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Netzwelt

Technologieriesen kämpfen darum, die ganze Welt mit Internet zu versorgen – warum das ein Problem ist

von Claudio Bozzi, Dozent für Rechtswissenschaften, Deakin University
etwa 5 Min. Lesedauer

Die US-Behörde für Kommunikationswege hat Elon Musks Weltraumunternehmen SpaceX im Jahr 2018 die Erlaubnis erteilt, 4.425 Satelliten zu starten, die den Verbrauchern erschwingliches Breitband-Internet mit hoher Geschwindigkeit bieten. Das sogenannte Starlink-Netzwerk wird in den USA und weltweit zugänglich sein – auch in Gebieten, in denen das Internet derzeit nicht verfügbar oder unzuverlässig ist.

Knapp 12.000 Kleinsatelliten will der SpaceX-Chef im Erdorbit stationieren. Kritiker befürchten eine Vermüllung des Weltalls und handfeste Probleme für die Astronomie, nachzulesen bei Spektrum. Wie die Satelliten am Nachthimmel aussehen, zeigt dieses Video.

SpaceX ist nicht das einzige Unternehmen, das in die globale Internet-Infrastruktur investiert. Facebook, Google und Microsoft haben eigene Projekte angeschoben, um Hochgeschwindigkeitsverbindungen in abgelegene und ländliche Gebiete zu ermöglichen. Es ist ein regelrechter Trend: Privatunternehmen wollen die digitale Kluft überwinden und kämpfen für das globale Internet.

Dabei ist es problematisch, ausgerechnet private Firmen zu beauftragen, sensible Internetressourcen und -infrastrukturen aufzubauen. Denn diese Unternehmen sind nicht verpflichtet, im Interesse der Verbraucher zu handeln. In einigen Fällen könnten ihre Praktiken dazu führen, die bestehende digitale Kluft weiter zu vertiefen.

Die Hälfte der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zum Internet

Das Internet ist nicht mehr wegzudenken aus dem sozialen, persönlichen und wirtschaftlichen Leben der entwickelten Welt. Doch der Zugang variiert stark zwischen Industrieländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und Entwicklungsländern mit weitgehend armer, ländlicher Bevölkerung.

Wer sich richtig in das Thema einlesen will, ist hier richtig: der Global Digital Report von We Are Social (auf Deutsch, die 153 Grafiken sind mit englischem Text).

So haben beispielsweise 94 Prozent der Erwachsenen in Südkorea und 93 Prozent der Erwachsenen in Australien Zugang zum Internet, verglichen mit nur 22 Prozent der Inder und 15 Prozent der Pakistaner.

Da die Gesellschaft zunehmend vom Internet abhängig ist, benötigen alle Nationen und Gemeinschaften gleichermaßen Zugang. Andernfalls werden sich die bestehenden Ungleichheiten weiter festigen und neue Gräben entstehen, die möglicherweise eine permanente Unterschicht schaffen.

Die Tech-Giganten kämpfen gegeneinander

Die Technologieriesen haben in den vergangenen Jahren stark in wichtige Infrastrukturen investiert. Google besitzt das transpazifische Unterseekabel Faster, das seit 2016 Daten (mit 60 Terabit pro Sekunde) zwischen den USA, Japan und Taiwan transportiert. Seit 2017 verbindet das von Microsoft und Facebook finanzierte transatlantische Marea-Kabel die USA mit Südeuropa (160 Terabit pro Sekunde).

Über Googles Seekabel Faster informiert Golem. Die Süddeutsche Zeitung berichtet über Marea (Das schnellste Unterseekabel der Welt ist verlegt).

Neue Investitionen erfordern aber auch neue Strategien, um Internet bereitzustellen. Genutzt werden die Atmosphäre, die Stratosphäre und Satelliten. SpaceX setzt auf Kleinsatelliten, Internet.org von Facebook sogar auf Flugdrohnen, um das Internet in ländliche und abgelegene Gebiete zu bringen. Googles Projekt Loon schickt für den gleichen Zweck navigierbare Ballons in 20 Kilometer Höhe.

Facebooks Initiative Internet.org klingt vielversprechend. Dennoch hat sie einen Haken: Zugang gibt es nur zu wenigen Seiten. Dagegen regt sich Widerstand, berichtet Zeit Online. Die Heliumballons vom Google-Mutterkonzern Alphabet ermöglichen beispielsweise den Menschen im hurrikangeplagten Puerto Rico Zugang zu Textnachrichten und einfachen Netzdiensten. Doch die Navigation ist schwierig, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Die Privatisierung eines öffentlichen Gutes ist problematisch

Private Investoren, die Infrastrukturen bauen, sehen sich mit kommerziellen Erfordernissen konfrontiert, nicht aber mit der Notwendigkeit, Sozialleistungen zu erbringen. Und diese Dynamik kann bestehende digitale, soziale und wirtschaftliche Unterschiede festigen und verschärfen - und neue schaffen.

Dies kann harmlos sein, wenn beispielsweise das Unternehmen, das das Computerspiel League of Legends herstellt, ein eigenes Internet-Netzwerk aufbaut, um sicherzustellen, dass langsame Geschwindigkeiten seine Spieler nicht verärgern.

Aber es ist ein größeres Problem, wenn Tech-Giganten in schnellere Verbindungen für Handelsplattformen investieren, gewöhnliche Nutzer aber außen vorlassen.

Free Basics von Facebook ist ein Programm, das darauf abzielt, Verbrauchern in Entwicklungsländern günstige Internetdienste anzubieten. Es ist derzeit in 63 Ländern tätig.

Kritiker sehen darin eine unverhohlene Strategie, die globale Dominanz von Facebook auf die Entwicklungsländer auszudehnen. Außerdem soll das Programm die Netzneutralität verletzen, indem man die beteiligten Websites streng kontrolliert, um die Konkurrenz von Facebook auszuschalten.

Netzneutraliät bezeichnet die Gleichbehandlung aller Daten, egal, woher sie stammen und wer sie abruft. Das heißt konkret zum Beispiel, dass die Netzdienstleister nicht von vornerein einen Dienst gegenüber einem anderen bevorzugen dürfen. Der Bayerische Rundfunk hat hier ein kurzes Erklärvideo veröffentlicht.

Technologie ist nicht neutral

Internet-Infrastrukturen, die sich in Privatbesitz befinden und betrieben werden, können auch zu einem Mittel der sozialen Kontrolle werden.

Internetdienste einfach abzuschalten, ist eine berüchtigte Taktik von autoritären Regimes: Sie unterdrücken Meinungsverschiedenheiten, indem sie die Kommunikation stören und Informationen zensieren. Aber auch private Unternehmen können die Infrastruktur außerhalb der staatlichen Regulierung kontrollieren.

Als Wikileaks beispielsweise 2010 Regierungsunterlagen veröffentlichte, unterbrachen Amazon und die Firma AnyDNS die Dienste, die die Wikileaks-Website betrieben. Mastercard, Paypal und VISA stellten die Dienste ein, über die die Organisation Geld für ihre Aktivitäten erhielt.

Diese Unternehmen handelten nicht unter staatlicher Aufsicht und beriefen sich bei ihren Entscheidungen auf Verstöße gegen ihre Richtlinien über die zulässige Nutzung. Harvard-Professor Yochai Benckler sagte damals: „Private Eigentümer der wichtigen Infrastrukturen können umstrittenen Akteuren die Nutzung verweigern, und einige kommerzielle Dienste scheinen bereit zu sein, dies bei nur einem Hauch von öffentlicher Kontroverse zu tun.“

Das Raumfahrtunternehmen SpaceX von Elon Musk muss eine Vielzahl von technischen Voraussetzungen erfüllen, bevor sein Netzwerk Starlink aktiviert werden kann. Aber wir sollten nicht davon ausgehen, dass die Bereitstellung des Internetzugangs für Entwicklungsländer das Umfeld der Menschen dort so ändert, dass die Nutzer wirtschaftliche oder soziale Vorteile haben.

Wenn die Logik des Unternehmenskapitalismus auch die Bereitstellung von Internetdiensten dominiert, gibt es schlicht keine Garantie dafür, dass die Grundprinzipien des Internets – ein egalitäres Instrument, bei dem die Nutzer Informationen zum Wohle der Allgemeinheit austauschen – eingehalten werden.


Übersetzung: Vera Fröhlich; Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Susan Mücke; Fotoredakton: Martin Gommel.

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