© Martin Gommel

Das gute Leben, Folge 7

Knapp drei Jahre nach der Diagnose tödlicher Tumor lebt Erik immer noch – Gott sei Dank!

Interview von Esther Göbel
etwa 9 Min. Lesedauer

Als ich Erik vor zwei Jahren zum Interview in Berlin-Prenzlauer Berg traf, steckte er sich erstmal eine Zigarette an. Als wolle er damit sagen: „Mir doch egal!“ Erik war damals 28 Jahre alt, hatte eine fette Narbe am Kopf – und eine deprimierende Diagnose zu verkraften. Voraussichtliche verbleibende Lebensdauer: sechs bis fünfzehn Monate. Gehirntumor.

Ich traf einen jungen Mann, der trotz seiner Krankheit ständig Witze machte. Über sich, die Krankheit, das Leben, den Tod. Damals staunte ich über Erik, er imponierte mir.

Dann, es muss irgendwann im August dieses Jahres gewesen sein, dachte ich plötzlich wieder an Erik. Ich fragte mich, wie seine Geschichte wohl weitergegangen war. Also googelte ich ihn und sah: Er lebt! Ich fragte mich, wie es ihm wohl geht mittlerweile. Also schickte ich Erik eine Nachricht. Wir vereinbarten zwei Termine, die er beide absagte. Zu beschäftigt. Denn Erik arbeitet wieder, aber auch abseits des Jobs ist er busy: Den zweiten Termin musste er verschieben, weil er sich ein Haus anschauen wollte, das er vielleicht kaufen will.

Beim dritten Anlauf klappte es schließlich, Erik kam mit seinem neuen Motorrad zum Interview. Diesmal trafen wir uns in einem Café in Neukölln. Es hat sich viel geändert in Eriks Leben. Bloß das mit der Zigarette und dem Humor, das ist immer noch so wie vor zwei Jahren. Und sonst so?


Erik, wie geht's dir?

Gut! Ich kann mich nicht beklagen. Die MRTs sind gut – alle drei Monate habe ich ein Kontroll-MRT, auf den Bildern sieht man nur noch ein bisschen Narbengewebe an der Stelle, wo früher der Tumor war.

Das ist krass! Eigentlich müsstest du laut der Ärzteprognose von damals ja tot sein. Bist du so etwas wie ein medizinisches Wunder?

Irgendwie schon. Ich sage immer, ich bin jetzt wie so eine abgelaufene Margarine im Kühlschrank (lacht). Richtig erklären können die Ärzte meinen Krankheitsverlauf nicht. Ich hatte halt Glück, dass der Tumor gut operabel war. Und scheinbar haben dann Chemotherapie, Bestrahlung und vielleicht beides in Kombination mit Cannabis ganz gut funktioniert. Beim Glioblastom bildet sich meistens irgendwann ein Rezidiv nach, also der Tumor ploppt irgendwo wieder auf. Ich habe Bekannte, bei denen auch ein Glioblastom diagnostiziert wurde, und dem einen ging es von Anfang an sehr schlecht, mit dem anderen geht es jetzt bergab. Also ich glaube, ich habe wirklich Glück; kürzlich hab ich gesagt, ich fang jetzt an, Lotto zu spielen!

Ich finde das schon hart für dein Umfeld: Anfangs mussten Freunde und Familie die Ansage verkraften, dass du wohl in nicht allzu ferner Zeit sterben wirst – jetzt bist du Gott sei Dank noch da. Wie geht dein Umfeld damit um?

Am Anfang, also nach der Diagnose, haben wir ja noch Späße drüber gemacht. Es war halt eine Prognose; niemand kann dir auf den Tag genau sagen: „Dann und dann wirst du sterben.“ Aber mittlerweile bin ich wieder im normalen Alltag, zu 90 Prozent. Bloß, wenn das ganze Krebsthema durch irgendwas getriggert wird oder ich einen Witz mache und zum Beispiel sage „Wir haben nicht so viel Zeit, vor allem ich nicht, also zack jetzt!“, dann kommt schon schnell aus meinem Umfeld „Ach jetzt hör doch mal auf damit, ist doch alles gut, sei doch froh!“

Was hat sich geändert in deinem Leben seit unserem letzten Treffen vor knapp zwei Jahren? Du arbeitest wieder?

Ja, in meinem Job als Immobilienkaufmann. Ich habe erst eine Eingliederung gemacht, aber seit Anfang 2018 arbeite ich wieder 40 Stunden die Woche. Außerdem habe ich jetzt eine Freundin. Das ist der größte Milestone. Vorher war ich eher so ein Frauenheld, da war nie eine feste Beziehung möglich, weil ich immer dachte: „Ach, die da gefällt mir doch besser als die andere.“ Aber meine jetzige Freundin hatte mich über Instagram angeschrieben, weil sie mich in einer Doku gesehen hatte. Wir haben uns dann auf einen Kaffee verabredet, eine Kippe zusammengeraucht, ein glutenfreies Bierchen getrunken und eigentlich beide schnell gemerkt, dass wir uns nochmal treffen sollten. Das war im August 2018.

Und knapp ein Jahr später kauft ihr ein Haus zusammen?! Wow!

Der nächste Milestone war erstmal: „Okay, wir ziehen zusammen!“, dann ist sie bei mir in Mitte eingezogen. Als wir rausmussten aus dieser Wohnung, sind wir nach Reinickendorf gezogen, schön mit Balkon. Ich selbst bin ich als Kind in einem Haus groß geworden, ich habe keine Lust, mein Leben lang in ein Loch namens Mietwohnung einzuzahlen, also habe ich nach etwa einem halben Jahr gesagt: „Lass uns doch einfach umgucken!“

Warte mal kurz, ich fasse zusammen: Ihr seid innerhalb eines einzigen Jahres zusammengekommen, zusammengezogen und schaut schon nach einem gemeinsamen Haus? Also, das nenne ich schnell!

Das mit dem Haus war anfangs eher so ein „Ja, wir können einfach mal schauen.“ Ich bin gelernter Immobilienkaufmann, ich habe ihr anfangs nur mal gezeigt, was es so gibt, wie man mit Maklern spricht. Irgendwann hat sich die Sache mit dem Haus dann verselbstständigt.

Und? Schon eins gekauft?

Wir hatten ein kleines Häuschen gefunden, ja, in Petershagen. Aber wir haben dann gesagt: „Wir brauchen eine Absicherung für meine Freundin, falls ich irgendwann nicht mehr bin.“ Wir haben uns das Konzept Risikolebensversicherung angeschaut, überall angefragt, mussten dann aber feststellen, dass man das vergessen kann mit der Diagnose Glioblastom. Bei Versicherern gilt man als geheilt, wenn es fünf Jahre ab Diagnose einen guten Verlauf ohne Rückfall gibt. Deswegen liegt das ganze Projekt jetzt erstmal wieder auf Eis.

Was kommt als nächstes? Kinder?

Wir haben darüber gesprochen. Aber ich will einem Kind auch was bieten können. Wegen dem Hauskauf haben wir das Thema deswegen erstmal noch hintenangestellt. Aber eigentlich ist das schon in unserer Planung mit drin, Kinder, heiraten.

Ich staune wirklich. Vor zwei Jahren, als wir uns unterhalten haben, sagtest du zu mir, du würdest keine langfristigen Pläne mehr machen. Haus, Frau, Kind: Das wolltest du nicht. Triffst du heute durch die Erkrankung schneller Entscheidungen als früher?

Schneller würde ich nicht sagen. Aber überlegter. Man denkt jetzt einen Schritt weiter. Ich denke heute darüber nach, was in zehn, zwanzig Jahren ist. Das war auch bei dem Hausprojekt so. Ich will nicht sagen, dass ich früher unreifer war. Aber vielleicht unbedarfter. Früher war es mir zum Beispiel egal, ob ich jemandem das Herz gebrochen habe oder nicht. Heute würde ich mich fragen: „Warum mache ich das?“ Früher war ich dreister.

Also bist du durch die Krankheit empathischer geworden?

Ich glaube ja. Klar, man hat sich verändert. Vor der Erkrankung war immer bei mir „party hard!“ am Wochenende. Jetzt kann ich mit meiner Freundin am Wochenende auch gut zu Hause sitzen und wir gucken eine Doku. Ich genieße die kleinen Dinge viel mehr.

Denkst du noch viel an den Tod?

Er ist immer da. Deswegen habe ich vor zwei Jahren wahrscheinlich auch gesagt, ich plane nicht. Aber dadurch, dass es bei mir seit der Diagnose schon längere Zeit gut aussieht, fühle ich mich wahrscheinlich ein bisschen sicherer.

Ich habe das vor zwei Jahren schon nicht kapiert, und ich kapiere es jetzt immer noch nicht: Ich bin gesund, du hattest einen Tumor im Kopf, der jeder Zeit wieder neu wachsen kann – aber ich sitze hier und habe Angst vor Entscheidungen, du hingegen wirkst vollkommen angstfrei! Wie kann das sein?

Wenn es kommt, kommt es sowieso. Du kannst machen, was du willst. Es kann jeden immer treffen. Wieso also sollte ich Angst haben? Viele Menschen haben heute ein Problem damit, überhaupt irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Oder einfach mal „Nein!“ zu sagen. Das fällt vielen schwer. Ich habe das gelernt durch die Krankheit. Und ich habe zu meiner Freundin gesagt: „Wenn wir planen für die Zukunft, dann muss es sich auch lohnen – für beide.“

Waren die vergangenen zwei Jahre sehr hart? Im Volksmund spricht man oft vom „Kampf gegen den Krebs“, wenn jemand an dieser Krankheit erkrankt ist.

Ich finde das ein bisschen lächerlich. Irgendwann hatte ich mal die Idee, ein Buch zu schreiben. Habe auch mehrere Versuche gestartet, die ich dann nicht zu Ende gebracht habe. Der erste Satz in meinem Buch wäre vielleicht: „In diesem Buch wird niemals das Wort Kampf stehen.“ Es geht einem halt beschissen, man muss seinen inneren Schweinehund überwinden und den Arsch hochkriegen – aber wir sind doch nicht bei Game of Thrones! In der Literatur wird das so aufgebauscht; „Fuck cancer!“, „Kampf gegen den Krebs“, „Es war wahnsinnig …“. Dabei denke ich immer: „Ja gut, dann hast du halt deine Chemo genommen, und es ging dir dreckig.“

Nervt dich das, wenn die Menschen vom „Kampf gegen den Krebs“ reden?

Anfangs hat es mich tierisch genervt. Krebs haben ist einfach nur ein Akt. Es ist schwer, ja. Aber das Wort Kampf hat immer gleich etwas sehr Heroisches, dabei gibt es in dem Sinne keinen Gegner. In deinem Körper ist etwas kaputt, dagegen kann man angehen. Andere Leute kämpfen auch, zum Beispiel ein behinderter Mensch, der sein Leben lang für Barrierefreiheit kämpft. Ich habe viele kennengelernt, die versucht haben, über die Krankheit berühmt zu werden.

Vor zwei Jahren sagtest du zu mir, du hättest keine Angst. Ist das heute anders? Du hast ja jetzt viel mehr zu verlieren als bei unserem letzten Gespräch: deine Freundin, deine Pläne, den positiven Gesundheitsverlauf. Und der Krebs kann immer zurückkommen, der Tumor plötzlich wieder wachsen.

Ich würde es nicht als Angst bezeichnen, sondern als Respekt. Vor dem, was ich tue. Dass das den Dingen, die ich mir jetzt aufgebaut habe, schaden könnte. Ich kann zum Beispiel nicht fünf Schachteln Zigaretten am Tag rauchen. Weil ich dann denken würde: „Du hast jetzt 'ne Freundin, eine, mit der du dir ein Leben vorstellen kannst, und dann quarzt du dir hier die Lunge zu – und stirbst nicht mehr am Hirntumor, sondern an Lungenkrebs?!“ (Lacht wieder.) Ich habe jetzt eine andere Verbindlichkeit. Auch bei meiner Familie: Ich bin im Leben angekommen, habe da wieder einen Stand. Und meine Familie verlässt sich darauf.

Vielleicht bist du gar nicht mehr Erik, der Krebspatient.

Nee, jetzt bin ich Erik, der alte Sack! (lacht). Nächste Woche Montag ist mein nächstes MRT. Am Anfang war ich da noch aufgeregt, wenn ich 25 Minuten in dieser Röhre lag, mit Ohrstöpseln und Kopfhörern. Aber mittlerweile schlafe ich immer ein. In dem Moment kann ich sowieso nichts an dem Ergebnis ändern. Es bringt nichts, sich verrückt zu machen.


Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.

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