© Leon Müllem

Selbstversuch

Ich möchte mich radikalisieren

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etwa 13 Min. Lesedauer

Als ich aus dem Zug steige, spreche ich den Konter endlich aus. Der Satz, der mir die letzten 20 Minuten im Kopf herumgegeistert war, platzt aus mir heraus: „Das ist doch Schwachsinn!“ 20 Minuten, in denen ein Mann mit schmuddeliger Köstritzer-Kappe über kriminelle Flüchtlinge schimpfte. In denen ich oft Sätze mit „Natürlich ist das ein Problem, aber ...“ begonnen habe. 20 Minuten, in denen ich meine Meinung zurückhielt, um einem imaginären Verständnis für die sogenannten besorgten Bürger gerecht zu werden. Er fordert: „Grenzen dicht!“ Ich sage so etwas wie „völkerrechtlich schwierig“. Er schimpft auf „Gesocks“. Ich versuche ihm das Wort „sozial benachteiligte Menschen“ zu erklären. Er lässt seiner Wut freien Lauf. Ich verstecke mich hinter Vermittlungsversuchen. Dabei wäre ich so gerne auch so wütend – auf ihn. Unsere Diskussion endet, als ich aufs Bahngleis steige. Er fährt weiter, und es platzt aus mir heraus: „Das ist doch Schwachsinn!“ Er hört es nicht.

Ich fühle mich wie ein Depp. Mal wieder. Es ist das Gefühl, das ich oft unter der Dusche habe. Dort stehe ich, Stunden nach der letzten Diskussion, und mir fällt plötzlich der Satz ein, den ich eigentlich sagen wollte und den ich mir verkniffen habe. Eigentlich liebe ich Diskussionen, aber seit Langem gehe ich in ihnen verloren. Ich sage Dinge wie: „Ich verstehe, was du meinst“ oder: „Das ist richtig, aber …“ Ich mutiere zum Vermittler, immer bemüht, alle zusammenzuführen und immer bereit, meine eigene Haltung zu vergessen.

Zur Zeit ist oft die Rede davon, dass die Debatten zu laut, zu schrill, zu unvernünftig sind. Dass die Wütenden den Diskurs übernehmen. Dass wir mehr Sachlichkeit brauchen. Bei mir ist es umgekehrt: Ich sehne mich nach Lautstärke. Ich bin zu leise. Vielleicht ist das auch ein Problem unserer Debatten: Vielleicht hört man die Wütenden auch deshalb so gut, weil die Vernünftigen zu leise sind, zu ängstlich zum Streiten.

In diesem Moment auf dem Bahngleis wird mir klar: Ich möchte nicht mehr untergehen. Ich möchte Streit, ja, ich sehne mich nach ihm. Ich will wütende Schreie, Tränen, Trennungsdrohungen. Einfach, weil die Emotionen so wertvoll wären. Irgendetwas muss sich hier ändern. Ich fische mein Handy aus der Tasche und tatsche mit zittrigen Fingern einen Satz in meine Notiz-App: „ich möhcte mich radikalisiren!“

Meine Idee lässt sich auf zwei Vorsätze reduzieren. Vorsatz Nummer Eins: Meine Meinung ist großartig! Vorsatz Nummer Zwei: Menschen dürfen dich hassen! Das sind wichtige Sätze, denn sie sind das Kernproblem meines entradikalisierten Lebens. Ich muss raus und mich ändern. Ich fasse einen Plan.

Zuerst werde ich mein Äußeres radikalisieren: Neue Haare, neue Klamotten. Dann mein Inneres: In einer Therapiestunde werde ich herausfinden, wann ich die Bereitschaft zu streiten verlor. Und am Ende werde ich einen Debattierclub besuchen, ich werde dort laut und unsachlich sein, ich werde mich richtig groß streiten, vor lauter Zuschauern.

Schritt 1: Ich verwandle mich äußerlich

Als Erstes werden meine Haare dran glauben müssen. Ich möchte mich von meinem alten Ich trennen und zu einer Trennung gehört ein neuer Haarschnitt. Seit neun Jahren trage ich alle möglichen Varianten des Fasson-Schnitts, jetzt soll sich das ändern. Aber meine Google-Suche („radikale Haarschnitte“) bringt mich zur Verzweiflung. Für einen Irokesen sind meine Haare zu kurz und grüne Haare finde ich nicht radikal, sondern hässlich. Einige Beratungsgespräche mit meiner Freundin später steht meine Frisur fest: Eine Art moderner Topfschnitt, mit einem Pony vorne, einem sehr sehr kurzen Pony.

Auf dem Weg zum Friseur verlaufe ich mich vor Aufregung, obwohl der Laden nur zwei Straßen weiter ist. Ich rede mir ein, dass meine Haare eh nachwachsen werden. Und denke mir Ausreden für Bekannte aus: Wette verloren, Läuse, eskalierte Trinkgelage, so was.

Der Friseur sieht unverschämt gut aus und trägt meinen neuen Haarschnitt. Auf die obligatorische Frage „Wie soll's denn werden?“ stammele ich: „So wie du.“ Seine Antwort ist erschütternd: „Das wird bei dir aber nicht so aussehen wie bei mir.“

Meine Haare sind zu dünn dafür. Sofort plagen mich Zweifel an der gesamten Aktion. Was, wenn nicht nur mein Haar zu dünn ist, sondern auch mein Ich? Weil ich aber schon auf dem Stuhl sitze und natürlich längst nicht bereit bin, mit dem Friseur zu streiten, sage ich: „Ach, mach trotzdem!“

Als ich 20 Minuten später aus dem Laden trete, durchfährt mich erst die Kälte und dann der Stolz. Ich habe den ersten Schritt gemacht. Sieht ungefähr 60 Prozent weniger scheiße aus, als ich dachte.

Vom Friseur geht es sofort in die Stadt. Kleidungsgeschäfte lösen bei mir ja normalerweise sofort Verspannungen bis in die Zehen aus. Ich hasse die kalte Atmosphäre, die peinlichen Momente vor dem Spiegel, die jede Körperfalte überbetonen, die abschätzigen Blicke der Verkäufer:innen („Das willst du anziehen!?“). Meine Kleidung besteht zu 90 Prozent aus Basic-Teilen: einfarbige Pullover, Hemden, Jeans und T-Shirts.

Im ersten Laden angekommen, zwinge ich mich, auf bunt bedruckte T-Shirts zuzugehen. Ich entdecke cool gemeinte Sprüche und sehr große Markennamen. Alles nichts für mich. Ich beobachte die gelangweilte Verkäuferin und dann fällt mir etwas auf: Wirklich niemand hier beachtet mich. Selbst mit meiner neuen Frisur bin ich nur einer von vielen. Ich entscheide mich für eine schwarze Jeans, einen schwarzen Rollkragenpulli und ein etwas zu großes mint-farbenes Hemd aus satin-ähnlichem Stoff.

Ich sehe aus wie eine Mischung aus Steve Jobs und einem 1970er-Jahre Disco-Tänzer. Ich liebe es.

Wieder zuhause notiere ich: Habe Blicke auf mir gespürt – und sie genossen. Unwohlsein-Level 5/10. Da geht noch was. Ich mache ein paar Selfies, betrachte das neue Ich und denke: Das sieht aus wie ein Typ, den jemand hassen könnte.

Aber das alleine ändert noch nicht viel. Zwar schauen mich Menschen jetzt in der Straßenbahn komisch an, aber geheult hat noch niemand. Auch als ein Redakteur mir meinen Lieblingssatz aus einem Text streicht, antworte ich ihm nur unendlich leidenschaftslos per Mail: „Ok.” Ich fühle mich bisher so radikal wie Winfried Kretschmann. Das wird hier nichts, wenn ich nicht in die Tiefen meiner Psyche blicke.

Es ist ja nicht so, dass ich schon immer so war. In einem Steckbrief meines Kindergartens werde ich als vorlaut, klug und zutraulich beschrieben. Meine Entradikalisierungsgeschichte beginnt in der Oberstufe. Dort lerne ich, dass es so etwas wie falsche Meinungen gibt; noch schlimmer: peinliche Meinungen. Es ging damit los, dass ich in der Englischstunde die CIA mit „Secret Intelligent Agency“ übersetzte. Das blieb an mir kleben. Ein paar weitere öffentliche Peinlichkeiten setzten eine Art Abstumpfungsmechanismus in Gang: Ich wurde stiller und glatter, aus Reputationsgründen. Andere machten währenddessen als ungehobelte Klassenclowns Karriere.

Zeit für den Termin bei der Therapeutin.

Schritt 2: Ich schaue in mein Inneres

Das Behandlungszimmer von Marie Bochmann ist vollständig auf Beruhigung hin konzipiert. Auf dem Teppich liegt ein weiterer Teppich, an der Wand hängt eine Empfehlung: Ich solle mit meiner Angst spazieren gehen. Ich fühle mich sicher.

Frau Bochmann ist Heilpraktikerin (Psychotherapie) mit dem Schwerpunkt Sprechangst. Sie erzählt mir, dass es nützlich wäre, wenn wir in meiner Vergangenheit forschen würden. Schneller als mir lieb ist, sprudelt der Satz „Meine Mutter ...“ aus meinem Mund. Ja, so klischeehaft beginnt meine Therapiesitzung. Aber der Satz von Frau Bochmann: „Gibt es in der Familie die Haltung, dass man sich nicht ins Scheinwerferlicht stellt?”, hat mich zurück in meine Jugend geschleudert.

Meine Mutter ist Sozialarbeiterin, eine recht gute, glaube ich, und hat Zeit ihres Lebens mit gescheiterten Existenzen zu tun gehabt. Ich wusste schon früh Bescheid über die realistische Möglichkeit, die Familie zu verlieren und ins Nichts abzustürzen. Für Frau Bochmann ist das ein Anhaltspunkt. Meine Mutter also hat die Welt als harten Ort kennengelernt. Vielleicht hat sie ihre Vorsicht auf mich übertragen.

Wenn ich ehrlich bin, hält mich oft die Angst zurück: Die Angst, dass jemand wegläuft, weil ihm irgendetwas an mir nicht gefällt. Wenn ich noch ehrlicher bin, würde ich sagen: Ich bin der FC Bayern München der Verlustängste.

Als ich meiner Mutter von meinen Plänen erzählte, Journalist zu werden, sagte sie: „Naja, da bin ich ja mal gespannt.“ Für mich war das ernüchternd. Warum Dinge überhaupt probieren, wenn nicht mal meine eigene Mutter dahinter steht? Frau Bochmann schlägt eine andere Deutung vor: Vielleicht wollte meine Mutter mich beschützen. Und sie macht deutlich: Trotzdem Journalist geworden zu sein, die mütterlichen Bedenken wegzuwischen und aus ihrem Schatten zu treten, hätte mich nicht zu einem schlechten Sohn gemacht.

Fast bin ich ein bisschen enttäuscht. So einfach soll das sein? Ich habe meine Ängste für ein hochkomplexes Phänomen gehalten, das Professor:innen auf der ganzen Welt verzweifeln lassen würde.

Frau Bochmann gibt mir ein paar Strategien mit auf den Weg. Bei Zweifeln solle ich mir immer wieder klar machen, was ich schon erreicht hätte. Und dass meine Entscheidungen ja wohl bisher ganz gut gewesen seien. Ich kann von meinem Traumberuf leben. Ich habe mein Leben einigermaßen im Griff. Sie zeigt mir einen Handgriff: Auf dem linken Schlüsselbein kreisförmig reiben und den Satz sagen: „Ich schätze und würdige mich so, wie ich bin, und gehe meinen ganz eigenen Weg.“

Als ich die Praxis verlasse, arbeitet in mir eine Mischung aus Aufregung und Zweifeln. Ein Teil will loslegen, das Schlüsselbein rubbeln und meine Meinung hinausposaunen. Der zweite will das Projekt abbrechen, weil es „passt doch so auch irgendwie.“ Diesmal retten mich meine Verlustängste. Weil ich vor meinem Chefredakteur nicht blöd dastehen will, muss ich weitermachen.

Schritt 3: Ich gehe an die (Twitter-)Öffentlichkeit

Ich will in die Öffentlichkeit. Und entscheide mich für Twitter. Twitter ist wie der Hamburger Fischmarkt. Alle schreien möglichst laut herum und die besoffenen Partygänger lassen sich bequatschen, die Tüte Obst für 35 Euro zu kaufen. Weil ich nicht rumbrülle, gammeln meine Tweets oft vor sich hin. Also, jetzt Typ Fischverkäufer.

Ich klinke mich unter einigen Beiträgen von rechten Trollen ein. Alles bereit für meine Meinung! Es geht um eine eskalierte linke Demonstration in Leipzig. Einer schreibt, dass Connewitz von den ganzen Antifas „gesäubert“ werden müsse. Vor einer Woche hätte ich geantwortet: „Gewalt ist natürlich von Grund auf abzulehnen, die strukturellen Gründe für gesellschaftliche Ungleichheit und die Ablehnung dieser sind aber nicht von der Hand zu weisen.“ Diesmal möchte ich witziger sein und tippe: „Ach, wenn Autos brennen, dann kurbelt das doch die Autoindustrie an. Hurra für Deutschland.“ Mit Stolz erwarte ich die Wut, die sich über mich ergießen wird. Irgendwo tief unten fragt aber eine Stimme, was denn wäre, wenn dieser stolze Patriot mit der Deutschlandflagge als Profilbild mich nicht mehr mögen würde.

Aber es passiert nichts. Kein Hass, keine Diskussion, keine Eskalation. Stattdessen: „Du kannst diesen Tweet nicht sehen, weil der Nutzer dich blockiert hat.” Ich bin empört. Erstens, weil meine großartige Meinung einfach so zensiert wurde und zweitens, weil ich scheinbar nicht gehasst, sondern einfach ignoriert werde. Es ist viel egaler, als es mir in meinen Zweifeln vorkommt. Die Welt scheint meine Wut nicht so ernst zu nehmen wie ich selbst. Das ist irgendwie beruhigend.

Mit dieser Erkenntnis mache ich mich auf den Weg zum Debattierclub. Dort, wo Sokrates, Cicero und englische Elitestudentenclubs gefeiert werden, werde ich eine Meinung erst schärfen und dann vertreten müssen. Und auf erbitterten Widerstand treffen.

Schritt 4: Ich suche mir Gleichgesinnte

Im Seminarraum der Uni Leipzig habe ich Flashbacks an meine Studienzeit, in der ich dieses verdammte Lavieren zwischen den Meinungen erst perfektioniert habe. Die gleichen Sitzreihen mit diesen Klapptischen, die nie richtig funktionieren, die gleichen Whiteboards. Und ein Statistikprofessor, der uns zeigt, wie Deutungen Zahlen verändern können. „Es kommt drauf an ...“, dröhnt in meinem Kopf. Davon muss ich jetzt loskommen. Also sitze ich mit sechs Jungs im Raum. Wir sehen aus wie der erwachsen gewordene Stranger-Things-Cast, nur ohne den Coolness-Faktor, dass wir die Welt retten könnten. Die Regeln: Ich habe sieben Minuten Zeit, ein Argument zu einem vorbereiteten Thema vorzustellen.

Mein Vorredner ist Sören. Seine Vorstellung muss ich so überbieten. Das Thema diesmal lautet: „Sollten 50 Prozent des Parlaments durch eine Ziehung aus der Gesamtbevölkerung gestellt werden?“ Ich muss dagegen argumentieren.

In der Vorbereitungszeit gehe ich auf die Toilette und stelle mich vor den Spiegel. Ich muss an Frau Bochmann denken und greife an mein Schlüsselbein. „Ich schätze und würdige mich, so wie ich bin und gehe meinen ganz eigenen Weg“, murmele ich. Ich blicke in mein Spiegelbild: Sieht so Radikalität aus? Mit meiner halbradikalen Frisur und dem Steve-Jobs-Rollkragenpulli sehe ich zumindest so aus, als ob ich auf die Bühne gehörte. Los gehts. Ich denke mir einen Knüller für den Anfang aus, einige Argumente, der Rest wird sich dann schon ergeben.

Als ich dran bin, laufe ich beschwingt zum Pult. Ich rede mir ein, dass es jetzt um alles geht. Nicht nur die Zukunft der Demokratie steht hier auf dem Spiel, sondern auch meine. Ich erinnere mich an eine Szene aus Star Wars und fange an zu reden: „Meine Damen und Herren, so geht sie zugrunde, unsere Demokratie, mit schallendem Applaus.“ Zack: Star Wars zitiert, der hat gesessen. Ein paar Lacher.

Mein zweiter Satz ist schon nicht mehr so gerade und ich fange an zu schwitzen. Ich habe das Gefühl, mich zu wiederholen. „Es fehlt an demokratischer Legitimität, demokratische Elemente verkümmern, niemand wird gewählt ... Demokratie ... Hilfe ...“ Während ich so rede, finde ich den Vorschlag immer sinnvoller, die Hälfte des Parlaments durch eine Ziehung zu stellen, was mich wütend macht. Ich wollte doch durchhalten, und warum vergeht die Zeit so langsam? Am Ende bleibt die Stoppuhr bei 6:41:53 Minuten stehen. Über 18 Sekunden hätte ich noch gehabt, meinen Punkt klar zu machen.

Aber wenigstens habe ich es durchgezogen, mich meiner Angst gestellt und hassen wird mich hier niemand. Die andere Seite gewinnt. Das ist doch Schwachsinn! Am Ende bekomme ich Feedback, das ungefähr so ausfällt, wie nach Referaten in der Schule. „Du hast frei gesprochen, man konnte dir gut zuhören.“ Mein Feedback fühlt sich an, wie ich nicht mehr sein will – unradikal.

Ein paar Tage später öffne ich wieder meine Notiz-App: „ich möhcte mich radikalisiren!” Viel radikaler fühle ich mich nicht. Aber wütender - und das fühlt sich gut an. Geheult hat zwar noch niemand, aber sich getrennt genauso wenig. Mit dieser Selbsterkenntnis gehe ich sofort in meinen ersten Streit: Nach einem heftigen Konzert humpele ich durch die Gegend, was meine Freundin zum Anlass nimmt, eine gezielte Mobbingkampagne gegen mich zu fahren – ein alter Mann sei ich! Ich setze zu einem gezielten Gegenwutangriff an und ein Wunder geschieht. Ich bekomme eine Entschuldigung.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Martin Gommel.

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