© Getty Images / NurPhoto

Wir fragen, ihr erklärt: Der KR–Community-Quickie

„Die Menschen in Chile sind jetzt viel geeinter als sonst“

Interview von Teresa Wolny
etwa 5 Min. Lesedauer

Es begann mit 30 Pesos: Vor zwei Wochen erhöhten die Behörden in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile die Preise für U-Bahn-Tickets um diesen Betrag, umgerechnet vier Cent. Zuerst protestierten Studierende dagegen, sie sprangen über Drehkreuze und verwüsteten Metrostationen. Schnell ging es aber um mehr: um teure Bildung, schlechte Gesundheitsversorgung, Altersarmut, soziale Ungleichheit. Bald gingen Menschen aus allen Schichten auf die Straßen, zuletzt eine Million am letzten Freitag im Oktober.

Seit Beginn der Unruhen sind nach Angaben der Regierungen 20 Menschen gestorben. Der chilenische Präsident Sebastián Piñera verhängte den Ausnahmezustand. Auf den Straßen Santiagos patroullierten Panzer und Soldat:innen. Mittlerweile entließ Piñera ein Drittel seines Kabinetts, beendete den Ausnahmezustand und kündigte an, Mindestlohn und Mindestrente zu erhöhen. Die U-Bahn-Tickets sind wieder billiger. Die Proteste gehen weiter.


Sina Pfister, 29, schrieb uns eine E-Mail. Sie störte, dass zu Beginn meist über die Fahrpreiserhöhung berichtet wurde: „Die Leute demonstrieren jetzt aus 1.000 anderen Gründen.“ Sina lebte lange in Chile, ihr Mann Jaime kommt von dort. Ende August kehrte sie mit Familie nach Deutschland zurück. Sie lebt in der Nähe von Köln und ist Doktorandin der Anthropologie.


Sina, warum gehen die Chilen:innen auf die Straße?

Chile ist ein schönes Land. Man kann dort gut leben. Für mich war aber schon am Anfang klar, dass ich das nicht für immer tun möchte. Weil ich zum Beispiel nicht 45 Stunden in der Woche arbeiten möchte – Überstunden nicht eingerechnet. Und jetzt protestieren die Leute unter anderem genau aus diesem Grund, nicht wegen 30 Pesos.

Haben dich die Proteste überrascht?

Total – als wir vor zwei Monaten Chile verlassen haben, hätte ich im Leben nicht damit gerechnet. Ich habe in Chile für meine Doktorarbeit geforscht und hatte einen deutschen Arbeitsvertrag, aber über Jaime habe ich mitbekommen, wie krass eine chilenische Arbeitswoche oft ist. Krank sein, das gibt es eigentlich nicht: Du schleppst dich trotzdem zur Arbeit – außer es ist wirklich böse. Und Chile ist sehr teuer. Die Mieten sind zwar günstiger als in Deutschland, aber die Supermärkte sind oft teurer.

Ich habe das Gesundheitssystem ganz gut kennen gelernt, weil ich in Chile schwanger war. Für Schwangere ist es gut, auch wenn man lange warten muss. Vieles andere ist dagegen richtig teuer, zum Beispiel Zahnpflege oder Krebs. Es gibt in Chile immer wieder Leute, die sterben, weil sie auf der Warteliste standen. Wenn du in Chile nicht viel Geld hast, hast du einfach ein Problem. Und wenn du zwischen den Schichten nur sieben Stunden Zeit zum Essen, Schlafen und Duschen hast, hast du eigentlich keine Zeit, dich aufzulehnen. Überrascht haben mich die Proteste aber auch deswegen, weil viele Chilen:innen den neoliberalen Kurs des Präsidenten Sebastián Piñera unterstützt haben.

Du bist mit deiner Familie seit acht Wochen wieder in Deutschland. Bist du froh darüber?

Einerseits ja. Einen Ausnahmezustand mitzuerleben, ist schon anstrengend. Andererseits wäre es vielleicht auch schön, Teil dieser Veränderung zu sein. Vielleicht hätte ich mich aber auch gar nicht getraut, richtig auf die Straße zu gehen. Das betrifft mich zwar nicht, in Chile verliert man allerdings relativ schnell seinen Job, wenn man ein paar Tage nicht zur Arbeit kommt.

Das heißt, dass letzten Freitag eine Million Leute ihren Job riskiert haben, um zu protestieren?

Einige sicher. Es gibt natürlich auch viele Leute, die keinen Job haben. Ich kenne aber auch jemanden, dem sein Chef gesagt hat, dass er wegen der Sicherheitslage gar nicht erst zur Arbeit kommen soll. Und wegen des Ausnahmezustands durften einige Leute ihre Läden nicht öffnen und haben deshalb Zeit zu protestieren. Meine Schwägerin hat mir ein Video aus einem Viertel am Stadtrand von Santiago geschickt. Dort hauen Menschen in einem Wohnblock auf Töpfe und demonstrieren so ihre Unzufriedenheit – „cacerolazo“ wird dieser Protest genannt. Und wir reden jetzt nur von Santiago, in ganz Chile haben noch viel mehr Menschen protestiert.


In dem Video hört ihr „cacerolazo“ im Stadtteil San Miguel in Santiago de Chile: Aus Protest schlagen die Menschen laut auf Pfannen und Kochtöpfe (carcerola ist Spanisch und heißt Topf).

https://youtu.be/oM0lLNbiT7U


Wie informiert ihr euch über die Entwicklungen?

Jaime liest vor allem Twitter. Er und unser größerer Sohn waren auch auf einer Demonstration der chilenischen Gemeinde in Köln. Viele Chilen:innen hängen sich da ziemlich rein. Ich mache das aber nicht. Und wir verfolgen eine typisch chilenische Sache: In solchen Krisensituationen verbreiten sich sofort Millionen von Memes. Die machen sich über sich selber lustig, aber vor allem über die Regierung, oft mit schwarzem Humor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das in Deutschland so geben würde.

Viele Menschen sagen, dass sie die Militärpräsenz auf der Straße gerade an die Diktatur erinnert.

1973 putschte das chilenische Militär gegen den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Augusto Pinochet errichtete eine Militärdiktatur. Tausende Menschen wurden gefoltert, getötet oder verschwanden; Hunderttausende gingen ins Exil.

Ich denke, dass die Vergleiche mit der Diktatur vor allem gezogen werden, weil das Volk nicht nur nicht gehört wurde, sondern von Politiker:innen auch beschimpft wurde. Der Präsident sprach ja im Radio davon, dass das kein Protest sei, sondern kriminell. Es ist auch nicht das erste Mal, dass das Militär im Inneren eingesetzt wird. Ich war während des Erdbebens 2010 in Chile. Auch damals wurden Soldat:innen mobilisiert. Ich habe meine Masterarbeit darüber geschrieben und deswegen mit ziemlich vielen Leuten geredet. Damals hatte niemand ein Problem damit, alle waren der Meinung, dass der Militäreinsatz notwendig sei. Jetzt handelt es sich nicht um eine Naturkatastrophe, und die Situation sieht komplett anders aus.

Links: "Gewaltloser Marsch – wir wollen verhandeln", unten rechts: "Wir sind offen für einen Dialog, aber nicht für diese Art von Terrorismus – Ausgangssperre!"

Das Erdbeben 2010 vor der Küste Chiles hatte eine Stärke von 8,8 und war damit das weltweit sechststärkste Beben seit Beginn der seismischen Aufzeichnung im Jahr 1900. Insgesamt starben 521 Menschen. Präsidentin Michelle Bachelet rief in den betroffenen Gebieten den Katastrophenzustand aus. Auch damals gab es eine nächtliche Ausgangssperre, und das Militär wurde eingesetzt.

Durch die Diktatur gibt es in Chile eigentlich auch eine klare Trennung zwischen links und rechts. In Diskussionen ist es oft so: Entweder ist man sofort Kommunist oder Faschist. Normalerweise dreht sich auch auf Facebook alles um rechts und links. Das ist diesmal aber nicht so. Die Menschen sind viel geeinter.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

Ihr wisst etwas über ein Thema, das gerade diskutiert wird? Ihr lebt in einem Land, das aktuell in den Schlagzeilen ist? Schreibt es uns an kontakt@krautreporter.de – wir rufen euch an.

Prompt headline