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Tu deinem Gehirn was Gutes

Acht Tipps, die dir noch heute beim Lernen helfen

von Bent Freiwald
etwa 8 Min. Lesedauer

Tipp 1: Geh schlafen!

Falls du die Nacht vor der Klausur gerne durchpaukst: Hör auf damit, geh schlafen. Wenn dir nach der Statistikvorlesung mal wieder die Augen zufallen: Gib nach, geh schlafen.

Während des Schlafs verarbeitet dein Körper alles, was tagsüber passiert ist, er tankt Energie und repariert sich selbst. Und: Dein Schlaf hat großen Einfluss darauf, wie gut du etwas lernst, denn auch dein Gehirn ist ziemlich aktiv, während du schläfst. Das gilt, wenn du dir etwas merken willst, aber auch wenn du Klavierspielen lernst. Und zwar nicht nur in der Nacht, sondern auch – hurray! – beim Mittagsschlaf. Das zeigt diese Untersuchung: In einem Experiment hörten sich zwei Gruppen eine Geschichte an. Eine Stunde später wurden sie abgefragt. Die erste Gruppe wurde nach der Geschichte in einen dunklen Raum gesetzt, in dem sie warteten.

Nichts weiter. Ganz schön langweilig.

Ihr Erinnerungsvermögen stieg um 10 bis 30 Prozent gegenüber der zweiten Gruppe. Unser Gehirn braucht tagsüber auch mal Ruhe, um Informationen wirklich abzuspeichern. Und nachts braucht es ausreichend Schlaf. Ein Trick: Wenn du direkt vor dem Schlafengehen etwas anguckst, durchliest, ausprobierst, kann dein Gehirn direkt damit beginnen, es sich einzuprägen.

Wenn dich das noch nicht überzeugt: Als das gleiche Experiment mit Patient:innen durchgeführt wurde, die Schlaganfälle und andere neurologische Verletzungen erlitten hatten, verbesserte die Ruhephase ihre Leistung sogar von sieben auf 79 Prozent.

Noch mehr Hinweise auf den Zusammenhang von Schlaf und Gedächtnis: Diese Studien zeigen, dass Schlaf unsere Leistung bei visuellen Aufgaben verbessert.

Tipp 2: Mach das nochmal!

Immer, wenn ich mal nicht wusste, was die Hauptstadt von Baden-Württemberg, Hessen oder dem Saarland ist, hat meine Erdkundelehrerin Frau Buchheister-Eilers gesagt: „Die Hauptstädte müsst ihr üben, üben, üben!“ Und ja, sie hatte recht, leider: Wenn du etwas wirklich können oder dir etwas dringend merken möchtest, musst du es üben, üben, üben. Warum das so ist, und was die Synapsen in deinem Gehirn damit zu tun haben, habe ich in diesem Text schon einmal detailliert erklärt.

Tipp 3: Erwecke den Lehrer in dir!

Du lernst besser, wenn du anderen das erklärst, was du lernen willst. Du solltest also selbst zum Tutor werden. Oder noch besser: zu dem Lehrer, der du nie sein wolltest. Ein interessantes Beispiel: In dieser Studie sollten die Teilnehmer:innen lernen, was der „Doppler-Effekt“ ist (er erklärt, warum sich das Geräusch von Krankenwagensirenen je nach Geschwindigkeit bzw. Bewegung relativ zum Beobachter höher oder tiefer anhört).

Eine Gruppe sollte sich die Erklärung einfach nur einprägen (Kontrollgruppe). Einer anderen Gruppe wurde gesagt, dass sie den Effekt später anderen erklären sollen, weshalb sich diese Gruppe darauf vorbereitete. Aber nur die Hälfte hat den Inhalt auch tatsächlich anderen beigebracht, die andere Hälfte wurde lediglich etwas veräppelt.

Die Ergebnisse: Alle, die sich auf ihre Lehraufgabe vorbereitet haben, schnitten besser ab als die Teilnehmer:innen, die den Doppler-Effekt nur selbst lernen sollten. Und nur diejenigen, die den Effekt dann tatsächlich anderen erklärt haben, schnitten bei einer Abfrage eine Woche später nochmal signifikant besser ab als die Kontrollgruppe.

Lerne also so, als würdest du das Gelernte am nächsten Tag deinen Freunden erklären müssen. Und dann (für Fortgeschrittene): Erkläre es deinen Freunden am nächsten Tag.

Tipp 4: Think big!

Wenn du dir die olympischen Ringe anschaust, siehst du nicht viele verschiedene ineinander geschobene geometrische Formen, sondern, genau: die olympischen Ringe. Wir nehmen Objekte nicht als viele kleine Einzelteile wahr, sondern als ein wohlgeformtes Ganzes. Das ist einerseits eine gute Nachricht, andererseits auch eine schlechte. Denn manchmal müssen wir uns eben die kleinen, feinen Details merken. Trotzdem hilft es auch beim Einprägen, das große Ganze im Auge zu behalten.

Verschaffe dir immer mal wieder einen Überblick über den größeren Kontext, wenn du etwas lernst. Das kann mithilfe einer Mindmap sein, einer Grafik oder mit Kapitelüberschriften. Und wenn du etwas Neues dazugelernt hast, überlege dir, wo im größeren Kontext das Neue hingehört.

Tipp 5: Mach dir klar, wofür du den Kram brauchst!

Ich war in Mathe eine absolute Null. Geometrie, Flächenberechnungen – ich habe es gehasst. Bis zu dem Tag, an dem ich meinen Onkel in den USA besucht habe, zum allerersten Mal. Er war mal Profi-Basketballer und reiste viel herum, die Tage mit ihm waren selten, leider. Als ich ihn besucht habe, baute er gerade einen Teil seines Gartens zu einem Basketball-Feld um. Was gab es Cooleres? Meine Aufgabe: Herausfinden, wie viele Bodenplatten wir für die Fläche brauchten. Geometrie und ich waren auf einmal beste Freunde.

Okay. Die Geschichte ist ausgedacht ... Aus voller, bester Absicht: Denn wenn wir wissen, wofür wir etwas lernen, sind wir auch besser darin, es uns zu merken. Und was ist uns wichtig? Gefühle, Geschichten, andere Menschen, Dinge, die mit unserem Alltag zu tun haben. Nicht so wichtig sind reine Fakten oder Daten. Deshalb spielen Emotionen auch eine wichtige Rolle, wenn wir etwas lernen wollen. Wenn meine ausgedachte Story dich noch nicht überzeugt hat, hier ein echter Beleg:

In einer Studie sollten sich zwei Gruppen medizinische Behandlungsverfahren merken. Gruppe eins erzählte man folgende Geschichte:

„Ein Junge fährt mit seiner Mutter in die Stadt, um den Vater, der im Krankenhaus arbeitet, zu besuchen. Dort zeigt man dem Jungen eine Reihe medizinischer Behandlungsverfahren.“

Der anderen Hälfte erzählte man diese Geschichte:

„Ein Junge fährt mit seiner Mutter in die Stadt und wird bei einem Autounfall schwer verletzt. Er wird rasch in ein Krankenhaus gebracht, wo eine Reihe medizinischer Behandlungsverfahren durchgeführt wird.“

Danach wurde beiden Gruppen eine Liste mit den Behandlungsverfahren präsentiert. Nach einer Woche sollten die Teilnehmer:innen wiederkommen und die Behandlungsverfahren nennen. Ergebnis: Die zweite Gruppe konnte sich wesentlich besser an die Verfahren erinnern. Entscheidend war die Geschichte, der emotionale Kontext, nicht die Fakten.

Bevor du anfängst mit dem Lernen, mach dir klar, warum der Inhalt wichtig ist für dich persönlich. Wenn du nicht weißt, wo du den Inhalt jemals anwenden solltest, frag deinen Lehrer oder deine Professorin – die sollten das wissen. Und für Fortgeschrittene: Wenn du den Inhalt deinen Freund:innen erklärst (siehe Tipp 3), denk dir dazu eine Geschichte aus (wie ich und die Studie), am besten eine emotionale.

Tipp 6: Quizzen, um es dann zu wissen!

Zig Studien zeigen, dass ein Quiz viel effektiver ist als einfaches Lesen oder Unterstreichen. Deshalb haben meine Kommilitoninnen (es waren tatsächlich immer die Frauen) in der Uni auch immer Karteikarten doppelseitig mit Fragen und Antworten beschriftet. Ich habe das immer für eine Spielerei gehalten. Aber es funktioniert, das weiß ich jetzt, und wir können das direkt mal ausprobieren.

Quiz Nummer 1: Nenne mindestens vier Lern-Tricks, die schon in diesem Text vorkamen (nicht hochscrollen!). Zur Auflösung:

Ach komm. Keine fünf Sekunden und du gibst schon auf? Na gut, egal, Wiederholung ist ja wichtig, also:

  1. Geh schlafen!
  2. Mach das nochmal!
  3. Erwecke den Lehrer in dir!
  4. Think big!
  5. Mach dir klar, wofür du den Kram brauchst!
  6. Quizzen, um es dann zu wissen!

Wenn du zwei Stunden Zeit hast, um etwas zu lernen, nutze die zweite Stunde, um dich selbst zu testen – mindestens.

Tipp 7: Mach das nochmal. Und nochmal!

Du wirst dir die Lerntipps hier nicht alle nach dem ersten Lesen merken können. Wirklich nicht. Speicher dir den Text deshalb lieber ab, um später nochmal einen Blick darauf werfen zu können, zum Beispiel hier bei Pocket.

Tipp 8: Lerne in kleinen Portionen!

Wenn du eine Stunde lernen willst, teilst du diese Stunde lieber auf zwei Tage auf. Und diese Tage sollten im besten Fall sogar mehrere Wochen auseinander liegen. Ich weiß, das ist ziemlich unrealistisch. So diszipliniert muss man erstmal sein. Aber es würde funktionieren, und das liegt am sogenannten Spacing Effect.

Schon eine uralte Studie aus dem Jahr 1925 hat diesen Effekt nachgewiesen: Die Hälfte der teilnehmenden Student:innen hörte einen alten griechischen Schwur sechs Mal am Stück, die andere Hälfte jeweils drei Mal, aufgeteilt auf zwei Tage, mit drei Tagen Pausen dazwischen. Beim Test später konnten sich die Student:innen, die eine Lernpause von drei Tagen gemacht hatten, wesentlich besser an den Schwur erinnern.

Wenn du dich vor einer Klausur mal wieder fragst, wann du wohl mit Lernen anfangen solltest, gilt tatsächlich: je früher, desto besser. So diszipliniert war ich selbst noch nie, deshalb noch ein Argument mehr, das uns beide dazu bringen könnte: In dieser Studie hatten Student:innen zwischen zehn und 38 Tage Zeit, sich den gleichen Stoff zu merken. Rate mal, wer am erfolgreichsten war.

Also: Alles verstanden? Super, dann setzt dich jetzt für 15 Minuten in einen dunklen Raum, lies dir den Text in drei Tagen nochmal durch, teste dich selbst, schlaf dich ordentlich aus und erzähle einer Freundin davon, was du gelernt hast! Voilà!


Bevor ich diesen Text geschrieben habe, habe ich die Mitglieder der KR-Community nach ihren eigenen Tricks und Strategien beim Lernen gefragt. Danke an alle, die mitgemacht haben! Danke an: Nati, Jörg, Marco, Rosalie, Atti, Markus, Stefanie, Melanie, Susan, Heidi, Susanne, Patricia, Uli, Jörg, Verena, Roland, Stephanie, Simon, Oliver, Katharina, Ilka, Anne, Evelyn, Ulrike, Sandra, Julian, Günther, Julia, Heiner, Ralf, Paila, Grit, Uta, Trixi, Silke, Lily, Pina, Michael, Klaus-Ulrich, Thomas, Frank, Eva, Martin, Margreth, Wolfram, Julia, Monika, Alexa, Udo, Corinna, Elisabeth, Jella, Jens, Anna-Maria, Rico, Matthias, Dominik, Jeannette, Ludmilla, Joachim, Ingetraud, Erik, Bernadette, Tim, und Flo!


Redaktion: Philipp Daum; Fotoredaktion: Martin Gommel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.