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Nachhaltige Landwirtschaft

Was die Zukunft deines Essens mit Regenwürmern zu tun hat

von Marie Fetzer
etwa 15 Min. Lesedauer

Sepp Braun nimmt eine Handvoll Erde in die Hand und riecht daran. Sie ist tiefschwarz und fein, er lässt sie durch die Finger rieseln. Man kennt ihn auch als den „Bauern mit den Regenwürmern“. Denn auf dem Hof in Freising von Irene und Sepp Braun gibt es viele davon. Sehr viele: etwa 600 pro Quadratmeter (der bayerische Durchschnitt liegt bei 145). Das war nicht immer so. Doch Braun, hat gelernt, wie kostbar Würmer sein können: Er lässt sie für sich arbeiten.

In den 70er-Jahren erlernt der junge Sepp Braun die konventionelle Landwirtschaft. In der Ausbildung zum Landwirt erfährt er vor allem, wie er die Natur beherrschen kann: Wie etwa Herbizide Unkraut abtöten, damit es mehr Ernte gibt. Alternativen gibt es nicht, so vermittelt es die Ausbildung. 1982 übernimmt der 23-jährige Braun mit seiner Frau Irene den ehemaligen Hof seiner Eltern in Freising. Regenwürmer? Interessieren die beiden wenig. Sie spritzen Gift auf den Acker, pflanzen Monokulturen aus Mais, verteilen Insektizide gegen Schädlinge, setzen Fungizide gegen Pilzbefall beim Getreide ein.

Braun ist in der bayerischen Jungbauernschaft aktiv, da machen es alle so wie er. Aber bei Treffen mit Bauern aus anderen Vereinen muss er sich immer wieder rechtfertigen: Warum spritzt er Gift auf seinen Acker und tötet damit auch wertvolle Nützlinge ab? Wieso laugt er den Boden mit Monokulturen aus?

Wenige Jahre später passiert 1986 die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, da ist Johanna, die erste Tochter der Brauns, gerade drei Jahre alt. Sepp Braun betrachtet seinen Hof und kommt zu dem Schluss: „Das ist Vergewaltigung an der Natur, was wir machen.“ Und beschließt, dass er seinen Hof umstellen wird.

Heute ist Braun bekannt dafür, dass in seinem Ackerboden ungewöhnlich viele Regenwürmer leben. Folgt man ihm über seinen Bioland-Hof, muss man sich beeilen, denn er geht schnell, rennt beinah. Wenn man ihn fragt, inwiefern eine naturverträgliche Art der Landwirtschaft in Zukunft die konventionellen Methoden ablösen könnte, wippt er mit seinem rechten Bein und wird ungeduldig: „Wir haben doch gar keine andere Wahl!“, sagt er.

Sepp Braun unterhält sich in einer kleinen Werkstatt auf seinem Hof mit einem Mitarbeiter

Er ist nicht der einzige, der so denkt: Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass jedes Jahr weltweit 6 Millionen Hektar Boden verlorengehen – eine Fläche zweimal so groß wie Belgien – weil Böden unangepasst oder zu intensiv genutzt werden. Das Umweltbundesamt spricht sogar von jährlich 10 Millionen Hektar Verlusten. Also der Boden, auf dem künftig die Lebensmittel unserer Kinder und Enkel wachsen sollen. Einer der Hauptverursacher dafür ist die industrielle Landwirtschaft.

Wer denkt, dass man das Problem allein mit Bio lösen kann, liegt falsch. Denn auch der industrialisierte Biolandbau ist Teil des Problems. Fruchtbare Erde ist voller Leben: Bakterien, Pilze, Milben, Insekten und natürlich die Regenwürmer, die Sepp Braun so schätzt. Wenn Bauern ihre Böden mit Traktor und Pflug bearbeiten, zerstören sie damit Teile dieses Bodenlebens.

Zudem lassen die schweren Maschinen die Böden immer dichter werden. Starker Regen und Wind können wiederum die aufgeworfene Erde wegtragen, Nährstoffe wegspülen. Dadurch wird weniger Wasser im Boden gespeichert, ein Kreislauf beginnt: Der Boden wird zunehmend unfruchtbar und verhärtet weiter. Diese Bodenerosion ist auf der ganzen Welt ein Problem, als Folge breiten sich Steppen und Wüsten aus.

Wo sollen unser Lebensmittel in Zukunft noch wachsen?

Insgesamt 10 Millionen Hektar fruchtbarer Boden im Jahr, die verloren gehen, das klingt dramatisch – und das ist es auch. Denn die industrialisierte Landwirtschaft stellt den Menschen zwar im Moment riesige Mengen an Lebensmitteln zur Verfügung. Aber sie zerstört dabei zunehmend die Böden, auf denen sie noch wachsen können. Sepp Brauns Regenwürmer sind kein Hobby. Er versucht, ein reales Problem zu lösen.

Die gute Nachricht ist, dass man Boden regenerieren kann. Aber es ist sehr zeitintensiv. Durchschnittlich werden 0,1 Millimeter fruchtbarer Boden pro Jahr wieder aufgebaut. Das passiert zum Beispiel, indem die kleinen Lebewesen im Boden abgestorbene Pflanzen oder Kompost wieder zersetzen. Weit mehr geht kaputt: etwa zwei Millimeter auf Flächen, die für den Ackerbau genutzt werden, zum Beispiel durch Erosion. Der Boden geht im Moment also viel schneller verloren, als er sich regenerieren kann.

Die Schicht, von der alles abhängt, ist sehr dünn. Gerade einmal 15 bis 50 Zentimeter tief reicht der fruchtbare Boden. Darin steckt der sogenannte Humus, der nichts mit dem bekannten Kichererbsenbrei (Hummus) zu tun hat. Humus besteht aus fein zersetzten organischen Substanzen: tiefschwarze, fruchtbare Erde. Sie versorgt Pflanzen mit Nährstoffen.

Mehr noch: Der Hauptbestandteil von Humus ist CO2. Die Rechnung ist also einfach: Vernichte ich Boden, setze ich CO2 frei. Wenn ich Humus aufbaue, kann ich mehr CO2 aus der Atmosphäre im Boden binden. Dass Landwirtschaft diese Leistung bringen könnte, taucht in Klimaschutz-Diskussionen selten auf.

Was Braun umsetzt, kann man „aufbauende Landwirtschaft“ nennen.

Es gibt viele verschiedene Begriffe für eine aufbauende Form der Landwirtschaft. Regenerative Landwirtschaft, aufbauende Agrikultur oder auch den Begriff Agrarökologie findet man in dem Zusammenhang immer wieder. Agrarökologie ist ein Teilgebiet der Landschaftsökologie und umschließt die wissenschaftliche Theorie landwirtschaftlich genutzter Flächen, deren Anbaupraxis und gleichzeitig eine Bewegung in der Landwirtschaft, die eine nachhaltigere Landwirtschaft zum Ziel hat. Allen Begriffen ist trotz unterschiedlicher Ausrichtung eines gemein: Es geht darum, mit der Natur zu arbeiten.

Eine Form der Landwirtschaft also, die Ressourcen aktiv aufbaut, indem sie zum Beispiel den Boden verbessert. Einige Methoden, die Braun umsetzt, sind an die sogenannte Permakultur angelehnt, die in den letzten Jahren vor allem in Städten bekannt geworden ist – und zu Unrecht das Image hat, dass sie im großen Stil nichts taugt. „Der Großteil der Bauern würde sagen, Permakultur ist was für den Privatgarten”, erklärt Stefan Schwarzer, Geograf und Permakulturdesigner. Für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Genf beschäftigt er sich schon lange mit globalen Umweltthemen. Er glaubt, dass sich mit den gleichen Methoden auch größere Betriebe gestalten lassen.

Entwickelt haben das Konzept die beiden Australier Bill Mollison und David Holmgren in den 70er-Jahren, wie Sepp Braun waren sie auf der Suche nach Alternativen zur industriellen Landwirtschaft Der Begriff setzt sich aus „permanent“ (dauerhaft) und „agriculture“ (Landwirtschaft) zusammen.

Vereinfacht gesagt ist die Idee, natürliche Ökosysteme zu beobachten und die Natur zum Vorbild zu nehmen. Das sieht dann etwa so aus: Menschen beobachten, dass in der Natur bestimmte Pflanzen besonders oft zusammen wachsen, weil sie gegenseitig ihr Wachstum fördern. Deshalb wird bei Permakultur auch gerne in sogenannten Mischkulturen gepflanzt: Verschiedene Gemüsearten wachsen dann nicht in getrennten Beeten, sondern werden gezielt miteinander kombiniert. Kapuziner-und Gartenkresse schützt zum Beispiel Tomaten vor Blattläusen. Auch Blumen und Gemüse können gemischt werden. Die Blüten ziehen Hummeln und Bienen an, die wiederum die Gemüsepflanzen bestäuben.

Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der danach strebt, Lebensmittel so anzubauen, dass weder die Natur noch andere Menschen Schaden nehmen. Permakultur ist also keine Anbaumethode, sondern ein Gestaltungskonzept, eine bestimmte Herangehensweise, mit der man einen kleinen Garten, aber auch einen großen Hof planen kann.

Die beiden Australier entwickelten ethische Prinzipien und orientierten sich dabei an alten Kulturen wie den Aboriginies, denen es gelang, zusammen mit der Natur zu leben. Die drei Grundprinzipien sind: Earth Care (Sorge um die Erde), People Care (Sorge für den Menschen) und Fair Share (Konsum begrenzen und mögliche Überschüsse weiterverteilen). Das heißt, es wird nach den Bedürfnissen der Natur, aber auch der Menschen gefragt.

Natürlich geht es um die Frage, wie viel Essen brauchen wir. Aber das Konzept greift noch weiter: Es fragt auch nach anderen materiellen und sozialen Bedürfnissen. Daher wird der Mensch aufgefordert, sein ganzes Denken zu reflektieren: seinen eigenen Konsum kritisch zu hinterfragen und für seine Mitmenschen Verantwortung zu übernehmen.

Das eigene Bedürfnis Nahrung soll also möglichst so befriedigt werden, dass weder die Natur noch andere Menschen einen Schaden nehmen. Theoretisch lässt sich noch mehr über das Konzept erklären. Zum Beispiel gibt es insgesamt 12 Prinzipien, nach denen gehandelt werden kann.

Braun gebraucht den Begriff „Permakultur” für seine Arbeit nicht, auch wenn er viele der Prinzipien auf seinem Hof anwendet. „Es geht einfach um eine bestimmte Haltung gegenüber der Natur. Wie ich das dann nenne, ist mir egal.“ Insgesamt bewirtschaften die Brauns 17 Hektar Grünland und 38 Hektar Acker. Er pflanzt Bäume zwischen seinen Äckern und kreiert damit sogenannte Agroforstsysteme. Das bringt viele Vorteile mit sich: Die Bäume speichern Wasser, verbessern auf lange Sicht den Boden, steigern sogar Erträge. Wenn er Teile davon fällt, nutzt er das Holz, um Strom zu erzeugen – er denkt also in Kreisläufen.

Außerdem bearbeitet er seinen Boden ohne Pflug. Stattdessen hat er seine Regenwürmer, um den Boden aufzulockern. Er sorgt dafür, dass sie sich wohl fühlen, sät immer wieder Klee als Zwischensaat, damit der Boden bedeckt bleibt. Das schützt ihn vor Erosion, da die Erde nicht ungeschützt dem Wetter ausgesetzt ist und zudem Wasser besser aufnehmen kann. Mit den Wurzeln lockern die Pflanzen den Boden, später zersetzen die Regenwürmer sie und Humus entsteht.

Die Regenwürmer erzeugen pro Hektar rund 80 Tonnen Regenwurmkot, die rund 280 Kilogramm Stickstoff enthalten. Das entspricht der doppelten Menge, die in der modernen Landwirtschaft pro Hektar gedüngt wird. Und Braun ist kein Einzelgänger: Viele Landwirt:innen integrieren bereits Methoden aus der Permakultur in ihren Betrieben, ohne den Begriff zu verwenden.

Nicht nur die Regenwürmer helfen dem Boden: Braun nutzt auch den Mist seiner Hühner

„Es war viel trial and error – vor allem error, error, error“

Bauern, die strenger nach Permakultur-Prinzipien arbeiten und von den Erträgen leben können, sind seltener. Eine genaue Zahl zu nennen, ist schwierig, da es keine einheitlichen Richtlinien für Permakulturhöfe gibt. Julius Krebs, der aktuell an der Universität Koblenz-Landau über Permakultur promoviert, hat nur fünf solcher Höfe in Deutschland gefunden, die auch wirtschaftlich rentabel sind.

Julius Krebs hat für die Recherche seiner Doktorarbeit fünf Höfe in Deutschland gefunden, auf die folgende Kriterien zutreffen: Sie sind (laut Betreiber) mit Permakultur geplant worden, sie integrieren mindestens zwei verschiedene Landnutzungsformen (zum Beispiel Tierhaltung und Obst, oder Obst und Gemüse) und sie müssen sich primär über den Verkauf der Produkte finanzieren und nicht über Seminare oder Führungen.

„Im Erwerbsgartenbau spielt die Permakultur deshalb auch praktisch keine Rolle“, sagt Markus Fadl von Naturland, einem der größten Bioanbauverbände in Deutschland. Der Arbeitsaufwand gilt als zu hoch, der Anbau damit als zu teuer. Dennoch zeigen die fünf Höfe, dass Permakultur auch für wirtschaftlich rentable Höfe funktionieren kann.

Der Boarhof am Tegernsee ist einer davon. Wenn man ihn betritt, fühlt man sich ein wenig wie in Bullerbüh: Hinter dem großen Holzhaus liegt ein kleiner Teich, Enten schnattern, ein kleine Katze huscht vor der Tür zum Hofladen umher. Markus Bogner steht an einem Holzzaun, hinter dem ein großes Schwein grunzt. „Das ist Ludwig“, erklärt er. Ludwig frisst Schnecken und Kompost und hilft mit seiner Schnauze beim Umgraben des Bodens.

Auch das ist ein wichtiges Prinzip der Permakultur: Ein Element im System erfüllt mehrere Funktionen. Bogner geht ein paar Schritte weiter und pflückt ein länglichen Stängel, der an Thymian erinnert: „Colakraut“ – es vertreibt den Kohlweißling, den Schädling des Weißkohls. Deshalb wächst es hier zwischen den Kohlpflanzen. Nochmals drei Schritte weiter hat der Bauer vertrocknete Sonnenblumen am Rand eines rundlichen Beetes stehenlassen. „Die Vögel freuen sich, und später auch die Regenwürmer“, sagt der Bauer.

Es klingt simpel: Aber in den ersten drei Jahren Permakultur dachten seine Frau Maria und er oft ans Aufgeben. „Es war viel trial and error. Vor allem error, error, error.“ Der Boarhof umfasst 10 Hektar, ihr gesamtes Gemüse bauen sie auf 2 Hektar davon an.

Bei den Bauern kommt nur ein Bruchteil der Erlöse im Supermarkt an

Es stimmt schon: Noch ist Permakultur eine ziemlich teure Art des Anbaus, weil sie viel Zeit kostet. Auf dem Hof ist viel Handarbeit nötig, da die Pflanzen eng stehen und zum Beispiel in einer Reihe Salat auch noch andere Pflanzen wachsen. Bogner ist darauf angewiesen, den höchstmöglichen Preis für seine Produkte zu bekommen, deswegen wird alles, was auf dem Boarhof wächst, auch direkt ab Hof verkauft. Wenn Bauern über den Einzelhandel verkaufen, bekommen sie je nach Lebensmittel nur 8 (Brot, Kartoffeln) bis 30 Prozent (tierische Produkte) des Preises, den der Konsument zahlt.
Außerdem haben er und seine Mitarbeiter:innen die Möglichkeit, ihre Erträge selbst weiter zu veredeln.


In dem hofeigenen Café arbeitet Bogner auch selbst mit und bedient die Gäste

Das sieht dann so aus: Die Bogners backen Brot, verkaufen Getränke und selbstgebackenen Kuchen auf dem Café direkt am Hof. Aus krummen Karotten wird Suppe gekocht und verkauft. So sind die krummen Möhren letztlich sogar mehr wert, weil die Bogners an der Suppe mehr verdienen.

Auch Bauern wollen artgerecht gehalten werden

Es klingt alles wunderbar – aber die entscheidende Frage ist, ob diese Art der Landwirtschaft Milliarden von Menschen ernähren könnte. In der Permakultur ist oft von Kreisläufen die Rede, die es zu schließen gilt, und genau hier sieht Bogner eine mögliche Lösung. „Der wichtigste Kreislauf, den es gibt, ist der Kontakt zwischen Erzeuger und Verbraucher.“

Solidarische Landwirtschaften etwa wollen die Entfremdung zwischen dem Konsumenten im Supermarkt und dem Bauern auf dem Acker aufheben: Man tritt bei, zahlt einen festen Betrag an den Landwirt und bekommt dafür im Austausch einen Teil der Ernte. „Artgerechte Bauernhaltung”, nennt Bogner das. Der Landwirt ist dadurch finanziell abgesichert. Und kann so auch teurer anbauen – und naturverträglicher.

Dass dies auch in großer Form klappen kann, zeigt zum Beispiel Hansalim, die momentan größte solidarische Landwirtschaft in Südkorea. 1,5 Millionen Menschen werden dort heute schon mit regionalen Bio-Lebensmitteln ernährt. Burkhard Kayser ist Permakultur-Designer, Berater für nachhaltige Landnutzung und Agroforstsysteme und berät auch konventionelle Landwirte. „Es macht keinen Sinn einfach nur auf Permakultur umzustellen, ich muss gleichzeitig auch über Vermarktungsstrategien nachdenken”, sagt er.

Ein wichtiger Punkt: Permakultur gilt auch deswegen als wirtschaftlich unrentabel, weil in der wirtschaftlichen Betrachtung der Höfe Zustand und Qualität des Bodens keine Rolle spielen. „Wenn man hohe Erträge erwirtschaftet, aber gleichzeitig die komplette Produktionsgrundlage, die Böden, zugrunde richtet, taucht das nirgends auf“, erklärt Bogner. Er bekommt im Jahr etwa 200 Praktikumsanfragen. Für ihn ist das ein Zeichen dafür, dass es ein großes Interesse an Alternativen zur derzeitigen Landwirtschaft gibt.

Die Forschung weiß noch wenig

Umso seltsamer ist es, dass Permakultur bisher kaum erforscht wird. Es gibt Studien zu den einzelnen Methoden der Permakultur, wie etwa Agroforstsystemen oder Humusaufbau. Aber umfassendere Forschung fehlt bisher, da es schwierig ist, die komplexen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Elementen auf einem Hof zu untersuchen. So wie bei Braun. Er füttert seine Kühe mit Heu und Gras – so verursachen seine Kühe insgesamt weniger Treibhausgase. Sie stoßen zwar immer noch Methan aus, das klima-schädlicher ist als CO2. Aber: Braun muss kein Kraftfutter dazu kaufen, das mit viel Energie hergestellt wird. Außerdem helfen seine Kühe wiederum dem Boden dabei, Humus aufzubauen. Und tragen so dazu bei, dass CO2 im Boden gespeichert wird.

Bei der Frage, ob Permakultur in Zukunft Milliarden Menschen ernähren kann, konzentrieren sich Kritiker im Wesentlichen auf den hohen Arbeitsaufwand. Bei vielen Projekten arbeiten Freiwillige mit. Ohne diese Arbeitskraft könnte die Arbeit gar nicht erledigt werden. Dies ist zum Beispiel auch auf der Farm Bec Helouin in Frankreich der Fall. Die Farm gilt als das Paradebeispiel eines gelungenen Permakulturhofs, da die Betreiber mit einer Studie zeigen konnten, dass der Anbau rentabel ist.

Die Studie, hat gezeigt, dass jeder Quadratmeter der Farm pro Jahr 55 Euro erwirtschaftet. Damit würde der Hof über den Durchschnitt anderer Gemüsebetriebe liegen. Die Studie wurde aber kritisiert, da nur die produktivsten Teile des Gartens analysiert wurden.

Auch Markus Fadl von Naturland sieht darin das Problem der Permakultur: Betriebe mit Sonderkulturen, die arbeitsaufwändig sind, wie zum Beispiel Hopfen oder Feldgemüse, haben jetzt schon Probleme, ausreichend Saisonarbeitskräfte zu bekommen. „Für die Gesamtlandwirtschaft kann Permakultur daher eher kein Lösungsansatz sein.“

Bemerkenswert ist allerdings, dass nicht etwa Großbetriebe, sondern Kleinbauern aktuell schon den Großteil unserer Nahrung erwirtschaften. Aus dem Weltagrarbericht geht hervor: Kleinbauern produzieren heute bereits zwei Drittel der menschlichen Nahrung, obwohl sie dafür nur ein Viertel der weltweiten Ackerflächen nutzen.

Zehn Milliarden Menschen werden nach Prognosen 2050 auf diesem Planeten leben. Wie sie alle satt werden sollen, ist eine große Frage – und die Klimakrise macht sie umso dringender. Und es reicht nicht, nur über Anbaumethoden nachzudenken, sondern es muss auch darum gehen, wie viel Nahrung wir überhaupt brauchen. Und ob wir es uns wirklich noch leisten können, Schweine und Hühner mit Soja und Getreide zu füttern, statt diese Pflanzen selbst zu essen. Tatsächlich werden heute schon genügend Lebensmittel produziert, aber rund ein Drittel davon landet im Müll.

Konventionelle Bauern sind nicht an allem Schuld

Immerhin, das Konzept hat es in den hessischen Koalitionsvertrag zwischen CDU und Grünen geschafft. Darin heißt es: „Wir unterstützen Initiativen wie die Solidarische Landwirtschaft, Ernährungsräte, Essbare Stadt und Permakulturen.“

Das ist ein schöner Satz, der aber nicht die Dramatik wiedergibt, um die es eigentlich geht: Wenn die Böden zerstört werden, auf denen unsere Lebensmittel wachsen, ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und wer konventionellen Landwirten dafür die Schuld gibt und die Lösung allein im Biosupermarkt sieht, macht es sich zu einfach.

Wichtiger sind solche Fragen:

  • Wann ist es soweit, dass Bauern, die versuchen, nachhaltig zu wirtschaften, auch mehr Subventionen dafür bekommen?
  • Zwingt das jetzige System Landwirte in das immer gleiche Schema, wenn sie überleben wollen?
  • Brauchen wir in der landwirtschaftlichen Ausbildung neue Inhalte? Wieso geben Menschen in Deutschland nur etwa zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus?
  • Und wieso sind Lebensmittel überhaupt so billig?

Permakultur hat nicht die Antwort auf alle diese Fragen. Aber sie könnte immerhin ein Teil einer Lösung sein, die wir dringend brauchen.


Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Fotos: Marie Fetzer; Bildredaktion: Martin Gommel.

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