Landtagswahlen

Warum es im Osten nicht mehr verrückt ist, die Grünen zu wählen

von Josa Mania-Schlegel
etwa 8 Min. Lesedauer

Katrin Göring-Eckardt sitzt in einem Café in Neustadt in Sachsen, einem 12.000-Einwohner-Ort, eine Stunde hinter Dresden. Und die Chefin der Grünen im Bundestag sonnt sich und ist so gut gelaunt, dass man beinahe die dunklen Wolken vergessen könnte, die gerade über dem Osten aufziehen.

In Sachsen, Brandenburg und Thüringen wird in diesem Herbst noch gewählt. Seit einigen Wochen sehe ich mir die Umfragen an. Und immer mehr merke ich, dass hier herumrechnen wohl nicht viel nützt. Dass klassische Koalitionen hier wohl nicht zustandekommen.

Was dann? Nun, so Einiges.

  • In Sachsen fragt man, ob hier bald die AfD mitregiert.
  • In Brandenburg könnten sogar CDU und Linke ein Bündnis schmieden.
  • Und dann geistert noch das Wort „Minderheitsregierung“ durch die drei Länder – allen voran durchs noch rot-rot-grüne Thüringen.

Die alten Wahrheiten sind futsch. Es wird experimentiert werden müssen. Und so liegt ein Hauch von Revolution in der Luft. Als könnte ein Windstoß genügen, und alles kippt nach links, rechts, ins Ungewisse.

Und da entdeckt der Osten die Grünen für sich. In Thüringen regiert die Partei schon, in zwei weiteren Ost-Ländern könnte sie jetzt an die Macht kommen. Brandenburg bekommt vielleicht sogar eine grüne Ministerpräsidentin.

Stärkste Kraft wird in Brandenburg nach aktuellen Umfragen wohl die AfD, mit der aber niemand regieren will. Neben einer Großen Koalition könnten auch SPD und Linke ihre Regierung fortsetzen – allerdings nur mit den Grünen als neuem Partner. Und die haben gute Chancen, in Brandenburg zweitstärkste Kraft zu werden. Dann würde ihre Spitzenkandidatin Ursula Nonnemacher das Kabinett zusammenstellen.

Die Grünen, die immer eine Sache der Westdeutschen und der Großstädter waren und sich im Osten stets über die Fünf-Prozent-Hürde mühten – sie können plötzlich entscheiden, wer hier mit wem regiert. Wie konnte es dazu kommen?

Bei der letzten Bundestagswahl blieben die Grünen im gesamten Osten (und im Saarland) unter fünf Prozent. Besser schneiden sie in Großstädten und Ballungsräumen ab. Genau das hat sie bislang auch im Osten geschwächt, denn hier gibt es nur elf Großstädte (das sind Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern), im Westen dagegen 70.

Grüne Wahlkämpfer in Neustadt in Sachsen

Die Frage müsste Katrin Göring-Eckardt beantworten können. Osten plus grün, das ergibt „KGE“, schon immer. 1990 saß die Thüringerin im Vorstand des frisch gegründeten Bündnis 90. Die Bürgerbewegungen der DDR, denen auch sie angehörte, hatten gerade die friedliche Revolution durchkämpft. Jetzt gründeten sie eine Partei, um ihre DDR zu demokratisieren.

Bei den Grünen haben Ostdeutsche viel Macht

Aber Kohl kam ihnen mit der Wiedervereinigung zuvor. So suchten sich die Revolutionäre aus dem Osten eine neue Bestimmung: Sie verbündeten sich mit den sehr linken Grünen aus dem Westen, denen früher Rudi Dutschke und länger auch Jutta Ditfurth angehörten.

Und heute – vielleicht ist das eine erste Antwort – sieht man der Partei ihre ostdeutsche Herkunft wieder stark an. Da ist der Geschäftsführer Michael Kellner aus Gera, die Spitzenkandidatin Annalena Baerbock mit Wahlkreis in Potsdam oder die Dessauerin Steffi Lemke im Fraktionsvorstand. Bei keiner anderen Partei gibt es derzeit so viele mächtige Ostdeutsche.

Und natürlich ist da sie, Katrin Göring-Eckardt, aus Friedrichroda im Thüringer Wald, die Chefin der Bundestagsfraktion. „Wer diese sanfte Machtpolitikerin in Berlin unterschätzt, hat schon verloren“, schreibt der Bunte-Redakteur Manfred Otzelberger in seinem Buch „Die Macht ist weiblich“ über Göring-Eckardt, die sich jetzt in einem Café in Neustadt ein Brombeereis bestellt, hausgemacht.

Dann sagt sie: „Wir haben bei diesen Wahlen einen Vorteil: Wir brauchen in der Partei keine Vermittler zwischen Ost und West.“

„Heute beiße ich mir in den Arsch“, sagt Habeck

Vor einigen Wochen, so erzählt es Göring-Eckardt, rief sie ihre Abgeordneten dazu auf, in den Osten reisen. Und die zogen los. Auf Instagram und Twitter kann man nun etwa grüne Allgäuer auf Wahlkampftrip durch den Osten verfolgen. „Sympathiegeladene Neugier“ nennt Göring-Eckardt das neue Gefühl ihrer West-Kollegen.

„Die langjährige Abstinenz und Arroganz vieler Westdeutscher gegenüber dem Osten hat zu Wahrnehmungsproblemen geführt“, sagt Göring-Eckardt. Auch Parteikollege Habeck bekannte kürzlich bei einem Auftritt in Dresden, sich zu wenig für den Osten interessiert zu haben und sagte: „Heute beiße ich mir – wenn ich so reden darf – in den Arsch.“

Und natürlich ist Göring-Eckardt selbst in Brandenburg und Sachsen unterwegs, über mehrere Wochen. Die doppelte Wahlnacht am 1. September will sie in Dresden verbringen.

Sind das alles nur Manöver, kurz vor den Wahlen? Zum Teil: natürlich. „Nach den Wahlen sind auch wieder andere Regionen dran“, sagt Göring-Eckardt.

Aber da ist noch mehr. Denn die Grünen treffen im Osten plötzlich auf so etwas wie Gegenliebe. „Früher sind wir viel angeschrien und ignoriert worden, vor allem auf dem Land“, sagt Göring-Eckardt. Kürzlich, in Jena, war es mal wieder so weit. „Da kam einer, der einen Furor hatte und meinte einmal sagen zu müssen, was er alles blöd findet“, sagt Göring-Eckardt. Und sie und die anderen Grünen blickten sich verwundert an. „Wir dachten: Oh, das hatten wir aber lange nicht.“

Heute kommen die Ostdeutschen an grüne Wahlkampfstände, weil die Themen der Partei in ihrem Alltag angekommen sind. Sie reden über ausgetrocknete oder übergelaufen Flüsse, über Ernteausfälle und brennende Felder. Oder über den Wald vor ihrem Haus. „Es ist nicht mehr verrückt, auf uns zu setzen“, sagt Göring-Eckardt.

Und warum war es das überhaupt jemals? Warum hatten es die Grünen immer so schwer im Osten, obwohl sie doch zu einem Teil von hier kommen?

Vielleicht, weil es früher durchaus verrückt war, hier Grün zu wählen. „Im Osten wurde die Umwelt in den letzten 30 Jahren immer besser“, sagt Göring-Eckardt. Flüsse und Braunkohlekraftwerke wurden durch westliche Technologien sauberer. „Deshalb waren zunächst Arbeitsplätze und Gesundheit wichtiger“, sagt sie.

Klar: Wer braucht Grüne, wenn die Wiesen auch so immer grüner werden? Und das soll jetzt anders sein. Das will ich sehen – und begleite Katrin Göring-Eckardt zur „Erneuerbar“, einem Wahlkampfstand der Grünen Jugend.

Die Neustädter reden über etwas, das es bei ihnen gar nicht gibt: Flüchtlinge

Die Grünen haben ihren Stand an einem Parkplatz zwischen Schwimmbad und Tennisplätzen aufgebaut. Viele Neustädter kommen hier nicht vorbei. Aber schließlich treten ein Mann, 44 Jahre alt, mit Dynamo-Dresden-Kettchen, und eine Frau, 73 und mit E-Bike, an den Stand. Sie wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen, haben aber einiges zu erzählen.

Und ihr wichtigstes Anliegen scheint etwas zu sein, das es in Neustadt gar nicht gibt: Flüchtlinge.

Ein 44-jähriger Neustädter will weder seinen Namen noch sein Gesicht in der Zeitung. Wir einigen uns auf ein Foto seines Dynamo-Dresden-Halskettchens.

Die Dame traue sich seit Jahren nachts nicht mehr vor die Tür, erzählt sie. „Morden“ würden sie und „vergewaltigen“, die Geflüchteten. Woher sie das habe, frage ich. Sie erzählt von ihrem Stapel Zeitungen, der alles beweisen soll: Lauter Artikel über kriminelle Flüchtlinge, fein säuberlich ausgeschnitten und abgeheftet. Die ältere Dame ist Bild-Abonnentin.

Göring-Eckardt ist noch im Gespräch mit zwei anderen Gästen und mit Irina Becker, der 28-jährigen Göttingerin, die hier im Osterzgebirge als Direktkandidatin amtiert. Also beschäftigen sich zwei Jungs von der Grünen Jugend mit den Gästen.

Anstatt der Dame zu widersprechen, sagt der eine einfach etwas anderes zum Thema Geflüchtete: „Viele von denen dürfen nicht arbeiten, genau das wollen wir ändern.“

Das hält die Dame für eine gute Idee. Und, tatsächlich: Auf einmal beginnen Herr und Dame ganz nett zu plaudern. Über das E-Bike der Dame. Zu wenig Radwege gebe es in Neustadt. Grüne? Da beginnt sie von Cem Özdemir zu schwärmen, er sei „ein Guter, der immer die Wahrheit sagt.“

Cannabis-Legalisierung, legt der Mann nach, „warum denn nicht. Bier ist eh viel schlimmer.“ Cannabis, Radwege, E-Bikes: Es klingt fast, als könnte sich, im kleinen Neustadt in Sachsen, wo es noch nie einen grünen Stadtrat gab, eine heimliche Grünen-Hochburg verbergen. Ist das möglich?

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer würde da vermutlich widersprechen. In der Sendung Anne Will verteidigte er sein Sachsen einmal vehement gegen die Grüne Annalena Baerbock. Er warb um „mehr Zurückhaltung“, eine „weniger extreme Sprache“ wenn es um den Kohleausstieg, die Energiewende geht.

Es schien, als wollte Kretschmer die Ostdeutschen beschützen. Sie, die gerade erst eine Transformation durchgemacht haben, sollten bei der nächsten großen Wende etwas weniger machen dürfen. Die AfD Sachsen will die Lausitzer Braunkohlereviere sogar zur Sonderwirtschaftszone erklären, damit sich der Osten nicht an Klimaziele halten muss.

Der Osten hat Transformation schon geübt

Dazu passt aber nicht, dass die Grünen hier bald in einige Regierungen gewählt werden. Dass an grünen Wahlkampfständen nicht mehr rumgebrüllt, sondern diskutiert wird. Und dass eine Stunde hinter Dresden eine 74-Jährige auf ihr E-Bike steigt und laut darüber nachdenkt, eine junge, grüne Göttingerin in ihren Landtag zu wählen.

Katrin Göring-Eckardt muss gleich weiter, eine Lesung in Dresden-Neustadt. 38,2 Prozent wählen hier Grüne, klares Heimspiel. Ich frage sie: Wäre es vertretbar, wenn die Ostdeutschen bei der Energiewende ein bisschen weniger mitmachen? Und will sie, die den Osten gut kennt, genau das ihrer Partei verklickern?

Die Grüne aus Thüringen runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf. Sie sagt: „Wir haben hier im Osten doch schon geübt, wie Transformation geht.“

Wenn es heute um Wandel gehe, um Energiewende oder Digitalisierung, sagt Katrin Göring-Eckardt, dann müsse der Osten sogar eher vorausgehen. Er könne dem Rest dann zurufen: „Lasst uns mal zeigen, wie das geht.“


Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel.

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