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Ungleichheit in der Corona-Krise

Das Ungleichvirus

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etwa 18 Min. Lesedauer

Eigentlich sind Viren Gleichmacher. Sie befallen jeden, egal, ob reich oder arm, egal, welche Hautfarbe ein Mensch hat oder aus welchem Land er stammt.

Aber die Pandemie selbst ist anders. Wie Regierungen und Gesellschaften auf sie reagieren, verstärkt die Ungleichheit, die schon vorher existierte. Ein kleines Beispiel: Während reiche Menschen aufs Land fliehen und im Homeoffice per Videokonferenz weiter ihr Geld verdienen können, müssen Kassierer:innen und Pfleger:innen jeden Tag aufs Neue das Haus verlassen und sich in Gefahr begeben.

Es wäre zu einfach, die sich verschärfende Ungleichheit mit Verweis auf die besonderen Umstände einfach zu ignorieren. Es wäre aber auch zu einfach, jetzt Schuldige, mutmaßlich „die Politiker“, zu suchen und die Sache damit abzuhaken.

Deswegen gibt es diesen Text: Er soll ein Scheinwerfer sein, aber auch ein Merkzettel für die Zeit nach der Pandemie, wenn der medizinische Notstand beendet ist und die sozialen und wirtschaftlichen Folgen stärker in den Blick geraten. Alle KR-Reporter:innen haben für ihr Fachgebiet beispielhaft beschrieben, wo sich gerade Ungleichheit verschärft. Die Liste hätte auch doppelt so lang sein können.

Das betrifft nicht nur kleine Unternehmen auf der ganzen Welt, sondern auch Depressive, deren Rettungsanker Klinik wegfällt, Sexarbeiterinnen, die den Schutz der Bordelle verlieren und die Frage, wie wir mit den Menschen umgehen, die mit dafür sorgen, dass wir genug zu essen haben: Erntehelfern.

Was macht die Corona-Krise mit depressiven Menschen?

Von Martin Gommel, Fotoredakteur

Da ich selbst die Diagnose „chronische Depressionen“ habe, täglich Psychopharmaka nehme und insgesamt vier Mal „zu Gast“ in der Psychiatrie war, weiß ich (auch von Mitpatient:innen), wie sich diese Krankheit anfühlt. Und kann mir vorstellen, was gerade mit depressiven Menschen passiert und passieren wird.

Die durch die Depression verursachte Antriebslosigkeit macht es für viele schon zur Mammutaufgabe, sich ein Butterbrot zu schmieren. Außerdem kapseln sich depressive Menschen vom Sozialleben ab – und leben so in ständiger Isolation.

In Kliniken oder in Therapie lernen depressive Menschen deswegen, sich zu „aktivieren“. Sie lernen, raus aus der selbstgemachten Höhle zu kriechen und aktiv soziale Kontakte zu suchen. Nicht im Bett liegen zu bleiben, sondern das Haus verlassen. Und genau das schränkt die Corona-Krise im Moment stark ein. Gerade für Menschen, die ihrer Krankheit entgegenwirken wollen, ist das eine Katastrophe. In Zeiten von Corona tun Depressive genau das, was sie eigentlich nicht tun sollten: sich isolieren.

Dazu kommt: Menschen, die bis jetzt in Therapie waren, und beispielsweise vierzehntägig einen Termin bei eine:r Psychotherapeut:in hatten, werden nun davon abgeschnitten. Oft ist die Therapie der einzige Ort, an dem man wirklich sicher weiß und spürt, dass man verstanden wird. Man wird gesehen und nicht für verrückt erklärt. Und bekommt fachliche Unterstützung, mit der eigenen Krankheit umzugehen. Fällt diese längerfristig weg, wird das fatale Folgen für Depressive haben.

Wir psychisch kranken Menschen haben einen Rettungsanker, zu dem wir eine Hassliebe pflegen: die Klinik. Auf der einen Seite sträuben wir uns dagegen, einzugestehen, dass wir krank sind, uns quasi zu den Verrückten zu zählen. Andererseits kann eine Einlieferung in die Psychiatrie unsere Rettung sein, wenn es nicht mehr anders geht. Menschen mit Depressionen sind die letzten, die sich für ihre eigenen Bedürfnisse einsetzen, weil sie immer wieder das Gefühl haben, für ihr Umfeld eine Belastung zu sein. Jetzt, wo sich Kliniken auf infizierte Menschen vorbereiten, Intensivstationen freigehalten werden müssen und man mit unvermeidbarer Bettenknappheit rechnet, gibt es noch einen Grund, nicht in die Klinik zu gehen. Anstatt also den Rettungsanker zu nutzen, leiden Depressive isoliert vor sich hin, verlieren sich in Grübeleien, bis hin zu suizidalen Gedanken.

Frauen leiden stärker unter den Belastungen und Folgen der Pandemie

Von Esther Göbel, Reporterin

Wenn in Deutschland Menschen auf ihren Balkonen stehen und als Zeichen des Respekts für jene klatschen, die jetzt in der Krise plötzlich systemrelevant genannt werden, dann klatschen sie vor allem für Frauen. Denn sie stellen laut Bundesagentur für Arbeit mehr als 70 Prozent der Belegschaft im Nahrungsmittel-Einzelhandel, bei den Sozialversicherungen und in den Krankenhäusern. In Kindergärten und Vorschulen liegt der Anteil an weiblichen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sogar bei über 90 Prozent.

Besonders betroffen sind neben vielen anderen Branchen auch Tausende Sexarbeiterinnen in Deutschland (wie viele es genau gibt, weiß niemand, der Interessenverband Dona Carmen geht von 30.000 bis 200.000 aus). Sie können im Moment ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. Das gilt zwar auch für Masseurinnen oder Pflegerinnen, allerdings besteht bei ihnen, anders als bei Prostituierten, nicht die Gefahr, dass sie Arbeit aus finanziellem Druck in „Grauzonen“ verlagern, die gefährlich werden können. Soll konkret heißen: Eine angemeldete Prostituierte, die eigentlich in einem Bordell arbeitet, das nun aber auf unbestimmte Zeit geschlossen ist, weicht vielleicht inoffiziell auf die Straße aus und ist damit einem höheren Gewaltrisiko ausgesetzt.

Dona Carmen fordert wegen der Schließung zahlreicher Bordelle von Gesundheitsminister Jens Spahn sofortige finanzielle Hilfe für registrierte Sexarbeiterinnen. Auch das regelmäßige Erscheinen bei Gesundheits- und Ordnungsbehörden soll für die Zeit der Kontaktsperre ausgesetzt werden.

Noch brenzliger dürfte die Lage allerdings für all jene sein, die unter Zwang ihren Körper verkaufen; in der Armutsprostitution auf der Straße bieten tausende Frauen aus Osteuropa Sexarbeit gegen Geld an, manchmal nur gegen einen Preis von fünf Euro pro Freier, meist ohne Schutz, oft sogar ohne eigene Papiere. Die, die eh schon auf der Straße arbeiten ohne Lobby, haben es jetzt noch schwerer als sowieso schon.

Aber auch zuhause wird es für Frauen gefährlicher. Denn gerade steigt für Frauen und Kinder das Risiko, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Die Berliner Polizei registrierte schon elf Prozent mehr Gewalttaten im häuslichen Umfeld von Männern gegen Frauen und Kinder im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will die Situation entschärfen, indem leerstehende Hotels oder leerstehende Ferienwohnungen bei Bedarf angemietet werden, wenn die Frauenhäuser überfüllt sind.

Viele Landwirt:innen und Erntehelfer:innen haben es jetzt noch schwerer

Von Theresa Bäuerlein, Reporterin für Sinn und Konsum

Auch wenn in letzter Zeit in den Supermärkten immer wieder die Regale leer waren, hat Deutschland bisher keine Probleme mit dem Nachschub von Lebensmitteln. Das Bundeslandwirtschaftsministerium sagt, dass wir uns auch weiterhin keine Sorgen um Engpässe bei Lebensmitteln machen müssen. Wir werden also satt bleiben. Die Frage ist: Wer zahlt dafür? Mehr denn je wird jetzt klar, dass unser riesiges Angebot an Lebensmitteln von einem System abhängt, in dem die großen Betriebe wachsen und die kleinen kämpfend untergehen und in dem hunderttausende Menschen unter harten Bedingungen für wenig Geld schwere Arbeit leisten.

Beispiel Erntehelfer:innen: Getreide und Zuckerrüben ernten deutsche Landwirt:innen vor allem mit Maschinen. Für andere Ernten, in dieser Zeit zum Beispiel Spargel und Erdbeeren, sind sie aber auf Saisonarbeiter:innen angewiesen, oft kommen diese aus Osteuropa. Die durften aufgrund der Pandemie erst gar nicht mehr einreisen, Anfang April teilte das Landwirtschaftsministerium mit, dass je 40.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa im April und Mai nach Deutschland einreisen dürfen. Trotz Pandemie, aber unter strengen Auflagen.

Landwirt:innen in Deutschland sind jetzt auch auf Arbeiter:innen aus dem Inland angewiesen. Die sind wegen der harten Arbeitsbedingungen und niedrigen Gehälter nicht so leicht zu kriegen: Einen pauschalen Stundenlohn gibt es nicht, 9,35 Euro brutto die Stunde wären der Mindestlohn. Oft ziehen die Betriebe davon noch Unterkunft und Arbeitskleidung ab. Wegen dem Preisgefälle zwischen Deutschland und Osteuropa, sind niedrige Löhne für Saisonarbeiter:innen aus diesen Ländern oft trotzdem attraktiv. Für Menschen, die in Deutschland leben und deutsche Preise zahlen müssen, sind sie viel zu niedrig.

Seit Kurzem gibt es die Internetseite Das Land hilft, eine Plattform, die Menschen in die Landwirtschaft vermitteln soll, die wegen der Corona-Krise Arbeit suchen. Das klingt nett, hat aber auch etwas Zynisches: Wer gerade dringend Geld braucht, wird in den Niedriglohnsektor gedrängt. Die Bundesregierung will für April und Mai jeweils etwa 10.000 Menschen für Arbeit auf den Feldern und in Gewächshäusern anwerben. Arbeitslose zum Beispiel, Studierende, Asylbewerber oder Kurzarbeiter.

Viel Obst und Gemüse kommt in dieser Jahreszeit außerdem aus Italien und Spanien nach Deutschland. Auch dort fehlen wegen der Pandemie Erntehelfer, aber auch LKW-Fahrer. Die sind zudem wegen der Staus an den Grenzen viel länger unterwegs. Kommen dann noch Hamsterkäufe dazu, stockt der Nachschub noch mehr und die Preise für frische Lebensmittel steigen. In welchem Maß das passieren wird, ist noch ungewiss. Klar ist aber: Preiserhöhungen treffen arme Menschen überproportional stark.

Wie in der Finanzkrise: Die Großen bekommen einen sicheren Rettungsschirm, die Kleinen müssen zittern

Von Rico Grimm, Reporter für Macht der Vielen und Klimakrise

Deutschland befindet sich bereits mitten in einem Wirtschaftsabschwung: Große Firmen schließen ihre Fabriken, kleinere ihre Büros, Friseurgeschäfte und Läden. Nur eine Sache – und das hat die Bundesregierung erkannt – kann hier helfen: Cash, also Bares um die laufenden Kosten zu decken und nicht direkt in die Insolvenz überzugehen. Deswegen haben Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ein stattliches Arsenal an Hilfsmaßnahmen bereitgestellt, das in Summe einem „Whatever-It-Takes“, einem bedingungslosen Rettungsversprechen für die deutsche Wirtschaft gleichzukommen scheint.

Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass es eben doch Bedingungen gibt. Man kann der Bundesregierung unterstellen, dass sie ihr Möglichstes tut, aber Bürokratie und Märkte haben eigene Gesetze, die auch noch in Krisenzeiten wie diesen wirken. Drei Beispiele:

  1. Einem Gastwirt brechen die Einnahmen komplett weg, die laufenden Kosten bleiben. Er könnte einen günstigen Kredit aufnehmen, (sofern seine Bank ihm den überhaupt gewähren würde). Aber was dann? Wie lange bleiben die Gäste weg? Werden sie jemals wiederkommen? Falls nicht hat er auch noch einen unnötigen Kredit abzuzahlen.
  2. Die Bundesregierung bringt auch direkte Staatsbeteiligungen ins Spiel, als letztes Mittel, wenn den Unternehmen das Geld ausgeht. Aber Henrik Müller, Wirtschaftskolumnist bei Spiegel Online warnt schon: „Wo auf einen Schlag zig- oder sogar hunderttausende Jobs verloren zu gehen drohen, wird sich der Staat eher beteiligen als an kleineren Mittelständlern. Dies entspricht der Erfahrung und auch der administrativen Notwendigkeiten: Sich an vielen kleineren Unternehmen zu beteiligen, dürfte die öffentliche Verwaltung schlicht überfordern.“ Am Ende werden die Großen gestärkt aus der Krise hervorgehen, weil kleinere Wettbewerber aufgeben mussten.
  3. Der Teufel steckt im Detail: Steuerstundungen etwa sind möglich, wenn Unternehmen „direkt vom Coronavirus betroffen“ sind. Was aber heißt „direkt“? Das kann keiner sagen und wird zu unzähligen Streitereien mit dem Finanzamt führen, die im Zweifel die großen Unternehmen mit bekannten Namen eher durchstehen als die kleinen.

In der Summe wird die Corona-Krise einen Trend verstärken, der schon lange vorher begonnen hat: Die Großen werden größer, die Kleinen immer schwächer.

Aufbau Ost? Der wird jetzt erstmal vertagt

Von Tarek Barkouni, Reporter für Ostdeutschland

Um zu verstehen, was die Corona-Krise für Ostdeutschlands Wirtschaft bedeutet, muss man sich Ost- und Westdeutschland wie zwei Läufer vorstellen. Nur, dass Westdeutschland schon viel früher losgelaufen ist und der Osten des Landes jetzt aufholen muss. Das lief seit der Wende in manchen Bereichen auch gut. Einerseits siedelten sich große Firmen und Ministerien an, andererseits gründeten viele Ostdeutsche neue Firmen. Sogar die Lohnniveaus glichen sich langsam an. Und trotzdem war die ostdeutsche Wirtschaft immer anfälliger für Krisen, was sich zuletzt etwa in der Finanzkrise 2008/2009 zeigte. Das hat mehrere Gründe.

Ostdeutschland steht eher am Beginn der Wertschöpfungskette. Das bedeutet, dass, die hier produzierten Dinge, nochmal woanders weiterverarbeitet werden und dort auch teurer verkauft werden. Zulieferer sind zudem austauschbarer und anfälliger für Krisen.

Außerdem sind die Betriebe in Ostdeutschland deutlich kleiner. Gerade mal 22 Prozent der Arbeitnehmer:innen sind in Großbetrieben mit mehr als 250 Personen angestellt, in Westdeutschland sind es 30 Prozent. In Ostdeutschland sind Kleinstbetriebe mit weniger als fünf Beschäftigten viel weiter verbreitet. Das war lange für die Karriere der dort Arbeitenden gut, in der Krise sind es aber genau diese Betriebe, die von der Pleite bedroht sind. Denn dazu kommt: Die Firmen sind meist jünger als ihre westdeutschen Konkurrenten. Viele Ostdeutsche haben ihre Firmen nach der Wende aus der Arbeitslosigkeit heraus gegründet. Das bedeutet, sie hatten weniger Zeit, Rücklagen zu bilden, wenn das überhaupt möglich war. Sollte die zugesagte Unterstützung des Bundes und der Länder zu gering ausfallen oder die Krise länger andauern, wird es in Ostdeutschland mehr Pleiten und Arbeitsplatzverluste geben.

Aber auch für Angestellte wird die Situation nach der Corona-Krise weiter angespannt bleiben. Schon im Februar, also vor der Krise, gab es in Ostdeutschland deutlich mehr Kurzarbeit gemessem an der Einwohnerzahl als in Westdeutschland. Durch die Krise wird es nochmal mehr. Da die Sparquote hier gerade mal halb so hoch ist wie in Westdeutschland, konnten die Ostdeutschen deutlich weniger Vermögen aufbauen, und sie besitzen weniger Wohneigentum. Gespartes müssen sie schneller aufbrauchen und Banken heben die Zinsen für etwaige Kredite an. Mietkosten fallen aber weiter an und steigen auch in Ostdeutschland in den letzten Jahren.

Auch global steigt die Ungleichheit: Krisen verschärfen sich, Asyl ist kaum noch möglich

Von Belinda Grasnick, Reporterin für die Einwanderungsgesellschaft

Die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, ist nicht für alle gleich: Sie variiert von Land zu Land, Region zu Region und manchmal sogar von Haus zu Haus. Beim ersten Blick auf die Zahlen wirkt es so, als wären vor allem Menschen in Ostasien, Europa und Nordamerika infiziert. Aber tatsächlich sagen die Zahlen nur aus, in welchen Ländern Menschen auf eine Infektion getestet werden können. In Krisenregionen wie Syrien, Libyen, Eritrea und Jemen gibt es bisher laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) jeweils nur einstellige Fallzahlen. Dass diese Zahlen die Realität widerspiegeln, ist sehr unwahrscheinlich. Zudem sind die Gesundheitssysteme in vielen Ländern nicht in der Lage, mit der Epidemie umzugehen. Ein Land wie Uganda hat mehr Minister in der Regierung als Betten auf Intensivstationen. Und auch die Hilfsorganisationen, die eine gesundheitliche Grundversorgung sichern sollen, sind überfordert.

Die wichtigen Hygienevorschriften, die die Ausbreitung des Virus verlangsamen sollen, können Menschen in diesen Ländern manchmal gar nicht einhalten. Wo es kaum Wasser gibt, kann sich niemand zwanzig Mal am Tag je 30 Sekunden lang die Hände waschen. Und in Ländern wie Syrien oder dem Jemen ist noch immer Bürgerkrieg, daran ändert auch die Corona-Waffenruhe dort nichts.

Aber auch innerhalb der EU sind die Verhältnisse angespannt. Die Lager für Geflüchtete auf den griechischen Inseln beherbergen insgesamt 42.500 Menschen – obwohl sie nur für 6.000 ausgelegt sind. Im größten Camp Moria auf Lesbos sind etwa 19.000 Menschen. Die schlechten hygienischen Bedingungen waren dort schon vor der Corona-Krise ein Problem. Jetzt könnten sie dazu führen, dass sich die Menschen innerhalb kürzester Zeit gegenseitig anstecken.

Für Menschen auf der Flucht ist die Lage auch deshalb besonders drastisch, weil das Asylrecht durch Grenzschließungen vielerorts ausgesetzt oder stark eingeschränkt ist. In Deutschland kommen derzeit keine Menschen über humanitäre Aufnahmeprogramme an. Die Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline hat inzwischen Spenden gesammelt, um auf eigene Faust besonders schutzbedürftige Flüchtlinge von Griechenland nach Deutschland zu bringen. „Wir sind in den Startlöchern: Vom Flugzeug bis zur Unterbringung in Deutschland einschließlich Quarantäne ist alles vorhanden“, sagt der Mission-Lifeline-Vorsitzende Axel Steier. Der Haken: Eine Einreise nach Deutschland ist momentan nicht möglich.

Obdachlose: Für die Ärmsten ist die Corona-Krise schon jetzt eine Frage des Überlebens

Von Benjamin Hindrichs, Reporter

Etwa 41.000 Obdachlose leben Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) zufolge in Deutschland. Es sind Menschen, die Unterstützung brauchen. Doch die bricht gerade weg.

Laut Kältehilfe wurde inzwischen in vier von fünf Berliner Suppenküchen der Betrieb eingestellt. Hinzu kommt eine Vielzahl geschlossener Nachtcafés, Tagesstätten, Notunterkünfte und Beratungsstellen. Das bedeutet in der Praxis weniger Decken, Duschen, Essen und Zuwendung für alle Menschen, die auf der Straße leben. Auch medizinische Beratungsangebote müssen derzeit stark zurückgefahren werden. Dabei sind viele Wohnungslose nicht krankenversichert und die meisten sowieso schon bei schlechter Gesundheit. Deswegen gehören sie jetzt zu den gefährdetsten Gruppen – und zugleich zu denjenigen, die sich selbst am wenigsten schützen können.

„Wohnen ist zur ersten Verteidigungslinie gegen das Coronavirus geworden. Wohnraum hat selten so sehr über Leben und Tod entschieden“, warnte Leilani Farha, UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, bereits vergangene Woche.

Auch die oft einzige Einnahmequelle vieler Wohnungsloser, der Verkauf von Straßenmagazinen, bricht derzeit weg. Hier kannst du sie durch den Kauf einer digitalen Soli-Ausgabe der „Zeitschrift der Straße“ unterstützen. Zugleich entstehen in vielen Städten gerade sogenannte Gabenzäune, an denen Tüten mit Verpflegung, Kleidung oder Hygieneartikeln gesammelt werden.

Wenn die Kinder zuhause lernen, hängt Bildung noch mehr vom Elternhaus ab. Homeschooling macht Bildung noch ungerechter

Von Bent Freiwald, Reporter für besseres Lernen und freies Wissen

In kaum einem anderen europäischen Land hängt die Bildung so sehr vom Elternhaus ab wie in Deutschland. Gerade mal jedes vierte Kind schafft es hier einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen als seine Eltern.

In anderen reichen Ländern sind es laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit 41 Prozent deutlich mehr. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, haben die Behörden knapp 33.000 Schulen geschlossen. Seitdem sollen die Kinder zuhause weiterlernen, ohne Lehrer:in und ohne Klassenkamerad:innen. In Familien, die Wert auf Bildung legen, gelingt das immer öfter.

Aber nicht alle Kinder werden jetzt von ihren Eltern unterstützt. Kinder, die es unter normalen Umständen schon schwer haben, trifft die Unterrichtspause besonders hart: Die Aufgaben, die sich Lehrer:innen ausgedacht haben, erreichen sie oft gar nicht. Weil die Eltern ihre E-Mails nicht checken oder nicht ans Telefon gehen. Und wenn sie die Aufgaben versuchen zu lösen, bekommen sie kaum Hilfe von den Erwachsenen. Diese Kinder sind auch diejenigen, die das kostenlose Mittagessen, das es zum Beispiel in Berlin für alle Schüler:innen bis zur sechsten Klasse gibt, am meisten brauchen. Und es sind diejenigen, die jetzt in zu kleinen Wohnungen mit ihren Eltern und Geschwistern auskommen müssen.

Je länger die Schulen geschlossen sind, desto größer wird die Lücke zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Elternhäusern werden. Die Abhängigkeit vom Elternhaus wird sich immer weiter verschärfen. In diesem Artikel haben uns drei Lehrer:innen und eine Schülerin erzählt, welche Sorgen sie sich jetzt machen.

Für chronisch kranke Menschen wird es noch schwieriger, die passende medizinische Behandlung zu bekommen

Von Silke Jäger, Reporterin für Kopf und Körper

Krankenhäuser bereiten sich auf einen Ansturm von Patient:innen vor, die ein Bett auf einer Intensivstation und ein Beatmungsgerät brauchen. Dafür werden gerade viele geplante Operationen abgesagt, bei denen es nicht um Leben und Tod geht. Das heißt aber auch, dass es vor allem Operationen betrifft, die gemacht werden sollten, weil alles andere nicht den erhofften Therapieerfolg brachte. Ein Großteil der Menschen, die hätten operiert werden sollen, ist chronisch krank.

Jemand, der eigentlich eine künstliche Hüfte braucht oder eine Darm-OP, muss länger Schmerzen ertragen, länger mehr Medikamente nehmen oder aufwändige Therapien durchmachen. Dazu kommt in Zeiten von Kontakteinschränkungen, dass chronisch Kranke viele Schwierigkeiten allein bewältigen müssen.

So haben viele Pflegedienste zu wenig Personal, weil Mitarbeiter:innen Kinder zuhause betreuen müssen und wegen Krankheitssymptomen zuhause bleiben oder weil ausländische Mitarbeiter:innen in ihre Heimatländer zurückkehren. Das betrifft auch viele Familien, die eine ausländische Pflegekraft beschäftigen. Sie stehen plötzlich ganz ohne pflegerische Unterstützung da, wenn sie nicht zumindest für die Grundpflege kurzfristig Hilfe bei einem Pflegedienst bekommen können.

Auch die regelmäßige Betreuung durch Hausarztpraxen wird schwieriger oder fällt ganz weg, weil die Praxen wegen Mangel an Schutzkleidung schließen müssen oder Patientenzahlen drastisch reduzieren, um die Ansteckungsgefahr etwas zu senken. Viele Hausarztprogramme für chronische Krankheiten, wie zum Beispiel bei Asthma oder Diabetes, funktionieren nicht mehr wie gewohnt, weil Ärzt:innen es schlicht nicht schaffen, die Patient:innen regelmäßig zu untersuchen. Ob die Medikation angepasst werden muss, wird also auch nicht überprüft. Das gefährdet Menschen, die immer krank sind, zusätzlich und erhöht das Risiko, dass sie ins Krankenhaus müssen.

Ein Beispiel, das sehr deutlich macht, wie lebensgefährlich diese Situation sein kann, hat mir ein Arzt erzählt, der mehrere Dialyse-Praxen betreibt. Mit diesen Praxen versorgt er alle Dialysepatient:innen in seinem Landkreis. Er ist auf speziell ausgebildetes Personal angewiesen, das in seiner Umgebung – auf dem Land – nicht unbegrenzt greifbar ist. Durch die Schulschließungen hat er bereits seit über einer Woche zu wenig Leute. Dazu kommt, dass die Schutzkleidung knapp wird. Er macht sich große Sorgen, wie er seine Patient:innen mit der überlebenswichtigen Blutwäsche weiter versorgen kann, wenn Personal und Schutzkleidung weiterhin fehlen. Dialysen können nicht ausfallen. Sonst entsteht innerhalb von wenigen Tagen eine lebensbedrohliche Situation. Alle seine Bemühungen, Personal in den laufenden Betrieb zurückzuholen und Schutzkleidung zu beschaffen, schlugen fehl. Seit Kurzem befindet er sich noch dazu in häuslicher Quarantäne, weil sich ein Mitglied seines Haushalts mit Covid-19 angesteckt haben könnte. Er wartet noch auf das Testergebnis.


Redaktion: Tarek Barkouni, Rico Grimm; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel.

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