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Autoren-Newsletter

Eine Agenda für den Klima-Journalismus

von Rico Grimm
etwa 6 Min. Lesedauer

Was ist wichtiger? Dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen verstehen, welches Problem die Klimakrise für sie ist und werden kann? Oder von den im Vergleich wenigen Menschen erzählen, die gesellschaftlichen Druck machen, um das Problem anzugehen?

Und sollten wir nicht auch wissen, was die Ingenieur:innen, Naturschützer:innen und Wissenschaftler:innen sich gerade ausdenken, um unsere CO2-Emissionen zu senken? Und wenn wir einmal darüber nachdenken, wieso nicht konkret werden und eine kurzfristig viel wichtigere Sache in den Blick nehmen: dass der Kohle-Ausstieg in Deutschland wackelt, weil die Bundesregierung das dafür nötige Gesetz nicht verabschiedet.

Andererseits wurden auf den Bahamas vor wenigen Wochen 60 Prozent der Wirtschaftsleistung in einer Nacht von einem Hurrikan ausradiert, in Wales wird das erste Dorf wegen steigendem Meeresspiegel aufgegeben und in Miami hat der Kampf um die Strände begonnen, der bald ein Kampf um die Häuser wird, die hinter den Dünen liegen. Unterdessen können sich die einen private Feuerwehren in Kalifornien einkaufen, um ihr Zuhause vor den Waldbränden zu schützen. Die anderen müssen auf Glück und die richtige Windrichtung setzen. Das ist unsere Klimazukunft im Hier und Jetzt.

Dann wiederum: Könnte Geo-Engineering nicht eine schnelle Lösung sein, um solche Folgen des Klimawandels abzuschwächen? Und wenn die Energiewende stockt, sollten wir nicht versuchen, die Atomkraft wieder zu beleben? Oder wäre radikale Aufforstung besser? Technische Themen, sehr kompliziert, da bräuchte es sachliche Überblicke.

Warum aber stockt die Energiewende? Da müsste man doch auch mal genauer hinschauen, genauso wie auf die Firmen und Konzerne, die in den letzten 120 Jahren Billionen Dollar mit dem Verkauf von Öl und Gas verdient haben und dabei die Atmosphäre als ihre private Müllkippe nutzen konnten. In diesem Zusammenhang hat übrigens gerade ein Jahrhundert-Prozess in New York gegen die Ölfirma Exxon begonnen. Sollte man drüber Bescheid wissen, oder?

Nur was wissen wir denn wirklich über den Klimawandel? Ist unser Wissen rechtssicher in dem Sinne, dass wir die Ölkonzerne vor Gericht zur Verantwortung ziehen könnten? Wo gibt es noch Unsicherheiten? Was bedeutet diese massive Veränderung der Umwelt eigentlich für unser Menschsein? Hat es jemals zuvor schon einmal so etwas gegeben? Wenn ja, was könnten wir aus diesen Epochen lernen?

Liebe Leserin, lieber Leser – ich mache es dir mit diesem Newsletter nicht leicht. Denn ich lege dir all die Fragen hin, die mich seit Monaten beschäftigen. Mein Problem ist das Problem, das alle haben, die sich mit der Klimakrise beschäftigen (müssen). Wo beginnen? Was ist wichtig?

Ich habe in diesem Jahr zwei Texte geschrieben, die die großen Linien in den Blick genommen haben: einen über die Folgen des Klimawandels, einen über einen möglichen Ausweg. Aber wie die Zukunft der Menschen in der Klimakrise aussieht, wird im Detail entschieden, ganz konkret, in den nächsten fünf bis zehn Jahren, die zu den wichtigsten gehören, die die moderne Zivilisation je hatte.

Deswegen habe ich eine Umfrage angelegt. Sag mir, welche Aspekte der Klimakrise du am wichtigsten findest. Die Ergebnisse dieser Umfrage werde ich auswerten, hier vorstellen und: vielleicht auch mit euch persönlich diskutieren. Ich denke gerade darüber nach, kleine Treffen unter den Leser:innen dieses Newsletters zu organisieren, bei denen wir gemeinsam darüber nachdenken können, welche Klimaberichterstattung es in den 2020er Jahren brauchen wird. Das hängt vor allem davon ab, ob sich genügend Interessierte dafür finden.

Hier geht es zur Umfrage (oder direkt unten ausfüllen.)

Bitte, wenn ihr Verteiler kennt oder auf Social Media aktiv seid oder Freunde habt, die sich für das Thema interessieren: Schickt die Umfrage weiter!



Was ich gerade gelesen habe

James C. Scott - „Die Mühlen der Zivilisation“. Es gibt Dinge, die stellen wir nicht infrage: dass ein Stein zu Boden fällt, wenn wir ihn werfen. Oder dass Staaten uns regieren. Wer kann sich schon eine Ordnung vorstellen, in der es keine staatliche Kontrolle gibt?

In diesem Buch allerdings legt der US-amerikanische Politikwissenschaftler James C. Scott eine „Tiefengeschichte der frühen Staaten“ vor, die zeigt: Staaten sind für Menschen nicht so selbstverständlich, wie wir heute annehmen. Scott bezeichnet sich als „Grenzverletzer“, der in diesem Buch archäologisches und anthropologisches Wissen zusammengetragen hat, um zu zeigen, dass die Menschen nicht zum Staat kamen, sondern der Staat sich die Menschen holen musste, notfalls mit Gewalt. Oder wie es an einer Stelle im Buch heißt: Die Chinesische Mauer wurde erbaut, um die „Barbaren“ draußen zu halten – aber auch, um die Steuerzahler drinnen zu halten. Scott zeigt überzeugend, dass zentralisierte Staatlichkeit nicht das zivilisatorische Paradies ist, als das es uns im Geschichtsunterricht immer vermittelt wurde.

Ja, es gibt eine Linie von Jäger-Sammler-Kulturen zur Sesshaftigkeit hin zur Staatlichkeit, aber sie bedeutet nicht per se Fortschritt. Um es überspitzt zu sagen: Die schriftliche, nationalstaatfixierte Geschichtsschreibung seit 3.000 Jahren ist immerwährende Propaganda gegen die Menschen, die nicht sesshaft waren und sich staatlicher Hoheit entzogen. Als sich in den fruchtbaren Flussebenen Mesopotamiens (im Süden des heutigen Iraks) die ersten Stadtstaaten bildeten, lebten mehr als 99 Prozent der Menschen in Gebieten, die nicht staatlich verwaltet waren, und es ging ihnen nach allem, was wir heute wissen, gut: Infektionskrankheiten wie Masern oder Röteln kannten sie nicht, die entstanden erst mit der Viehhaltung, Steuern mussten sie nicht zahlen, sie „arbeiteten“ wenig, und trotzdem war ihre Ernährung ausgewogener als diejenige der Bauern. Aber die Geschichte dieser Menschen wird uns nicht erzählt.

James C. Scott ändert das mit diesem Buch: Es ist etwas trocken geschrieben, manchmal wiederholt er sich auch, aber es ist mutig und originell und voller kleiner erstaunlicher Entdeckungen. Eine meiner liebsten: Die Odyssee und die Ilias, die gefeierten Werke der abendländischen Zivilisation, entstanden als mündlich überlieferte Versepen in einer Zeit, die wir als das „dunkle Zeitalter“ des antiken Griechenlands kennen, also in jenen 400 Jahren, in denen angeblich die Kultur Griechenlands zusammengebrochen war. Dabei war gar nicht die Kultur zusammengebrochen, sondern nur die zentralisierte Staatlichkeit, durch die Geschichte aufgeschrieben wurde. Das Leben ging unterdessen weiter. Verlag Suhrkamp. 32 Euro.


Was die Leser:innen dieses Newsletters gerade machen

Als wir vor einiger Zeit unsere Artikel Serie zur Klimakrise gestartet haben, hat sich innerhalb kurzer Zeit eine Gruppe von Leser:innen gefunden, die etwas dagegen tun wollten. Daraus ist dieser Artikel entstanden.

Krautreporter-Mitglied und Newsletter-Abonnent Magnus hat nun mit zwei Mitstreiter:innen die Initiative concerts4future ins Leben gerufen: Vom 01.-03. Mai 2020 sollen hunderte Konzerte oder Events international über die Klimakrise und mögliche Lösungen informieren. Dazu suchen sie jetzt Musiker/Künstler und kleinere und größere Veranstalter oder solche, die es werden wollen. Mehr Infos unter: „concerts4future“.

Schreibst du ein Buch? Hast du gerade deine Forschung abgeschlossen? Planst du etwas Besonderes? An dieser Stelle im Newsletter ist Platz für dich und deine Projekte. Schreib mir rico@krautreporter.de

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