© Bent Freiwald

Antisemitismus

Gegen die Sprachlosigkeit nach Halle

von der Krautreporter-Redaktion
etwa 13 Min. Lesedauer

Silke Jäger:

Am liebsten möchte ich schweigen. Aber ich spüre, dass genau das ein Problem ist. Nicht nur meins. Das Problem haben zu viele Menschen in Deutschland. Dass sie am liebsten schweigen möchten, wenn Unrecht geschieht, Gewalt angekündigt wird, Menschen verbal in die Jauchegrube geschmissen werden und man ihnen den Tod an den Hals wünscht. Und wenn dann einer kommt wie der Attentäter aus Halle, dann fragen wir uns: Was sollen wir unseren jüdischen Nachbarn jetzt bloß sagen? Am liebsten möchten wir ja schweigen.

Und viele werden genau das tun. Schon allein deshalb, weil sie über ihre Nachbarn kaum etwas wissen. Schon gar nicht, ob sie jüdisch sind. Viele werden schweigen, weil sie unsicher sind, wie sie als Nachkommen von Tätern den Nachkommen von Opfern begegnen sollen. Erst recht jetzt, wo rassistische Gewalt aus der Deckung kriecht. Aber: Diejenigen, die gewalttätig werden, weil sie rassistisch sind, können sich in diesem Deutschland sicher genug fühlen, weil diejenigen, die hinter ihnen stehen und sie anfeuern, ausreichende Deckung haben.

Wenn die Nachkommen von Tätern zu Tätern werden, und die Nachkommen von Opfern wieder zu Opfern, schützt unser Impuls, am liebsten zu schweigen, die Täter. Haben wir das noch immer nicht verstanden?

Amos Oz hat in seinem Essay „Deutschland und Israel“ sehr eindrücklich beschrieben, warum Nachkommen von Tätern und Opfern die gleiche Frage mit sich herumschleppen: „Was hätte ich damals getan?“ Ich weiß es nicht, lautet meine persönliche Antwort. Das liegt vor allem daran, dass ich mir mich selbst nicht vorstellen kann als ein Mensch, den es in der Vergangenheit schon einmal hätte geben können. Ich kann nur im Hier und Jetzt leben, handeln, fühlen. Ich kann mich erinnern lassen an das Leben, das Handeln und das Fühlen der Menschen von damals. Und wenn ich mich erinnern lasse, wenn ich mich dem Schmerz von damals aussetze, wie geht es mir mit diesem Deutschland, in dem ich jetzt lebe? Heute, nur kurz nach dem versuchten Massaker an Juden in einer Synagoge an Jom Kippur?

Ich schäme mich. Daher der Wunsch, am liebsten zu schweigen. Und ich habe Schmerzen. Die habe ich allerdings schon sehr lange. Weil wir schon sehr lange sehen können, dass Deutsche gewalttätig gegen Menschen werden, die anders sind oder anders leben, als der vermeintliche Deutsche es tut. Wir in Deutschland normalisieren gerade Rassismus. Und auch mein Schweigen trägt dazu bei. Das wird mir an solchen Tagen sehr klar. An anderen kann ich das verdrängen.

Aber die Wahrheit ist: Halle kam nicht plötzlich, und es macht auch nicht den Anfang. Halle muss aber das Ende sein. Es reicht! Bis hierher und nicht weiter! Kein Gotteshaus, sei es jüdisch, muslimisch, christlich oder ein anderes, sollte Polizeischutz brauchen. Nirgendwo auf der Welt. Aber vor allem nicht die jüdischen Gotteshäuser in Deutschland.


Theresa Bäuerlein:

Meine erste Reaktion auf den Anschlag in Halle war, meinen jüdischen Mann beruhigen zu wollen. Ihm sagen zu wollen, dass der Attentäter offenbar ein Mensch ist, der alles hasst, was in seinem Kopf seine Welt bedroht, also Feminst:innen, Migrant:innen und eben auch Juden und Jüdinnen. Dass er sich eine Synagoge als Ziel und einen jüdischen Feiertag als Anlass ausgesucht hatte, es am Ende aber auch ein anderes Ziel und ein anderer Tag hätte sein können. Dass die Tat an sich furchtbar ist, aber dass mein Mann sich als Jude nicht speziell bedroht fühlen müsse.

Das alles wollte ich denken, um mich selbst und ihn zu beruhigen. Aber das ist natürlich Schwachsinn, denn es war eine antisemitische Tat. Und der mutmaßliche Täter ist ein 27 Jahre alter Mann, der den Holocaust leugnet – kein unverbesserlicher Uralt-Nazi, kein Relikt der Vergangenheit. Sondern ein Produkt unserer Gegenwart.

Wenn ich darüber nachdenke, dass vor zwei Tagen jüdische Menschen in einer Synagoge in Deutschland darauf warten mussten, ob ein Todesschütze es schaffen würde, die verschlossene Tür zu durchbrechen, dann beschämt mich das auf eine Weise, die schwer in Worte zu fassen ist. Und ich wusste nicht, was ich sagen sollte, als mich gestern eine Freundin aus Israel fragte, wie es sein kann, dass nach einem solchen Ereignis die Straßen in Deutschland nicht voll sind mit Menschen, die ihr Entsetzen zeigen und ihre Solidarität mit ihren jüdischen Mitbürgern.

Ich denke, wenn diese Tat in den 70ern passiert wäre, hätte es die Menschenmassen auf den Straßen vielleicht gegeben. Meine Vermutung: Viele Deutsche fühlen sich heute wohl nicht mehr persönlich vom Holocaust betroffen. Und damit auch nicht verantwortlich. Sie verurteilen vielleicht, was in Halle passiert ist – aber sie begreifen diesen Anschlag nicht als ihr Problem. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Oder ist es Hilflosigkeit? Aber selbst wenn: Ist sie eine legitime Rechtfertigung? Wir können als Einzelne rechtsextremen Terror nicht verhindern. Aber es würde helfen, wenn wir mehr Stimmen hören würden, von ganz normalen Bürgern, nicht nur von Politikern, die einfach mal sagen: „Wir sind verdammt nochmal nicht einverstanden damit, dass unsere Mitmenschen terrorisiert und ermordet werden, egal, woran sie glauben, wie sie aussehen oder wo sie herkommen. Und das ist unser gemeinsames Problem, nicht das von anderen Leuten.” Diese Sätze klingen so selbstverständlich, dass es einem vielleicht hirnrissig erscheint, sie überhaupt explizit zu formulieren. Aber ich glaube, es muss es sein.


Esther Göbel:

Ich sitze jetzt seit mehr als einer halben Stunde vor dem weißen Papier. Normalerweise kenne ich das nicht von mir, diese Sprachlosigkeit. Worte zu finden, ist mein Beruf, und normalerweise habe ich keine Probleme damit. In diesen Tagen aber, nach dem antisemitischen Attentat in Halle, ist es anders. Obwohl so viele Worte in mir sind, finde ich nicht die richtigen.

Obwohl ich allen jüdischen Mitbürgern so gern sagen würde, wie sehr mich dieser Anschlag schockiert und betroffen macht, wie wütend ich bin und wie oft ich jetzt an alle Jüdinnen und Juden in Deutschland denke, die jeden Tag diese Furcht ertragen müssen, es könne etwas Schreckliches passieren, entziehen sich mir die Worte. Wie Empathie bekunden, ohne dass es falsch klingt? Anbiedernd, paternalistisch, oberflächlich? Keiner meiner Sätze scheint mir angemessen, angesichts dessen, was passiert ist und angesichts des Hasses, den Jüdinnen und Juden in ihrem Alltag ertragen müssen. Keine Beileidsbekundung reicht aus – kann niemals ausreichen. Ich weiß das.

Vielleicht klingt all das nicht so, wie es klingen sollte, dann entschuldigt, liebe jüdischen Mitmenschen. Aber ich will euch trotzdem sagen: Ihr seid nicht allein! Dieses Attentat ist unser aller Problem. Und sehr, sehr viele Menschen sind so bestürzt wie ich. Wir denken an euch.


Rico Grimm:

Wenn der Terror herrscht, schalte ich ab. Ich meide mindestens für den Rest des Tages Meldungen zu dem jeweiligen Anschlag. Denn alles, was direkt in den Stunden danach gesagt werden kann, wird gesagt werden – von jedem, mehrmals. Egal, ob es wahr ist oder angemessen. Ich glaube in solchen Situationen nicht, dass ich irgendetwas hinzufügen kann, was es jetzt braucht. Deswegen schweige ich oft nach Terroranschlägen.

Aber das war nach Halle anders. Ich habe jüdische Freunde, und ihnen musste ich etwas sagen. Weil ich ihnen das Gefühl geben wollte, nicht allein zu sein mit diesem Anschlag, der Gott sei Dank nicht ihnen persönlich galt. Aber sie waren gemeint. Jeder von ihnen hatte mir schon einmal von der Schwierigkeit berichtet, sich an einem Ort komplett niederzulassen, sich zu Hause zu fühlen. „Wie auch”, dachte ich mir, „wenn offener und gewalttätiger Judenhass wieder so oft die Schlagzeilen bestimmt.”

Mir kommt es so vor, als ob meine Freunde in einer Ecke ihrer Seele immer einen Fluchtkoffer stehen haben. Und wenn ich wirklich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass mich das verletzt. Nicht, weil ich es nicht verstehen würde, im Gegenteil. Sondern weil es mir meine eigene Hilflosigkeit aufzeigt – und weil es bedeutet, dass meine Freunde mich eines Tages verlassen könnten. Ist das egoistisch? Vielleicht. Aber auch ein ehrliches Gefühl unter Freunden. Freunde hat man ja nicht, um ihnen Lebewohl zu sagen.

Ich wollte meine jüdischen Freunde kurz nach dem Attentat nicht fragen, wie es ihnen nun geht. Weil diese Frage mir dämlich vorkam. Wie sollte es einem als Jude nach diesem Anschlag schon gehen? Jetzt, wenn ich diese Zeile schreibe, merke ich, dass es eigentlich eine gute Frage gewesen wär. Denn sie hätte dem Attentäter keinen Raum gegeben.

Aber ich entschied mich gegen die Frage. Ich musste an den Fluchtkoffer denken, der da in der Seele meiner Freunde in der Ecke stehen könnte, und ich wollte dem Attentäter nicht unwidersprochen diesen verdammten Triumph gönnen: Dass meine Freunde womöglich jetzt anfangen könnten zu zweifeln und sich vergewissern müssen, dass der Koffer noch da ist, für alle Fälle. Deswegen schrieb ich ihnen eine kurze Nachricht, jedem einzelnen von ihnen, die auf einen Satz hinaus lief: „Das hier ist dein Land!“

Ich war mir unsicher, ob dieser Satz nun wirklich der passende war in dieser Situation, und genau das schrieb ich ihnen auch. Aber ich hoffte, dass sie verstehen würden, worauf ich hinaus wollte. Sie haben es verstanden. Mehr noch, sie fanden es wichtig, der Satz bedeutete ihnen etwas. Was mich sehr glücklich machte. Meinen Freunden fühle ich mich jetzt näher als zuvor. Der Attentäter hat nicht gewonnen.


Bent Freiwald:

„Vielleicht bin ich da mittlerweile abgestumpft“, hat meine Mitbewohnerin gesagt, als wir am Mittwochabend im Wohnzimmer saßen. Ich habe dann versucht, ihr zu erklären, warum ich heute nicht abgestumpft sein kann. Nicht an diesem Tag.

Jemand macht in Deutschland gezielt Jagd auf Juden, versucht, bewaffnet in eine Synagoge einzudringen. In Deutschland! Scheiße! Fassungslos war ich an diesem Mittwoch, an dem ich sie gleich mehrfach verlor, die Fassung. Weil alles gleichzeitig passierte: Ein paar Hundert Meter von meiner Wohnung entfernt blockierten Demonstrant:innen von Extinction Rebellion Brücken; die Türkei startete ihre Bodenoffensive in Syrien; und dann: Halle. Wut!

Und trotzdem saß ich da, im warmen Wohnzimmer, 20.45 Uhr, während sich andere in Berlin vor einer Synagoge trafen, um einen „Schutzschirm gegen Antisemitismus“ zu bilden. Sie waren dem Twitter-Aufruf der SPD-Politikerin Sawsan Chebli gefolgt: „Kommst du heute auch?“, hatte sie viele an diesem Abend gefragt, ebenfalls auf Twitter.

Ich selbst ging nicht hin. Ich kann euch nicht sagen, warum. Und während ich das schreibe, schäme ich mich dafür. Ich ging nicht auf die Straße, und ich habe auch keinen Jüdinnen oder Juden meine Solidarität ausgesprochen. Auch, weil ich praktisch keine kenne. Meine einzige Reaktion war die in mich gekehrte Fassungslosigkeit.

Das hier fühlt sich an wie ein verspätetes auf die Straße gehen, der verspätete Schutzschirm gegen Antisemitismus, der keiner ist, weil es nur Worte sind. Es fühlt sich falsch an, dieses Statement zu schreiben, weil ich das alles nicht verstehe, und weil ich daran zweifle, ob unsere Statements angebracht sind – obwohl wir gemeinsam als Redaktion beschlossen haben, sie zu schreiben. Und es fühlt sich genau richtig an, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Das reicht nicht, nichts reicht, solange Menschen in Deutschland Angst haben müssen. Nur, weil sie ihren Glauben praktizieren, weil sie irgendwie aussehen, weil sie irgendwo herkommen, weil sie vermeintlich anders sind. Meine Solidarität ist hilflos, trotzdem möchte ich eines festhalten: Emotional gibt es für mich kein Wir und Ihr. Es gibt nur Wir.


Teresa Wolny:

Seit ein paar Wochen sitzt in meinem Kopf diese bestimmte Kategorie: „Schockierend, aber nicht überraschend.“ Unter diese Kategorie fällt für mich der Anschlag in Halle. Überraschend wäre es gewesen, wenn es vorher keine Anzeichen dafür gegeben hätte. Die gab es aber – zuhauf. Ich bin schockiert, betroffen und so wütend. Trotzdem finde ich keinen besseren Ausdruck dafür als ein paar Adjektive. Ich habe keine Ahnung, wie es sein muss, tagtäglich mit der Angst vor einem solchen Hassausbruch wie dem in Halle leben zu müssen.

Ich habe darüber gelesen, vielleicht immer noch nicht genug. Aber selbst, wenn mir jemand persönlich von seinen oder ihren Erfahrungen erzählt: Wären diese Berichte an anderen Orten nicht besser aufgehoben? In Schulen, an Universitäten? Auf Twitter habe ich seit Mittwoch eifrig gelesen und genickt. Und ich habe mich geschämt. Weil ich nicht zur Versammlung an der großen Synagoge gegangen bin. Weil ich Teil dieser Gesellschaft bin, die die Gefahr und die Angst, unter der viele Menschen in Deutschland leben müssen, immer noch nicht genug auf dem Schirm hat. Und weil das hier alles schrecklich floskelhaft klingt und der Situation nicht ansatzweise gerecht zu werden scheint.

Statt zur Synagoge zu gehen, stehe ich an diesem Mittwoch, dem Tag des Attentats, am Bahnsteig und habe den starken Impuls, jemanden zu umarmen. Um zu zeigen, dass ich nicht teilnahmslos bin. So wie viele Menschen auf dem Bahnsteig sicher auch nicht.


Tarek Barkouni:

Als Sohn eines syrischen Migranten rasen mir bei solchen Nachrichten immer die gleichen Gedanken durch den Kopf, für die ich mich zutiefst schäme: „Bitte lass den Attentäter kein Araber gewesen sein!“ Gleichzeitig werde ich wütend, weil es genauso wenig ein antisemitischer Rechtsextremist sein sollte. Niemand sollte so etwas tun. Und trotzdem passiert es.

Was mich auch immer wieder in Rage bringt: Der Täter hat sich im Internet radikalisiert, seine Motivation und seine Vorbilder dort gefunden. Das Soziale am Internet ist für mich wichtig, Rechtsextreme aber nutzen die Technologie des Internets, um sich nicht nur asozial zu äußern, sondern viel schlimmer noch: um Verachtenswertes zu tun. Wir dürfen das nicht hinnehmen. Und müssen das Soziale im Netz, das, was das Internet so großartig macht, verteidigen. Dafür dürfen wir uns nicht allein auf staatliche Stellen verlassen – jeder Einzelne muss öfter „Halt die Fresse!” rufen, wenn es notwendig ist. Eventuell habe ich das selbst zu selten gemacht.


Marie Fetzer:

Ganz ehrlich: Ich bin überfordert. Was soll man denn sagen, wenn alles schon gesagt scheint, es aber noch falscher nachhallt, nichts zu sagen? Ganz ehrlich: Ich lebe in einer Bubble. Ich kenne keinen einzigen Juden persönlich. Das heißt nicht, dass ich deshalb weniger mit ihnen mitfühle. Auch nicht, dass mir der Anschlag deshalb egal ist. Es heißt vielleicht am ehesten: Ich bin verunsichert, weiß nicht, was ich sagen soll.

Aus Angst, das Falsche zu sagen, sage ich am Ende gar nichts. Dabei ist Sprachlosigkeit erst einmal nicht falsch – sie ist vor allem menschlich. Falsch ist es nur, diese Sprachlosigkeit hinzunehmen und weiter zu schweigen. Denn dann kann das Fehlen der Worte schnell verwechselt werden: mit dem Fehlen von Mitgefühl und Betroffenheit. Deshalb sage ich, ganz ehrlich: Ich bin überfordert und betroffen. Ich habe keine Ahnung, wie sich Jüdinnen und Juden jetzt fühlen. Aber ehrlich ist auch: Ich fühle trotzdem mit – und das will ich euch trotz aller Sprachlosigkeit in meinen Pappwörtern wissen lassen.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.

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