© Youtube / Binging with Babish

Essen und Youtube

Die vielleicht besten Kochvideos unserer Zeit sind eigentlich Therapie

von Theresa Bäuerlein
etwa 10 Min. Lesedauer

Hier ein Top-Tipp, wenn man sich plötzlich inmitten einer Pandemie befindet und eine Pause von Klopapierwitzen und Virologen-Interviews braucht: Man betrachte das Karamellisieren von Haselnüssen. Wie der Zucker in der Pfanne langsam Farbe annimmt, wie die Haselnüsse hineinpurzeln, braun und unschuldig und von ruhigeren Zeiten kündend. Das streichelt die Seele, es liebkost die Nerven.

Besonders beruhigend wirken die Nüsse, wenn man sie sich in einem Video von Oliver Babish ansieht, zum Beispiel diesem hier, in dem der Mann drei Sorten Eis zubereitet, darunter auch Haselnuss: „Ice Cream Flavors from Avengers: Infinity War“. Natürlich würde niemand, der auf Youtube nach einem Rezept für Haselnusseis sucht und noch alle Tassen im Schrank hat, diese Suchbegriffe eingeben. Das ist Absicht. Babish kocht auf seinem Youtube-Kanal Gerichte aus bekannten Filmen und Fernsehserien nach. Es ist Essen, das von den Drehbuchschreiber:innen nie als solches gemeint war, sondern als Unfall, als Witz oder Symbol. Diese Videos gehören zu einem neuen Genre, das Babish gerade entscheidend mitprägt. Das schon in Prä-Corona-Zeiten Millionen Zuschauer auf Youtube fand und jetzt erst recht durch die Decke gehen wird, weil es so gut in diese Zeit passt, wie nichts anderes: Man könnte es „Therapeutisches Kochfernsehen“ nennen.

Diese Art zu kochen, ist der Höhepunkt dessen, was Kochfernsehen kann

Als der erste deutsche Fernsehkoch Clemens Wilmenrod in den 1950er Jahren für seine Sendung den Toast Hawai erfand, ahnte er nicht, was die Menschen sieben Jahrzehnte später mit dem Kochfernsehen anstellen würden. Es ist auch für heutige Zuschauer schwer zu erklären. Denn das Format Kochvideo hat in den letzten Jahren seinen Zenit erreicht – und ist dann um eine Ecke abgebogen, die niemand erwartet hätte. Dort passieren seltsame und großartige Dinge. Wenn Foodporn bedeutet, dass man appetitliche Gerichte betrachtet, die man niemals selbst zubereiten würde, ist therapeutisches Kochfernsehen die Betrachtung von Essen, das man noch nicht einmal unbedingt essen will. Es verabschiedet sich vollkommen von der Idee, dass Kochen und Backen einen Zweck und ein Ziel haben müssen. Vielleicht ist es damit der Höhepunkt dessen, was Kochfernsehen kann.

Wer das übertrieben findet, muss sich nur ein paar Videos der Stars dieses Genres ansehen. Zum einen natürlich von Oliver Babish, der in Wirklichkeit Andrew Rea heißt. Rea ist 32 Jahre alt und seine Stimme ist so samtig, dass man davon gute Träume bekommt. Sein Youtube-Kanal „Binging with Babish“ ist vier Jahre alt und hat über sechs Millionen Abonnenten. Er ist einer der beliebtesten Rezeptvideo-Kanäle auf Youtube. Was auch daran liegt, dass seine Show mit den Kochshows von einst so viel zu tun hat, wie „Game Of Thrones“ mit der „Lindenstraße“.

Von Babish gibt es viele Videos im eher klassischen Stil, in denen er zeigt, wie man Sauerteigbrot oder Kichererbseneintopf zubereitet. Das ist solide, aber das können viele. Die Anbetung seiner Fans gewinnt er für seine verrückteren Videos. Mit großem Ernst, handwerklichem Können und den besten Zutaten bereitet er unter anderem unsinnige Gerichte zu wie Rachels Trifle aus der Neunziger-Sitcom „Friends“ – ein Dessert-Alptraum, weil in Rachels Kochbuch zwei Seiten zusammenklebten: Das ergibt Vanillecreme und Himbeeren, darüber eine Schicht geschmortes Rindfleisch mit Erbsen. Oder ein Chili con Carne, wie es der Ethikprofessor Chidi in „The Good Place“ nach einem Nervenzusammenbruch kocht: Dosen-Chili-Con-Carne mit Marshmallow-Enten und M&Ms.

https://www.youtube.com/watch?v=f428glyXdY4

Erst der Schock, dann die Erlösung: Therapeutisches Kochfernsehen ist eine emotionale Reise

Babish kocht das alles tapfer nach und probiert es heldenhaft. Manchmal würgt er leicht. Wenn er das hinter sich hat, entwickelt er ein ähnliches Gericht, das tatsächlich gut schmeckt. Das ist wichtig, denn die Zuschauer:innen machen so im Laufe des Videos eine emotionale Reise durch: Erst der Schock darüber, dass jemand ernsthaft die Pizza mit Bananenpudding aus der Zeichentrickserie „Doug“ backt. Dann kommt die Erlösung: Nach zwei scheußlichen Anläufen, bei denen wir leider unter anderem lernen, dass eine beliebte Pizza in Schweden mit Bananen, Curry und Erdnüssen belegt ist, serviert Babish am Ende einen appetitlichen Fladen aus Kochbananen mit Mozzarella und Tomaten. Und beweist, dass Pizza und Bananen keine Endgegner sein müssen. Etwas daran fühlt sich kathartisch an.

Babish bewältigt die Aufgaben mit einem Ernst und einer Hingabe die in keinem Verhältnis zu ihrer Relevanz stehen. Aber wie er da in schwarzer Schürze am Herd stoisch Pudding rührt, scheint er zu sagen: Ist nicht so vieles, was wir tun, sinnlos, angesichts unseres lächerlichen Platzes in einem gleichgültigen Universum? Ist es nicht ein Zeichen menschlicher Größe, dabei Würde zu bewahren?

Oder sind das bloß die Fragen, die man stellt, wenn man zu viele Kochvideos geguckt hat?

Übrigens: Babish ist zur Zeit an Covid-19 erkrankt und zeigt in diesem großartigen Video, wie man auch unter diesen Umständen Fassung bewahrt und nicht den Humor verliert.

Es ist Entspannung für Menschen, die gerne Perfektionisten wären, aber zu faul dafür sind

Eine andere Art von Entspannung bringt der Kanal „French Guy Cooking“. Hier finden Menschen mit zwanghaften Tendenzen Entspannung, aber auch solche, die gerne Perfektionisten wären, doch zu faul dafür sind. „Alex“ ist der Gastgeber, ein sehr französischer Franzose, der in seinen Videos für ein größeres Publikum Englisch spricht. Seine Selbstbeschreibung lautet: „Ich mache Videos über Essen, in denen ich Probleme löse, die nur mich stören.“ So versucht er etwa mit nerdiger Besessenheit über neun Folgen hinweg, den ultimativen Fleischklops zu kreieren. In einer Folge baut er dafür aus Baumarkt-Plastikrohren eine Fleischklops-Pistole, damit er perfekt gerundete Fleischbälle in Öl werfen kann. Es fühlt sich gut an, ihm dabei zuzuschauen. Warum? Vielleicht ist es einfach schön, für eine Sache zu fiebern, von deren Ausgang nichts abhängt. Vielleicht werden Anthropolog:innen, die unsere Zivilisation in 3.000 Jahren ausgraben, weitere Antworten finden.

https://www.youtube.com/watch?v=ZzBaBqEoCOA&list=PLURsDaOr8hWWt59j2IJlPADnmU6SS-tEk&index=5

Gourmet-Versionen von Industrieprodukten: Niemand hätte den unglaublichen Erfolg dieser Serie erwartet

Bis dahin hilft ein Blick auf die Königin des therapeutischen Food-Fernsehens: Claire Saffitz. Saffitz arbeitet für „Bon Appétit“, eine US-Kochzeitschrift mit einer Auflage von etwa anderthalb Millionen Exemplaren, deren Video-Team noch vor wenigen Jahren ganz normale, dreiminütige Rezeptvideos für Youtube produzierte. Das Magazin folgte der nachvollziehbaren Idee, dass Menschen Rezeptvideos gucken möchten, weil sie an Rezepten interessiert sind. 2017 gefiel es dem Universum, der Bon Appétit-Redaktion eine neue Idee in die Köpfe zu setzen: Wie wäre es, wenn man eine professionelle Konditorin darauf ansetzen würde, eine Gourmet-Version eines Twinkie zu backen? Ein Twinkie ist das Yes-Törtchen der USA, ein sehr bekannter, aber auch sehr scheußlicher Kuchenriegel mit Cremefüllung. Das Ergebnis dieser Idee ist ein elfeinhalb Minuten langes Video, in dem die damals 30 Jahre alte Claire Saffitz die Herausforderung annimmt. Dabei muss sie unter anderem das Problem lösen, welcher hochwertige Kuchen sich prall wie wie ein Industrietörtchen mit Creme füllen lässt. Sie braucht vier Tage, bis sie es schafft. Am Anfang steht ein kleiner, gelber Kuchen, der nach Chemie stinkt, am Ende ein köstliches Gebäck, das man unbedingt sofort in seinen Kaffee tunken möchte. Das ist beeindruckend, aber niemand hätte den unglaublichen Erfolg des Videos erwartet: Zum Zeitpunkt, zu dem dieser Artikel erscheint, stehen die Aufrufe bei sechseinhalb Millionen.

https://www.youtube.com/watch?v=lD2OOTx2G9k

Claire Saffitz machte dieses Video zum Internet-Star, sie bekam eine eigene Show bei Bon Appétit, namens Gourmet Makes, die dem Konzept des Twinkie-Videos folgt. Sie baut also beliebte amerikanische Snacks wie Kitkat und Snickers nach. Folge für Folge räumt die Show Millionen Klicks ab. Saffitz wird auf eine Weise verehrt, die an Paul McCartney heranreicht. Im Internet geht der Hashtag #IWDFCFTBATK rum („I would die for Claire From the Bon Appetit Test Kitchen“). Niemand verblüfft das mehr als Saffitz selbst. Noch heute misstraut sie ihrem Erfolg, als wäre das Internet ein trauriger Hund, der irgendwann vor ihrer Tür saß und beharrlich nicht mehr von ihrer Seite weicht. In Interviews sagt sie wieder und wieder, wie bescheuert sie das Konzept ihrer Sendung am Anfang fand. „Ich habe es gehasst und fand es total unnütz“, wird sie etwa in diesem Artikel zitiert. „Ich dachte, das ist eine sinnlose, ausufernde, ziellose Show.“

Sie hat nicht unrecht. Die Twinkies der ersten Folge konnten Zuschauer:innen noch zuhause nachbacken, aber diesen Anspruch haben die Macher:innen längst aufgegeben. Nun geht es nur noch darum, Saffitz' Leiden und Erfolgen beizuwohnen, wenn sie in tagelanger Arbeit und unter Einsatz aller Geräte, die sie in der Küche finden kann, ein paar Snickers oder eine Handvoll Mentos produziert. Oft ist Saffitz sichtbar frustriert, verdreht die Augen oder seufzt tief. Sie versucht, Cheddarkäse im Dörrautomat zu trocknen. Sie stellt mühsam Haferpops her, die ihre Kollegen grausam mit den Worten „Erinnert an Hundefutter“ kommentieren. Sie bastelt ein Metallkreuz, das sie in eine Pastamaschine einbaut, um mithilfe der Makkaroni-Einstellung eine Erdbeermasse zu hohlen Schläuchen für Gummischlangen zu formen.

„Hier sind keine millionenschweren Maschinen am Werk, sondern menschliche Wesen“

In ihren schlimmsten Momenten sitzt sie einfach nur auf einem Hocker an ihrer Arbeitstheke und starrt ins Nichts, der Regisseur lässt gnadenlos draufhalten und unterlegt die Szene mit trauriger Klaviermusik. Einmal tröstet ein Kollege sie mit den Worten: „Wir sind Menschen, Claire, okay? Hier sind keine millionschweren Maschinen am Werk, sondern menschliche Wesen.“ Etwas mutlos gibt sie zurück: „In diesem Fall ein einziges menschliches Wesen.“ Doch Tiefpunkte wie diese lassen ihre Triumphe nur noch heller strahlen: So meistert sie die für eine Bäckerin ohne Industriewerkzeug eigentlich unmögliche Aufgabe, kleine, hohle Bälle aus Waffelteig für Ferrero Rocher herzustellen. „Ich war noch nie so stolz auf mich“, sagt sie, und meint es ernst.

Es sind Momente wie diese, die zeigen, dass Saffitz eigentlich eine verdammt kompetente Köchin und Konditorin ist. Sie hat ihr Handwerk in Paris gelernt, was man jedem ihrer Handgriffe ansieht und daran wie sie „Pâte de fruit“ ausspricht. Sie ist eine hochqualifizierte Perfektionistin, die das Internet dazu zwingt, per Hand und mit echten Lebensmitteln Snacks zu imitieren, die in Fabriken im Sekundentakt übers Fließband gehen. Das ist extrem ineffizient und das Ergebnis braucht niemand. Claire Saffitz hat also den ultimativen Bullshit-Job. Das Wissen darüber strahlt ihr auch nach fast 40 Folgen aus jeder Pore. Aber, und genau dafür wird sie geliebt, sie lässt sich davon nicht unterkriegen. Sie steckt ihre ganze Energie und all ihr Können in ihre bescheuerte Tätigkeit und scheitert nie: Am Ende kann sie immer einen Erfolg vorweisen. Auch wenn sie selbst laut daran zweifelt, ob irgendjemand mehrere Tage Arbeit investieren sollte, um drei hausgemachte Kitkats zu produzieren.

Saffitz' Arbeit folgt dem gleichen Prinzip wie Babish und Alex: Es ist nicht das Ergebnis, auf das es ankommt, sondern es ist der Prozess. Aber während die beiden anderen als Personen doch eher cool bleiben, liegt Saffitz' besondere Wirkung darin, dass ihre Emotionen in jedem Moment offen liegen. Deshalb identifiziert man sich als Zuschauer:in viel stärker mit ihr. Auch Saffitz hat mittlerweile verstanden, dass sie kein Kochfernsehen macht, sondern Kochtherapie: „Ich glaube, die Menschen erleben eine Art Stressreduktion, wenn sie mir dabei zusehen, wie ich einen stressigen Prozess durchmache …hier findet eine Art von Service statt, bei dem es aber nicht um Kochen oder Backen geht. Der Service ist die entspannende Wirkung“, sagt sie hier.

Saffitz neigt zum Untertreiben und es kann sein, dass sie ihren Einfluss unterschätzt. Bei Bon Appétit kann man T-Shirts bestellen, auf denen eine Zeichnung von Saffitz’ Haaren zu sehen ist, genauer: Von den grauen Strähnen, die ihr Gesicht umrahmen. Sie ist erst Anfang 30, andere Frauen in ihrem Alter würden sich die Haare färben. Saffitz hat sich bewusst dagegen entschieden und zwar in der Zeit um die US-Wahl 2016, in der Trump Präsident wurde: „Ich hatte wichtigere Dinge zu tun, als meine Haarfarbe zu verstecken“, sagt sie. Dieses visuelle Statement macht sie noch mehr zu einer Ikone ihrer Zeit. Man betrachtet ihr graues Haar und denkt: Ja, verdammt, wir leben in schwierigen Zeiten. Doch in der nächsten Szene sieht man, wie Saffitz mit grimmigem Ernst und einem Schleifgerät saure Bonbons bearbeitet, um sie rund zu kriegen. Und man kann nicht anders, als darüber zu lachen, wie lustig und tragisch das menschliche Dasein ist.

https://www.youtube.com/watch?v=Bx5hxm9iNfE#t=21m18s


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel

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