Martin Gommel

Klimadebatte

Wir können die Klimakrise nicht lösen, wenn sie ein Thema der Privilegierten bleibt

Newsletter von Josa Mania-Schlegel
etwa 5 Min. Lesedauer

Vor einiger Zeit hatte ich eine Idee: Ich wollte eine junge Person treffen, die sich bei Fridays for Future engagiert, deren Eltern aber Vielflieger sind oder in der Braunkohle arbeiten. Ich wollte zeigen, wie die neue Generation mit der alten bricht, um die Erde zu retten.

Also unterhielt ich mich mit einem der Initiatoren von Fridays for Future in Cottbus, im Osten Brandenburgs. In dieser Region hängen 24.000 Arbeitsplätze von der Braunkohle ab. Die Kohleindustrie sponsert Stadtfeste oder Vereine, die sich gegen Rassismus engagieren. Der lokale Fußballverein Energie Cottbus trägt die Branche sogar im Namen.

Der Initiator fragte also für mich herum – aber es war niemand zu finden. Dann erzählte er mir, dass seine Bewegung „leider sehr klein“ sei. Und dass es „schwierig“ sei, „in Cottbus was auf die Beine zu stellen“. Warum? Er sagte: „In Cottbus stecken leider alle noch zu sehr in der Kohle drin.“

Dies soll kein Text werden, der Braunkohle verharmlost. Die drei Lausitzer Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg gehören zu den zehn größten CO2-Schleudern der EU. Jedes einzelne emittiert mehr Klimagase als jede europäische Fluglinie. Wir schalten sie besser noch heute als morgen ab.

Nur: Warum gehen Kinder aus Kohle-Haushalten nicht zu Fridays for Future? Wohl kaum, weil sie fürchten, dadurch Mama oder Papa arbeitslos zu machen. Eine der Hauptforderungen der Demonstranten ist der Ausbau von Arbeitsplätzen in erneuerbaren Energien.

Billigflüge werden von Menschen verteufelt, die nicht in ihre Heimat fliegen müssen

Meine Vermutung ist: Weil sie sich schämen. Und das hat damit zu tun, dass die Klimadebatte nicht besonders anschlussfähig für Menschen ist, die nicht von Haus aus grün sind.

Ostdeutsche Kohle-Kids sind da nur der Anfang. Die Autorin Şeyda Kurt erzählte vor einem Monat auf ze.tt von den zahlreichen tödlichen Autounfällen, die es früher auf den Straßen zwischen Deutschland und der Türkei gegeben hatte. Familien, die in die Heimat fuhren, kamen dabei ums Leben.

Seit es Billigflüge gibt, habe das Sterben aber aufgehört. Auch Kurts Mutter könne es sich jetzt leisten, mehrmals im Jahr nach Hause zu fliegen.

Es passierte aber noch etwas anderes. Das Fliegen, so Kurt, wurde seitdem „zum Ursprung allen Übels erklärt“. In dem Moment, in dem „es demokratisiert wurde – als die Preise fielen, als sich immer mehr Menschen eine Flugreise leisten konnten“, wurde es verurteilt.

Billigflüge werden heute verteufelt – und das meistens von Menschen, die nicht fliegen müssen, um ihre Heimat zu besuchen. „Billigflüge sollten nicht existieren“, sagte neulich der Stand-up-Künstler Moritz Neumeier auf Instagram seinen 20.000 Abonnent:innen. Er fügte an: „Diggi, fahr in die sächsische Schweiz.“

Nur: Würden teurere Flüge nicht einfach bedeuten, dass künftig nur noch die Privilegierten fliegen? Und dafür die Armen am Boden bleiben – beziehungsweise sich zurück auf die potenziell tödliche Straße begeben?

Ist der Klimawandel einfach wichtiger als soziale Gerechtigkeit?

Die Autorin Vanessa Vu, deren Eltern nach Deutschland flüchteten, beschrieb auf Instagram, wie sie sich als Jugendliche für Umweltaktivismus interessierte, aber nie wirklich in der Szene ankam: „Meine Mitstreiter*innen“, schreibt sie, „entstammten mittelständischen Haushalten und haben von klein auf gelernt, wie heimische Pflanzen und Tiere heißen und Wasserkraftwerke funktionieren.“

Vu hatte weniger das Gefühl, etwas von den Aktivist:innen lernen zu können, als von ihnen für eine Lebensweise verurteilt zu werden, die bei ihr zu Hause als normal galt. „Anstatt das ökologische Anliegen zur gemeinsamen Sache zu machen“, schreibt sie, „haben [sie] Standards gesetzt, die bestehende Gräben noch vertieft haben. (…) Es begann eine Aufholjagd, die ich nur verlieren konnte.“

Ich habe meine These von der exklusiven Klimabewegung, die nicht alle erreicht, bei Freunden angetestet. Als Antwort kam fast immer zurück: Klimawandel schlägt eben soziale Gerechtigkeit.

Anders formuliert: Was bringt dir eine faire Gesellschaft auf einer Erde, die von Naturkatastrophen heimgesucht wird und teilweise unbewohnbar ist?

Ja, so könnte man argumentieren. Jedenfalls, wenn die Klimabewegung eine elitäre Angelegenheit wäre. Ein Problem, das eine Avantgarde – die über genügend Ressourcen verfügt – nur mal eben stellvertretend lösen müsste.

Aber das Gegenteil ist der Fall.

Im Alltag armer Menschen finden sich viele Klimasünden

Denn es ist dem Klima egal, wer vorausgeht – es müssen eh alle nachziehen. Eine elitäre Debatte, die sich nicht um die Armen schert, birgt aber die Gefahr, einen Teil der Menschen für die Klimabewegung zu verlieren.

Genauer: Es ist zwar richtig, dass eine drastische CO2-Reduzierung alternativlos ist. Richtig ist aber auch, dass unsere Gesellschaft dafür eine Politik wählen muss, die bereit ist, diese Reduzierung umsetzen – und am besten auch gut erklären kann.

Natürlich ist das in der Politik und unter Aktivist:innen längst angekommen. Die Linke beschloss nach der Europawahl, ihre sozialen Kompetenz ab sofort mit Klimazielen zu koppeln. Und auch die Kohlegegner von Ende Gelände sind nach eigenen Angaben zwar immer noch „super akademisch“, wollen aber immer diverser werden.

Das sind gute Nachrichten. Wichtiger ist aber, dass die breite Gesellschaft anfängt, anders über die Klimarettung zu denken. Da gilt es immer noch als ausreichend, E-Auto zu fahren, mit dem Zug in den Urlaub zu fahren oder sich vegan zu ernähren. Alles kostspielige Dinge (ja, so ein Seitanschnitzel kostet etwa doppelt so viel wie ein Rindersteak).

Als Klimasünden gelten dagegen Billigflüge, Klamotten von der Stange oder eben Fleisch. Dinge, die den Alltag einer weniger privilegierte Schicht prägen. „Meine Eltern erlebten den Krieg, für sie wurde Fleisch umso wichtiger“, schreibt Vu. „Die Öko-Kinder verurteilten Fleisch.“

Wer viel hat, kann auf viel verzichten

Genauso ist die Braunkohle in der Lausitz ein wichtiger Arbeitgeber und eine Stütze der Region. Was, wenn sie einmal nicht mehr ist? Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle schätzt, dass durch den Braunkohleausstieg tausende „jüngere und gut qualifizierte“ Arbeitskräfte die Lausitz verlassen würden. Weil es dort sonst nichts anderes gibt.

Müssen wir also aus Rücksicht weiter Braunkohle fördern, jeden Tag Fleisch essen und um die Welt fliegen? Nein. Aber wir sollten, wenn über Verzicht gesprochen wird, immer jene mitdenken, die ohnehin nicht viel haben.

Denn wer viel hat, mag sich Verzicht leisten können. Wer aber kaum etwas hat und verzichtet, dem bleibt danach oft gar nichts mehr.


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

Prompt headline