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Architektur verstehen, Folge 3

Wie ich lernte, die Platte zu lieben

von Matthias Warkus
etwa 13 Min. Lesedauer

Ich bin der westdeutscheste Mensch der Welt. Ich bin in einem Einfamilienhaus in einer Gegend voller amerikanischer Truppen aufgewachsen, wurde im Schüleraustausch in Frankreich erstmals an den Alkohol herangeführt, habe in Hessen studiert, gehe regelmäßig in die Kirche. Und die Orte, die mir als Kind zum ersten Mal ein Gefühl davon gaben, was eine große Stadt ist, waren Mainz und Köln.

Jetzt wohne ich seit zweieinhalb Jahren in einem 1989 hochgezogenen DDR-Plattenbau und finde es großartig. Das musste ich meinen westsozialisierten Verwandten und Freunden erst einmal erklären: Wie kann das sein? Was ist da denn passiert? War nichts anderes frei?

Dass man sich dafür rechtfertigen muss, „in die Platte“ gezogen zu sein, ist an sich schon bemerkenswert. Wie dieses Wort allein verwendet wird! Als Beleidigung! Als „Plattenbauten“ werden alle Häuserblöcke beschimpft, die nur irgendwie rechtwinklig und monoton aussehen.

Dabei sind viele Gebäude, die landläufig Plattenbauten genannt werden, gar keine. Ein echter Plattenbau ist tatsächlich aus Platten gebaut: aus großen, flachen Betonteilen aus einer Fabrik, die auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden. So errichtete Gebäude gibt es praktisch überall auf der Welt. Und in allen Lagen. Es gibt gar nicht so wenige Plattenbauten in Innenstädten, es gibt sogar allein stehende Blöcke in Dörfern.

Aber wer „Platte“ hört, denkt an Großsiedlungen, an Berlin-Marzahn, Leipzig-Grünau oder Halle-Neustadt. Und, ihr merkt es schon, er denkt an Ostdeutschland.

Dies ist der dritte Teil meiner Architekturserie. Im vorangegangenen Teil ging es um den Traum aller Bildungsbürger, den Altbau. Und jetzt um seinen bösen Bruder, den Plattenbau. Hier erfahrt ihr, wie es dazu kam, dass aus der Bezeichnung für ein Fertigbauverfahren ein böser, randständiger, hässlicher Kasten in Ostdeutschland wurde.

Im Grunde also: wie die Platte zur Platte wurde.

Bei Platte denkt man an Ostdeutschland, obwohl sie ursprünglich aus dem Westen stammt

Aus Fertigteilen konstruierte Großsiedlungen gibt es auch in Westdeutschland, zum Beispiel in München-Neuperlach und Köln-Chorweiler. Dass der Begriff „Platte“ fest mit dem Osten assoziiert ist, könnte daran liegen, dass man im Westen andere Begriffe hatte: Fertigteilbauweise oder Großtafelbauweise. Nur – warum sagt man dann von jemandem aus Hamburg-Steilshoop nicht, er komme „aus der Tafel“? Warum sind Bewohner ostdeutscher Großsiedlungen und ihre Behausungen ein und dasselbe Klischee, warum ist das im Westen nicht so?

Die meisten Westplatten stammen aus den 1960-er Jahren. Der Trend ebbte in den Siebzigern ab, man versuchte jetzt eher, bestehende Gebäude zu erhalten. Die DDR aber gab 1971 den Startschuss für ein neues Wohnungsbauprogramm: Die volkseigenen Wohnungsbaukombinate montierten in neu geplanten Randlagen im Akkord Plattenblöcke und nichts anderes mehr. Währenddessen bröselten die alten Innenstadtwohnungen, oft noch auf dem Stand von 1914, ungebremst vor sich hin.

Der berühmteste und am häufigsten gebaute Plattenbau ist der WBS-70-Block (WBS steht für Wohnungsbauserie). So sieht er aus:

© Wikipedia / Jörg Blobelt

WBS-70-Blöcke sind im Prinzip Lebkuchenhäuser. Alle sechs Meter steht eine tragende Querwand, dazwischen Außenwandplatten mit Fenstern und Balkontüren, alles genau eine Etage hoch, 2,60 Meter. Darauf legte man Deckenplatten, und dann wurde die nächste Etage aufgestellt, meistens sechs oder elf Geschosse hoch das Ganze.

Die Außenwände sind ein dreischichtiges Sandwich: innen dicker Beton, in der Mitte Wärmedämmung, außen getönter Waschbeton – eine pflegeleichte Oberfläche, der man keinen Schmutz ansieht, weil sie in jedem Zustand gleich trist aussieht, wie man das von älteren Fußböden in Schulen und Behörden kennt („der Dreck ist ein Muster“). Wo die Platten zusammenstoßen, sind offene Fugen mit verdeckten Dichtungen. Als Dorfmensch aus dem Westen kannte ich so etwas eigentlich nur von Fertiggaragen.

Für jeden Haken in der Wand braucht man die Bohrmaschine und bekommt ihn dann nie wieder raus

Als ich zum ersten Mal nach Jena-Winzerla kam, um unsere heutige Wohnung zu besichtigen, war ich von dem Waschbetonbaracken-Look des Straßenzugs eher abgeschreckt. Und ich muss zugeben, völlig begeistert bin ich auch heute, zwei Jahre später, nicht. In diesem Video seht ihr meinen Wohnblock:

https://youtu.be/Fx6E5qEKtOk

An ein paar Eigenheiten mussten wir uns nach dem Einzug in eine WBS-70-Wohnung gewöhnen. Quasi alles ist aus Beton. Man kann keinen Nagel einschlagen, sondern muss für jedes Bild und jeden Haken den Bohrhammer auspacken. Dafür trägt aber auch jedes klapprige Wandregal gigantische Lasten. Und ein Dübel – wenn er einmal drin steckt – ist nach menschlichem Ermessen kaum mehr herauszubekommen.

Außerdem fällt unser geklemmter Duschvorhang ständig herunter.

Und das liegt daran: Jedes Badezimmer einer WBS-70-Wohnung hat genau dreieinhalb Quadratmeter und wurde komplett vorgefertigt. Es ist genauso breit, dass eine Badewanne exakt hineinpasst. Bei vielen dieser Bäder sind die Wände schräg, weil sie zusammen mit der Decke in einem Stück gegossen wurden – wie das Oberteil eines Mon Chéri. Mit senkrechten Wänden wären sie nicht so gut aus der Form gegangen. Und deswegen verliert die Stange, an der unser Duschvorhang hält, beim geringsten Abrutschen den Halt zwischen den Wänden.

Ein zweites großes Rätsel meiner Wohnung ließ sich durch die Recherche für diesen Artikel lösen. Warum, fragte ich mich lange, macht es immer, wenn ich auf einen Lichtschalter drücke, „klack“ in meiner Küche? Die Antwort erfahrt ihr in diesem Video. (Außerdem lernt ihr unsere Katzen kennen):

https://youtu.be/UdMebucZ8MM

Die eigenwillige Lichtschalter-Lösung sollte übrigens Metall für Stromkabel einsparen. Die Leitungen, die es trotzdem gab, waren oft aus Aluminium statt aus dem teuren Kupfer. In DDR-Wohnungen mit unsanierter Elektrik darf man daher keine allzu starken Herde anschließen.

DDR-Bürger wohnten nicht aus Leidenschaft im Plattenbau, sondern weil Wohnraum knapp war

Anfang der siebziger Jahre also beschloss die SED ein Wohnungsbauprogramm und ließ die astronomische Zahl von 1,92 Millionen Wohnungen in Plattenbauweise errichten. Hätte man sie alle in einer einzigen WBS-70-Zeile errichtet, der Block hätte von Greifswald bis nach Erfurt und wieder zurück gereicht.

Es war dennoch nicht genug. Bis zum Ende der DDR blieb der Wohnraum knapp. Im Jahre 1972 war nur eine von fünf Wohnungen in gutem Zustand und nur eine von zehn hatte Zentralheizung. Die Mehrheit der DDR-Bürger lebte ohne Innen-WC, viele sogar ohne fließendes Wasser. Daran ändert sich in den Innenstädten wenig, die Neubauten hingegen hatten Badewanne, Warmwasser, WC und Zentralheizung. Natürlich zog man da in die „Platte“, wenn es sich ergab. Wohnungen wurden vom Amt zugeteilt – übrigens ein Grund, jung zu heiraten, da Ehepaare bevorzugt wurden.

Von Anfang an haderten die Bewohnerinnen und Bewohner mit den neugebauten Wohnungen. Sie bestanden aus recht kleinen Zimmern. Der größte Raum war selten mehr als 20 Quadratmeter groß. Zusammen mit dem wenig abwechslungsreichen, auf die engen Grundrisse optimierten Angebot der zentral gelenkten Möbelindustrie führte dies dazu, dass die Wohnungseinrichtungen sich oft zum Verwechseln ähnlich sahen. So wie hier in der Bauaustellung in Berlin-Weißensee zu sehen ist.

© Wikipedia / Jörg Blobelt

In der Bauindustrie der DDR fehlten Arbeitskraft, Material und Motivation. Das sieht man den Gebäuden bis heute an. Die Plattenfugen sind oft schief und abgesplittert, die Dichtungen eine Achillesferse. Bereits aus der Frühzeit der Plattenbauten sind Berichte überliefert, dass der Wind bei nagelneuen Wohnungen durch die Fugen unter den lose geklebten Teppichboden blies und ihn anhob, so dass er sich um die Möbel herum rasant abnutzte – das hat sich heute erledigt. Viele der Blöcke sind extrem hellhörig, das hat sich hingegen leider auch nach einer Sanierung oft nicht geändert.

Befragungen von 1982 zeigen, dass der DDR-Bürger nicht aus Leidenschaft im Plattenbau wohnte. Wie der heutige Durchschnittsdeutsche träumte er vom Einfamilienhaus, was aber nur für sehr wenige erreichbar war. Nach der Wiedervereinigung wurden die katastrophal vernachlässigten Altbauten auf einmal massenweise saniert, es durften endlich Häuschen gebaut werden und viele zogen aus. Außerdem erlebte Ostdeutschland einen radikalen Strukturwandel mit Deindustrialisierung und Bevölkerungsrückgang. Die Städte schrumpften hauptsächlich dadurch, dass man Plattenblöcke wegriss oder verkleinerte – die historischen Innenstädte sollten erhalten bleiben.

Nahezu überall, wo man die Wahl hat, haben die Plattenwohnungen die erheblich niedrigeren Mieten

Das alles passierte zu einer Zeit, als man im Westen längst von Großsiedlungen im Fertigteilbau abgekommen war und auch die Diskussionen über sogenannte soziale Brennpunkte halbwegs durch waren. Und da kamen nun also fünf neue Länder voll mit – teils noch brandneuen – Großsiedlungen, aus denen auch noch massenhaft die wegzogen, die es sich leisten konnten.

So entstand die Gleichung: Plattenbau = Ostdeutschland = soziale Notlagen.

Der miserable Ruf der Plattensiedlungen ändert jedoch nichts an ihrem Wohnwert. Die Bausubstanz hat ihre Macken, ist aber in Ordnung und dauerhaft. Vor allem ist das Preis-Leistungs-Verhältnis gut. Im für ostdeutsche Verhältnisse extrem überlaufenen Jena ist es sogar sensationell. Nahezu überall, wo man die Wahl hat, haben die Plattenwohnungen die erheblich niedrigeren Mieten. Die billigen Fußböden, Aluminiumleitungen und kaputten Dichtungen haben sich durch die zwischenzeitliche Sanierung erledigt.

Häufig haben die Bauten neue Fassaden mit zusätzlicher Wärmedämmung bekommen oder man hat sie wenigstens gestrichen. Hier und da wurden Wohnungen sehr kreativ umgestaltet – schließlich ist ja nur alle sechs Meter eine tragende Wand. Es gibt Kernsanierungen, bei denen die Gebäude hinterher eigentlich nur noch an den Proportionen als Plattenbauten erkennbar sind. Schaut euch das Video an: Sieht das hier nach Plattenbau aus?

https://youtu.be/T9D8_czejFo

Nach meinem Erstkontakt mit der Platte hatten wir einige Zeit, um uns zu überlegen, ob wir die Wohnung wirklich wollten. Ich schaute mir die Umgebung genauer an, und das relativierte den Waschbeton-Schock dann doch wieder. Vom Küchenfenster schauen wir auf große Buchen und Platanen, blühende Wiesen, einen Spielplatz, einen Fahrradschuppen, Tischtennisplatten, einen gut besuchten Grillplatz und Bänke, auf denen Rentnerehepaare Händchen halten. Praktisch alle Wohnungen haben einen großen Balkon oder eine Terrasse. Dafür, dass 270 Parteien um diesen kleinen Park herum wohnen, ist es eigentlich immer erstaunlich ruhig.

Wer noch keine Plattensiedlung gesehen hat (wie zum Beispiel meine Familie, bevor sie zum ersten Mal hier war), denkt meist, die Blöcke seien ohne Rücksicht auf die Landschaft irgendwie hingeklotzt. Das Gegenteil ist der Fall. Gut, im Neubauviertel Jena-Lobeda beispielsweise wurden die ersten Blöcke noch einfach in einem rechtwinkligen Raster aufgestellt, aber das war dann sogar den DDR-Institutionen zu simpel, und in der Folge kamen geknickte und zuletzt sogar gerundete „Schlangen“ auf, um alles ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten und die Bauten besser in die Landschaft zu integrieren. Jena-Winzerla, wo ich wohne, ist terrassenartig in den Hang des Saaletals hineingebaut. Durch die relativ großen Abstände zwischen den Häuserzeilen kommt überall Licht hinein, es gibt keine Wohnung, aus der man nur auf Wände schaut. Von den oberen Geschossen aus hat man oft eine spektakulär schöne Aussicht. Das haben wir im Erdgeschoss nicht, aber dafür haben wir eine große Terrasse.

In Ost und West fühlen sich die Bewohner von Großsiedlungen dort ganz gut, während von außen Probleme auf sie projiziert werden

Auf dem Weg durchs Viertel geht man ständig durch Grünanlagen und trifft an jeder Ecke auf einen Spielplatz. Die Häuserzeilen bilden Wände, die verschiedene Räume voneinander abteilen, es wird aber nie richtig bedrückend, weil diese Räume immer irgendwo offen sind. Die Freiräume waren schon zu DDR-Zeiten parkähnlich angelegt, mit Wasserläufen und Brunnen. Seit der Wende wurden sie ständig weiterentwickelt. In unserem Viertel findet man immer einen Parkplatz, alle zehn Minuten fährt die Straßenbahn in die Innenstadt, es gibt Kindergärten und Schulen und alle Geschäfte, die man im Alltag braucht. Und vom Mittelpunkt des Viertels führt eine Treppe den Hang hinauf zu einer Wiese mit Obstbäumen, wo die Wanderwege in den Wald anfangen. Schaut mal – ich finde, mein Plattenbauviertel hat etwas von einem Kurpark:

https://youtu.be/JADrVIXdzs8

Die meisten meiner Freunde und Bekannten verstehen zunächst nicht, warum wir hierher gezogen sind, solange sie nicht zu Besuch gewesen sind. Danach ist es aber völlig klar. Die Wohnung hat Terrasse, Badewanne, Keller und Fahrradraum, liegt ruhig und grün, Einkaufen ist völlig unproblematisch. Das ist alles nicht spektakulär; aber: Es kostet eben nur halb so viel wie eine vergleichbare Wohnung im Zentrum. Die allermeisten Bewohner sind mit ihrer Wohnsituation im Viertel völlig zufrieden, das weiß man aus regelmäßigen Umfragen der Vermieter.

Leider ist es aber seit Jahrzehnten so, dass man vor allem über Plattenbewohner redet, aber nicht mit ihnen.

Also habe ich es getan. Ich habe mit Sandy Wieding telefoniert, die „in der Platte“ aufgewachsen ist und seit letztem Jahr in Berlin-Marzahn wohnt, einer der berüchtigteren Plattenbausiedlungen Deutschlands. Sie erzählt, dass in Berlin die Politik gerade befürchtet, dass durch das Eingeschlossensein wegen des Coronavirus die häusliche Gewalt zunimmt. Dafür wurde sofort das Wort „Marzahn-Szenario“ geprägt, weil natürlich alle davon ausgehen, dass Plattenbewohner besonders gewalttätig sind. In Wirklichkeit geben die Statistiken das überhaupt nicht her, es gibt in Marzahn sogar relativ wenig häusliche Gewalt. Aber die Wahrnehmung passt zum Klischee. Und dazu, dass sich eigentlich überall in Deutschland, Ost wie West, die Bewohner von Großsiedlungen dort ganz gut fühlen, während von außen Probleme auf sie projiziert werden; oft von Menschen, die noch nie dort waren.

Sandy erzählt, dass sie gerne in Marzahn wohnt, dass es genügend Supermärkte und eine gute Verkehrsanbindung gibt, wenn auch keinen Biomarkt und keine Kneipe, die ihr wirklich zusagt. Gut, die Fassaden sind auch in Marzahn hässlich, aber es wird zweimal in der Woche der Müll aufgesammelt, die Wohngesellschaft hält alles in Schuss. Dass die Innenstadt sauber und die Platte dreckig sei, hält Sandy für ein reines Vorurteil: „Ich kann hier ins Dorf Marzahn laufen und Tiere angucken.“

Das industrielle Bauen mit vorgefertigten Teilen kommt aktuell wieder in Mode

Was die Plattenbauten heute, in Zeiten von Wohnungsmangel und Mietenexplosion, als Konzept wieder reizvoll erscheinen lässt, ist der Gedanke, erschwingliche und komfortable Wohnungen massenhaft zu produzieren. Es ist klar, dass WBS 70 und DDR-Stadtplanung hier höchstens Ansätze liefern können. Es gibt seit den fünfziger Jahren immer wieder Beispiele für wesentlich raffiniertere Großwohnanlagen. Ein Lehrbuchbeispiel sind die riesigen Hochhäuser im Wiener Stadtteil Alterlaa: Unten mit Hallenbädern und Clubräumen für Vereine ausgestattet, oben mit Pools auf dem Dach, und jede Wohnung mit begehbarem Kleiderschrank und Terrasse oder Balkon.

© Wikipedia / Thomas Ledl

Der Schlachtruf dieser Art von aufwändigem, aber erfolgreichem Sozialwohnungsbau war: „Wohnen wie Reiche, aber für alle.“ Spätestens seit dem Beginn des großen Mietenanstiegs in Deutschland seit 2012 muss man die Tragweite dieses Satzes nicht mehr erklären.

Das industrielle Bauen mit vorgefertigten Teilen kommt aktuell wieder in Mode. Man baut allerdings nicht mehr mit Platten, sondern eher mit Modulen, bei denen Wände, Boden und Decke schon zusammengebaut angeliefert werden; die Bausysteme sind wesentlich raffinierter als das WBS 70 und erlauben auch problemlos Blöcke mit Ecken. Waschbeton und schiefe Fugen gibt es nicht mehr. Von begehbaren Kleiderschränken und Schwimmbädern hört man aber auch nichts – es geht vor allem darum, Wohngebiete zu verdichten und Lücken zu füllen. Großprojekte, die das Leben vieler Menschen auf einen Schlag verbessern, stehen scheinbar nicht mehr auf der Agenda.

Technisch und planerisch gibt es aber keinen Grund, warum es nicht möglich sein sollte, seriell vorgefertigte Wohnbauten auf der Höhe der heutigen Technik, mit Terrassen und großen Balkonen, Pools und Bolzplätzen auf dem Dach zu Zehntausenden aus dem Boden zu stampfen. Genauso, wie Ikea-Möbel heute nicht mehr klapprige Billigkisten sind, sondern einfach bezahlbare Möbel mit guter Haltbarkeit und einem Design, auf das sich die meisten irgendwie einigen können, bräuchten neue Plattenbauten heute kein WBS 70 mehr zu sein.

Der Wunsch, das Ikea-Prinzip auf den Wohnungsbau zu übertragen, hat seine Verheißung nie verloren. Vermutlich wird es aber nie so sein, dass man sich in die Platte sofort verliebt – man muss Erfahrungen mit ihr machen, bevor man sie ins Herz schließt.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

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