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Rente

Warum es ein Fridays-for-Future für das Rentensystem braucht

von Rebecca Kelber
etwa 8 Min. Lesedauer

Alle wissen seit Jahrzehnten Bescheid. Es ist eine dieser scheinbar unabwendbaren künftigen Katastrophen. Die Expert:innen klingen müde, wenn sie warnen: „Wir müssen etwas ändern.“ Und langsam wird die Zeit knapp. Trotzdem interessiert es niemanden so richtig. Die meisten erwähnen das Thema nur beiläufig, eigentlich wollen sie so wenig wie möglich damit zu tun haben. Es bleibt bei einem: „Wir werden dann ja sowieso keine Rente mehr bekommen.“

Das Verhalten beim Thema Rente erinnert an das jahrzehntelange Nichtstun in der Klimakrise: Das Problem wird immer weiter hinausgeschoben anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Ein Orkan kommt auf das Rentensystem zu

Ende der Fünfziger- bis Mitte der Sechzigerjahre wurden sehr viele Kinder geboren, die Babyboomer. Dann kam der „Pillenknick“ – die Menschen bekamen plötzlich viel weniger Kinder. Gleichzeitig werden die Deutschen immer älter: Seit 1960 hat sich die durchschnittliche Rentenzeit von zehn auf 20 Jahre verdoppelt. Weniger Kinder, ältere Menschen. Das ist ein Problem, weil im deutschen Rentensystem die jeweils jüngeren Generationen die Renten der Älteren mit Beiträgen finanzieren. Als dieses sogenannte Umlageverfahren 1957 eingeführt wurde, war die Situation grundlegend anders: Es lebten doppelt so viele Jugendliche in Deutschland wie Menschen über 60 Jahre.

Der Orkan, der auf die Rentenversicherung zukommt, ist am Horizont inzwischen gut zu erkennen. In keiner anderen Gruppe werden so schnell mehr Menschen arm wie bei den Rentner:innen. Und in den nächsten Jahren werden die ersten besonders geburtenstarken Babyboomer-Generationen (Jahrgang 1955 bis 1969) in Rente gehen. Während heute auf 100 Erwachsene 36 Rentner:innen kommen, werden das 2040 zwischen 54 und 70 sein. 1950 waren es noch 16. Es sind also immer weniger Arbeitnehmer:innen für deutlich mehr Rentner:innen verantwortlich.

Die Zukunft der Rente im Moment: deutlich höhere Beiträge, aber weniger Auszahlungen

Wenn das Rentensystem nicht grundlegend reformiert wird, müssen die Versicherten im Jahr 2050 ein Viertel ihres Gehalts an die Rentenkasse abführen. Gleichzeitig sinkt das Rentenniveau auf 40 Prozent des Durchschnittslohnes. Das legt eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nahe.

Es ist wichtig zu verstehen: Das Rentenniveau ist ein Durchschnittswert. Er bedeutet nicht, dass jede:r 40 Prozent seines letzten Gehaltes als Rente bekommen wird. Stattdessen zeigt das Rentenniveau, wie die beiden anderen Durchschnittswerte Standardrente und Durchschnittslohn zueinander stehen.

Die Standardrente erhält jemand, der 45 Jahre lang den Durchschnittslohn verdient hat. Der MDR erklärt hier, wie das Rentenniveau funktioniert.

Das sind allerdings Durchschnittwerte. Nicht „wir alle“ werden keine Rente mehr bekommen. Wer sein Leben lang gut verdient und nebenbei vorgesorgt hat, wird nicht in Altersarmut rutschen. Wie bei der Klimakrise sieht die Zukunft bei den Renten vor allem für die düster aus, denen es sowieso schon schlecht geht.

Dabei hat die GroKo das Rentensystem doch gerade erst reformiert: mit der Mütterrente, der doppelten Haltelinie, die die Beiträge begrenzen und die Auszahlungen stützen soll, und zuletzt mit der Grundrente.

Aber diese Reformen sind vergleichsweise kosmetisch; sie helfen nicht, das Problem zu lösen. Eine Frage steht im Raum, die in den vergangenen Monaten der Rentendiskussion wenig beachtet wurde: Werden denn auch Menschen, die heute zwischen 25 und 40 Jahre alt sind, noch etwas von diesen Reformen haben?

Kein Kampf der Generationen

Es ist zwar verlockend, den Babyboomern die Schuld dafür zu geben, dass die Renten immer weiter sinken. Immerhin erben die Jüngeren ein Problem, das sie nicht selbst verursacht haben. Genauer betrachtet ist das aber Quatsch. Während man den Boomern beim Klimawandel vorwerfen könnte, nicht nachhaltiger konsumiert zu haben: Was genau sollte das denn bei der Rente sein? Dass eine Boomerin gleichzeitig mit vielen anderen Menschen geboren wurden? Oder nicht genügend Kinder in die Welt gesetzt hat? Genügend Geld zum Leben haben will?

Statt sich auf der individuellen Ebene über das angeblich dekadente Verhalten der Babyboomer aufzuregen, müssen wir also wie bei der Klimakrise systemisch denken. Und uns überlegen, wie wir unsere Renten sichern wollen.

Zum Beispiel, indem wir durch höhere Rentenbeiträge oder Steuern mehr Geld ins System geben. Oder länger arbeiten.

Der Streit um die Deutungshoheit

Tatsächlich sehen Linke und Konservative die Zukunft der Rente unterschiedlich: Gewerkschaften betonen, es sei nicht hilfreich, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Für sie ist „Generationengerechtigkeit“ ein Schlagwort, um neoliberale Reformen am Rentensystem vorzunehmen. Sie fordern stattdessen höhere Löhne. So würde mehr in die Kasse eingezahlt werden, und die Menschen hätten automatisch auch ein Anrecht auf eine höhere Rente.

Vertreter:innen konservativer Jugendorganisationen wiederum finden die aktuelle Politik unfair und nicht nachhaltig. Sie gründen Junge Rentenkommissionen und kritisieren jede Maßnahme, die die Rente der Babyboomer erhöht.

Der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, hat im Interview der Welt die Reformen infrage gestellt: „Die junge Generation weiß, dass die Babyboomer erst noch in Rente gehen. Wir fragen uns: Wer soll das in Zukunft bezahlen, wenn immer weitere neue Leistungen obendrauf gepackt werden?“ Deshalb will er mit den Jusos gemeinsam für mehr Generationengerechtigkeit kämpfen. Nur: Die wollen nicht.

Bei den Jusos ist man ganz auf SPD-Linie: Die Grundrente sei gut, ohne Bedarfsprüfung wäre sie noch besser. Stephan Schumann aus dem Bundesvorstand erklärt: „Die Kolleginnen und Kollegen bei der Jungen Union übersehen, dass es auch darum geht, was für eine Rente mal unsere Generation bekommt.“ Er sieht die Grundrente als einen Schritt hin zu einem Staat, der es schafft, ein Minimum an Rente zu garantieren. Und das sei schließlich auch für die jüngere Generation wichtig.

Die Jusos kritisieren also anders als die Junge Union nicht, dass es neue Leistungen gibt. Um das System zu stabilisieren, denken sie darüber nach, es mit Steuern querzufinanzieren oder die Beitragssätze für die Rente zu erhöhen.

Der Teufel steckt im Detail

Wie nachhaltig eine Reform wie die Grundrente ist, hängt letztendlich von genau den Details ab, bei denen viele weghören: ob sie mit Rentenbeiträgen oder Steuern finanziert wird zum Beispiel. Rentenbeiträge hätten bedeutet, dass jüngere Generationen mehrbelastet werden. Deshalb will die Regierung die Grundrente mit einer noch einzuführenden Finanztransaktionssteuer bezahlen.

Sie hängt aber auch davon ab, wer die Grundrente am Ende bekommt. Robert Fenge, Professor für Finanzwissenschaft kritisiert, dass jemand 35 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt haben muss, um von der Grundrente zu profitieren. Denn damit würden bestimmte Gruppen strukturell benachteiligt, die besonders oft im Alter arm sind. So hätten Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Migrationshintergrund häufig weniger als 35 Jahre gearbeitet.

Es helfe auch kaum, den Zeitraum im Nachhinein noch etwas flexibler zu gestalten. „Die Grundrente verfehlt die Ziele, die sie sich selbst gesetzt hat.“ Ein bisschen ähnelt die Grundrente darin dem Klimapaket – sie ist ein ineffektiver Kompromiss erschöpfter Koalitionspartner.

Fenge glaubt: „Schlussendlich kommt es auf die zukünftige Regierung an. Aber wenn so eine Grundrente mal eingeführt ist, wird sie so schnell auch nicht wieder abgeschafft.“ Maßnahmen gegen Altersarmut seien wichtig. Sie lösten aber nicht das Hauptproblem der Rentenfinanzierung: die zunehmende Rentenlast, weil die Menschen immer älter werden. Fenge glaubt, dass wir länger arbeiten müssen, um die zu lindern.

Bei einer Umfrage des ifo-Instituts unter Wirtschaftswissenschaftler:innen sehen das fast 40 Prozent als die beste Lösung. Dieser Vorschlag ist bisher in keinem Parteiprogramm zu finden.

Prognosen sind immer schwierig, Reformen können schiefgehen

Tatsächlich ist die Bevölkerungs-Entwicklung aber nicht wie ein Damokles-Schwert, bei dem wir nur abwarten können, wann es herunterstürzen und die Rente zerschlagen wird. Jahrzehntelang ist die deutsche Gesellschaft älter geworden und es wurden weniger Kinder geboren. Trotzdem funktionierte das Rentensystem. Denn wie hoch die durchschnittliche Rente ist, hängt neben der Demografie noch von mindestens zwei weiteren Faktoren ab: indirekt davon, wie sehr Deutschlands Produktivität und die Löhne wachsen, und direkt, wie genau das Rentensystem eben aussehen wird.

Prognosen sind immer schwierig. 1962, kurz vor dem Pillenknick verschätzten sich Expert:innen bei der Geburtenrate von 1985 um 80 Prozent. Auch bei der Klimakrise unterscheiden sich die genauen Zukunftsszenarien der Wissenschaftler:innen.

Und wegen des vermeintlichen Damokles-Schwertes der Bevölkerungsentwicklung einfach nur die gesetzliche Rentenversicherung abzubauen, ist bereits schiefgegangen. Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder argumentierte mit der alternden Gesellschaft, um die gesetzliche Rentenversicherung einzuschränken und die private Altersvorsorge auszubauen. Ein Beispiel: Wer früher studiert hat, konnte sich bis zu fünf Jahre in der Rentenversicherung anrechnen lassen. Inzwischen geht das nicht mehr. Für Rentenexperte Tim Köhler-Rama ist dies einer der Hauptgründe, warum die Altersarmut jetzt schon steigt. Denn weil die rot-grüne Regierung die staatlich geförderte Riester-Rente nicht verpflichtend machte, schlossen viele Menschen keine ab.

CDU will mehr privat vorsorgen, SPD das gesetzliche Rentensystem stärken

Was ist also nötig, um dafür zu sorgen, dass das Rentensystem den Sturm übersteht, der näher kommt? SPD und CDU haben da ganz unterschiedliche Vorschläge: Auf ihrem Parteitag in Leipzig hat die CDU beschlossen, die private Altersvorsorge weiter zu stärken. Der rentenpolitische Sprecher der SPD, Ralf Kapschack, will dagegen die durchschnittlichen Renten auch für die Zeit der Babyboomer stabil halten und das im Zweifelsfall mit Steuern querfinanzieren.

Bis März 2020 soll eine Rentenkommission der GroKo Vorschläge machen. Aber sie tut dies abseits der Öffentlichkeit. Anders als zum Beispiel die Kohlekommission haben nur wenige von ihr gehört. Und dann bleibt die Frage, wie ausgerechnet die unbeliebte und angeschlagene Große Koalition ein revolutionäres Rentenkonzept durchbringen wird, wenn sie sich schon an der Grundrente fast zerstritten hat.

Gerade deshalb braucht die Rente eine gesellschaftliche Debatte, einen Fridays-for-Future-Moment. Vielleicht eine Greta Thunberg. Denn es sind radikale Reformen nötig. Beim Klima haben wir so lange gewartet, bis es eigentlich schon zu spät ist. Noch ist die Situation bei der Rente nicht ganz so aussichtslos.


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Fotoredaktion: Martin Gommel

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