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Schadet die 5G-Technologie der Gesundheit?

Eine Autorenpost von Silke Jäger
etwa 4 Min. Lesedauer

Vor einer Weile habe ich die Krautreporter-Leser:innen gefragt, was sie über die Gesundheitsgefahren des neuen Mobilfunkstandards 5G wissen möchten. Oder alternativ: Was sie darüber bereits wissen. Daraufhin habe ich einige sehr lange E-Mails bekommen. Herzlichen Dank allen, die mir geschrieben haben.

Verwirrung!

Ich muss allerdings zugeben: Nach dem Lesen war ich ziemlich verwirrt. Einige Leser:innen waren sich absolut sicher, dass 5G-Strahlen kein Problem sein können und konnten das auch physikalisch herleiten. Andere wiederum waren sich absolut sicher, dass die Gesundheitsgefahren von 5G massiv unterschätzt und kleingeredet werden und hatten eine Menge Links und Studien für mich.

Nachdem ich mich durch all das hindurchgelesen hatte, war ich immer noch ziemlich ratlos. Mein Plan war ja ursprünglich, einen Erklärtext zu schreiben. Am liebsten einen, der alle Fragezeichen killt. Aber beim Lesen der vielen Texte hatte ich drei Erkenntnisse: Erstens kann so einen Text gerade niemand schreiben. Zweitens ist die Debatte deshalb so hitzig, weil an einigen Stellen gesichertes Wissen über die Gesundheitsgefahren fehlt. Und drittens kann ich der aktuellen Debatte nicht viel Neues hinzufügen. Also habe ich meinen Plan gekillt. Das war ein bisschen schade.

Denn andererseits habe ich so viel gelernt, dass ich das Wissen nicht für mich behalten möchte. Deshalb gibt es jetzt einen Kompromiss: Ich stelle die drei Texte vor, die mir am meisten dabei geholfen haben zu verstehen, wie die Sache mit den Gesundheitsgefahren durch 5G wohl einzuschätzen ist. Das kommentiere ich so, dass du dir schnell einen Überblick über die wichtigsten Punkte der 5G-Debatte verschaffen kannst.

Drei Texte, die Ordnung ins Chaos bringen

Für mich sind bei diesem Thema die wichtigsten Fragen: Woran liegt es eigentlich, dass wir so im Dunkeln tappen? Gab es nicht schon renommierte Experten, die vor dem neuen Funkstandard gewarnt haben? Wie kamen sie dazu? Und haben diejenigen, die abwinken und sagen: „Alles halb so schlimm!“ wirklich alle wichtigen Informationen? Und wenn ja, halten sie manche unbequemen Wahrheiten vielleicht sogar zurück? Darüber wird viel spekuliert. Aber auch recherchiert. Ich habe drei Texte gefunden, die diese Fragen beantworten.

  1. Der Wissenschaftsjournalist Christopher Schrader beschreibt bei Spektrum, was man über die höhere Krebsgefahr durch die 5G-Technik weiß. Er dröselt die Aussagen von kritischen Wissenschaftlern, die durch überraschende Ergebnisse doch ins Zweifeln kommen, genauso auf, wie die eher unkritischen Aussagen von Behörden. Dazu erklärt er sehr gut verständlich, warum Langzeitstudien, die man für eine sichere Beurteilung der Krebsgefahr braucht, nicht gemacht werden können.

  2. Wer noch tiefer in die Argumentation von Forscher:innen einsteigen will, die zur elektromagnetischen Verträglichkeit arbeiten, der findet beim Science Media Center gleich vier lesenswerte Statements. Ein Forscher für Hochfrequenz- und Mikrowellentechnik der Universität Ilmenau sagt: „Was man jedoch bereits heute sagen kann, ist, dass sich die Immissionssituation verändern wird. (...) Es gibt hierbei also Effekte, die zu einer Erhöhung als auch zu einer Reduzierung der Immission an einem definierten Ort führen können. Es wird das Ziel zukünftiger messtechnischer Untersuchungen sein, herauszufinden, wie sich die Immissionssituation nach der Einführung von 5G konkret ändert. Eine Herausforderung hierbei ist es, ein entsprechendes Messverfahren zu entwickeln, das diese Strahlschwenkung von 5G Basisstationen korrekt berücksichtigt und den Immissionszustand bei maximaler Anlagenauslastung (so wie gesetzlich vorgeschrieben) erfasst.“ Es wird klar: Um wirklich beurteilen zu können, welche potenziellen Gesundheitsgefahren drohen, fehlt uns zusätzlich noch die passende Messtechnik, mit denen sich Langzeitstudien überhaupt auflegen ließen.

  3. Bleibt die Frage: Wenn uns die Wissenschaft keine belastbaren Antworten geben kann, warum greift dann nicht das Vorsorgeprinzip, das in der EU-Verfassung festgeschrieben ist? So lange nicht bewiesen ist, dass die neue Technik unbedenklich ist, dürfte sie demnach nicht zugelassen werden. Und tatsächlich haben aufgrund der Unsicherheiten einige Regionen in der EU die Einführung des 5G-Standards vorerst gestoppt, wie zum Beispiel die Stadt Brüssel. Doch Deutschland gehört bekanntermaßen nicht dazu. Und dieser Knaller-Text im Tagesspiegel erklärt, woran es liegt: Die Politiker weltweit berufen sich auf die Grenzwerte eines einzigen Gremiums. Doch wie dieses Gremium zu seiner Einschätzung kommt und wie es wiederum selbst in politische Entscheidungsprozesse eingebunden ist, wirft einige Fragen auf. Das ist hochspannend zu lesen. Recherchiert hat das Ganze das Journalistenkollektiv Investigate Europe. Nimm dir fürs Lesen am besten eine Viertelstunde Zeit. Du lernst viel über politische Prozesse. Versprochen!

Wie entscheiden, wenn es Zweifel gibt?

Die Fragen um 5G sind vor allem eins: hochkomplex. Wie diese Texte zeigen, geht es dabei im Kern darum, wie politische Entscheidungsträger mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umgehen. Wann verlässt man sich zu leichtfertig auf Experten und warum werden Unsicherheiten in der Forschungslage nicht differenziert und vor allem offen diskutiert? 5G ist nur ein Beispiel unter vielen, das zeigt: Politik müsste viel mehr erklären, wie sie zu ihren Entscheidungen kommt. Und auch ihre Dilemmata offenlegen.


Vielen Dank an Matthias, Wolfgang, Simone, Ulrich, Jannyn, Robert, Dorothea und Konrad für die Unterstützung meiner Recherche.

Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel

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