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Kleinunternehmen in der Corona-Krise

„Die Banken schauen mir beim Sterben zu“

von Rebecca Kelber
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„Unser Café musste schließen“

Jörg Bühler, 59, Barbesitzer in Hamburg:

Vor zwei Jahren haben meine Partnerin und ich die Café Bar „Pintxos y mas“ eröffnet. Pintxos sind eine baskische Spezialität, die ein bisschen Tapas ähnelt: Lecker belegte Brote, die mit kleinen Stäbchen zusammengehalten werden. Sowas gab es bisher in Hamburg nicht. Wenn man ein Geschäft in der Innenstadt eröffnet, zahlt man oft einen Abschlag von 100.000 Euro. Deshalb haben wir die Bar am Stadtrand aufgemacht, in Schnelsen. Nach dem ersten Jahr hatte sich das Geschäft ganz gut etabliert. Inzwischen sind etwa 80 Prozent unserer Gäste Stammkunden.

Wir haben eine Minijobberin, sonst machen wir alles selbst. Ein normaler Arbeitstag dauert 13 Stunden, geht um 12 Uhr mittags los und ist um 1 Uhr nachts vorbei. Trotzdem sind wir bisher gerade so über die Runden gekommen. Wenn wir im Monat keine unvorhergesehenen Ausgaben hatten, kamen wir plusminus bei Null raus. Wir haben keine Rücklagen.

Jörg Bühler und seine Partnerin von Pintxos y mas

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Wir kamen gerade von einer Woche Urlaub zurück, als die Corona-Maßnahmen losgingen. Seit Anfang März haben wir jetzt geschlossen. Am Anfang durften Restaurants noch bis 18 Uhr geöffnet sein, aber das hat uns auch nichts gebracht. Unsere Gäste kommen erst abends. Wie es jetzt weitergeht, weiß ich noch nicht. Unser Konzept passt leider gar nicht zu einem Lieferservice, die Pintxos schmecken nur ganz frisch und sind auch eher als Snacks gedacht.

Noch einen Kredit aufzunehmen, ist für uns keine gute Lösung. Den müssten wir noch zusätzlich abbezahlen. Und Steuerstundungen? Wir haben vorher schon so wenig verdient, dass wir keine Einkommensteuer zahlen mussten. Das Land Hamburg hat einen Corona-Notfallfonds für Selbstständige eingerichtet, da wollen wir es jetzt versuchen. Dort könnten wir einmalig bis zu 5.000 Euro bekommen. Ich würde mir wünschen, dass sich der Staat unbürokratisch an unseren Mietkosten und Betriebskosten beteiligt, das ist nämlich der größte Ausgabenposten.


„Wenn sich nichts tut, werde ich von einem Tag auf den anderen Sozialhilfeempfänger“

Steffen Blochwitz, 53, Werkzeugmacher in der Nähe von Nürnberg:

„Blochwitz Formenbau Kunststofftechnik“ ist ein Zulieferer mit zwölf Angestellten. Wir arbeiten in zwei Sparten: im Formenbau und als Kunststoffspritzerei. Das heißt, wir stellen Kunststoffteile für verschiedene Anwendungen und Spritzguss- und Druckgussformen her. Wir bauen diese Werkzeuge für unsere Kunden und wenn sie wollen, fertigen wir mit den Formen die gewünschten Kunststoffteile. Bisher kamen meine Kunden aus allen Sparten. In diesem Jahr sollte ein großer Zulieferer für die Autoindustrie zu meinem Hauptkunden werden, etwa 40 Prozent meines Umsatzes sollten durch ihn entstehen. Dafür habe ich vor zwei Jahren in teure Maschinen investiert, die ich immer noch abbezahlen muss. Das ist normal, bevor ein Automodell an den Serienstart geht.

Weil dieser Zulieferer dann aber von meinen Hausbanken als Sanierungsfall eingestuft wurde, musste ich eine Maschine aus eigener Tasche bezahlen. Deshalb war ich in den vergangenen Monaten sowieso schon finanziell angeschlagen. Im Sommer 2019 hat der Serienstart begonnen und die Investition in die Maschinen fing an, sich auszuzahlen. Die Banken waren mit meiner Planung für das Jahr 2020 zufrieden. Dann kam Corona.
Mitte März hat dieser Kunde ein Rundschreiben vergeschickt, dass wir ab sofort und für die nächsten zwei Monate seine Werke nicht mehr beliefern sollen. Außerdem bekommen wir aktuell keine neuen Aufträge für den Werkzeugbau mehr. Das heißt: Von einem Tag auf den anderen mache ich nur noch ein Viertel meines Umsatzes und das bei monatlichen Fixkosten von ungefähr 35.000 Euro. Das Land Bayern hat einen Soforthilfe-Fonds aufgelegt, das Geld habe ich gleich beantragt. Das deckt allerdings im besten Fall meine Fixkosten von einigen Tagen. Jetzt fahre ich die komplette Produktion radikal runter und schicke meine Mitarbeiter:innen in Kurzarbeit.

Steffen Blochwitz

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Die nächsten vier Wochen kann ich von schon erledigten Aufträgen leben, für die jetzt hoffentlich nach und nach das Geld reinkommt. Aber danach tut sich ein Loch auf. Zwei bis drei Monate muss ich überbrücken, mindestens. Gerade weiß keiner, wann die Pandemie vorbei ist. Diese Zeit reicht aber aus, mich so in Bedrängnis zu bringen, dass die Firma ohne staatliche Hilfe insolvent geht. Für mich wären die staatlichen Kreditprogramme eine gute Lösung. Aber meine Hausbanken, über die ich den Kredit beantragen muss, stellen sich quer. Weil ich schon vorher durch meine Investitionen für dieses Projekt finanzielle Schwierigkeiten hatte, weigern sie sich, meinen Fall auch nur zu prüfen.

Dabei bürgt der Staat im Ernstfall für bis zu 90 Prozent des Kreditvolumens. Bei einem Kredit von 100.000 Euro wären das 90.000 Euro. Ich hafte privat für die Firma, meine komplette Existenz steht also auf dem Spiel. Man kann mir freilich vorhalten, dass meine Firma in letzter Zeit ein bisschen wackelig war, aber jetzt schauen die Banken mir beim Sterben zu und das finde ich nicht in Ordnung. Und das, obwohl der Staat unbürokratische Hilfen anbieten will. Wenn sich nicht bald was tut, werde ich von einem auf den anderen Tag Hartz-IV-Empfänger. Ich bin 53, nach einer Insolvenz bin ich zu alt für einen Neuanfang. Aber ich gebe nicht auf.


„Wir beantragen gerade kollektiv Hartz IV“

Toma Dumtios, 29, unterrichtet als Selbstständige Deutsch als Zweitsprache in Berlin:

Ich unterrichte seit Oktober 2018 Deutsch als Zweitsprache für Geflüchtete in Berlin-Neukölln. Und ich gebe Integrationskurse, auf die das Bundesamt für Migration alle Geflüchteten verpflichtet. Für viele Geflüchtete bin ich die erste deutschsprachige Person, mit der sie regelmäßig Kontakt haben. Wir geben nicht nur Sprachunterricht, sondern bereiten die Geflüchteten auf das Leben in Deutschland vor, zum Beispiel den Umgang mit Behörden. Das ist eine wahnsinnig anstrengende Arbeit. Oft habe ich keine Pause, weil meine Schüler:innen zu mir kommen, um zum Beispiel Briefe vom Jobcenter zu besprechen.

Mein Arbeitgeber stellt fast niemanden fest ein, 90 Prozent der Lehrer:innen in meiner Branche arbeiten freiberuflich. Das ist an sich schon eine Sauerei. Vor Corona habe ich einen Integrationskurs die Woche gegeben: 15 Unterrichtsstunden die Woche, plus sieben Stunden Vor- und Nachbereitung. Wenn ich mehr arbeite, sinkt die Qualität des Unterrichts. Dafür verdiene ich 1.700 Euro netto, wovon ich Rücklagen für mindestens zwei Monate Schulferien im Jahr bilden muss. Als Alleinstehende ohne Kinder komme ich damit über die Runden. Aber bei vielen meiner Kolleg:innen sieht das anders aus. Sie müssen zwei oder drei Kurse in der Woche geben. Als Selbstständige gehen für viele durch die ganzen Versicherungen schon tausend Euro im Monat drauf.

Toma Dumcius

Toma Dumcius

Ich habe die Entwicklung von Corona seit Februar verfolgt. Dass mich das einmal finanziell treffen könnte, dachte ich da noch nicht. Mitte März hat der Schulleiter mich und meine Kolleg:innen zu sich gerufen und uns darauf eingestimmt, dass wir bald schließen werden. Das heißt für uns alle, dass wir plötzlich kein Geld mehr verdienen. Offiziell erstmal bis Ende März. Aber wir rechnen natürlich alle damit, dass es länger dauern wird.

Ich habe mit meinen Kolleg:innen eine Whatsapp-Gruppe gegründet, in der wir uns austauschen, was wir jetzt machen können. Momentan beantragen wir kollektiv Hartz IV. Dass die Bundesregierung zinsfreie Kredite angeboten hat, finde ich zynisch. Ich leiste hier wichtige Arbeit und darf mich zum Dank verschulden. Eigentlich wünsche ich mir ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Aber immerhin konnte ich die Steuernachzahlung aussetzen und die Beiträge zu den Sozialversicherungen runterstufen lassen. In die Rentenversicherung muss ich gar nichts mehr einzahlen, bei der Krankenversicherung nur noch den Mindestbeitrag. Dadurch spare ich jeden Monat einige hundert Euro, was mich kurzfristig schon entlastet. Mit dem Geld werde ich ungefähr zwei Monate überbrücken können.

Aber wenn ich noch weiter in die Zukunft gucke, verzweifle ich ein bisschen. Allein schon, weil ich trotzdem irgendwann Steuern nachzahlen muss. Ich versuche einfach, nicht zu weit in die Ferne zu denken. Es ist ja auch noch unklar, welche weiteren Maßnahmen noch kommen.


Danke für die Rückmeldungen an Patrick, Rico und Rike.

Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel

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