich geträumt, dass ich in Gedanken exotisches Obst benenne und kannte auch alle Namen.“

– KR-Leserin Gaby

Und dann sind da die Träume, die scheinbar gar keinen Sinn ergeben. Wie meine Reise als Fantasiekriegerin durch die Höhlenwelt. Es geht aber noch bunter, in meinem bis heute bescheuertsten Traum war ich Minnie Maus. 

Nein, ich habe in letzter Zeit keine Fantasyfilme gesehen und auch nicht „Herr der Ringe“ gelesen. Seit Beginn der Pandemie lese ich weder Romane, noch schaue ich Serien. Nur Nachrichten und Sachbücher (und die eine oder andere Kochsendung:

Skurille Inhalte wie diese sind ein Grund dafür, dass viele Träume belächeln. Es liegt aber auch an Wissenschaftlern wie dem Medizin-Nobelpreisträger Francis Crick: Der schrieb in einem Artikel im Magazin Nature 1983, dass das Gehirn im Traum einfach Speicherplatz freiräumt und deswegen überflüssige Informationen wegschmeißt. Die Traumbilder seien ein Effekt des Aufräumens, nicht mehr.  

Diese Müllentsorgungstheorie ist sehr bekannt. Weniger bekannt ist, dass Träume wissenschaftlich längst rehabilitiert sind. Auch wenn wir vieles über sie noch nicht wissen. „Wenn man fragt, wofür Träume gut sind, ist das, als würde man fragen, warum man im Wachzustand Gedanken hat. Niemand würde diese Frage stellen – oder wenn doch, würde niemand eine Antwort in ein, zwei Sätzen erwarten“, sagt Barrett. 

Aber es sind auch nicht alle Träume wichtig oder voller verschlüsselter Botschaften. „Viele Träume sind nicht besonders tiefgründig oder nützlich, genauso wie Gedanken. Wenn du deine Gedanken alle zehn Minuten anschauen würdest, wären da eine ganze Menge Trivialitäten und Wiederholungen dabei.“ Wie Gedanken können Träume aber auch brillant sein: Barrett kennt zwei Architekten, die im Traum durch Häuser gehen, für die sie im Wachzustand gerade die Pläne zeichnen. Träumend verstehen sie zum Beispiel, wo sie Fenster setzen müssen, damit das Licht in einem bestimmten Winkel in das Haus fällt. Es gibt auch berühmte Beispiele: Paul McCartney hat die Melodie von „Yesterday“ geträumt. Und der Chemiker Friedrich August Kekulé träumte Mitte des 19. Jahrhunderts bei einem Nickerchen am Schreibtisch von einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss. Beim Aufwachen verstand er auf einmal die Struktur des Benzolmoleküls, über die sich Forscher lange die Köpfe zerbrochen hatten: Sie ist ringförmig.

Angela Merkel ist jetzt eine Traumheldin

Vielleicht werden die Corona-Träume, die Forscher:innen sammeln, uns in ein paar Jahren helfen, Träume und ihre Funktionen besser zu verstehen. Und auch, wie sich Träume unter Isolation und Quarantäne verändern. In jedem Fall sind sie Zeitdokumente, so wie die Träume der Japaner:innen nach den U-Bahn-Anschlägen in Tokio, die der Amerikaner:innen nach 9/11 oder die der Berliner:innen von 1933 bis 1939, deren Träume die Journalistin Charlotte Beradt in ihrem Buch „Das Dritte Reich des Traums“ sammelte. 

„Ich erwachte schweißgebadet, mit zusammengebissenen Zähnen. Wieder, wie in zahllosen Nächten davor, war ich in einem Traum von einem Ort zum nächsten und immer weiter gejagt worden – angeschossen, gefoltert, skalpiert. Aber in dieser Nacht kam mir in den Sinn, dass ich wohl nicht die einzige unter Abertausenden war, die durch die Diktatur zu solchen Träumen verurteilt wurde. Was meine Träume beherrschte, musste auch ihre beherrschen – atemlose Flucht über Felder, Versteck auf schwindelerregend hohen Türmen, Sichverkriechen in Gräbern, die SS-Männer stets auf den Fersen. Ich begann, andere Leute nach ihren Träumen zu befragen.“

Das schrieb Charlotte Beradt in einer Einleitung, als eine Auswahl dieser Träume 1943 erstmals in einer amerikanischen Zeitschrift erschien.

Ich, die ich mich nie für Träume interessiert habe, bin jetzt voller Bewunderung für dieses alltägliche und seltsame Phänomen.

Übrigens: Vielen der europäischen Teilnehmer:innen an Barretts Umfrage, und zwar längst nicht nur den Deutschen, erscheint in diesen Wochen Angela Merkel im Traum. Und zwar fast durchweg als positive Gestalt. Was das über den seelischen Zustand der Europäer:innen im Jahr 2020 aussagt? 


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

Prompt headline