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Erfahrungsbericht

Versehentlich im Tantra-Seminar

Von Emma Müller
etwa 12 Min. Lesedauer

Als die anderen in der Gruppe anfangen, sich nackt auszuziehen, habe ich kurz Gelegenheit, über mein Leben nachzudenken. Ich habe nämlich eine Tendenz, neue Dinge auszuprobieren, ohne mich vorher ausreichend zu informieren. In meinem Kopf stelle ich das gerne als Vorteil dar, weil ich so unvoreingenommen Erfahrungen machen kann. Ehrlich gesagt: Manchmal ist es auch einfach Faulheit.

In diesem Moment jedenfalls dämmert mir, dass ich die Kursbeschreibung nicht ordentlich gelesen habe. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt sitze ich mit nichts als einem zu kurzen, bunten Tuch am Leib mit zwölf halbnackten Frauen in einem überheizten Raum um eine klobige Teekanne.

Alles fing damit an, dass ich in einem Café einen Flyer für einen Tagesworkshop in tantrischer „Yoni-Massage“ sah. Massageformen haben ja manchmal lustige Namen, man denke nur an die hawaiianische „Lomi-Lomi“-Massage. Ich dachte an den Stress der letzten Zeit und meine ständigen Nackenschmerzen und meldete mich spontan an. Mir war nicht klar, dass „Yoni“ auf Sanskrit die Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsorgan ist. Ich bin also aus Versehen in einem Kurs gelandet, in dem man lernt, wie man Frauen die Vagina massiert.

Eine Berliner Wohnung, Dielen, petrolfarbene Wände. Keine Möbel. Dafür sechs Matratzen mit wasserdichten Auflagen. Vor den Fenstern flauschige Vorhänge in beige, in den Ecken Heizstrahler. Aus unsichtbaren Lautsprechern rieseln leise die Klänge eines Zupfinstruments. Die anderen Frauen sind allesamt um die zwanzig und dreißig, haben lange Haare und tragen lässige Wickeltücher in leuchtenden Farben mit nichts drunter. Viele haben sehr gepflegte Schamhaar-Frisuren.

Ich bestellte einen Viertelliter Mandelöl und zwei große Straußenfedern im Internet – als Zubehör

Das Worte Tantra stammt aus dem Sanskrit, erklärt die Kursleiterin und bedeutet „Zusammenhang“ oder „Einheit“. Der Tantrismus bezeichnet verschiedene, sehr komplexe Strömungen in der indischen Philosophie und Mystik. Nur manche davon schließen sexuelle Praxis ein. Was wir hier tun, nennt sich Neo-Tantra, das ist die westliche Variante, die seit den 1970er Jahren in Europa und den USA verbreitet wird und die Spiritualität und Sexualitiät verbinden will. Geprägt hat den Begriff Bhagwan Shree Rajneesh, besser bekannt als „Osho“ und die Netflix-Serie „Wild Wild Country“.

Hätte ich zwischen den Zeilen lesen müssen? Die Yoni-Massage sei „die sinnlichste Erfahrung, die eine Frau erleben kann“, an den Satz aus dem Flyer erinnere ich mich noch genau. Natürlich ahnte ich, dass es bei Tantramassagen etwas esoterischer zuging als bei, sagen wir, einer medizinischen Rückenbehandlung. Ich dachte an Räucherstäbchen und Gongmusik und fand es lustig, was wir alles mitbringen sollten: Einen Lunghi, das ist das große, bunte Tuch, in das man sich einwickelt wie in der Sauna, einen Viertelliter Mandelöl und zwei große weiße Straußenfedern, die ich online bestellen musste. Die Federn sind so lang wie mein Arm und fusseln stark.

Wir sitzen also im Kreis, nippen an unseren Tassen und hören den Erklärungen der Kursleiterin zu. Allmählich steigen mir die Räucherstäbchen zu Kopf, vielleicht ist es auch der Gewürztee. Oder einfach die Aufregung. Es gibt kein Ziel bei der Tantra-Massage, sagt die Kursleiterin, wir sollen im Hier und Jetzt sein. Sie ist verwirrend schön und ihre Stimme klingt, wie sich Samtpfoten anfühlen. Samtpfoten, die durch Butter laufen. Butter, die langsam schmilzt. Auf einem Toast, in den ein exotisches Wesen mit vollen Lippen beißt. Am Morgen, nach einer Nacht mit Wein und Mondlicht auf seidenen Laken und – jemand drückt mir einen Zettel in die Hand. Darauf sind die einzelnen Schritte der Yoni-Massage aufgelistet. Ich lese Bezeichnungen, von denen ich inständig hoffe, dass sie keine Entsprechung auf Sanskrit haben.

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Die Assistentin der Kursleiterin steht auf und legt sich auf eine der Matratzen. Sie hat einen langen Hals und breite Hüften, ihr Körper erinnert mich an eine Gitarre. Die Kursleiterin ergreift zwei Straußenfedern und wedelt sachte über die Glieder der Nackten. Dann nimmt sie eine dieser Plastiktuben, die es an Imbissen für Mayonnaise gibt, und quetscht sich warmes Öl auf die Hände.

Mit langen, fließenden Bewegungen gleiten die Finger der Kursleiterin über den Körper der Frau, die mit geschlossenen Augen daliegt. Im Dämmerlicht wirken sie wie ein lebendiges Ölgemälde, Kerzenschein und Rauch und Tempel.

Bin ich zu verklemmt für ein bisschen Hautkontakt?

Ich werfe einen verstohlenen Blick in die Runde. Auf den Gesichtern der anderen Frauen sehe ich nichts als wohlwollendes Interesse. Niemand stellt Fragen wie: „Was machen wir hier?“ oder „Was, um Himmels willen, machen wir hier?“ Ich bin anscheinend die einzige, die sich extrem fehl am Platz fühlt in dieser Oase der Sinnlichkeit. Das löst bei mir zwei Reaktionen aus: Erstens, Stress. Leider genau das Gegenteil dessen, wofür ich diesen Kurs überhaupt gebucht habe. Zweitens, Trotz. Dann werde ich eben meine innere Göttin anwerfen. Irgendwo muss sie ja sein.

Immerhin lässt mir der Kurs dafür reichlich Zeit. Am Vormittag dieses Seminars kommt die Kursleiterin noch nicht einmal in die Nähe einer Yoni. Stattdessen ölt sie eine Stunde lang hingebungsvoll die Extremitäten ihrer Assistentin ein. Dabei erklärt sie, dass eine Yoni-Massage acht Phasen hat und zwei bis drei Stunden dauern kann. Den größten Teil der Zeit nimmt die Vorbereitung ein. Ich entspanne mich etwas. Hier geht es nicht um wilde Techniken aus dem Sextempel. Das hier ist von schneller Befriedigung so weit entfernt wie ein Snickers von einem 24-gängigen Degustationsmenü.

Am Ende der Massage fragt die Kursleiterin ihre Partnerin: „Möchtest du das Bonding?“ Als die Frau nickt, wirft sie ihren Lunghi ab und legt sich nackt auf den Körper der Liegenden. Dort bleibt sie mehrere Minuten, ihr Kopf ruht in der Halsbeuge ihrer Partnerin. Ich schlucke nervös. Ich halte mich für ziemlich heterosexuell, habe in meinem Leben bisher zwei Frauen geküsst und kann nicht sagen, dass ich das ein drittes Mal brauche. Aber ich spüre auch Gruppendruck. Will ich diejenige sein, die zu verklemmt für ein bisschen Hautkontakt ist?

Als wir Teilnehmerinnen an der Reihe sind, werfe ich mich eilig in die Arme einer freundlich wirkenden jungen Frau mit schwarzem Bubikopf. Netterweise ist sie bereit, zuerst mich zu massieren. Leider entspanne ich mich überhaupt nicht, weil ich es, erstens, nicht gewohnt bin, nackt von fremden Frauen eingeölt zu werden und ich mich, zweitens, sehr darauf konzentrieren muss, mir die Massagegriffe zu merken. Die Techniken aus der Vorführung habe ich schon vergessen.

„Möchtest du das Bonding?“, fragt sie mich. Ich nicke, mehr aus Höflichkeit. Dann liegt sie auf mir. Ich spüre ihren Atem an meinem Hals. Es ist seltsam. Definitiv stand davon nichts im Flyer.

Mein Kopf benimmt sich wie ein blöder Macho

Nun muss ich ran. Ich stelle mein Fläschchen Mandelöl in ein elektrisches Gerät, das normalerweise Babybrei warmhalten soll, und beschließe, mir keinen Kopf zu machen. Das bisschen Massieren! Ich wedele mit den Straußenfedern herum und fange dann an, die Arme meiner Partnerin zu kneten. Ihre Haut ist sehr weich. Und sie ist überall rasiert.

Am Ende bin ich ganz zufrieden mit mir. „Möchtest du das Bonding?“, frage ich mutig. Sie schüttelt den Kopf. Kurz bin ich beleidigt. Aber eigentlich ist es mir lieber so.

Zur Feedback-Runde sitzen wir wieder um die klobige Teekanne. In einer Wasserschale schweben rosafarbene, welkende Blüten, die Raumtemperatur fühlt sich an wie Hochsommer in Afghanistan. Meine Partnerin versetzt meinem gerade erst erworbenen Massage-Selbstbewusstsein einen brutalen Stoß, indem sie sagt, ich hätte nicht fest genug zugegriffen und sie könne leichte Berührungen nicht ausstehen. Eigentlich habe sie die Stunde nur mühsam ausgehalten. Die Kursleiterin erklärt, dass jeder Körper anders berührt werden will, aber meine Gedanken fangen an zu rasen. Wieso hat sie denn nichts gesagt? Wieso hat sie einfach nur dagelegen und gewartet, bis es vorbei war? Dann fällt mir ein, dass ich das „Bonding“ eigentlich auch nicht gewollt habe. Wieso habe ich nichts gesagt?

Es ist furchtbar viel Öl auf meiner Haut. Im Öl kleben weiße Straußenfedernfussel. Ich fühle mich schuldig und möchte duschen.

Zum Mittagessen dürfen wir raus, ich schließe mich einer kleinen Gruppe von Teilnehmerinnen an. In einem somalischen Imbiss kaufe ich ein Sandwich mit frittiertem Tofu in Erdnusssauce. Wie ich vermutet habe, sind die anderen bereits Yoni-Veteraninnen. Niemand scheint einfach aus Spaß da zu sein, alle wollen mit Tantra Probleme in ihrem Leben lösen. Die eine sagt, dass sie den ganzen Tag am Computer sitzt und ihren Körper nicht ordentlich spürt. Eine andere hat keine Freude mehr am Sex mit ihrem Freund. Die dritte bemängelt, dass jeder Typ, mit dem sie ins Bett geht, sich sofort auf ihre Klitoris stürzt, obwohl sie lieber eine Ganzkörpererfahrung hätte. Es wird darüber diskutiert, wie man ein gutes Tantra-Seminar erkennt. Eine junge Blonde mit Brille berichtet, dass ihre erste Tantra-Erfahrung ziemlich furchtbar war. Ein gemischter Abend mit Männern und Frauen, alle Teilnehmer mussten sich ausziehen und dann mit verbundenen Augen durch den Raum kriechen und einander berühren. „Ich war umzingelt von Männern und alle wollten an meine Yoni“, sagt sie. Seitdem geht sie nur noch zu Frauenseminaren.

Meine Hände riechen nach der Ylang-Ylang-Duftseife aus dem Tantra-Badezimmer. Ich überlege, ob ich nach Hause gehen soll. Aber ich habe 250 Euro bezahlt. Der Geiz siegt. Ein bisschen auch die Neugier.

Zurück im Seminarraum sollen wir in Paaren füreinander tanzen. Ich bekomme schlechte Laune. Ich tanze noch nicht mal für meinen Freund, wieso dann für eine Wildfremde? Es läuft Samba. Ich spüre wieder Gruppendruck. Meiner Partnerin geht es nicht besser. Verkrampft dreht sie sich vor mir. Ich versuche, aufmunternd und solidarisch zu gucken. „Die sinnlichste Erfahrung, die eine Frau erleben kann“?

Aus dem Augenwinkel starre ich verstohlen auf meine schwarzhaarige Partnerin vom Vormittag und erwische mich bei dem Gedanken, dass sie eine verkrampfte Zicke ist. Warum eigentlich? Sie hat nur gesagt, was sie will! Verdammt: Mein Kopf benimmt sich wie ein blöder Macho.

Ich drehe gerade eine Pirouette, meine Partnerin lächelt, als wäre sie innerlich tot und ich denke: „Wenn wir jetzt noch mit Schleiern tanzen müssen, bin ich raus.“

„Wundert euch nicht, wenn euch die Tränen kommen“, sagt die Kursleiterin

Die Kursleiterin will nun die eigentliche Yoni-Massage demonstrieren. Wir hocken uns um die Matratze, auf der jetzt wieder die Assistentin liegt. In unseren bunten Lunghis sehen wir aus wie ein Schwarm zerlumpter Vögel, der einen Fisch umlagert. Von meinem Platz aus kann ich der Assistentin direkt zwischen die Beine gucken. Ich spüre ein wissenschaftliches Interesse. Die Anatomie des weiblichen Geschlechts ist ja nicht gerade extrovertiert und ich sehe sie zum ersten Mal aus dieser Perspektive. Die Kursleiterin klopft mit ihren Fingern über die Schamlippen ihrer Partnerin und erklärt, dass die Klitoris nicht nur der von außen sichtbare Knopf ist, sondern weit in den Körper der Frau hineinreicht und sich im Inneren in zwei mächtige Schenkel teilt. Als wichtige Massagepunkte nennt sie außerdem den G-Punkt und den Muttermund. Sogar einen Muttermund-Orgasmus gibt es, behauptet sie. Es geht bei dieser Massage aber ausdrücklich nicht um Höhepunkte, sondern um einen Genuss, der in die Breite geht, der fließt und schmilzt und tief wird. Einen „Valley-Orgasmus“ nennt sie das. „Wundert euch nicht, wenn euch die Tränen kommen“, sagt sie. Es klingt ziemlich großartig.

Dennoch fürchte ich mich vor dem, was als Nächstes kommt. Erst recht, seit die Schwarzhaarige mir ihr tödliches Feedback gegeben hat. Meine neue Partnerin liegt nun vor mir, nackt, erwartungsvoll und ölig. Entsetzt betrachte ich ihre Vulva. Sie hat diese perfekte Brötchenform, die sich immer mehr Frauen operieren lassen. Wo ist hier was? Innerlich leiste ich allen Männern Abbitte, denen ich laut oder im Stillen Unbeholfenheit vorgeworfen habe. Frauen anfassen ist nicht einfach! Ich bin nicht die einzige, die Probleme hat. „Ist das die Klitoris?“, flüstert eine Teilnehmerin verzweifelt.

Mein Mund wird trocken und mein Herz klopft zu schnell. Es kann doch nicht sein, dass ein Frauenkörper mir solche Angst macht! Entschlossen greife ich nach der Flasche mit dem warmen Mandelöl.

Erst wiederholen wir den Teil der Massage, den wir am Vormittag geübt haben. Diesmal frage ich meine Partnerin, ob sie mehr oder wenig Druck will. Das scheint zu funktionieren: Immer wieder seufzt sie wohlig. Meinen inneren Macho macht das auf eine bescheuerte Weise stolz.

Als ich dann im Schummerlicht der Kerzen zum ersten Mal in meinem Leben das Geschlecht einer erwachsenen Frau berühre, befürchte ich Befremden oder gar Ekel. Stattdessen spüre ich: Staunen. Ihre Vagina ist das Weichste, das ich je im Leben angefasst habe. Ich glaube endlich zu verstehen, warum Menschen, die auf Frauen stehen, oft so ein Theater um dieses Körperteil machen. Meinen eigenen Körper behandele ich meistens pragmatisch, eine Dusche ist für mich kein Sinnlichkeitsritual, sondern eine Zeit, in der ich mich wasche. Ich finde schon Duschgels zu gefühlsduselig, die „Zeit für mich“ heißen. Warum ist es beim eigenen Körper so schwierig, ihn als Wunder zu sehen? Bei dieser Frau ist es das Offensichtlichste der Welt. Vielleicht liegt es daran, dass ich keine sexuelle Anziehung spüre, aber als meine Finger ihren Muttermund berühren, bekomme ich Gefühle von Ehrfurcht, von Ewigkeit und Ursprung.

Die Frau seufzt leise. In diesem Moment verehre ich sie, verehre das Menschsein an sich.

Ich verliere das Zeitgefühl derart, dass keine Zeit mehr bleibt, die Rollen zu tauschen. Aber das macht nichts: In feierlicher Stimmung sitzen wir am Ende wieder im Kreis. Der Tee ist kalt, die Blumen welk, meine Seele leuchtet. Es ist, als würde sich eine alte, vertrocknete Schicht Zynismus von ihr schälen. Ich habe keine Ahnung, wie sie gewachsen ist und wie ich verhindern kann, dass sie wiederkommt. Aber ich bin froh, dass ich zu faul war, mich ordentlich über dieses Seminar zu informieren.


In unserer Serie „Was ich wirklich denke“ lassen wir Menschen sprechen, die interessante Berufe haben, die in herausfordernden oder besonderen Lebenssituationen stecken oder die etwas Ungewöhnliches erlebt haben. Trifft das auf dich zu und willst du davon erzählen? Dann melde dich unter: theresa@krautreporter.de


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Fotoredaktion: Martin Gommel.

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