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Schleichwege zur klassischen Musik, Folge 10

Wer diese Formel für klassische Musik kennt, hat mehr Spaß beim Hören

von Gabriel Yoran
etwa 12 Min. Lesedauer

Mit dieser zehnten Folge endet die Krautreporter-Klassikreihe. Ich möchte mich bei den zehntausenden von Leser:innen und den Autor:innen Dutzender Kommentare und E-Mails bedanken – die Menge und Intensität der Reaktionen hat mir den Eindruck vermittelt, hier tatsächlich eine hilfreiche Arbeit zu machen.

Svenja schrieb mir, dass sie sich extra freigenommen hat, um einen ganzen Vormittag lang die verlinkten Konzertvideos anzuschauen. Nathalie hat als Opernsängerin und Gesangspädagogin in den Texten Inspiration zur Musikvermittlung an ihre Schüler gefunden, Erwin „standen die Tränen in den Augen, halb vor Rührung, halb vor Lachen“. Und Torsten schrieb: „Danke! Danke! Danke!“ – und wurde dann Krautreporter-Mitglied, wegen dieser Playlist aus Teil 9 der Klassikreihe, wie er schreibt. Diese Leser:innen, die, teils schon in ihren 50ern oder 60ern, jetzt der Klassik eine Chance geben, sind das größte Lob, das ich mir vorstellen kann.

Es ist also nie zu spät, seine Meinung zu ändern und etwas Neues kennenzulernen, auch wenn dieses Neue hunderte Jahre alt ist und vielleicht erstmal etwas angestaubt wirkt.

Ich kann von Worten nur berührt werden, wenn ich ihre Bedeutung verstehe

In dieser letzten Folge möchte ich auf die These aus der ersten Folge zurückkommen, nämlich dass Musik eine Sprache ist, und Sprachen muss man lernen, will man sie verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass sich auch der emotionale Gehalt einer Musik besser erschließt, wenn man etwas über ihre Struktur, die „Grammatik“ ihrer Sprache, weiß. Denn oft erhält man einen emotionalen Zugang zu etwas erst durch eine intellektuelle Arbeit.

Glaubt ihr nicht? Ihr macht diese Arbeit aber jeden Tag, nämlich wenn ihr Sprache versteht. Ich kann von Worten nur berührt werden, wenn ich ihre Bedeutung verstehe und die Struktur, die Grammatik der Sprache. Wenn ich nicht weiß, wie Sätze geformt werden, verstehe ich den Sinn der Worte nicht. Aus Unverständnis folgt ganz schnell Langeweile. Und Langeweile ist das Hauptproblem bei der Vermittlung klassischer Musik. Diese Musik ist für die allermeisten Menschen schlicht langweilig. Diese Reihe hier ist ein bescheidener Versuch, das zumindest für ein paar Leute zu ändern.

Wenn ich also nur eine Sache erzählen dürfte über die „Sprache“ der klassischen Musik, dann wäre es diese: Es gibt eine Methode, nach der viele der bekanntesten Stücke komponiert wurden. Es gibt sozusagen eine Formel. Die Meister variieren diese Formel natürlich und gehen weit darüber hinaus, aber auch sie beginnen mit einer an sich einfachen Formel. Und wenn ihr diese Formel kennt, könnt ihr Musik ganz neu verstehen: nicht ausschließlich emotional, sondern auch intellektuell. Und diese beiden Verständnisweisen sind kein Widerspruch.

Maximale Freiheit, aber in einem strengen Rahmen

Das Klassische – egal in welcher Kunstgattung – hat immer etwas Erhabenes. Vieles geht unter, aber das Klassische bleibt. Man kann es ablehnen, aber man kann es nicht ignorieren. Das Klassische ist die Perfektionierung einer freien Kunst in einem strengen Rahmen. Den strengen Rahmen finden wir in allen Kunstformen, nicht nur in der Musik, sondern in der Mythologie, auf der Bühne, im Gedicht – aber auch im Film, in der Architektur, sogar in der Küche. Überall gibt es klassische Formen, und wie die Künstler:innen damit umgehen, verrät ihre Meisterschaft.

Und die klassischen ästhetischen Strategien finden sich auch überall wieder: Gut gegen Böse, David gegen Goliath, Armut gegen Reichtum, Unterdrückte gegen Unterdrücker. Drama ist Konflikt, und ohne Konflikt ist alles fad. Widersprüche, Gegensätze, Kontraste – ohne sie geht es nicht. In den Kuchen kommt etwas Salz. Und je strenger der formale Rahmen, desto spektakulärer die Möglichkeiten der Kunst.

Habt ihr die Serie „Fleabag“ gesehen? (Wenn nicht, holt es nach, sie ist sehr gut.) Die Heldin wendet sich mitten im Dialog uns Zuschauer:innen zu und kommentiert die Handlung. Das ist nur deswegen so verstörend (und wirkungsvoll), weil normalerweise eben die Form gewahrt, der Rahmen nicht gesprengt wird. Fernsehschauspieler sprechen ihr Publikum nicht an. Sie dürfen ja nicht mal direkt in die Kamera schauen. Die strenge Form ermöglicht die Freiheit erst.

Was ich euch heute verraten will, ist eine „Klassik-Formel“, ein Gestaltungsprinzip nach dem sehr viel klassische Musik gebaut ist – und diesmal meine ich tatsächlich „klassische“ Musik im engeren Sinn, also die europäische Kunstmusik von 1750 bis 1825. In diese Epoche fallen Mozart, Haydn und Beethoven – und ihre Musik ist meist das erste, woran Leute denken, wenn man klassische Musik erwähnt.

Die Formel, nach der viel klassische Musik komponiert ist: Es tritt ein Gegensatzpaar gegeneinander an

Die strenge Form, die Formel gar, heißt in der klassischen Musik Sonatenhauptsatzform, und man kann sie natürlich beliebig kompliziert erklären, aber im Prinzip besagt sie: Es tritt ein Gegensatzpaar gegeneinander an. Und wer aufmerksam zuhört, kann dieses Gegensatzpaar raushören. Es geht darum, zwei gegensätzliche Melodien vorzustellen und sie dann aneinander zu reiben – Ausgang ungewiss. Die Formel geht so:

  1. Das Stück beginnt. Wir hören eine Melodie, das sogenannte „Thema“. Es wird ein bisschen mit dem Thema gespielt, vielleicht wird es noch einmal gespielt, etwas langsamer oder schneller, etwas höher oder tiefer oder auf einem anderen Instrument.

  2. Dann hören wir eine zweite Melodie, die sehr anders ist als die erste: das zweite Thema. Es steht in einer anderen Tonart als das erste – es hat einen völlig anderen Charakter. Und auch mit diesem zweiten Thema wird gespielt, auch das zweite wird wiederholt, es wird variiert, leicht verfremdet (weil es so schön ist und damit man es sich leichter merken kann).

  3. Und dann geht’s rund: Beide Themen werden aneinander gerieben, sie beginnen sich zu überlappen, zu überschneiden. Sie wandern durch verschiedene Tonarten, sie arbeiten gegeneinander …

  4. … und am Ende vielleicht sogar miteinander (aber nicht immer!). Vielleicht gibt es eine Versöhnung der beiden, vielleicht nicht. Möglicherweise kehrt das zweite Thema zurück, aber in der Tonart des ersten. Es ist ein bisschen so, als würde eine der beiden Streitparteien auf die andere zugehen und sagen: Okay, finden wir einen Kompromiss. Dann passieren noch ein paar andere Dinge, es gibt dramatische Verästelungen, Ablenkungen, Erinnerungen an den Anfang des Stücks und dann gibt’s einen dramatischen Schluss. Fertig. Sonatenhauptsatzform, bäm.

Und falls ihr jetzt sagt: Moment mal, funktioniert nicht jedes zweite Theaterstück so? Oder jeder Hollywoodfilm? Zwei Figuren, ein Konflikt, eine irgendwie geartete Auflösung? Dann sage ich, tja, so ist das mit der Klassik. Diese Dinge überdauern, weil sie funktionieren. Sie sind befriedigend, sie sind rund, aber nicht langweilig.

Die Sonatenhauptsatzform ist die Formel für so ziemlich alle ersten Sätze klassischer Sinfonien, manchmal funktionieren auch die letzten Sätze so (die mittleren werden anders gebaut).

Eine Sinfonie besteht aus mehreren, voneinander durch kurze Pausen getrennten Stücken. (In diesen Pausen darf das Publikum mal was tun, zum Beispiel ausgiebig husten und Nase putzen, aber nicht klatschen.) Die einzelnen Sätze haben sehr unterschiedliche Charaktere, ihr Hauptunterscheidungsmerkmal ist aber die Geschwindigkeit, in der sie gespielt werden. Deshalb haben Sätze Tempobezeichnungen als Namen – und zwar auf Italienisch, denn das ist die Sprache der (klassischen) Musik.

Eine solche Tempobezeichnung habt ihr sicher schon mal gehört: „Adagio.“ Das bedeutet zwar wörtlich„ bequem“ oder „behaglich“, aber gemeint ist ein langsames oder gar sehr langsames Tempo (rund 60 bis 70 Schläge pro Minute oder bpm). Das Gegenstück zum Adagio ist das „Allegro“, was für ein flottes Tempo steht (120-180 bpm). Das Mittelding ist „Moderato“: Wie der Name schon sagt, steht das für ein moderates, mittleres Tempo (108-120 bpm).

Wenn also jemand sagt, ihm gefällt besonders das Adagio aus einer Sinfonie, dann meint das den langsamen Satz aus dem Werk. Oft beginnt eine Sinfonie mit einem dramatischen und pompösen ersten Satz, gefolgt von dem Adagio, dem leiseren, zarten zweiten Satz.

Es gibt noch viele weitere Tempobezeichnungen, und gerade in der romantischen Musik werden diese immer assoziativer. Bei Gustav Mahler lesen wir als Satzbezeichnung ausufernde Beschreibungen wie „In gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt Trauermarsch.“

Acht weltbekannte Noten

Nehmen wir ein Beispiel, das wirklich jede:r kennt. Der erste Satz von Beethovens 5. Sinfonie. Viel klassischer wird es nicht. Wenn du jetzt acht Minuten Zeit hast, hör ihn dir einmal am Stück an. (Wenn nicht, gehe gleich weiter und wir hören uns kurze, wichtige Stellen zusammen an.)

Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 5 in c-moll (1800-1808)

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=55&end=500&version=3

Der erste Satz beginnt mit acht weltbekannten Noten (die folgenden Videos spielen immer nur den Ausschnitt, um den es gerade geht):

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=55&end=64&version=3

Diese Noten sind das erste Thema. Man könnte es auch ein „Motiv“ nennen, denn meist sind Themen länger und aus mehreren „Motiven“ zusammengesetzt. Wie dem auch sei, das Motiv klingt dramatisch und unheilvoll. Weil die Klassikleute oft zu viel Pathospastete gegessen haben, nennen sie diese ersten acht Töne auch „Schicksalsmotiv“. Sei’s drum. Beethoven spielt dann etwas damit, wiederholt es in verschiedenen Tonhöhen und mit verschiedenen Instrumenten.

Bei 1:43 beginnt dann das zweite Thema. Es ist völlig anders als das erste: Lieblich, friedlich, sanft – der perfekte Kontrast. Hier beginnt es:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=104&end=112&version=3

Auch das zweite Thema wiederholt Beethoven einige Male, wieder in verschiedenen Tonhöhen und mit verschiedenen Instrumenten. Wir sollen es uns ja merken können. Und weil das Stück sonst schon zu Ende wäre, wiederholt er beide Themen noch einmal.

Es ist wichtig, sich das einmal klarzumachen: Der erste Satz einer Sinfonie ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger schönen Melodien – genauso wenig wie ein Haus eine Aneinanderreihung mehr oder weniger großer Zimmer ist. Es gibt da eine Ordnung. Man muss diese Ordnung nicht kennen, aber das Zuhören wird interessanter, wenn man sie kennt. Diese Struktur, diese Grammatik der Musik ist nötig, weil die Komponistin, der Komponist, ja etwas sagen will – nur eben ohne Worte. Und wie Beethoven etwas sagen will!

Nachdem er uns das erste und das zweite Thema vorgestellt hat, will er sicherstellen, dass wir es auch wirklich begriffen haben – also wiederholt er beides. Zuerst also noch einmal das erste Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=142&end=161&version=3

Und dann bekommen wir das zweite Thema auch nochmal serviert:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=190&end=198&version=3

Beethoven hämmert uns das wirklich rein: Bitteschön, hier sind zwei verschiedene Themen, unterschiedlich wie Nacht und Tag. Dramatisch und lieblich, bedrohlich und friedlich. Das Maximum an Differenz.

Beethoven wäre aber natürlich nicht Beethoven, wenn er sich nicht eine zusätzliche Komplikation überlegt hätte. Während er das zweite Thema vorstellt, läuft im Hintergrund der Rhythmus des ersten Themas (ta-ta-ta-taaaa!) parallel weiter. Achtet mal auf die Celli im Hintergrund. Während die Geigen im Vordergrund das liebliche zweite Thema zum Besten geben, grummelt in den tiefen den Tönen das Schicksalsmotiv weiter. Hört es euch nochmal an:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=190&end=210&version=3

Gleichzeitig aber ist das, was da im Hintergrund grummelt, schon nicht mehr ganz so fatalistisch wie am Anfang. Die vierte und achte Note geht jetzt nicht mehr nach unten, sondern nach oben. Es ist fast so als hätte das freundlichere zweite Thema das erste angesteckt. Hört es euch nochmal an und achtet auf die tiefen Töne, die die Celli spielen:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=190&end=211&version=3

Merkt ihr etwas? Wir hören uns die gleiche Stelle wieder und wieder an und jedes Mal hören wir auf etwas Neues, wir entdecken immer mehr – und das in einem Stück, das man ja eigentlich zu Genüge kennt.

Es folgt nun der Teil, in dem die beiden Themen aneinandergerieben werden, dieser Teil heißt „Durchführung“. Wir kennen jetzt das musikalische Material, die Zutaten des Gerichts quasi, nun wollen wir doch mal sehen, was Beethoven daraus machen kann.

Das erste Schicksalsmotiv kommt wieder, diesmal noch dramatischer, gespielt auf den Hörnern, aber schon ein paar Sekunden später, bei 4:04, klingt die Musik unerwartet versöhnlicher, aber die Erholung hält keine zehn Sekunden an. Hört es euch an:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=229&end=265&version=3

Bei 4:35 ist der Streit dann vollends ausgebrochen: Geigen gegen Kontrabässe, Geigen gegen Blechbläser, es gibt mehrere Versöhnungsversuche, mehrere Beschwichtigungen, aber es ist alles für die Katz:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=265&end=318&version=3

Bei 5:39 dann plötzlich aus dem Nichts eine einzelne Oboe, als ob sie sagen wollte: Könnt ihr euch nicht vertragen?

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=328&end=342&version=3

Das ganze menschliche Drama in acht Minuten Musik

Aber es ist alles umsonst, der Streit geht unvermindert weiter. Es passieren jetzt noch ein paar Beethoven-Spezialaktionen, deren Komplexität uns hier nicht weiter bekümmern soll. Aber bevor das Schicksalsmotiv endgültig obsiegt, werden – Ordnung muss sein, denn auch das schreibt die Sonatenhauptsatzform vor – beide Themen noch einmal wiederholt, wenn auch leicht variiert und nochmals dramatisch zugespitzt. Schicksalsschläge, Zärtlichkeit, Krawall, Versöhnung – und wieder Schicksalsschläge. Das ganze menschliche Drama in acht Minuten Musik. Hört euch hier die letzten zweieinhalb Minuten Kampf der Themen an:

https://www.youtube.com/watch?v=S5EkOpYEx0w&feature=youtu.be&t=342&end=499&version=3

Und auch das macht das Klassische der Klassik aus: Diese Musik hält sich so lange, weil es so viel zu entdecken gibt – am Anfang ist man vielleicht vom Rhythmus und der Dramatik eingenommen, aber beim wiederholten Hören kann man all die anderen Ebenen entdecken, die Beethoven in diese Musik eingebaut hat.

Und noch über hundert Jahre nach der Komposition werden diesem Stück neue Bedeutungen abgerungen: Weil der Rhythmus dieser ersten vier Noten, ta-ta-ta-taaaaa, kurz, kurz, kurz, lang, dem Morsezeichen des Buchstabens V entsprechen, sendete die BBC während des Zweiten Weltkriegs den Anfang von Beethovens Fünfter als Jingle: V für Victory.

Ja genau, deutsche Musik im Kampf gegen Nazideutschland. Das NS-Regime ist tot, aber Beethoven lebt. 2020 feiern wir seinen 250. Geburtstag.

Im Angesicht reaktionärer Kräfte, die überall auf der Welt einen aggressiven Nationalismus abfeiern, müssen wir uns an die Klassik erinnern und vor allem an die Sonatenhauptsatzform: Ohne Unterschiede ist alles sinnlos. Ohne Unterschiede kein Fortschritt, ohne Differenz keine Entwicklung, ohne Konflikt keine Wahrheit. Wenn uns die Sprache der klassischen Musik eines lehrt, dann das: Es geht nicht ohne Konflikt und Widerspruch. Anstatt Unterschiede zu negieren oder gar zu beseitigen, lasst sie uns leben. Das Allerbeste geht aus ihnen hervor.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Verena Meyer.

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