Sitzende Menschen: © Sam Balye, Demonstrierende Menschen: © Mika Baumeister auch hier, Klassenzimmer: © Ivan Aleksic, Straße: © Simon Launay

Wo wir die Demokratie verlernen? In der Schule!

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Würdest du der folgenden Aussage zustimmen?

„Ich glaube nicht, dass sich Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken.“

Ja? Nein? Nun: 71 Prozent der Jugendlichen stimmen dieser Aussage laut Shell-Studie 2019 zu. Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen glauben also, dass sie der Politik egal sind.

Ich habe diesen Vertrauensverlust eher bei Querdenkern vermutet oder (wer kennt sie noch?) bei den Leuten von Pegida; aber nicht bei Jugendlichen.

Das Gefühl, gegenüber „denen da oben“ machtlos zu sein und mit Wahlen sowieso nichts ändern zu können, haben wir allerdings alle bereits früh gelernt: in der Schule.

Dabei wird den Schulen (zu recht!) eine entscheidende Rolle zugesprochen, uns politisch zu bilden. Deshalb ist die erste Forderung nach jeder großen Querdenker-Demonstration, jedem Angriff auf gewählte Politiker:innen, jedem unerwartet guten Abschneiden der AfD oder jedem Fall von Antisemitismus: Wir brauchen mehr Demokratiebildung in den Schulen! Das sichert zustimmendes Kopfnicken von allen Seiten (außer von rechts).

Die Forderung ist natürlich richtig. Das Problem: Kaum etwas in deutschen Schulen ist so verlogen wie unser halbherziger Versuch, den Jugendlichen demokratisches Verhalten beizubringen. Sie lernen, wie der Bundestag zusammengesetzt ist. Aber nicht, dass ihre Stimme wichtig ist, dass sie ihre Schule (ihre Stadt, ja, sogar ihr Land!) verändern können (und wie). Die gute Nachricht: Es braucht keine großen Reformen oder Unmengen an Geld, um das zu ändern – die Schulen könnten sofort damit anfangen.

Demokratie kann man nicht auswendig lernen

Als ich die Schule verlassen habe, war mein Wissen um unsere Demokratie in erster Linie: sehr theoretisch. Im Politikunterricht habe ich gelernt, wie unser politisches System funktioniert, wer wen wählen darf, welche Kontrollinstanzen es gibt, warum es Minderheitenschutz gibt, wie das Parteiensystem funktioniert, und ich hoffe, du bist jetzt nicht direkt eingeschlafen. Politikunterricht kann ganz schön langweilig sein.

Aber Demokratie kann man eben nicht auswendig lernen.

Ich kann alles über das demokratische System wissen und trotzdem davon überzeugt sein, dass meine eigene Stimme nichts verändern kann. Wissen und Handeln sind nicht dasselbe. Echte Demokratiebildung findet deshalb nicht in einem Fach statt, sondern in allen Fächern, und nicht nur theoretisch, sondern durchs Machen.


Hast du das Gefühl, diesen Text schon einmal gelesen zu haben? Das kann sein! Wir haben diesen Text am 20. Januar 2020 zum ersten Mal veröffentlicht. Da der Text sehr viele Reaktionen ausgelöst hat, haben wir uns dazu entschieden, dem Thema eine ganze Artikelserie „So bekommen Kinder und Jugendliche mehr politische Macht“ zu widmen. Dafür haben wir diesen Artikel komplett überarbeitet. Willst du informiert werden, wenn der nächste Teil dieses Zusammenhangs erscheint? Dann abonniere hier meinen Newsletter.


Es gibt gute Gründe, nicht nur „durchzunehmen“, wie eine demokratische Gesellschaft funktioniert, sondern die Schule selbst zu einer zu machen und die Schüler:innen miteinzubeziehen:

  • Wer aktiv an einer Entscheidung beteiligt ist, ist auch eher bereit, bei der Umsetzung zu helfen.
  • Wer selbst mitentscheidet, was er oder sie lernt, ist auch motivierter – wir prägen uns etwas besser ein, wenn es uns interessiert und uns wichtig ist.
  • Wer ständig mit anderen Meinungen konfrontiert wird, hält andere Meinungen auch besser aus, lernt seine eigene Sichtweise zu vertreten, vielleicht sogar (ganz verrückte Idee), die Idee eines anderen nach Abwägung doch besser zu finden als die eigene. 56 Prozent der Jugendlichen haben Angst vor einer wachsenden Feindlichkeit zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, auch das zeigt die Shell-Jugendstudie 2019).
  • Und wer mitbestimmt, wie die Schule aussieht und was die Schule macht oder sein lässt, fühlt sich direkt mit ihr verbunden. Es entsteht eine Art Schul-Identität, eine gemeinsame Erzählung, die den meisten Schulen heutzutage fehlt.

Partizipation bedeutet: Wir hören euch zu, auch, wenn uns eure Sichtweise stinkt. Heute hängt das von engagierten Lehrer:innen ab. Keine Lehrkraft wird heute dazu gezwungen. Dabei wäre eine wirklich partizipative Schule eine, in der die Schüler:innen ständig nach ihrer Meinung gefragt werden, selbst wenn die Lehrkräfte das nicht wollen.

Noch liegt die Macht in den Schulen aber bei den Lehrer:innen, nahezu vollständig. Diese Macht zu dezentralisieren, ist die beste Vorsorge dafür, dass sich Schüler:innen später nicht von radikalen politischen Kräften vereinnahmen lassen. Wer die Schule beispielsweise klimaneutral machen möchte, dafür einen Kompromiss eingehen und Kritiker:innen überzeugen muss, weiß auch: Sich zu einigen, ist kompliziert, und einfache Antworten sind meistens falsch.

Demokratiebildung ist heute eine „Alibi-Veranstaltung“

All das ist bekannt. Deshalb sind Schulen sogar dazu verpflichtet, ihre Schüler:innen mit einzubeziehen. In der UN-Kinderrechtskonvention steht in Paragraf 12 nicht nur, dass Kinder und Jugendliche ihre Meinung frei äußern können müssen. Sondern auch, dass „die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife“ berücksichtigt werden muss. Auch in jedem der 16 Schulgesetze in Deutschland steht, dass die Kinder mitbestimmen sollen. Paragrafen sind aber oft wie Parkett: Auslegungssache.

Die UN-Behindertenrechtskonvention besagt, dass alle Menschen das Recht haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wie umstritten die Umsetzung dieser Paragrafen in Deutschland ist, habe ich in diesem Artikel erklärt:

Christoph Berens führt für das Land Hamburg Fortbildungen in Demokratiepädagogik durch und sieht jede Woche, wie Hamburger Schulen diese Vorgaben (nicht) umsetzen. Er sagt: „Klassenräte, Klassensprecher, Schülervertretungen – das sind heute alles Alibi-Veranstaltungen, die die meisten Schulen nur haben, weil es so im Schulgesetz steht.“

Und weiter: „Eigentlich müsste es in jeder Schule einen Vertrag geben, mit einer Tabelle. Links die Fragen, bei denen die Schüler:innen mitreden dürfen, rechts die Fragen, bei denen sie nicht mitreden dürfen.“

Warum kaum eine Schule einen solchen Vertrag hat? Weil die linke Spalte der Tabelle in den meisten Schulen leer wäre.

Die heutigen Schüler:innenvertretungen schaden unserer Demokratie

Dejan Mihajlović bringt anderen Lehrer:innen bei, wie Schüler:innen mitentscheiden können. Er sagt: „Ich bekomme ständig negative Rückmeldungen von Schülervertretungen, dass Projekte von der Schulleitung eingestampft wurden, dass ihre Arbeit kontrolliert wird und eigentlich nicht erwünscht ist.“

Die Schüler:innen lernen von Beginn an: Wen ich wähle, ist eigentlich egal. Und die da oben (also die Schulleitung und die Lehrkräfte) machen sowieso, was sie wollen.

Das erste richtige Gesellschaftsmodell, das Kinder außerhalb der Familie erleben, die Schule, könnte undemokratischer kaum sein. Schüler:innen verbringen dort einen Großteil ihrer Zeit. Niemand fragt sie, was sie lernen wollen. Niemand fragt sie, wann sie etwas lernen wollen. Niemand fragt sie, wann die Schule beginnen oder enden soll. Oder wie das Gebäude, in dem sie jeden Tag stundenlang (meistens) rumsitzen, gestaltet sein soll. Wenn man sich einen Ort basteln müsste, an dem Menschen möglichst wenig Selbstwirksamkeit spüren – die Schule wäre dieser Ort.

Im August 2020 habe ich 170 Schüler:innen gefragt, ob sie das Gefühl haben, in der Schule oft genug nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Fast drei Viertel der Teilnehmer:innen verneinten das. Der fünfzehnjährige André schrieb mir: „Wenn wir beteiligt werden, dann bei eher unwichtigen Entscheidungen: Welches Buch lesen wir? Welchen Film gucken wir?“ Die siebenjährige Emmi sagte: „Meine Klasse darf in Deutsch Wörter der Woche vorschlagen.“ Und Lucia, acht Jahre alt, schrieb: „Die Lehrer sagen immer, was wir machen sollen.“

Dass Jugendliche sich einbringen wollen, sehen wir seit Jahren. Die Jugendstudie Baden-Württemberg 2020 fand heraus: Knapp 58 Prozent der 2.311 befragten jungen Menschen zwischen zwölf und 18 Jahren haben „gar nicht“ oder „nur schwer“ den Eindruck, dass sie den Alltag an ihrer Schule ein Stück weit mitgestalten können. Wenn sie denn gelassen werden, machen sie damit vor allem gute Erfahrungen: Über 77 Prozent von ihnen sagen, dass sie Spaß daran hatten.

In der elften Klasse wurde ich zum ersten Mal gefragt, was ich lernen will. Für eine sogenannte Klausurersatzleistung sollte ich in einem Fach meiner Wahl eine Hausarbeit schreiben und einen einstündigen Vortrag halten. Vielen meiner Mitschüler:innen wurde von den Lehrkräften vorgegeben, welches Thema sie behandeln sollen. Ich entschied mich für das Fach Philosophie und mein Lehrer sagte mir: „Nimm ein Thema deiner Wahl.“ Und ich? War überfordert. Vor mir lag die ganze Palette an philosophischen Fragestellungen. Diese Freiheit war neu.

Dejan Mihajlović kennt das: „Je seltener Schüler:innen selbst entscheiden dürfen, desto überforderter sind sie, wenn sie es dann sollen“, sagt er. Das sei aber nicht die Schuld der Schüler:innen.

Schüler:innen können heute Abitur machen, ohne auch nur ein einziges Mal bei wichtigen Fragen mitentschieden zu haben. Schüler:innenvertretungen können dafür nicht die Lösung sein; sollten nicht alle Kinder die Erfahrung machen, dass ihre Stimme wichtig ist und nicht nur ein paar wenige Vertreter:innen? Ist es nicht etwas früh, schon in der Schule wenige Kinder für alle Kinder sprechen zu lassen?

Mit 18 sollen Schüler:innen verstehen, dass ihre Stimme wichtig ist, dass ihre Meinung etwas zählt, dass Wahlen wirklich etwas verändern können, dass sie sich in einer Demokratie einbringen müssen, weil sie sonst nicht überlebt. Wie können wir das wirklich erwarten?

Vielleicht denkst du jetzt: Ich wurde nie mit einbezogen und ich bringe mich trotzdem mit ein, sehe mich trotzdem als Teil unserer Gesellschaft. Fair enough. Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand wird gezwungen, Nazi-Sätze zu sagen, rechtsextrem zu denken oder zu wählen, nur weil wir in der Schule nicht lernen, wie wir uns beteiligen können.

Die Gefahr ist auch nicht, dass sich alle Schüler:innen später machtlos fühlen, wenn wir nicht anfangen, sie in der Schule zu beteiligen. Die Hoffnung ist, dass sich weniger Schüler:innen machtlos fühlen. Der Trend geht allerdings in die andere Richtung: Die Beteiligungsmöglichkeiten von jungen Menschen wurden in der Pandemie noch weiter ausgesetzt. Nicht mal Schüler:innenvertretungen konnten das Schulleben noch mitgestalten. Das zeigt die JuCo-Studie 2021.

Lehrkräfte müssen Kontrolle abgeben

Anders als bei den vielen großen Herausforderungen des Bildungssystems (Inklusion, Integration, Digitalisierung, puh), braucht es keine großen Reformen und auch nicht Unmengen an Geld, damit sich etwas ändert.

Christoph Berens sagt: „Die Rahmenbedingungen sind eigentlich gut. Das musste ich in den letzten Jahren lernen. Es wird nur schlecht umgesetzt, oder eben gar nicht.“

Dabei gibt es Schulen, die ihr Wissen gerne weitergeben. Denn es gibt viele Wege, Schüler:innen mit einzubeziehen. Man kann demokratisch abstimmen lassen, indem man die Schüler:innen schriftlich befragt – oder per App. Niemand verbietet es den Schulen, all ihre Schüler:innen bei wichtigen Entscheidungen nach ihrer Meinung zu fragen. Eigentlich müsste sich jede Schule, die das nicht macht, fragen: Warum nicht?

Es braucht Lehrer:innen, die bereit sind, Kontrolle abzugeben, und eine Schulleitung, die mutig genug ist, die Schülerschaft nicht auszugrenzen. Und dann: alle an einen Tisch. Sollte der Unterricht später starten? Die Schule klimaneutral und die Hausaufgaben abgeschafft werden? Man kann den Unterricht bewerten lassen (warum müssen sich Lehrkräfte eigentlich nie systematisch der Kritik von Schüler:innen stellen?), die Schüler:innen eigene Ideen zur Abstimmung stellen lassen und sie fragen, was sie lernen wollen.

Es braucht dann aber auch deutlich mehr politische Bildung (und dieses Mal meine ich tatsächlich die Theorie). Denn Mitbestimmung als Prinzip der Demokratie muss immer eingebettet sein. Forscher:innen von der Universität Bielefeld haben herausgefunden, dass in Nordrhein-Westfalen in der fünften bis zehnten Klasse pro Schulwoche bestenfalls 17 bis 20 Minuten auf politisches Lernen entfallen. Jede:r Jugendliche hat rechnerisch wöchentlich etwa 20 Sekunden Zeit, um seine politische Position in der Klasse vorzutragen und mit anderen darüber zu sprechen. 20 Sekunden!

Jugendliche wollen nicht nur in der Schule mitreden

Neuseeland hat 15.000 Schüler:innen gefragt, was sie lernen wollen. Gemeinsam mit Lehrkräften, Direktor:innen, Eltern, Wissenschaftler:innen und einer Maori-Vertretung (das sind die Ureinwohner:innen Neuseelands) haben sie 2004 so den Schullehrplan verfasst. Und danach sogar noch mal alle Bürger:innen eingeladen, Anmerkungen zu machen.

In diesem Artikel auf Zeit Online beschreibt die Autorin, was sie vom neuseeländischen Schulsystem gelernt hat, als sie mit ihrer Familie dort gelebt hat.

Und Jugendliche wollen nicht nur in der Schule mitbestimmen. Sie drängen in die öffentliche Debatte, auch das: seit Jahren. Das wohl wichtigste politische Thema unserer Zeit, die Klimakrise, hat vor allem deshalb die nötige Aufmerksamkeit bekommen, weil eine junge Schwedin angefangen hat, freitags die Schule zu schwänzen und stattdessen zu streiken. Millionen Schüler:innen auf der ganzen Welt folgten ihr. Und die Erwachsenen? Belächelten sie so lange, bis sie merkten: Die Jungen haben recht. Heute kommt kaum eine Wahl mehr an diesem Thema vorbei.

Im Februar 2022 schlossen sich über 100 Schülervertreter:innen zusammen, um auf die Situation von Schulen in der Corona-Pandemie aufmerksam zu machen. „Der Diskurs sollte ehrlich und öffentlich mit statt nur über uns geführt werden“, schrieben sie. Ihre Petition erreichte über 140.000 Unterschriften. Einer der Initiatoren, Anjo Genow, sagte mir im Interview: „Die Politik reagiert seit Monaten nicht und gerade jetzt haben wir sehr hohe Inzidenzen in den Schulen. Wir sehen im Rest der Welt, dass auch andere Schülerinnen und Schüler anfangen, sich zu wehren.“ Und: „Mitbestimmung von Schüler:innen findet auf politischer Ebene gar nicht statt.“

Die Gegner der Demokratie schlafen nicht, sie verändern unser Land

2019 wurde der CDU-Politiker Walter Lübcke ermordet. Im gleichen Jahr traten Bürgermeister in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zurück, weil ihnen gedroht wurde. Im darauffolgenden Herbst wurde eine Synagoge in Halle, Sachsen-Anhalt angegriffen. Im hessischen Hanau tötete ein Rechtsextremist 2020 neun Menschen. Und im Februar 2022 startete Wladimir Putin einen Angriffskrieg auf die Ukraine, in Europa, dem eigentlich mittlerweile so friedlichen Kontinent. Die Gegner der Demokratie schlafen nicht. Sie verändern unser Land.

Und wir lassen zu, dass Demokratiebildung eine hohle Forderung bleibt, die uns alle nach solchen Schockmomenten für ein paar Tage beruhigt.

Wie konnte es so weit kommen? Welche Folgen hat das? Und wie geht echte Mitbestimmung? Diesen Frage widmen wir in den kommenden Wochen insgesamt sieben Artikel. Denn wir dürfen die Bereitschaft der Jugendlichen, dieses Land mitzugestalten, nicht verpuffen lassen.

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Redaktion: Rico Grimm und Lisa McMinn; Schlussredaktion: Vera Fröhlich und Susan Mücke; Fotoredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Christian Melchert

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