© Christian Gesellmann

Tagebuch einer Pandemie

Plötzlich überall China-Hass

von Christian Gesellmann
etwa 16 Min. Lesedauer
Bearbeiten Share–URLs Kommentare Download Lesezeichen

Montag

Meine Heimatstadt Zwickau hat im Februar 300 Schutzkittel für Krankenhauspersonal in die Partnerstadt Yandu nach China geschickt. Yandus Bürgermeister hat sich nun in einem Brief bedankt und angekündigt, 20.000 Schutzmasken nach Zwickau zu schicken. Das ist eine schöne Nachricht und keine seltene. Ähnliche gegenseitige Hilfen gab es auch unter vielen anderen Städten. Wenn man „China Partnerstadt Corona“ googelt, findet man Dutzende Beispiele aus dem ganzen Land.

Das Auswärtige Amt hat im Februar insgesamt mehr als 14 Tonnen medizinische Schutzausrüstung und Sprühgeräte für Desinfektionsmittel nach China geliefert. Nachdem es in Wuhan, dem ersten Epizentrum des neuen Coronavirus, inzwischen offenbar keine neuen Infektionen mehr gibt und der Shutdown der Stadt gelockert wird, rollt nun der Güterverkehr auf der sogenannten Neuen Seidenstraße wieder. Der erste Zug – von Wuhan nach Duisburg – kommt in ein paar Tagen an und transportiert unter anderem mehr als 166 Tonnen medizinische Schutzausrichtung für Deutschland und weitere europäische Länder. Es gibt auch zahlreiche Initiativen von Einzelpersonen mit Kontakten in beiden Ländern, von Laboren, Firmen etc.

Nachrichten wie diese sind nicht schwer zu finden. Aber Nachrichten wie diese gehen nicht viral. Viral geht es, wenn jemand behauptet, die Chinesen hätten den Virus im Labor gezüchtet. Oder, dass dieses ganze Corona-Ding ein Manöver der Chinesen sei, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Es stimmt, dass die chinesische Regierung bezüglich Corona gelogen hat, und dass man auch heute noch keiner ihrer Statistiken trauen kann. Was übrigens auch ein Problem für die Chinesen selbst ist, denn die Regierung in Peking hätte wahrscheinlich selbst eher besser informiert sein können, hätten lokale Behörden in Wuhan nicht wie üblich die Zahlen geliefert, die ihnen weniger Ärger einbringen als die Realität. Es brauchte mutige Ärzte und Bürgerjournalisten, um Ausmaß und Schwere des Ausbruchs bekannt zu machen.

„Mir stehn hier an, und der geht einfach ... Also! Junger Mann, hier gehts fei nich nach Schönheit!“
„Mir stehn hier an, und der geht einfach ... Also! Junger Mann, hier gehts fei nich nach Schönheit!“

Christian Gesellmann

Hätten chinesische Behörden den Ausbruch nicht wochenlang verleugnet, wäre wahrscheinlich Einiges besser gelaufen, vor allem für politische Systeme, die auch in Krisenzeiten mit den zeitverzögernden Effekten demokratischer und freier Gesellschaften umgehen müssen, und nicht über Nacht Dutzende Millionen Menschen in Quarantäne schicken können. Wäre die Presse in China frei, würden jetzt nicht Menschen verschwinden, die ihre Regierung gedrängt haben, die Wahrheit zu sagen. Vielleicht wäre Covid-19 jetzt keine Pandemie. Vielleicht.

Donald Trump lügt auch jeden Tag. Und sein grotesker Egoismus wird nun sehr viele Menschen das Leben kosten. Aber wie wir über Amerikaner denken und uns ihnen gegenüber verhalten, das ändert kaum bis gar nichts daran. Viele Asiat:innen in Deutschland laufen hingegen gerade Spießruten, wie die Journalistin Nhi Le am eindrücklichsten beschreibt, die von der Zeit letztes Jahr zu den wichtigsten 100 jungen Ostdeutschen gezählt wurde.

#IchBinKeinVirus

Viele haben aus der Flüchtlingskrise gelernt, dass man mit Leuten, die an Verschwörungstheorien glauben und/oder sie verbreiten, meist besser gar nicht erst anfängt zu diskutieren. Wie die Flüchtlingskrise vor ein paar Jahren, ist nun wieder eine Zeit, in der man auch im eigenen Freundeskreis oder in der Familie konfrontiert wird mit Sprüchen, die man nicht stehen lassen kann. Unter anderem, weil die Sprüche von heute die Straftaten von morgen sind.

Deshalb habe ich hier ein wenig Futter gesammelt für die Coronakämpfe im privaten Umfeld.

Neben Faktenhuberei geht es in solchen Diskussionen ja oft auch um die Fähigkeit, erfolgreich miteinander zu kommunizieren. Demo in der eigenen Wohnung geht nicht gut. Meine Kollegin Susan gibt in dem tollen Artikel Wie gehe ich mit Freunden um, die an Verschwörungstheorien glauben? wertvolle Tipps.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen hörenswerten Podcast zu Corona. In der ersten Folge informieren Karolin Schwarz und Jan Rathje über die verbreitetsten Verschwörungstheorien zur Pandemie. Dabei sprechen sie auch über den häufig sehr ähnlichen Kern solcher Theorien und wie ihm mit Hintergrundwissen und Faktenchecks etwas entgegengehalten werden kann.

Und StrgF hat ein sehr gutes Video gemacht zu den „krassesten Verschwörungstheorien“ und dabei auch sehr gut beleuchtet, wieso die sich gerade unter rechtsextremen Medienmachern breit machen:

https://www.youtube.com/watch?v=3duErFbfFM0

Dienstag

Enten angucken ist ein Ding geworden
Enten!
Enten machen gar nix den ganzen Tag
Außer nach irgendwas im Wasser schnappen
Oder tauchen
Flupp sind sie weg
Irgendwie elegant sogar
Das muss man ihnen lassen
Den Enten
Jetzt rächt es sich, kein krisenfestes Hobby zu haben
Oder überhaupt irgendein Hobby
Außer in die Bar zu gehen
Wie viele Infizierte sind jetzt gerade joggen?
Wer hat alles Schnupfen auf Tinder?
Wie viele sind am Virus gestorben und stehen nicht in der Statistik?
Es wäre besser, wir wüssten es
Das und wo du gerade bist
Wir müssen da jetzt zusammen durch
Aber jeder alleine
Freelancer streifen nachmittags zerbombt durch die Parks
mit Sonnenbrillen und Bierflaschen
Die sie jetzt selber zum Pfand bringen müssen
Väter spielen Fußball mit den Söhnen
Die sie sonst abgeben können
Screenshots vom Chatten mit den Besties
Sind die neuen Selfies
Und alten Leuten kann man aus dem Weg gehen
Bist du wirklich soviel einsamer als sonst?
So eine Ausnahmesituation
Und fühlt sich doch so normal an
Das wird man später seinen Kindern erzählen
Aber vielleicht kommt ja bald die nächste Pandemie
Und wird noch schlimmer
Dann werden die Kinder uns was erzählen
In Wasservögeln zirkulieren Viren um die Welt

There's a new boss in town
There's a new boss in town

Christian Gesellmann

Mittwoch

In Deutschland sterben mehr Menschen durch Selbstmord als durch Autounfälle und Drogen zusammen. Es ist schwer, sich vorzustellen, was es bedeutet, Depressionen zu haben.

Vor mehr als zehn Jahren hat sich in Deutschland der öffentliche Diskurs zum Thema Depression entscheidend gewandelt, nachdem der Weltklassefußballer Robert Enke Selbstmord beging. Zwei Tage zuvor hütete er noch das Tor seines Bundesligavereins Hannover 96. Dass er die beiden vorhergehenden Spiele der Nationalmannschaft verpasste, war zunächst mit einer bakteriellen Infektion erklärt worden. Erst nach seinem Tod wurde bekannt gegeben, dass der Grund Depressionen waren.

Wie viele Menschen, die an der psychischen Störung leiden, hatte sich Enke entschieden, die Krankheit geheim zu halten. Die enorme öffentliche Anteilnahme an seinem Tod hat es vielen Depressiven erleichtert, sich mitzuteilen. Dennoch sind sie im Alltag oft mit dem Vorurteil konfrontiert, dass eine Depression sowas wie die beschissene Schwester der schlechten Laune sei. Und dass man denjenigen vielleicht nur mal wieder zum Lachen bringen müsste, dann sähe die Welt schon nicht mehr so trüb aus.

Ich selbst hatte Depressionen, und das hat mich fast meine Beziehung gekostet, meinen Job, und hätte ich nicht ein paar wirklich gute Freunde, noch viel mehr. Einer, der mir ganz besonders geholfen hat zu verstehen, was da passiert, ist mein Kollege Martin Gommel. Er ist Sozialarbeiter und Fotograf und normalerweise schreibt er keine Artikel. Seine Depressionen, was das überhaupt ist und wie er damit klarkommt, hat er vor zwei Jahren in einer Serie beschrieben, die ich jedem ganz besonders warm ans Herz lege.

Insbesondere jetzt, da durch die Corona-Ausnahmesituation Depressive nochmal extra gefährdet sind, wie Martin in seinem neuesten Artikel Get the fuck out schreibt:

„Ein entscheidendes Symptom meiner Krankheit ist massive Antriebslosigkeit. Nein, das ist kein ‚Ich habe heute keine Lust zu arbeiten‘-Gefühl. Nochmal: Depressionen sind eine echte Krankheit. Ich kann in solchen Momenten nicht mal pullern gehen. Es fühlt sich an, als ob ich gefesselt im Bett liege, nur dass das keine BDSM-Session ist, sondern dass sich mein Körper schlicht und ergreifend verweigert.“

Genau deshalb werden wir Depressiven von Therapeuten zur Aktivierung ermuntert. Sie fordern beispielsweise, dass wir aufstehen und einen Kaffee trinken, und wenn es nur kurz ist. Ja, allein das kann für Depressive sehr schwer sein. Wenn das irgendwann geht, sollen wir raus, andere Menschen treffen. Raus aus der Wohnung, raus aus dem Loch.

Die Corona-Krise drückt uns gerade in das Gegenteil dessen, was gut für uns ist, rein in die krankheitsfördernden Gewohnheiten, nicht raus. Wir sollen uns nicht bemühen, rauszukommen und soziale Kontakte zu pflegen.

Es gibt für dieses Dilemma keine einfache Lösung, und ich werde den Teufel tun, die Regierung dafür zu kritisieren, dass sie uns zu sozialem Abstand auffordert. Kritik habe ich dennoch – weil sozialer Abstand aus Gründen, die nichts mit Viren zu tun haben, Leben kosten kann. Und viel zu wenig dagegen getan wird.”

Donnerstag

„Es werden Menschen weniger Gewinne machen in diesem Jahr.“ Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier

Couscous?
Couscous?

Christian Gesellmann

Freitag

Dinge, die man jetzt endlich mal machen kann:
💺abwarten, Tee trinken
⛲️ E-Mails von vor zwei Jahren beantworten, ohne sich zu entschuldigen
🏌️‍♂️Ironie-Grundkurse anbieten
🍳eine Tischdecke auf den Tisch tun
🏖 Italo Calvino paraphrasieren: „Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen.“ Sag es den anderen gleich: „Nein, ich will nicht fernsehen!“ Heb die Stimme, sonst hören sie‘s nicht: „Ich lese, ich will nicht gestört werden!“ Vielleicht haben sie‘s nicht gehört bei all dem Krach; sag‘s noch lauter, schrei: „Ich fang grad an, den neuen Roman von Italo Calvino zu lesen!“ Oder sag‘s auch nicht, wenn du nicht willst; hoffentlich lassen sie dich in Ruhe.“
🦇Lernen, wie man Memes bastelt
🤩Heizung im Bad auf 5 stellen, Fahrrad-Lampen auf Strobo, Licht aus —> eigene Boiler-Room-Folge
🤠die Messer schärfen


Das war die 1. Woche

Samstag

„Jo, Brud was machst du Samstag, ich hab keine Kohlen mehr und es soll jetzt noch mal paar Tage richtig kalt werden und ab Montag ham auch die Baumärkte alle geschlossen.“

Wir treffen uns am menschenleeren Hauptbahnhof. Laufen an den Gleisen lang Richtung Obi. Die Schlange vor dem Eingang geht einmal um den halben Parkplatz. Zwei paar Menschen. Zwei Meter Abstand. Der Wind pfeift. Ein Security mit Sonnenbrille geht die Schlange ab, zeigt auf einen Jungen, neun oder zehn Jahre alt.

„Kinder dürfen nicht rein.“

Der Vater nickt.

Am Ende warten wir gar nicht so lang. Vielleicht zehn Minuten. Als Kinder schippten wir die Kohlen, die uns ein LKW in den Hof kippte, durch ein kleines Fenster direkt in den Keller. Ich mochte das schwarze Poltern der dicken, leichten Steine und den trotzigen Trauerflor, den sie auf dem Beton hinterließen.

Die Kohlen stehen gleich an der Kasse. Flach wie Funktelefone, sauber gestapelt und immer zu 25 Kilogramm gebündelt. Da sind noch zwei Typen, die Kohlen kaufen. Für die WG. Sie packen 200 Kilo auf ihren Wagen. „Ey, könnt ihr uns mitnehmen?“, fragt M.

„Nee. Twingo“, sagt einer der beiden.

Geranien kaufen die Leute jetzt viel. Zeug für den Garten. Pflanzen für den Balkon.

„Ihr seid meine ersten Gäste seit vier Stunden“, sagt der Taxifahrer. Ohne zu Meckern lässt er uns die Kohlen in seinen Kofferraum wuchten. „Ich bin keener, der sich so schnell verrückt machen lässt“, sagt er. Die Chefin hat schon Kurzarbeit beantragt. „Mal ganz ehrlich, bissl übertrieben ist das doch.“ Könnte sich doch gleich mit der Funke aufs Sofa setzen, so wenig ist los. Aber was soll’s. Von Tag zu Tag müsse man denken.

„Aber etwas hab ich mich jetzt schonmal gefragt: Was machst’n, wenn nächste Woche dein Fernseher kaputt geht?“

Auf der Suche nach Nahrung
Auf der Suche nach Nahrung

Christian Gesellmann

Sonntag

Meine Mutter ist Krankenschwester seit sie 16 Jahre alt ist. Natürlich geht sie morgen zum Dienst auf Station. Sie hat in den vergangenen Jahren aber auch mehrere Lungenentzündungen gehabt und eine Herz-OP, und das private Krankenhaus, in dem sie arbeitet, war schon zweimal insolvent und ist seit Jahren auf Sparkurs, am Wegrationalisieren, Ausgliedern, Entlassen. „Na, mal sehen, ob wir Montag dann auch Masken haben“, sagt sie am Telefon.

In Italien sind inzwischen rund 4.000 Mitarbeiter:innen der Krankenhäuser selbst mit Corona infiziert. Die Krankenhäuser selbst seien „Drehscheiben“ für das Virus geworden, sagen italienische Ärzte und versuchen andere Länder davon zu überzeugen, mehr Corona-Patienten in ihren eigenen vier Wänden zu betreuen.

Wäre es nicht besser, meine Mutter meldet sich krank? Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich nie krank melden würde, wenn sie nicht krank ist. Wie wahrscheinlich alle Krankenschwestern. Ich vermute, ich an ihrer Stelle würde mich auch nicht krank melden. Sicher ist zumindest: Sie würde sich von mir nicht dazu überreden lassen. Ich lasse mir doch auch nichts sagen. Wer lässt sich schon was sagen, wenn es um ... ja, um was eigentlich geht? Um Leben und Tod? Wir wollen jetzt öfter telefonieren.

Montag

Wenn du 1997 einen Artikel über eine Viruspandemie im Jahr 1918 geschrieben hast, und man kann den im März 2020 lesen und denken: Wahnsinn, ich glaub, ich hab noch nie an einem Tag so viel verstanden – dann kannst du nur Malcolm Gladwell heißen.

„China has been the source of the last two pandemics, and most observers think it likely that the next will be from there as well, possibly arising out of the marshy resting sites for ducks both along the nation’s eastern seaboard and inland in an arc extending from Gansu Province to Guangxi, on the southern coast. Over the past few years, the Centers for Disease Control has funded ten flu laboratories in China. The number of strains sent to the C.D.C. from China every year has now reached two hundred, up from about a dozen several years ago.“

Gladwell nimmt uns in dieser sechsteiligen Reportage für den New Yorker mit auf die komplexe, faszinierend koordinierte, globale Jagd auf die Grippeviren, die uns als „wanderndes Genmaterial“ immer ein paar Mutationen voraus sind.

Er erklärt, wie Grippeviren verbreitet werden, was sie überhaupt sind, wie sie vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, warum sie meist harmlos, und plötzlich schockierend tödlich sind, was sie dann genau im Körper anrichten - und ein bisschen auch, warum wir das alles einfach nicht so wirklich verstehen können. Was das Letztere angeht, machen wir wahrscheinlich alle gerade unsere eigenen Erfahrungen. Dieser Artikel hilft zumindest dabei zu verstehen, was der größere Zusammenhang ist, wenn plötzlich die halbe Welt krank wird.

Dienstag

Normalerweise arbeite ich ja eins-, zweimal die Woche in einer Bar, und eine der besten Sachen daran ist, irgendwann zwischen nachts und morgens allein nach Hause zu laufen, wenn die Stadt schläft und keine Bahn mehr fährt und die Ampeln alle ausgeschaltet sind.

Es dauert immer eine Weile, bis das Rauschen in meinen Ohren aufhört und mein Blick sich vom Boden hebt, bis es leer wird in meinem Kopf und ich, irgendwo zwischen Felsenkeller und Brockhausstraße, darüber staune, wie ruhig diese Stadt sein kann, und wie gut die Luft riecht.

Ich fühle mich dann immer wie ein Kind, und manchmal könnte man mich dann leise pfeifen hören, wenn man mit offenem Fenster nicht schliefe. Es liegt etwas Beruhigendes darin, dass, egal wie viele Dinge heute wieder für immer verloren gingen, jede Nacht einen neuen Morgen bringt, dass überall hinter diesen dunklen Fenstern Menschen schlafen, die bald wieder aufwachen.

Leipzig im Moment fühlt sich ein bisschen an, als wäre der Morgen nicht zur Arbeit gekommen und deshalb ist immer noch Nacht, mitten am Tag.

In Isolation.
In Isolation.

Christian Gesellmann

Mittwoch

Dinge, die man jetzt endlich mal machen kann:

  • die Treppe nehmen
  • Cross-Dressing aller Angehöriger des Hausstands
  • Hotboxen in der Badewanne
  • was anderes als Bolognese
  • Selbstgespräche
  • den todesgrauen Siff aus dem Staubsaugerfilter rausholen und nie wieder langhaarige Leute in die Wohnung lassen
  • Dekantieren
  • die Tastentöne am Telefon an
  • den todesgrauen Siff aus der Waschmaschinendichtung fummeln
  • Katze kaufen
  • Vollbart wachsen lassen, dann alles abrasieren bis auf einen Ziegenbart, passende Krawatte dazu tragen und unerkannt beim LKA anfangen
  • sagen: „es ist besser, wir sehen uns nicht mehr“, und dabei zum ersten Mal kein Arschloch sein
  • Spinat

Donnerstag

„Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.“ Angela Merkel

Am Elsterflutbecken.
Am Elsterflutbecken.

Christian Gesellmann

Freitag

Am 24. Januar, dem Tag des chinesischen Neujahrsfestes, schreibt Dr. Chen Jiang einen Brief an sein neugeborenes Kind. Chen und seine Frau sind Ärzte in der Provinz Zhejiang, südlich von Shanghai. Dort versorgen sie Covid-19-Patienten aus der Umgebung von Wuhan. Ein Auszug aus dem Brief:

„Liebes Baby!

Frohes neues Jahr! Ich konnte dich nicht zum Neujahrsfest in meine Heimatstadt begleiten und hatte nicht mal Gelegenheit, dir zu schreiben. Eines Tages wirst du deine Eltern verstehen und ihnen vergeben. Die Corona-Epidemie ist eine sehr ernsthafte Situation, aber Informationen fallen derzeit wie Schneeflocken. Deine Mutter und ich kämpfen an erster Front gegen das Virus. Auf uns lasten nun ein unvergleichlicher Druck und eine nicht auszuhaltende Verantwortung. Deine Mutter ist stellvertretende Vorsitzende einer Expertengruppe für die Behandlung dieser neuen Form der Lungenentzündung. Sie muss nun sehr schnell viele richtige Entscheidungen treffen: Welcher Patient soll auf der Isolationsstation im Krankenhaus behandelt werden, welcher Patient soll in die zentrale Aufnahme geschickt werden zur Isolation und Beobachtung?

Diese Epidemie ist wahnsinnig kompliziert. Wir wissen noch nicht genau, wo das Virus herkommt und wie es sich verbreitet. Alle Menschen sind anfällig. Deine Mutter trägt Verantwortung dafür, dass sie Patienten erkennt, die die neue Lungenentzündung haben, denn wenn ihr jemand durch die Finger geht, kann er viele andere Menschen anstecken. Ihr Urteil muss schnell sein und korrekt, die Regierung und die Menschen brauchen Antworten.

Deine Mutter kämpft nun seit zehn Tagen und zehn Nächten. Sie hat kaum Pausen und immer Stress. Gestern nachmittag habe ich sie kurz gesehen, wie sie müde auf den Treppen saß und telefonierte. Bitte vergib deiner Mutter, dass sie nicht die Zeit hatte, dir eine Nachricht zuschicken über WeChat oder anzurufen. Sie hat wahrscheinlich sogar vergessen, dass das neue Jahr schon begonnen hat.

Gleich beginnt im Fernsehen die große Gala zum Frühlingsfest. Schon zum dritten Mal rufe ich nach deiner Mutter, dass sie zum Essen kommen soll. Man hat uns in der Kantine ein Essen bereitgestellt, in Schalen mit kochend heißem Wasser. Aber inzwischen ist es längst kalt. Ich weiß nicht, wann deine Mutter überhaupt das letzte Mal gegessen hat, und wo diese zarte Frau so viel Kraft hernimmt. Sie ist ein zäher Brocken, genau wie ich.

Baby, du sitzt jetzt bestimmt gerade mit deiner Großmutter, den Onkeln, Brüdern und Schwestern an einem reich gedeckten Tisch und ihr feiert das neue Jahr. Aber diese Epidemie ist noch lange nicht vorbei und unser Land muss kämpfen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich an diesem Tag allein. Deine Mutter ist immer noch beschäftigt, sie hat nicht mal Zeit zu seufzen, und keine Zeit, an Liebe zu denken.“


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel

Prompt headline