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SCHLEICHWEGE ZUR KLASSISCHEN MUSIK, Folge 9

Auf der Suche nach der ergreifendsten Musik aller Zeiten

von Gabriel Yoran
etwa 11 Min. Lesedauer

„Ich war auf dem Heimweg auf der grässlichen Autobahn von Boston nach Worcester, als ich das Eclogue zum ersten Mal im Radio hörte. Es hat mich so berührt, dass ich an der nächsten Ausfahrt raus musste. Es ergriff mein Herz und meinen Verstand sofort.“

Solche Gefühlsausbrüche liest man nicht oft unter einem YouTube-Video. Und über vierhundert weitere Kommentator:innen waren ähnlich ergriffen. Eine Frau schrieb, wie sie das Stück auf dem Weg zur Arbeit hörte und ihr der Atem wegblieb – wortwörtlich. Sie musste eine Pause machen, bevor sie ihren Tag beginnen konnte.

Ein anderer schrieb, wie er vor Jahren als Sanitäter in Afghanistan auf eine Mine getreten war, die nicht explodierte. Er rannte vor der rauchenden Mine davon, und als ihm bewusst wurde, dass er gerade mit dem Leben davon gekommen war, hatte er plötzlich dieses Stück in seinem Kopf – und brach unter seinem Gefechtshelm in Tränen aus.

Was die Hörer:innen so umgehauen hat, war ein kurzes Stück des spätromantischen englischen Komponisten Gerald Finzi, das Eclogue („Hirtengedicht“):

Gerald Finzi: Eclogue op. 10 (1920er/1940er)

https://www.youtube.com/watch?v=EkQbzZgwfl0

Einige der ergreifendsten Stücke, die ich kenne, habe ich zufällig im Auto kennengelernt, auf Umgehungsstraßen, auf dem Parkplatz der Zulassungsstelle, an anderen Unorten. Es war Musik, hinter der alles andere zurücktritt und warten muss. Was ist da passiert? Warum die Gänsehaut, der Kloß im Hals? Darum geht es hier.

Es braucht also keine Philharmonie für Ergriffenheit. (Auch wenn sie natürlich nicht schadet.) Heute kann man sich von Streamingdiensten und besseren Empfehlungsalgorithmen gezielt überraschen lassen, so absurd das auch klingen mag.

Das traurigste klassische Stück

Die Musik, die die Leute so stark berührt, ist meist eher ernst. Die Musikwirkungsforschung belegt das. Sie beschäftigt sich schon länger damit, was Musik ernst – oder umgangssprachlich traurig – macht, aber die Ergebnisse sind bislang eher trivial. Ja, Musik in moll klingt oft trauriger als in Dur, aber eben nicht immer.

Warum schreibe ich moll klein und Dur groß? Es ist eine alte Gepflogenheit, die man in vielen Notentexten findet und über deren Ursprung viel spekuliert wird. Heute kann man aber auch Beides groß schreiben.

Finzis Eclogue steht in Dur. Zudem kam das Konzept von Dur und moll erst im 18. Jahrhundert auf und steht erstmal für einen gelernten, von der europäischen Musiktradition geprägten Höreindruck. Dur klingt demnach eher hart (auf lateinisch „durus“), moll eher weich („mollis“).

Und tatsächlich ist der Unterschied zwischen Dur und moll sehr viel faszinierender als der zwischen fröhlich und traurig. Dur und moll stehen für Natur versus Kultur.

Dur und moll stehen gar nicht für fröhlich und traurig

Wenn man auf einem akustischen Instrument einen Ton erzeugt, zum Beispiel eine Saite auf einer Harfe zupft, schwingt nicht nur die gezupfte Saite, sondern es schwingen eine ganze Reihe weiterer Saiten heimlich mit. Nicht so stark wie die gezupfte Saite, aber durchaus vernehmbar. Die da mitschwingenden Saiten sind halb so lang wie die des angeschlagenen Tons. Und ein Drittel so lang. Und ein Viertel. Und so weiter. Diese sogenannten Obertöne ergeben zusammengenommen, grob vereinfacht, eine Dur-Tonleiter. Sie schwingen auf einem vielfachen des Grundtons.

Wenn du dich also an ein physikalisches Phänomen hältst, kommt grob gesagt immer Dur raus. Dur liegt quasi in der Natur.

Verblüffend ist, dass das bei moll-Tonleitern nicht der Fall ist. Ich kann aus Obertönen keine moll-Tonleiter bauen. Moll ist ein reines Kulturprodukt, Menschenwerk.

Wenn du mehr wissen willst, schau dir diesen Ausschnitt aus einer Vorlesung des berühmten Dirigenten, Pianisten und Musikpädagogen Leonard Bernstein an (es ist aber nicht nötig für das Verständnis des Artikels):

Leonard Bernstein at Harvard: Musical Phonology (1973)

https://youtu.be/8fHi36dvTdE?t=1763

In moll geschriebene Musik fußt also auf einer anderen Logik. Sie muss entgegen der landläufigen Meinung tatsächlich genauso wenig traurig klingen wie in Dur geschriebene Musik fröhlich klingen muss. Hört mal hier hinein und fragt euch: Dur oder moll?

Ludwig van Beethoven: 5. Klavierkonzert op. 73 (1808-1809) – 2. Satz

https://www.youtube.com/watch?v=FcTs9s89quM

Das Konzert steht in Dur. Es wird klar, dass es andere musikalische Strategien sind, die Musik traurig machen kann. Zum Beispiel das Tempo. Ein langsames Stück wird – wenig überraschend – eher als traurig empfunden als ein schnelles. Ein Musterbeispiel dafür ist Samuel Barbers Adagio für Streichorchester. Dieses Stück wurde 2004 von BBC-Hörern zum „traurigsten klassischen Stück“ gewählt.

Samuel Barber: Adagio für Streichorchester, op. 11 (1938)

https://www.youtube.com/watch?v=N3MHeNt6Yjs

Was macht das Barber-Adagio so preisverdächtig traurig? Mit Musik ist es wie mit Witzen – man kann sie nicht erklären. Es gibt ehrbare Versuche, sie zu beschreiben, aber es bleiben eben doch Beschreibungen. Ein Text über Musik kann nie auch nur in die Nähe der eigenen Empfindung kommen. Um es an einem anderen Beispiel zu sagen: Ich weiß, was ich an Wein mag, aber nicht, wie ich das beschreiben soll.

Ulf, ein Freund, der für ein Gourmet-Magazin schreibt, sagt mir dann, was ich an einem Wein gut finde: „Du magst den, weil der so cremig ist.“ Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen Wein „cremig“ zu nennen, aber die Beschreibung trifft es perfekt. Natürlich ersetzt Ulfs Begriff nicht den eigenen Eindruck beim Trinken, aber er hilft, ihn zu sortieren. Und ich weiß jetzt, dass ich beim nächsten Mal einen „cremigen“ Wein bestellen könnte.

Trotz Schluchzpausen die Fassung bewahren

Zurück von der Wein- zur Musikbeschreibung. Die Musikwissenschaftlerin Doris Blaich schreibt in einer Analyse für den Südwestrundfunk, dass das Barber-Adagio etwas Besonderes haben müsse, denn „das langsame Tempo, die elegischen Themen und dunklen Klangfarben teilt es schließlich mit vielen anderen Stücken“. Das Geheimnis scheint zu sein, dass Barber an keiner Stelle versucht, der Trauer auszuweichen.

Blaich weiter: „Es gibt keine Kontraste, keine Gegenthemen, nichts Grelles. Zwischendurch gibt es winzige Schluchzpausen, doch trotzdem bleibt die Musik immer im Fluss. Die Ausbrüche dieses Schmerzes sind wohl kalkuliert, es gibt keine quälenden Aufschreie oder Ausbrüche. Die Themen leisten sich Pathos … und trumpfen dennoch nicht auf. So kann man weinend die Fassung bewahren. Der offene Schluss, der nicht zur Haupttonart zurückkehrt … sorgt für ein stilles Fragezeichen am Ende: kein Hinwegtrösten, kein Versuch, die Tränen zu überwinden.“

Mit diesem neuen Wissen hören wir uns das Barber-Adagio jetzt nochmal an. Doch, wirklich, noch einmal (wenn es das Nervenkostüm zulässt). Und achten darauf, wie Barber dem Schmerz eben nicht ausweicht. Wir achten auf „Schluchzpausen“, wir horchen nach, inwiefern die Musik trotz aller Trauer „die Fassung bewahrt“. Und wir hören auf das „stille Fragezeichen am Ende“, das keinen falschen Trost verspricht.

Samuel Barber: Adagio für Streichorchester, op. 11 (1938)

https://www.youtube.com/watch?t=1&v=N3MHeNt6Yjs

Neben dem Tempo können bestimmte Akkordfolgen einen traurigen Eindruck hervorrufen. Ethan Hain, Dozent für Musikvermittlung an der New York University, behauptet in seinem Blog, die traurigste Akkordfolge überhaupt entdeckt zu haben. Hoffentlich habt ihr Taschentücher parat:

Wassili Sergejewitsch Kalinnikow: 1. Sinfonie (1895) – 2. Satz (Ausschnitt)

https://www.youtube.com/watch?v=E11v2sh4PD8&feature=youtu.be&t=6m16s

Ob Hain Recht hat, sei mal dahingestellt. Neben bestimmten Tonfolgen und Harmonien hat nämlich auch der Einsatz bestimmter Instrumente (und bestimmter Spielweisen) und natürlich die gesamte Dramaturgie eines Werks Einfluss auf die empfundene Traurigkeit. Das ist ein riesiges, über die Jahrhunderte entwickeltes ästhetisches Feld – und die Strategien der Traurigkeit sind je nach Kulturkreis verschieden.

Ergriffenheit ist ein Kulturprodukt

Diese ganze Artikelreihe beleuchtet nämlich, und das ist wichtig, die europäische Musiktradition (in der auch z.B. die symphonische Musik Nordamerikas steht) und die ist – wie die gesamte europäische Kultur – sehr von sich eingenommen. Das ändert nichts daran, dass es andere musikalische Traditionen gibt. Die ohne Dur und moll auskommen. Mit anderen Instrumenten, anderen Harmonien, anderen Aufführungspraxen. Und deren Hörer:innen nicht weniger ergriffen sind als wir.

Nehmen wir nur indische Ragas. Ein Raga ist ein komplexes Set aus zulässigen Tönen und melodischen Elementen sowie Spielvorschriften. Eine Tonleiter erlaubt sieben bestimmte Töne, aber in einem Raga sind nicht nur Töne vorgegeben, sondern auch die Art und Weise, wie sie gespielt werden sollen. Nichts davon erschließt sich dem westlichen Ohr ohne Schulung und das ist okay. Die Musik wirkt trotzdem, aber auf einen mit europäischer Musik aufgewachsenen Zuhörer womöglich ganz anders als auf den erfahrenen indischen Hörenden. Musik ist eben keine universelle Sprache, sondern muss gelernt werden.

Hört euch mal einen Raga an – die Kategorien von Dur und moll verpuffen augenblicklich:

Kaushiki Chakraborty: Shudh Sarang

https://www.youtube.com/watch?v=PzCZomuHVVQ&t=10

Paradox: Wir können es genießen, traurig zu sein

Mehrere musikpsychologische Studien (z.B. hier oder hier) kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen mit hohem Einfühlungsvermögen eher dazu neigen, traurige Musik zu genießen. Die Forschung nennt dieses Phänomen pleasurable sadness, also „genussvolle Traurigkeit“. Es klingt paradox, aber der Mensch kann es genießen, traurig zu sein. Wobei die „genussvolle Traurigkeit“ nicht von der Traurigkeit der Musik selbst herrührt, sondern daher, dass sie die Hörer auf eine besondere Art bewegt.

Es geht also um die Fähigkeit des Hörenden, bewegt zu werden. Wer bewegt ist, so eine andere Studie, neigt zu „ästhetischem Frösteln“, umgangssprachlich: Gänsehaut. Die Ursache dieser Bewegtheit muss nicht traurig sein, sie kann auch einen festlichen, würdevollen Anlass haben. In jedem Fall scheint aber zu gelten: Wer zu Gänsehaut beim Musikhören neigt, hat mehr Verbindungen zwischen dem Hörzentrum und den Hirnregionen, die Gefühle verarbeiten.

Gänsehaut als „ästhetisches Frösteln“: Was ist Ergriffenheit?

Für dieses starke Gefühl gibt es in der klassischen Musikkritik einen gebräuchlichen Begriff, den man im Pop selten hört (obwohl er dort natürlich auch zutrifft): Ergriffenheit. Für die Duden-Redaktion ist Ergriffenheit eine „tiefe Gemütsbewegung“ aus Anlass „feierlicher“ oder „erhabener“ Anlässe, was uns nicht viel weiterhilft, denn sie ersetzt die eine Metapher mit einer anderen: Wenn ich ergriffen bin, erlebe ich also eine irgendwie geartete Tiefe – im Gegensatz zu alltäglicher Oberflächlichkeit.

Man könnte auch sagen: es geht um Intensität. Diese Intensität erleben vieler Zuhörer:innen bei Musik, die ernste Themen wie den Tod behandelt. Selbst wenn man nicht weiß, dass sich Dido nach der folgenden Arie aus Liebeskummer das Leben nehmen wird, spürt man, dass es hier um alles geht. Henry Purcells Musik ist über dreihundert Jahre alt, aber wir dürfen annehmen, dass das damalige Publikum nicht weniger ergriffen war als wir es heute noch sind.

When I am laid in earth,
May my wrongs create
No trouble in thy breast;
Remember me, but ah! forget my fate.

Wenn ich in der Erde liege,
Mögen meine Verfehlungen Dich nicht bekümmern.
Denk an mich! Doch ach! vergiss mein Schicksal.

Henry Purcell: Dido and Aeneas (1688/1689) (Act 3: „When I Am Laid In Earth“)

https://www.youtube.com/watch?v=QrCx_eBY8Fo&t=47

Purcell schafft hier in nur drei Minuten eine große Intensität. Das andere dramaturgische Extrem verkörpert Gustav Mahler. Wenn du es schaffst, dir für das folgende Musikbeispiel 40 Minuten zu nehmen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass du im Verlauf „aesthetic chills“ empfindest, obwohl die Musik nicht per se traurig ist.

Es geht um den letzten Satz von Mahlers 2. Sinfonie. Es ist einer der längsten Sätze in irgendeinem Musikstück überhaupt, denn was Mahler hier unternimmt, ist ohne Beispiel. Das Stück hat ein Auferstehungsthema, was man nicht unbedingt streng religiös lesen muss. Vielmehr geht es (wie auch schon in Mahlers erster Sinfonie) um kosmische Dimensionen. Mahler vertont in diesem gigantischen Werk die ewige Wiederkehr von allem und die Hoffnung, die darin liegt, dass alles Leiden nicht umsonst gewesen ist. Wer eine schwierige Zeit durchlebt hat und hinterher weiß, dass selbst das Schlimmste vorbeigeht, kann sich potenziell mit dieser Musik identifizieren.

Wenn Instrumente nicht reichen

Wie nebenbei schuf Mahler mit der 2. Sinfonie noch ein Denkmal für die Schönheit der menschlichen Stimme. In dem Finalsatz, den ihr gleich hören könnt, nimmt er mehrere Anläufe zu einem großen Finale, in verschiedenen Stilen und mit unterschiedlichen Instrumenten, die aber allesamt abgebrochen werden. Sie genügen nicht. Schließlich greift er, was in Sinfonien sehr selten der Fall ist, zum Mittel der menschlichen Stimme. Erst eine Sängerin, schließlich mehrere Gesangssolistinnen, dann mehrere Chöre singen die berühmten Worte: „Was erstanden ist, das muss vergehen! Was vergangen, auferstehen!“

Gustav Mahler: 2. Sinfonie (1888-1894) – 5. Satz

https://youtu.be/mBKeMnP2mnQ?t=3047

Für mich zeigt Mahlers Musik mit größtem Nachdruck, dass Ergriffenheit nicht auf Trauer (oder auch Freude) beschränkt sein muss. Es gibt etwas wie intellektuelle und gleichermaßen spirituelle Ergriffenheit: Das Gefühl, zumindest den Hauch einer Ahnung bekommen zu haben von etwas Komplexem, von etwas, das unendlich viel größer ist als man selbst.

Diese Ahnung lässt sich nicht auf etwas anderes reduzieren, sie lässt sich nicht erklären durch eine Beschreibung der Musik oder ihrer Wirkung. Sie ist mehr als ein Gefühl, aber nicht weniger als ein Wissen. Diese Ahnung ist die Ergriffenheit, die ich meine, das Mitschwingen der Obertöne deines Bewusstseins.


Die Spotify-Playlist des Autors: „Was ist Ergriffenheit?“

Mitgeholfen haben bei diesem Artikel Christoph Küstner und Holger Schulze.

Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Rico Grimm; Bildredaktion: Martin Gommel.

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