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Fleischindustrie und Vegetarier

Vegetarier retten vier Millionen Schweine, aber viermal so viele verschwendet das System

von Theresa Bäuerlein
etwa 10 Min. Lesedauer

13,5 Millionen: Seit ich diese Zahl letzten Herbst im Spiegel gelesen habe, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Denn das ist die Zahl der Schweine, die jährlich in Deutschland für den Müll geschlachtet werden. Nicht, weil die Leute ihren Teller nicht leer essen oder Restaurants schlecht kalkulieren, dieses Fleisch also verschwendet wird. Sondern weil dreizehneinhalb Millionen Schweine in der Haltung so krank werden, dass sie verenden oder getötet werden müssen.

Ist das viel? Ja, verdammt viel. 2019 wurden in deutschen Schlachthöfen insgesamt rund 55 Millionen Schweine geschlachtet. Das heißt, zu den Schweinen, die tatsächlich gegessen werden, kommen noch einmal ein Viertel so viele Tiere, die nie auf einem Teller landen.

Im Jahr 2019 wurden in deutschen Schlachthöfen laut Statistischem Bundesamt rund 55 Millionen Schweine geschlachtet. Die Schweine stammten dabei zum größten Teil aus der inländischen Zucht, etwa 3,3 Millionen Tiere kamen aus Zuchtbetrieben im Ausland.

Ich bin Vegetarierin. Vor ein paar Jahren habe ich auf einem Schlachthof zugesehen, wie Schweine im Minutentakt mit einer Elektrozange getötet, dann abgestochen wurden und auf einem Fließband verbluteten. Es hat eine Weile gedauert, aber letztlich hat mir das die Lust auf Fleisch verdorben. Das macht mich nicht zu einem besseren Menschen. Und ich bilde mir nicht ein, dass meine Essgewohnheiten irgendeinen ernstzunehmen Einfluss auf die Tierhaltung in Deutschland haben. Trotzdem hat mich diese Zahl, dreizehneinhalb Millionen, auch deswegen kalt erwischt. Denn sie macht sehr deutlich, wie wenig Vegetarier:innen und Veganer:innen mit ihren Essgewohnheiten am System ändern.

Wie wenig wir ausrichten: Ich habe es ausgerechnet.

Durch Verzicht sparen wir nur vier Millionen Schweinen ein

Und zwar folgendermaßen: Die Deutschen verzehren durchschnittlich 35,7 Kilogramm Schweinefleisch pro Kopf und Jahr. Etwa 9,3 Millionen Menschen in Deutschland verzichten komplett auf Fleisch. Würden diese rund neun Millionen wie alle anderen Schweinefleisch essen, würden sie insgesamt 332.010.000 Kilogramm verzehren.

Wie viele Schweine müssten für diese Menge sterben? Wenn ein Mastschwein in Deutschland unters Messer kommt, ist es etwa sechs Monate alt und hat ein Schlachtgewicht von gut 100 Kilo. Das ist das ausgeweidete Tier (mehr Informationen dazu habe ich hinter dem „i“ am Ende dieses Absatz hinterlegt). Davon wird aber nicht alles gegessen: Von den 100 Kilo gehen noch einmal etwa 20 Prozent ab, das sind etwa Knochen, Sehnen und Schwarten, die unter anderem im Tierfutter landen oder in der industriellen Verarbeitung (als Tiermehle, Tierfette usw.). Es bleiben also rund 80 Kilo, die als Kotelett, Braten, Filet etc. in den Auslagen von Metzgern und Supermärkten landen.

Die vierte Durchführungsverordnung zum Vieh- und Fleischgesetz definiert das Schlachtgewicht als das „Warmgewicht des geschlachteten und ausgeweideten Tieres“. Bei Schweinen müssen folgende Teile vor dem Wiegen entfernt werden: Zunge, Geschlechtsorgane, Rückenmark, Organe der Brust- und Bauchhöhle, Flomen, Nieren, Zwerchfell, Zwerchfellpfeiler und Gehirn. Bei Sauen, die mindestens einmal geferkelt haben, Zuchtebern und Altschneidern sind die Spitzbeine in den Fußwurzel- und Handwurzelgelenken abzutrennen.

Wenn man 332.010.000 Kilogramm Fleisch in ganze Schweine umrechnen will, muss man also diese Zahl durch 80 teilen. Das Ergebnis: 4.150.125.

Das heißt: Alle Vegetarier und Veganer in Deutschland zusammen sparen durch ihren Verzicht im Jahr also etwa vier Millionen Schweine ein.

Das klingt viel – bis man die Zahl ins Verhältnis setzt. Nämlich zu den 13,5 Millionen Schweinen, die noch vor der Schlachtung verenden oder notgetötet werden müssen. Und den weiteren vier Millionen, deren Fleisch in Privathaushalten im Abfall landet, von der Gastronomie ganz zu schweigen (dazu habe ich keine Zahlen gefunden). Mehr als 17 Millionen Schweine sterben also völlig unabhängig davon, ob wir Tofu- oder Schweinebratwürste essen.

Die Zahl zur Verschwendung in Privathaushalten stammt aus der Sonderausgabe „Abfall und Verschwendung“ des „Fleischatlas“ der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Sie geht auf Basis von Daten der Bundesregierung davon aus, dass 7,1 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Fleischverzehrs im Müll landen. Das rechnet die Stiftung anhand der Schlachtzahlen von 2010/2011 in ganze Tiere um und kommt zu dem Ergebnis, dass 45 Millionen Hühner, 4,1 Millionen Schweine und 230.000 Rinder verschwendet werden.

Der sehr polemische, aber durchaus interessante „Anti-Fleisch-Atlas“ des Vereins EU.L.E. („Europäisches Instituts für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften“) kritisiert diese Rechnung, weil es ein bisschen krumm ist, Fleischreste im Haushalt in ganze Tiere umzurechnen: „Das sind die Knochen vom Kotelett, der Fettrand, den die Tochter immer auf dem Teller lässt, eine abgelaufene Wurst, die Eisbeinschwarte im Hundenapf! Also, mal den Verstand eingeschaltet: Wer kauft ein Kilo Braten und wirft sieben Prozent davon gleich in die Tonne?“

Und dann sind da noch die vielen Tonnen Schweinefleisch, die in den Export gehen, denn Deutschland ist weltweit einer der größten Exporteure von Schweinefleisch: 2,4 Millionen Tonnen waren es 2017. Das in ganzen Tieren auszudrücken, ist noch einmal eine andere Rechnung, denn Deutschland importiert auch Tiere zum Schlachten. Und manche der Teile, die wir Deutschen nicht essen wollen, wandern in den Export, nach China etwa, wo man noch keine Probleme mit Schweinefüßen und Innereien hat. Wir können aber davon ausgehen, dass auch der Export Millionen Tiere ausmacht.

Im Supermarkt und beim Metzger kaufen die meisten Deutschen immer nur die gleichen Teile, die sogenannten Edelteile: Filet, Kotelett, Braten. Dabei könnten wir eigentlich viel mehr verwenden. Der Deutsche Fleischerverband schrieb mir: „Zur sogenannten Schlachtausbeute werden knapp 80 Prozent des Schweines gerechnet. Es gibt hiervon Abweichungen, die mit dem Alter, der Fettdichte, der Nüchterungsdauer etc. zu tun haben. Nicht eingerechnet sind hierbei die Organe (Herz, Leber etc.), die durchaus gegessen werden können und rund 2,6 Prozent betragen, sowie das Blut, das in vielen Produkten Verwendung findet. Knapp 18 Prozent sind Knochen, Sehnen und Schwarten, die auch für die Gelantineherstellung oder andere Produkte genutzt werden können. Richtiggehend für den menschlichen Verzehr verworfen sind nur sehr wenige Teile, z.B. die Mandeln, die Ohrmuscheln und die Klauen. Die sind dann nur noch für Tiernahrung verwendbar. Insofern ist davon auszugehen, dass eher deutlich mehr als 80 Prozent für den Verzehr geeignet sind.“

Die Verbraucherzentrale NRW erklärt in diesem Beitrag, wie es aussieht, wenn man ein Tier komplett ausnutzt.

Meine Rechnung ist nicht perfekt. Ein Grund: Die Zahl, die den durchschnittlichen Fleischverbrauch der Deutschen beschreibt, rechnet Vegetarier und Veganer nicht heraus. Würde man das tun und die Gesamtmenge des verzehrten Fleischs auf die restlichen Deutschen verteilen, müsste der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch noch höher sein. Ein weiterer Grund: Es gibt einen Unterschied zwischen „Verbrauch“ und „Verzehr“. Die Deutschen verbrauchen rund 90 Kilogramm Fleisch im Jahr, sie verzehren nur rund 60 Kilogramm (und davon mehr als die Hälfte Schwein). Der Verbrauch umfasst die Reste, die ins Tierfutter und die industrielle Verwertung wandern. Das sind Tierbestandteile, an denen selbst Veganer, auch unwillentlich, beteiligt sind.

Des Weiteren fehlen natürlich alle anderen Tierarten außer Schweinen in meiner Rechnung. Das ist nicht nur für Fleischesser relevant, denn die meisten Vegetarier verzehren Eier und Milchprodukte. Dafür sterben jede Menge Hühner und Rinder: Männliche Küken werden immer noch vergast, Legehennen werden geschlachtet, wenn sie nicht mehr genug Eier legen, Kühe müssen kalben, damit sie Milch geben … Die Liste lässt sich fortführen.

Eine Tierärztin machte eine ungewöhnliche Untersuchung: Sie überprüfte Schweine, die bereits tot waren

Was meine Rechnung zeigt: Wie krass das System, das unser Fleisch produziert, auf Masse und Verschwendung ausgelegt ist, und wie wenig Fleischverzicht daran ändert. Die Lösungen dafür sind langwierig und schwer. Die letzte Nicht-Aktion der Politik war die geplante Abstimmung im Bundesrat über den Kastenstand bei Sauen.

2018 hat die Bundesregierung als Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP Zahlen veröffentlicht, die zeigen, dass Tierhaltungsbetriebe in Deutschland im Schnitt nur alle 17 Jahre kontrolliert werden. Oft sind es Aktivist:innen von Tierrechtsorganisationen, die zeigen, wie schlimm es in manchen Betrieben zugeht, wenn sie heimlich in Ställen und Schlachtunternehmen filmen und das Material veröffentlichen. Die Aufnahmen sind sehr schwer zu ertragen. Wer es schafft, kann sich zum Beispiel diese Sendung von „Report Mainz“ ansehen. Es geht unter anderem darum, wie Schweine totgeprügelt und falsch betäubt werden. Wer denkt, das sei eine Ausnahme, sollte sich diese Untersuchung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover von 2016 ansehen: Dafür hat die Tierärztin Elisabeth Große Beilage etwas Ungewöhnliches getan: Sie hat in vier Tierkörperbeseitigungsanlagen die angelieferten Schweinekadaver überprüft. An den Körpern konnte sie zum Beispiel sehen, ob die Tiere Wunden hatten und wie sie gestorben waren. Dabei stellte sie fest, dass mehr als 13 Prozent der Schweine vor ihrem Tod mit erheblichen Schmerzen leben mussten. Fast 62 Prozent der kontrollierten Schweinekadaver waren mangelhaft betäubt oder getötet worden. Manche lebten bei der Anlieferung noch.

Aus der Untersuchung der TiHo Hannover: „Zu den Befunden, die als Ursache länger anhaltender erheblicher Schmerzen und/oder Leiden angesehen wurden, gehören Kachexie, chronische eitrige Gelenkentzündungen, tiefgehendes Panaritium, chronische Entzündungen infolge Verletzung/Abriss von Afterklauen, tiefgehende Bissverletzungen an Schwanz oder Ohren mit chronischer Entzündung, großflächige oder tiefgehende Verletzungen an Hernien, Rektumstrikturen sowie tiefgehende Hautläsionen durch Dekubitus/Ulkus.“

Ich weiß genau, welche Kommentare dieser Artikel mir bringen wird – aber ich habe eine andere Idee

Ich habe beim Interessenverband der Schweinehalter nachgefragt, ob die Erzeuger seit Veröffentlichung dieser Zahlen etwas unternommen haben, um die Missstände zu verbessern. Ich habe keine Antwort bekommen. Auch politisch bewegt sich wenig. Der Bundesrat hat im April 2019 entschieden, die Kontrollrechte der Amtstierärzte auf Tierkörperbeseitungsanlagen zu erweitern – das ist deswegen wichtig, weil die Kontrolleure so immerhin im Nachhinein Tierschutzverstöße feststellen können, wie es die Tierärztin der TiHo Hannover getan hat. Das Bundeslandwirtschaftsministerium müsste dafür die rechtlichen Vorgaben schaffen – passiert ist das bisher nicht.

Ich weiß genau, welche kritischen Kommentare kommen würden, wenn ich meinen Artikel an dieser Stelle beenden würde: Meine Rechnung zur relativen Wirkungslosigkeit von Fleischverzicht würde die Menschen entmutigen – dann könnten wir uns ruhig alle mit der billigsten Wurst vollstopfen, die Politik tue sowieso nichts, persönlicher Konsum ändere nichts, also sei alles egal. Sätze wie diese habe ich schon ziemlich oft gehört. Ich finde es besser, einen anderen Schluss zu ziehen: Wer sich Sorgen um Tierhaltung und ihre Folgen macht und deswegen auf Fleisch oder sogar ganz auf Tierprodukte verzichten will, soll das tun, auch ich werde dabei bleiben.

Aber warum diskutieren wir so viel und emotional darüber, ob Menschen Fleisch essen dürfen oder nicht – statt darüber zu reden, dass das System Millionen Tiere sinnlos vergeudet und dass das ein viel dringenderes Problem ist? Wie vielen ist wirklich klar, dass „Tierwohl“ nicht einfach bedeutet, dass Landwirte ein bisschen netter zu ihren Tieren sind, sondern dass weniger Tiere sinnlos sterben?

Ich will damit die ethische Grundfrage nicht kleinreden, ob und unter welchen Umständen Tiere essen in Ordnung ist. Aber es ist wichtig zu sehen, dass die Grundsatzdiskussionen dazu Menschen mehr spalten als zusammenbringen. Dagegen können sich garantiert sehr viele von uns darauf einigen, dass sie dieses System, das Millionen Tiere unnötig verenden und leiden lässt, nicht akzeptieren wollen – egal, ob sie sich Schinken, Käse oder Lupinenaufschnitt aufs Brot legen. Diskussionen zwischen Vegetariern, Veganern und Omnivoren sind oft ziemlich explosiv. Was, wenn wir diese Energie nutzen, um uns zu empören – nicht übereinander, sondern gemeinsam?


Redaktion: Rico Grimm Schlussredaktion: Susan Mücke Fotoredaktion: Martin Gommel.

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