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Zur aktuellen Lage in Deutschland

Egoismus macht das Coronavirus schlimmer, als es sein müsste

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In einer Krise zeigt sich, wozu eine Gesellschaft in der Lage ist. Wie viel Egoismus wir uns jetzt leisten, entscheidet darüber, wie gut wir die Corona-Gesundheitskrise überstehen. Die Zeichen stehen nicht gut.

Desinfektionsmittel, die aus Krankenhausfluren geklaut werden. Schutzkittel und Atemschutzmasken, die von Stationen verschwinden. Apotheken-Großhändler, die nicht liefern können. Gesundheitsämter, die für Arztpraxen in Landkreisen und Städten nicht einspringen können, weil auch ihre Vorräte aufgebraucht sind. Eine Bundesregierung, die den Ausfuhr-Stopp für diese wichtigen Materialien verhängt.

Überall fehlt es an medizinischem Basismaterial. Damit haben wir nicht gerechnet.

Ja, die Politik hat Fehler gemacht. Sie hat zu lange gezögert. Das Mantra „Wir sind gut vorbereitet“ klingt eher nach Wunsch als nach Wirklichkeit. Aber damit allein können wir uns nicht rausreden. Denn in der aktuellen Gesundheitskrise zeigt sich ein Problem, das wir im Alltag für einen Normalzustand halten: Zu viele Menschen denken zu egoistisch. Sechs Beispiele:

Geklaute Atemschutzmasken werden gerade dringend in den Kliniken gebraucht

Menschen klauen Desinfektionsmittel und Schutzkleidung. Was machen sie damit? Wollen sie sich vor Keimen schützen, wenn sie Besuch bekommen? Oder setzen sie sich mit Mundschutz in den Bus? Meine Vermutung ist: Das Zeug wird zu Hause einfach nur gelagert. Für einen Notfall, der in Deutschland nicht kommen wird. Und Deutschland wird auch kein Dekret à la China erlassen, Mundschutz in der Öffentlichkeit zu tragen. Mundschutz nennt man die einfachen Masken. Sie schützen Gesunde ohnehin nicht ausreichend. Die geklauten Atemschutzmasken sind für den medizinischen Einsatz gedacht. Sie können Gesunde gut schützen, werden aber dringend in den Kliniken gebraucht. Dort weiß das Personal auch, wie man sie richtig anlegt. Die Dieb:innen wissen das eher nicht.

Der Unterschied zwischen Mundschutz- und Atemschutzmasken wird in diesem Video (auf Englisch) gut erklärt.

Menschen machen Hamsterkäufe. Für eine Feier wurden in meiner Familie vor Kurzem zwölf Becher Sahne gebraucht. Zum Glück war das Sahne-Regal noch nicht leer. Ist ja auch kein lange haltbarer Artikel. Die Kassiererin fragte beim Bezahlen mit hochgezogener Augenbraue: „Corona?“ Meine Verwandte, lachend: „Nein, Geburtstag!“ Vermutlich hätte sich die Kassiererin bei zwölf Dosen Kidney-Bohnen, acht Gläsern Rotkraut, zehn Dosen Ananas-Stücke, neun Gläsern Bockwürste und fünf Päckchen Klopapier nicht gewundert. Das alles wurde zum Glück für die Feier nicht gebraucht, denn diese Regale waren leer. Die Lebensmittelmärkte freuen sich. Prognose: In einigen Monaten werden noch mehr Lebensmittel weggeschmissen als jetzt schon.

Menschen machen Profit mit der Angst. Ein Online-Händler kaufte im Januar Mundschutzmasken ein, weil er ahnte, dass die Nachfrage steigen wird. Nun verkaufte er sie zu einem Wucherpreis. Kein Einzelfall. Im Internet findet man zwei Flaschen Desinfektionsmittel für 70 Euro. Sie kosten normalerweise 13 Euro. Auch Globuli gegen Corona gibt es. Sie nützen vor allem den Herstellern.

Desinfektionsmittel kann man auch selber machen.

Andere sind versteckt egoistisch

Menschen halten den Ausbruch eines neuartigen Virus für unbedeutend. „Interessiert mich nicht!“ oder „Todesrate um die 0,5 Prozent? Nicht so dramatisch!“, sagen viele. Vermutlich gehören die meisten in dieser Gruppe zu denen, die bei einer Infektion einen leichten Verlauf erwarten dürfen: Sie sind unter 50, haben keine chronischen Krankheiten und sind auch ansonsten fit. Warum können sie sich so schlecht in die Lage von Menschen hineinversetzen, die ein höheres Risiko für einen schweren oder gar kritischen Verlauf haben? Also, in diejenigen, die ohne medizinische Hilfe Gefahr laufen, an Covid-19 zu sterben.

Menschen tun berechtigte Angst als Panikmache ab. „Das ist eine etwas schlimmere Grippe.“ Die Expert:innen sehen das anders. Coronasymptome ähneln zwar denen einer Grippe, beides kann sowohl leicht als auch schwer verlaufen. Aber: Alle Daten deuten darauf hin, dass Covid-19 tödlicher ist als die Grippe. Wie viel tödlicher, ist noch unklar. Zwischen 0,3 und 1 Prozent der Erkrankten stirbt daran, so die derzeitigen Schätzungen. Das heißt: Covid-19 ist wohl drei- bis zehnmal tödlicher als die Grippe. Dass in Deutschland bisher noch niemand daran gestorben ist, ist auch Glück. Und hat damit zu tun, wie in deutschen Laboren mit neuen Tests umgegangen wird. Außerdem spielt unser vergleichsweise gutes Gesundheitssystem eine Rolle. (Nein, es ist nicht perfekt. Dazu in einem anderen Text zu einem späteren Zeitpunkt mehr.)

Menschen, die sich übers Händewaschen lustig machen. „Ist das wirklich ernst gemeint?“, fragen manche und wollen damit zum Ausdruck bringen, dass Händewaschen Pillepalle für sie ist. Ich vermute: Es ist vor allem lästig. Ja, es kostet Zeit. Vor allem, wenn man’s richtig machen will. Dann braucht man eine halbe Minute pro Waschgang. Immer, wenn man draußen war und nach Hause kommt. Immer, nachdem man auf Toilette war. Immer, bevor man mit Essen hantiert. Lästig! Und bei Menschen mit empfindlicher Haut nicht so einfach zu machen. Denn es trocknet die Haut aus. Man muss mehr cremen. Auch wieder lästig. Trotzdem: Es ist die Maßnahme, mit der man am besten sich selbst und andere vor Infektionen schützt. Auch vor der Grippe und anderen Infektionskrankheiten. Magen-Darm zum Beispiel.

Doch hinter dem Egoismus versteckt sich in Wahrheit häufig Unsicherheit

Über das Corona-Virus und Covid-19 wissen wir noch zu wenig. In der Medizin fasst man das so zusammen: „Der Wissensstand ist unsicher.“ Große Unsicherheiten erzeugen Angst. Das ist normal. Aber Angst muss nicht zwangsläufig zu Egoismus führen.

Du solltest dir bewusst machen: Bei Corona geht es nicht nur um dich. Es geht um uns alle.

Vor allem geht es um die, die ein erhöhtes Risiko haben, daran zu sterben, sollten sie sich infizieren. Zum Beispiel um diejenigen, die über 60 sind und diejenigen, die Diabetes, chronische Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs haben. Für diese Menschen solltest du regelmäßig Hände waschen und in deine Armbeuge niesen. Für diese Menschen solltest du einkaufen gehen. Für diese Menschen solltest du wissen, dass Corona tödlicher ist als Grippe. Und dass du deine kranke Nachbarin vor zusätzlichen und potenziell tödlichen Krankheiten schützen kannst, wenn du dir die Hände wäschst und schaust, dass es dir gut geht. Damit du nicht plötzlich Hilfe brauchst in Zeiten, in denen Menschen Vorrang haben, die schlechter dran sind. Es geht darum, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig medizinische Hilfe brauchen und das Gesundheitssystem zusammenbricht, weil Pflegekräfte und Ärzt:innen reihenweise ausfallen.

„Public Health“ – In Deutschland brauchen wir mehr Verständnis für die Gesundheit der Gemeinschaft

In Deutschland sind wir an ein solches Denken nicht gewöhnt. Weil unser Gesundheitswesen darauf konzentriert ist, vorhandene Krankheiten zu kurieren. In anderen Ländern, zum Beispiel Großbritannien, hat der Fachbereich „Public Health“ einen festen Platz im System. Öffentliche Gesundheitspflege heißt das auf Deutsch. Wer kennt den Begriff? Nicht viele, vermutlich. Bei uns bleibt dieser Fachbereich auch häufig außen vor, weil es dabei nicht um individuelle Behandlungen geht, sondern um Gesundheit für größere Gruppen. Dieser Ansatz findet innerhalb unseres Gesundheitswesen kaum statt. Bis man ihn braucht: in der Krise. Dann wird’s natürlich schwierig.

Kein Wunder, dass es vielen fremd ist, sich zuerst um die Gesundheit der Gemeinschaft und ein stabiles Gesundheitswesen zu sorgen. Dabei gilt genauso in Deutschland: Deine Gesundheit hängt auch davon ab, was andere tun.


Redaktion: Philipp Daum, Susan Mücke; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel

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