© Peter Gericke

Sieh die Welt, wie sie wirklich ist, Folge 6

Man kann an traumatischen Erlebnissen wachsen – das zeigen die Geschichten dieser drei Frauen

Serie von Esther Göbel
etwa 13 Min. Lesedauer

Es war der Morgen, nachdem in Stuttgart auf offener Straße ein Mann einen anderen mit einem Schwert ermordet hatte. Ein paar Tage zuvor hatte ein weiterer Mann einen kleinen Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof auf die Gleise geschubst, völlig aus dem Nichts. Beide Ereignisse waren erschütternd, bestürzt saßen wir an diesem Freitag zusammen in der Krautreporter-Redaktionskonferenz.

Wir sprachen über Angst. Darüber, dass solche Ereignisse die Angst in uns allen triggern. Und dass dieses Gefühl in der heutigen Zeit für viele zu einem ständigen Begleiter geworden ist. Dass Menschen sich unsicher fühlen – obwohl wir in einer Welt leben, die noch nie so sicher war wie heute. Noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es so wenige Kriegstote wie heute; Flugreisen sind in den letzten 80 Jahren 2.100 Mal sicherer geworden; die Zahl der Menschen, die bei Naturereignissen ums Leben gekommen sind, ist in den vergangenen hundert Jahren um weit mehr als die Hälfte gesunken.

Woher ich von diesen Fakten weiß? Sie stehen in Hans Roslings Buch „Factfulness“, dem ich seit Anfang des Jahres eine Artikel-Serie widme. Rosling wusste aber nicht nur von diesen Fakten, er wusste auch vom „Instinkt der Angst“: Wie wir aufgrund von Negativ-Nachrichten pessimistisch in die Zukunft schauen, vom Schlimmsten ausgehen, unsicher werden, Ängste entwickeln, die uns letztlich beeinflussen, in der Art, wie wir denken. Weil die Angst uns sagt: Es wird etwas Schlimmes passieren. Und wenn es so kommt, kannst du nichts mehr tun.

Dass das nicht stimmt, zeigen die folgenden drei Protokolle. In denen Menschen tatsächlich Schreckliches widerfahren ist. Die drei Geschichten berichten von traumatischen Erfahrungen – und wie man diese nicht nur überwinden, sondern auch an ihnen wachsen kann.

„Ein potenziell traumatisches Erlebnis ist zum Beispiel eine lebensbedrohliche Situation, oder die Beobachtung, dass jemand anderes neben mir in seinem Leben bedroht ist, oder eine schwere körperliche Verletzung genauso wie sexuelle Gewalt.“
Julia Schellong, Leitende Oberärztin Psychotraumatologie, Universitätsklinikum der TU Dresden

Jenny, 35, hat zwei Väter verloren

Als mein Vater starb, standen die Reste des Mittagessens noch auf dem Tisch. Es war Nikolaustag, am Morgen hatten meine beiden Schwestern und ich noch aufgeregt nachgesehen, was der Nikolaus in unsere Stiefel gesteckt hatte, die Mandarinen, Nüsse und Süßigkeiten nachgezählt. Jetzt fragte meine Mutter meinen Vater, ob er das letzte Hähnchenbein essen wolle. Mein Vater antwortete nicht, stattdessen starrte er seltsam geradeaus. Meine Mutter fragte noch einmal, mein Vater antwortete immer noch nicht. Stattdessen sackte er wortlos über die eine Seite von der Küchenbank, ganz langsam, bis er auf dem Boden lag. Plötzlicher Herzinfarkt. Meine Mutter versuchte noch, ihn wiederzubeleben. Keine Viertelstunde später war mein Vater tot.

Ich war damals sechs Jahre alt. Unsere Mutter hat noch einmal geheiratet, zweieinhalb Jahre, nachdem mein Vater gestorben war. Wir Kinder haben unseren Stiefvater geliebt. Dann erkrankte er an einem Plasmozytom: Knochenmarkkrebs. Ich weiß noch, wie meine Mutter uns Kindern einmal beim Mittagessen sagte – zu dieser Zeit lag unser Stiefvater längst im Krankenhaus –, dass er vielleicht sterben würde. Wütend schob ich meinen Teller weg, stieß meinen Stuhl zurück und rannte heulend auf mein Zimmer. Mein Stiefvater starb schließlich, als ich neun Jahre alt war. Nur acht Monate, nachdem meine Mutter und er geheiratet hatten.

In unserer Familie wurde nicht viel über den Tod beider Väter gesprochen, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Ich glaube, jede war auf eine stille, einsame Weise mit sich selbst beschäftigt – und damit, zu funktionieren. Die eigene Trauer irgendwohin zu packen, wo sie nicht allzu schmerzhaft war.

Wie traumatisch der Verlust beider Väter war, habe ich erst im Erwachsenenalter verstanden. Anders als den meisten meiner Freunde fehlt mir jegliches Grundvertrauen, eine Sicherheit in die Welt. Früher bestimmte die Angst mein Leben, in allen möglichen Situationen: Jedes Praktikum war eine riesige Herausforderung, weil ich Angst hatte zu versagen; jedes Mal, wenn ich einen Mann kennenlernte, war ich mir sicher, dass er nicht wirklich mich meinte. Und es gab Zeiten, da konnte ich mein E-Mail-Postfach nicht öffnen, weil ich ständig mit einer universellen Angst durchs Leben lief, es könnte im nächsten Moment etwas Schreckliches passieren: Eine wütende E-Mail des Chefs, eine Katastrophen-Nachricht von zuhause, mein Freund, der mit mir Schluss machen würde, bestimmt. Meine Angst schaffte es immer wieder, dass ich mir die dunkelsten aller Zukunftsszenarien ausmalte.

Sie schafft das auch heute noch. Aber nicht mehr in diesem Ausmaß. Ich bin besser darin geworden, nicht ihr, sondern mir zu vertrauen.

Und wenn ich heute, wie jetzt in diesem Moment, vom Tod meiner Väter erzähle, ergibt sich eine seltsame Situation: Beide Verluste begleiten mich mein ganzes Leben lang, und ich weiß mittlerweile, dass es immer so sein wird – aber gleichzeitig wirken die Erlebnisse so weit weg, als hätte sie eine andere Person erlebt.

Ich habe mehrmals eine Psychotherapie gemacht, vor allem die letzte hat mir sehr geholfen. Ich würde mittlerweile nicht nur sagen: Ich habe die Geschehnisse von damals gut verarbeitet. Sondern auch, dass die frühe Erfahrung eines großen Verlustes mich stark gemacht hat. Meine beiden Schwestern und ich sind sehr selbstständig – weil wir es früh sein mussten. Ich kann viel aushalten und bin stressresistent – weil ich schon sehr früh in meinem Leben viel Stress ausgehalten habe. Und ich glaube, dass mich der frühe Verlust zu einer empathischeren Person gemacht hat. Weil ich weiß, wie dunkel es plötzlich um dich herum werden kann.

Wenn ich heute auf meine Familie blicke, bin ich stolz. Wir haben alle viel geschafft, es war ein langer Weg. Der immer noch nicht zu Ende ist, denn ab und zu kreuzt die alte Trauer diesen Weg, auch die alte Angst verschafft sich manchmal noch Zugang zu meinen Gedanken. Sie ist hartnäckig. Aber wenn ich heute vor einer schwierigen Situation in meinem Leben stehe, die mir Angst macht, sagt meine Mutter zu mir: „Du hast schon so viel geschafft, das hier schaffst du auch!“ Und ich denke: „Stimmt!“

„Das Erlebnis plus die Reaktion darauf gilt als traumatisches Erlebnis, nicht jeder entwickelt eine Traumafolgestörung. Es gibt zudem Risiko- und Schutzfaktoren: Wenn Sie unter Depressionen leiden, ist das beispielsweise ein Risikofaktor. Wenn Sie sozial gut eingebettet sind und auch nur eine einzige Person da ist, mit der Sie über das traumatische Erlebnis sprechen können, ist das ein Schutzfaktor. Bei plötzlichem Arbeitsplatzverlust sprechen wir von einem belastenden Ereignis. Das kann zu ähnlichen Symptomen wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung führen, erfüllt aber nicht die klassischen Kriterien.“
Julia Schellong

Silke, 61, hatte plötzlich Existenzängste

Die Arbeit bei der Zeitschrift war mein Traumjob: Ich konnte die Geschichten machen, die ich wollte, die Chefin war toll – und ich fühlte mich endlich: angekommen. Mein Weg war immer krumm gewesen, aber mit dem Job bei diesem Magazin hatte ich beruflich einen Ort gefunden, der passte. Ich fühlte mich sicher. Und dann, plötzlich, killte der Verlag unsere Zeitschrift. Ich weiß noch, wie wir eines Tages alle in den 13. Stock des Verlagsgebäudes gebeten wurden. Völlig ahnungslos stand ich im Fahrstuhl. Und dann platzte die Bombe: Jeder Dritte würde gekündigt werden.

In den sechs Wochen, die uns um Abwickeln der Zeitschrift blieben, lief ich herum wie ein Zombie. Ich hätte den Verlag zwar nicht verlassen müssen, wäre aber wieder unter die Hoheit eines korrupten, intrigierenden Chefredakteurs zurückversetzt worden, was ich auf keinen Fall wollte. Also bedeutete die nähere Zukunft: arbeitslos sein. Auch wenn mein Gehalt für weitere zwölf Monate ausgezahlt wurde.

Es war meine damalige Chefin, die mich schließlich überredete, es als Selbstständige zu versuchen. Allein wäre ich nie auf diese Idee gekommen; ich bin ein Sicherheitstyp. Der Gedanke, mich als freie Journalistin vermarkten zu müssen und dabei über die Runden zu kommen, zog mir den Teppich unter den Füßen weg. Das Traumatische an der Situation bestand für mich darin, etwas, das mir heilig gewesen war, so plötzlich zu verlieren. Ich hatte wahnsinnige Angst. Davor, zu versagen. Nicht gebraucht zu werden. Nicht genug zu sein. Meine Miete nicht zahlen zu können. Wer sollte mich schon brauchen können? Wer würde mich buchen? Ich war 40 Jahre alt, traute mir nichts zu, litt unter Schlaflosigkeit und Zweifeln. Was würde in einem Jahr sein? In fünf? In zwanzig?

Dabei war die Lage gar nicht schlecht: Ich hatte Gartenbau studiert, gepaart mit der Ausbildung zur Redakteurin einer entsprechenden, monothematischen Zeitschrift war das eine seltene Doppelqualifikation. Der Chefredakteur des Mitbewerberhefts in einem anderen Verlag heuerte mich auf regelmäßiger Basis als freie Mitarbeiterin an. Nach und nach stieg mein Selbstbewusstsein, ich akquirierte weitere Auftraggeber. Und arbeitete bald schon sieben Tage die Woche; die Existenzangst. Ich hatte Riesenerfolg, verdiente einen Haufen Kohle – aber die Angst, es würde nie reichen, blieb lange Zeit.

Nach etwa sieben Jahren hielt ich inne: Erschöpfungsdepression, drei Monate Edelklapse, also stationärer Aufenthalt in einem psychosomatischen Zentrum. Ich schaute mich selbst und mein Leben an. Da machte es langsam, aber entschieden „Klick“. Seitdem weiß ich, dass ich mir trauen kann – und dass ich was kann. Ich dosiere heute die Jobs besser. Habe viel mehr Selbstvertrauen als früher. Und ich weiß: Es wird sich immer etwas finden, mit dem ich mich über Wasser halten kann. Das Geld wird reichen; es hat immer gereicht. Von der einstigen Angst ist nicht mehr viel übrig, manchmal komme ich mir fast über-kühn vor.

Es hätte mir nichts Besseres passieren können, als auf den Weg in die Selbstständigkeit geschubst zu werden. Ich genieße die Vorteile: Kein Chef. Mein eigener Rhythmus. Als Angestellte zu arbeiten, kann ich mir heute nicht mehr vorstellen – es würde sich anfühlen wie Knast.

„Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung können teilweise Jahre nach dem eigentlichen Erlebnis auftreten: Wiedererleben, Vermeiden von allem, was mit der einstigen Situation zusammenhängt, eine große Aufgeregtheit, damit verbunden Albträume, schreckhaft sein. Oft gehen Depressionen oder eine Angststörung mit einer Traumafolgestörung einher.“–
Julia Schellong

Hannelore, 64, wurde vergewaltigt

Drei Wochen Freisein, drei Wochen Frankreich im Frühsommer; ich liebe Frankreich! Mit 30 Jahren hatte ich gerade mein Psychologie-Diplom abgeschlossen und wollte noch einmal eine größere Reise unternehmen. In meinem Alltag war ich als Alleinerziehende einer fünfjährigen Tochter fest eingespannt. Jetzt hatte ich sie bei meinen Eltern gelassen. Und dann ging es los. Ich war gerade im Elsass unterwegs, als ich in dieses verhängnisvolle Auto stieg.

Es war nicht mein erstes Mal trampen, aber mein erstes Mal allein. Ich hatte nie schlechte Erfahrungen gemacht; ich mochte trampen, viele Reisende machten das zu dieser Zeit – warum also hätte ich Angst haben sollen, als ich mich zu dem fremden Mann ins Auto setzte? Es war ja außerdem auch nicht abends oder in der Nacht, sondern tagsüber, als ich auf einer Landstraße den Daumen raushielt. Anfangs unterhielten wir uns ganz nett, der Mann kam mir vor wie ein normaler Familienvater mittleren Alters, der unterwegs war zum Angeln. Eine ganze Weile fuhren wir so, bis ich ihn irgendwann fragte: „Moment mal, wo fahren Sie eigentlich hin?“ Irgendwann bog er rechts ab, hielt an, mitten in der Pampa. Ich dachte, er müsse pinkeln.

Er stieg aus, ich stieg auch aus. Beine vertreten. Auf einmal packte er mich und hielt mir ein Messer an den Hals. Ich weiß noch, dass ich zu ihm sagte „Ich habe meine Tage!“, in der Hoffnung, ihn damit abwehren zu können. Aber er antwortete nur: „Ist mir egal.“ Dann hat er mich anal vergewaltigt.
Als er fertig war, sagte er, ich solle wieder einsteigen, er würde mich zum nächsten Bahnhof bringen. Was er dann auch tat.

Das letzte, was er sagte, bevor ich ausstieg: „Kann ich jetzt noch irgendwas für dich tun? Brauchst du noch was von mir?“ Ich: „Ja, das Messer.“ Ich wollte es als Beweismittel. Da lachte er nur und sagte: „Geh!“ Also ging ich, ganz schnell. Direkt zur Polizei. Aber ich wusste das Nummernschild nicht mehr. Der Mann wurde nie gefunden.

Damit war meine Reise vorbei. Ich suchte mir einen Zug und fuhr zurück nach Deutschland, ging in meine Wohnung, meine Tochter holte ich erst später ab. Ich erzählte meinem damaligen Freund von der Vergewaltigung, aber das half mir überhaupt nicht, weil er beleidigt reagierte, da ich ihn nicht schon direkt von Frankreich aus kontaktiert hatte. Erst viel später erzählte ich meinen Eltern von der Vergewaltigung, noch viel später meiner Schwester, aber eigentlich habe ich die Sache für mich behalten.

Ich glitt zurück in meinem Alltag, mir kam noch nicht mal der Gedanke, zum Arzt zu gehen. Ich wollte das Erlebnis ausblenden, habe mich nicht darin vergraben. Ich akzeptierte, dass es nun eben passiert war. Trotzdem waren die ersten Monate von einer Trauer durchzogen, mein Kopf fühlte sich an wie gelähmt. Nicht lebendig.

Was mir half, waren positive Gedanken: „Du bist gut wieder rausgekommen“, dachte ich oft, „er hat dich nicht abgestochen. Und was für ein Glück, dass mir das erst jetzt passiert ist, nachdem ich schon schöne Intimität mit Männern erlebt habe. Wie furchtbar muss es sein, wenn man sowas als sehr junges Mädchen erleiden muss. Dann ist das viel, viel schlimmer.“ Ich habe mir also das Glück im Unglück vor Augen geführt. Wenn dir jemand ein Bein abschneidet, ist das traurig, natürlich. Aber immer noch besser, als zwei Beine zu verlieren.

Es war ein einmaliges Ereignis, auch dieser Gedanke hat mir geholfen. Weil ich dachte: „Nach der Phase der Trauer wird dieses Ereignis nicht mein Leben bestimmen.“ Ich wusste, dass ich das irgendwie verkraften würde. Dass ich es überleben und aushalten würde.

Meine Großmutter war in Auschwitz ums Leben gekommen, mein Vater war als „Halbjude“ im Arbeitslager gewesen, meine Mutter hatte aus Ostpreußen fliehen müssen. Fürchterlich, wirklich fürchterlich! Aber meine Eltern saßen nie da und dachten: „Oh Gott, unser Leben ist so schlimm!“ Verglichen mit ihrem Leid, erschien mir die Vergewaltigung – ohne Frage abscheulich – weniger schlimm. Ich hatte überlebt. Ich war durchgekommen. Ich habe heute keine Angst, wenn ich nachts durch die Stadt gehe oder sonst wo allein unterwegs bin. Das Wissen darum, dass ich eine solche Situation wie die damalige überstehen kann, hat mich stärker gemacht.

„Wir wissen, dass Traumafolgen bearbeitbar und behandelbar sind. Ganz bedeutsam ist die eigene Bewertung dessen, was geschehen ist. Man kann an solchen Krisen massiv wachsen. Es kann sich sehr viel bewegen. Niemand muss sich mit einem Trauma abfinden.“
Julia Schellong

Zwei der drei Protokolle sind die Geschichten unserer Krautreporter-Leser. Sie hatten sich auf eine Umfrage von mir per E-Mail gemeldet. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal für euer Vertrauen – und für eure Geschichte! Danke auch an unseren Leser Paul Schellong, auf dessen Tipp hin ich mich bei seiner Mutter meldete für ein Expertinnen-Interview.

Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Illustration: Peter Gericke.

Prompt headline