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Erziehung

So wird dein Kind kein Verschwörungstheoretiker

von Matthew MacDonald
etwa 8 Min. Lesedauer

Eltern von Teenagern wird es nicht entgangen sein: Der pubertierende Nachwuchs verbringt mehr als nur ein bisschen Zeit auf Youtube. Und er sieht dort nicht nur süße Kätzchen und Mutproben wie die „Tide Pod Challenge“. Viele Kinder sind mit einer der produktivsten Videosubkulturen von Youtube mehr als vertraut: Verschwörungstheorien.

Bei der „Tide Pod Challenge“ filmen sich (meistens) Jugendliche dabei, wie sie eine Waschmittelkapsel essen.

Nein, die meisten Teenager hören nicht auf die Echsenmenschen-Tiraden des rechten Radiomoderators Alex Jones. Sie sehen sich auch keine Videos an, in denen der Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Connecticut als Fälschung dargestellt wird – denn die sind einfach zu düster. Aber die meisten US-Teenager kennen den Internet-Promi Shane Dawson, der mit Comedy-Sketch-Videos ziemlich berühmt wurde und nun mit seiner Serie von Verschwörungstheorie-Videos regelmäßig die Charts auf Youtube anführt.

Viele Erwachsene haben noch nie von Shane Dawson gehört, trotz seiner Millionen Views und der unzähligen viralen Videos. Ich hörte zum ersten Mal von Dawson, als ich mit einem Freund sprach, der Naturwissenschaften an einer elitären Privatschule für Mädchen unterrichtet. Er machte eine informelle Umfrage unter Highschool-Schüler:innen, um ein paar Verschwörungstheorien zu analysieren. „Die Mondlandung ist eine Fälschung“ lehnten die Schüler:innen deutlich ab. Aber sie reagierten positiv auf mehrere andere Verschwörungstheorien, die Dawson populär gemacht hat.

Zum Beispiel glaubten die meisten Teenager, dass die Restaurantkette Chuck E. Cheese's übrig gebliebene Pizza an Gäste serviert. Die Hälfte dachte, dass die Anschläge von 9/11 mindestens teilweise eine Operation der amerikanischen Regierung waren. Fast ein Drittel dachte, die Waldbrände in Kalifornien würden durch Laser aus dem Weltraum ausgelöst, die auf die Häuser der Menschen abzielen. Alle Anhänger der Verschwörungen zitierten Dawsons Analyse als den Auslöser ihrer Überzeugung.

Der Rat von Eltern und Erzieher:innen macht keinen großen Unterschied

Natürlich ist diese Umfrage wissenschaftlich nicht korrekt, und Teenagern steht es frei – wie uns allen –, eine dumme Idee zu glauben und sie dann im kalten, harten Licht von Fakten neu zu bewerten (oder kurz nachdem sie ein anderes Youtube-Video angesehen haben). Ihre Meinung kann feste Überzeugung sein, oder es kann nur ein vorübergehender Eindruck eines Themas sein, das ihr Leben nicht wirklich beeinflusst. Aber eines ist klar: Der Rat von Eltern und Erziehern macht keinen großen Unterschied, wenn es darum geht, dass Kinder völligen Unsinn akzeptieren.

Das ist ein Problem, das weit über die Welt der albernen Youtube-Videos hinausgeht. Das liegt daran, dass ein Kind jedes Mal Propaganda ausgeliefert wird, sobald es eine Zeitschrift aufschlägt, ein Einkaufszentrum betritt oder den Rat eines Lifestyle-Gurus, eines Sängers oder einer Teenie-Schauspielerin hört. Unkritische Akzeptanz der Menschen, denen wir vertrauen, macht uns zur leichten Beute für Manipulationen.

Programmierkompetenzen, mathematische Fähigkeiten und kreative Problemlösung sind Schlüsselqualifikationen für die Entwicklung von Heranwachsenden. Aber gibt es etwas Wichtigeres, als sicherzustellen, dass unsere Kinder nicht von Betrügern und Schwindlern missbraucht werden?

Wir setzen auf den falschen Weg, um Kindern das Denken beizubringen

Häufig gehen wir davon aus, dass man Kindern kritisches Denken beibringt, indem man ihnen beibringt, logisch zu denken und kleine Fehler in der Argumentation zu erkennen. Wir heben Beispiele für schlechte Argumente hervor, entlarven sie und hoffen, dass dies den Kindern hilft, dasselbe mit den Fehlinformationen zu tun, mit denen sie bombardiert werden.

So leicht ist es aber meistens nicht, das Unterrichten von kritischem Denken ist nicht so einfach, wie es scheint. Jedes Mal, wenn wir einem Kind sagen, was oder wie es denken soll, sagen wir ihm implizit, dass es seine Verteidigung aufgeben und akzeptieren soll, was wir glauben. Schließlich sind Eltern und Lehrer:innen oft auf die unkritische Akzeptanz eines Kindes angewiesen, das fängt schon beim morgendlichen Sockenwechsel und abendlichen Zähneputzen an.

Eine weitere, subtilere Herausforderung ist, dass Theorien, Propaganda und schlechte Ratschläge alle ihre eigenen „Fakten“ haben. Verschwörungstheorien gedeihen durch logisches Denken, das sich auf winzige Details konzentriert, die aus dem Zusammenhang gerissen oder einfach nur falsch sind. Zum Beispiel berufen sich Flat-Earthers (Menschen, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist) auf die Tatsache, dass Menschen die Pole nie überqueren – nur: Sie tun es. Ähnlich greifen 9/11-Verschwörungstheoretiker auf das Detail zurück, dass das Feuer eines brennenden Flugzeugs nicht ausreicht, um Stahl zu schmelzen (stimmt) und ignorieren die Tatsache, dass Metall nicht schmelzen muss, damit seine Tragfähigkeit ernsthaft beeinträchtigt wird. Etwas, das dir jeder Schmied zeigen kann.

Erwachsene – besonders wissenschaftlich ausgebildete Menschen – können schlechte Argumente und irrelevante Details oft sofort erkennen. Aber nicht immer. Manchmal ist es ein bisschen wie das Beobachten eines erfahrenen Magiers: Man weiß, dass sein Trick eine Fingerfertigkeit ist, keine multidimensionale Magie, aber man kann immer noch nicht genau erklären, wie er es macht.

Kritisches Denken ist eine Überlebensfähigkeit

Beim kritischen Denken geht es nicht darum, jedes schlechte Argument mit logischer Zauberei zu widerlegen. Es geht darum, Überlebensfähigkeiten aufzubauen, die dir helfen, verdächtige Argumente zu erkennen. So wie dich der Geruch von verdorbenem Fleisch warnt, dass das Sandwich vielleicht keine gute Mahlzeit ist, hilft das kritische Denken, Ideen zu erkennen, die wahrscheinlich ähnliche Magenprobleme auslösen können.

Was sind die Alarmsignale, die einem sagen, dass etwas nicht stimmt? Hier sind zwei der wichtigsten, die gute Ausgangspunkte für Eltern und Lehrer:innen sein können.

1. Bei Streitereien sollte es um Ideen gehen, nicht um Menschen

Dies ist das wichtigste Prinzip – nicht nur, um gute Ideen von schlampigem Denken zu trennen, sondern auch, um uns allen zu helfen, in einer einigermaßen funktionierenden Gesellschaft zusammenzuleben.

Wenn jemand anfängt, einen Gegner zu beleidigen, zu erniedrigen oder anzugreifen, ist das oft ein Zeichen dafür, dass sein Argument schwach ist. Es spielt keine Rolle, ob jemand älter oder jünger, reich oder arm ist, schlecht riecht oder anders aussieht. Kritisches Denken lebt und stirbt durch Argumente, nicht durch Beleidigungen.

Kaum etwas in letzter Zeit hat dies besser gezeigt als die Diskussionen über den Amoklauf in der Marjory-Stoneman-Douglas-Highschool in Parkland (Florida). Unabhängig von der eigenen Meinung über Schulsicherheit oder Waffenkontrolle ist es unmöglich, die vielen Kommentatoren zu übersehen, die die Meinungen der Überlebenden diskreditiert haben, nur weil sie jung waren. Unter den vielen Beleidigungen waren solche Perlen wie: „Sie (die Überlebenden) besitzen keinen Anschein von Weisheit, weil sie diese Jahre nicht gelebt haben.“ Sie können „sich nicht selbst versorgen“. Sie sind „nicht in der Lage, die Welt zu verändern, wenn sie nicht einmal daran denken können, ihre eigenen Bettlaken zu wechseln“. Und sie seien nicht reif genug, um Schusswaffen zu tragen, und damit „zu unreif, um eine Politik der Schusswaffen zu machen“.

Dies ist ein besonders gutes Beispiel, um es Kindern zu erklären. Jedem Teenager wurde irgendwann mal gesagt, dass seine Meinung aufgrund seines Alters nicht zählt. Wir nennen diesen schäbigen Trick einen Ad-hominem-Angriff, und das Argument, dass ältere Menschen klügere Gedanken haben, ist eine Variation des „argumentum ad verecundiam“, also ein falscher Appell an die Autorität. So oder so, es ist ein Versuch, einen Streit zu gewinnen, indem man nicht auf die Argumente des anderen eingeht.

2. Zuerst warten, dann untersuchen

Schlechte Argumente und Lügen werden oft mit kleinen Fakten dekoriert, die überzeugend klingen. Sind die Fakten erfunden? Ist die Argumentation falsch? Man wird es meist nicht wissen – zumindest nicht am Anfang. Wenn eine wilde Idee auftaucht, muss man sich entspannt fragen: „Kann das richtig sein?“ Man darf nicht in die Falle tappen, eine sofortige Entscheidung zu treffen, die darauf basiert, was man erwartet – oder was man glauben will.

In dieser Phase der Unsicherheit hilft es, an so viele Möglichkeiten und Gegenerklärungen wie möglich zu denken. Was sonst könnte diese Fakten erklären? Führt die alternative Erklärung zu weiteren Unsicherheiten?

Die einfachsten Erklärungen sind oft die besten. Viele Verschwörungstheorien werfen Fragen auf (einfach), bieten aber keine Alternativen (schwieriger). In der Welt der 9/11-Verschwörungstheoretiker gibt es zum Beispiel Hunderte von verschiedenen alternativen Erklärungen für die berüchtigten Terroranschläge. Die meisten dieser Erklärungen schaffen mehr Komplikationen als sie lösen. Zum Beispiel zwingen sie uns zu fragen, wie eine komplexe Handlung, an der Hunderte von Menschen beteiligt sind, mit perfekter Effizienz und ohne Lecks ablaufen konnte? Das ist eine Leistung, die keine US-Administration je bei einer Aufgabe erreicht hat.

Bei der Recherche hilft es auch, andere Informationsquellen zu finden. Ja, jeder kann sich irren. Aber selbst, wenn eine Organisation konsequent recht hat, lohnt es sich, herauszufinden, was sie über neue Informationen zu sagen hat. Wenn du zum Beispiel auf verrückte Behauptungen in den sozialen Medien stößt, zum Beispiel auf die jüngste „Momo-Challenge“, schadet es sicherlich nicht, einen kurzen Blick auf Fact-Checking-Seiten zu werfen.

Bei der „Momo-Challenge“ soll eine Gruselfigur Kindern Angst machen.

Hier ist eine gute Übung für die eigenen Teenager: Bring sie dazu, sich ein Verschwörungsvideo anzuschauen. Bitte sie, die Behauptungen und das Gesamtargument aufzuschreiben. Dann bitte sie, sich eine Liste mit alternativen Erklärungen vorzustellen.

Wichtig ist, dass du nicht sagst: „Dieses Video ist falsch; zeig mir warum.“ Wenn man das tut, zwingt man sie, genauso unkritisch zu sein wie zuvor; sie wechseln einfach ihre Loyalität von einem Experten (dem Youtuber) zu einem anderen (dir). Stattdessen solltest du den Kindern beibringen, ihre eigene kritische Denkkraft zu trainieren.

Für Kinder und Erwachsene ist dies eine Fertigkeit, die sich langsam entwickelt und regelmäßig trainiert werden muss. Es schadet sicherlich nicht, jemanden dazu einzuladen, seinen Geist für neue Möglichkeiten zu öffnen, tiefer zu denken und dann zu reflektieren.

Mit der Zeit können Kinder ihre Argumente durch ein besseres Verständnis von Wissenschaft und Logik stärken. In der Zwischenzeit ist es am besten, dass sie verstehen, dass niemand bedingungsloses Vertrauen verdient.


Matthew MacDonald hat diesen und weitere seiner Artikel in Englisch auf Medium.com veröffentlicht.

Übersetzung: Thomas Stöppler; Redaktion: Bent Freiwald; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

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