© Getty Images / Maria Dorota

Zwiespalt in Syrien

„Weil Frauen bis zu ihrer Heirat Jungfrauen sein müssen, haben wir einfach Analsex gehabt, ohne wirklich zu wissen, was wir taten“

etwa 13 Min. Lesedauer

Ich bin in Damaskus neben einem Lager für palästinensische Flüchtlinge aufgewachsen. Heute ist dort ein riesiges Viertel, in dem Syrer und Palästinenser leben. Der Krieg hat viel davon zerstört, aber früher war es ein sehr lebendiger Ort. Wir wohnten in einem sehr konservativen Teil von Damaskus – und das ist bereits eine ausgesprochen konservative Stadt in Syrien.

Meine Familie gehört der Minderheit der Alawiten an, einer Abspaltung der Schiiten, die in Syrien großen politischen Einfluss hat. Die überwiegende Mehrzahl der Syrer sind Sunniten. Wir interpretieren den Islam sehr unterschiedlich: Zum Beispiel fasten wir nicht, und wir beten auch nicht fünfmal am Tag in Richtung Mekka. Wir beten allein, wann immer wir wollen. Ein weiterer Unterschied ist, dass unsere Frauen kein Kopftuch tragen. Es ist sogar verboten, den Kopf zu bedecken. Frauen kleiden sich nicht gerade konservativ, zeigen aber auch nicht viel Haut.

Für mich ist die alawitische Tradition in einem Punkt extrem: Du darfst nur innerhalb deiner Glaubensgemeinschaft heiraten. Es ist also egal, wen du heiratest, aber er oder sie muss Alawit sein – und auf keinen Fall Sunnit.

Früher gab es keine Trennung von Männern und Frauen

In der Generation meiner Großeltern kamen unsere Leute aus der Landwirtschaft. Sie teilten alle Aufgaben und arbeiteten zusammen auf den Feldern. Es gab keine Trennung von Männern und Frauen, wie sie heute in vielen islamischen Ländern üblich ist. Meine beiden Eltern – in erster Linie eigentlich meine Mutter – kamen aus sehr fortschrittlichen Familien. Heute sind die Alawiten mehr mit der Gesellschaft vermischt und dem Mainstream der islamischen Herrschaft unterworfen. Die meisten Freiheiten, die meine Großeltern in ihrer Jugend genossen, gab es in meiner Kindheit nicht.

Meine Mutter hat mir erzählt, dass Mädchen in den 60er und 70er Jahren Mini-Röcke getragen haben. Sie waren Teil der damaligen sexuellen Revolution, aber auf ihre eigene Weise. Es gab nicht viel sexuelle Freiheit, doch sie tanzten Twist und gingen zu Konzerten. In den 80er- und 90er-Jahren gab es dann einen Rückschlag in Richtung Konservatismus. Meine Eltern haben wirklich versucht, ihre liberalere Sicht der Welt meinem Bruder und mir zu vermitteln, aber das war in diesem konservativen Umfeld nicht immer möglich.

Eine Zeitlang war ich ziemlich religiös. Ich ging zwar nicht in die Moschee und betete auch nicht, aber ich fastete zu Ramadan. Es war mir wichtig, immer der Gute zu sein und mir nicht vom Teufel sagen zu lassen, was ich tun soll. Doch in mir tobte ein Konflikt, weil wir lernten, Masturbation sei eine Sünde – wenn wir es machten, würden wir in der Hölle schmoren. Schon während ich es tat, fühlte ich mich schuldig. Ich habe mir immer eingeredet, dass dieses Mal das letzte Mal ist. Aber schlussendlich war die Scham nie groß genug, um mich tatsächlich davon abzuhalten.

Wahrscheinlich hat jeder religiöse Mensch diese Schuldgefühle. Du tust etwas, was dein Körper verlangt. Und dann fühlst du dich deswegen schuldig und schrecklich.

Als ich zum ersten Mal ejakulierte, wurde die Scham noch größer. Ich verstand es nicht, ich dachte, ich hätte gepinkelt. Und fragte mich: Wie ist das passiert? Ich hatte Angst zu masturbieren, aber trotzdem den Drang, es zu tun. Ich hatte Angst, weil ich dachte, ich pinkele wieder ins Bett und mit meinem Penis stimmt etwas nicht. Hatte ich so sehr masturbiert, dass jetzt Pipi rauskommt? Was kommt als nächstes? Blut? Ich wurde paranoid. Aber egal, wie verängstigt ich war – ich tat es immer wieder.

Irgendwann wurde ich neugierig und fragte jemanden, woher die Babys kommen. Sie sagten mir, dass Allah das Baby irgendwie in den Bauch der Frau steckt, aber es machte für mich keinen Sinn. Dann in der zweiten Klasse sagte mir ein Freund, dass der Mann und die Frau Sex haben, aber er benutzte dafür Straßen-Jargon, so ähnlich wie ficken. Er erklärte mir, der Mann und die Frau gingen zusammen ins Bett, hätten Sex, und der Mann würde im Inneren der Frau ejakulieren (ich wusste auch nicht, was Ejakulat bedeutet). Dann entschieden sie, ob sie das Baby wollten oder nicht. Wenn sie es nicht wollten, könnte der Mann der Frau in den Bauch treten, und die Frau würde pinkeln oder das Baby in die Toilette ausscheiden. Gott hatte auch etwas damit zu tun – aber ich weiß nicht mehr genau, was eigentlich seine Rolle war.

Meine Mutter ließ mich auch mit Mädchen spielen

Dass wir in Syrien so wenig übereinander wissen, liegt wahrscheinlich daran, dass alles mehr oder weniger nach Geschlechtern getrennt passiert. Meine Mutter war ziemlich liberal, und es war ihr egal, dass ich auch mit Mädchen spielte – besonders dann, wenn sie eine Freundin mit Tochter besuchte und die Erwachsenen nicht gestört werden wollten. Ich durfte aber nie mit Mädchen auf der Straße spielen – meiner Mutter wäre es egal gewesen, aber der Gesellschaft nicht. Viele meiner Freunde hatten erst Kontakt zu einem Mädchen, das nicht mit ihnen verwandt war, als sie viel älter waren. Für sie blieben Mädchen diese mystischen Gestalten, von denen sie nichts wussten.

Ein weiterer Grund, warum ich mehr Glück hatte, wenn es um Mädchen ging, war, waren meine Sommerkurse in Englisch. Diese Klassen waren immer gemischt, also hatte ich Freundinnen. Aber selbst dort gab es Lehrer, die Jungs auf die eine Seite setzten und die Mädchen auf die andere. Einige wirklich progressive Lehrer sagten, wir sollten gemischt sitzen, aber es hat nur manchmal funktioniert.

Während einer dieser Sommerkurse habe ich mich zum ersten Mal verliebt. Wir verstanden nicht wirklich, was wir taten. Wir wussten aber, dass wir uns wirklich mochten und begannen uns zu küssen. Nicht einmal auf den Lippen, nur auf die Wange, aber es war eine wirklich große Sache. Ein Kind hat uns tatsächlich verpfiffen, und der Lehrer hat uns beiden unglaublich hart ins Gesicht geschlagen. Wir waren traumatisiert. Wir wussten nicht, warum das eine große Sache war, und warum wir es nicht tun sollten.

Wenn ich meine Cousinen sehe, küsse ich sie auf die Wange. Das war also keine große Sache in meinem Umfeld. In den sunnitischen Gemeinden küssen sich dagegen nicht einmal Cousins und Cousinen auf die Wange. Und sobald sie in die Pubertät kommen, grüßen sie sich kaum mehr.

Das Mädchen, das ich geküsst habe, kam nicht mehr zur Sommerschule. Ich habe sie sehr vermisst. Sie war meine erste Liebe.

Ich glaube nicht, dass die Lehrer meinen Eltern davon erzählt haben. Sicher wollten sie nicht zugeben, dass solche Dinge unter ihrer Aufsicht passieren. Ich bin mir nicht sicher, aber ich vermute, wenn meine Mutter herausgefunden hätte, was passiert ist, wäre sie in die Schule gegangen und hätte meinen Lehrer geschlagen. Meine Mutter kann zur Furie werden, wenn es um ihre Kinder geht. Einmal in der fünften Klasse schlug mir ein Lehrer in den Bauch. Ich erzählte das meiner Mutter, und sie ging zu ihm, boxte ihn in den Bauch und verpasste ihm eine Ohrfeige. Sie ist wirklich eine knallharte Type.

In unserer Gemeinschaft gilt die Frau als sündig

Selbst mit meiner ersten Freundin wusste ich nicht wirklich etwas anzufangen. Wir hätten uns küssen können oder was auch immer, aber ich hörte immer diese Stimme in meinem Hinterkopf. In unserer alawitischen Gemeinschaft sagen wir oft: Möchtest du, dass die Dinge, die du mit anderen Mädchen machst, deiner Schwester passieren? Wir sind eine männlich dominierte Gesellschaft, und wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst. Wenn deine Schwester mit Männern ausgeht und sie küsst, ist das ein Problem – also warum solltest du das mit anderen Mädchen machen?

Meine Mutter sagte immer zu meinem Bruder und mir: „Es geht nicht nur um dich, es geht auch um das Mädchen. Du könntest ihr Probleme bereiten, du solltest sie immer als Schwester betrachten und dich um sie kümmern.“

In unserer Gemeinschaft gilt die Frau als sündig. Meine Mutter vermittelte uns aber ein positives Bild von Mädchen. Wir sollten nie vergessen, dass sie menschliche Wesen wie wir sind. Und sie lehrte uns, immer ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem, was wir wollen, und dem, was wir nicht tun sollen.

Ich habe versucht, das nie zu vergessen, aber die gesellschaftlichen Zwänge waren stark. Ich dachte, wenn ich ein Mädchen küsse, könnte es ihr vielleicht schaden. Oder es könnte noch schlimmer kommen und ihr Leben zerstören. Wir hörten viele Geschichten über die „Schlampe“, die mit so einem Kerl zusammen war. Sie mussten heiraten, ließen sich später scheiden, und niemand wollte sie dann noch heiraten. Sie musste ganz alleine für ihre Familie sorgen. Es war verwirrend, mit diesen beiden widersprüchlichen Botschaften aufzuwachsen: Ich wollte mich um die Frauen kümmern, aber ich wollte auch Sex.

Dem Sexuellen auf der Spur

Ich fing an, überall Hinweise auf Sex zu suchen. Das führte mich eines Tages zum Schrank meines Vaters. Dort habe ich dieses Magazin auf Englisch gefunden. Ich glaube, er hatte es eigentlich mitgebracht, damit ich es lesen und mein Englisch verbessern kann. Aber es gab ein paar eindeutige Bilder, also versteckte er es. Mir stach das Bild von einer Frau ins Auge, die ein Handtuch trug, es hochhob und einen Teil ihrer Vulva und ihrer Schamhaare zeigte. Das Bild ging mir für den Rest meines Lebens nicht aus dem Kopf.

Ein anderes Mal waren wir im Haus meiner Großeltern, und mein Onkel zappte durch die Kanäle im Fernsehen. Er stieß auf ein Programm mit Frauen in Unterwäsche und stoppte dort gerade lange genug, dass wir es sehen konnten. Das Ganze war auf Französisch, also verstand ich nichts, aber offensichtlich war es eine Hotline. Später rief ich die Nummer aus dem Haus meiner Großeltern an, weil sie ein spezielles Telefon hatten, mit dem man internationale Anrufe tätigen konnte. Natürlich hatten meine Großeltern dann eine riesige Telefonrechnung und keine Ahnung, weshalb. Mein Opa dachte, jemand habe die Leitung angezapft, und ich unterstützte diese Theorie natürlich. Meine Großeltern beauftragten jemanden, alle Kabel zu wechseln, um sicherzustellen, dass dies nie wieder passiert.

Wer schwul ist, kommt nicht nur in die Hölle

Ich ging auf eine reine Jungenschule. In der siebten Klasse erfuhren wir mehr über Anatomie und lernten die Geschlechtsorgane kennen. Aber niemand hat uns jemals beigebracht, wie man Kondome benutzt – obwohl einige Kondommarken in Syrien hergestellt werden.

In unserem Religionsunterricht gab es jeden Tag am Ende der Stunde die Möglichkeit für die Schüler, Fragen zu stellen. Wir fragten meist: Was bedeutet dieser Vers? Was meinte Mohammed damit? Einmal fragte jemand nach Sex. Der Lehrer sagte, dass du heiraten musst, wenn du Sex und Kinder haben willst.

Meiner Ansicht nach wusste der Lehrer, dass wir in die Pubertät kamen und neugierig auf Sex waren. Also machte er uns Angst vor dem Schwulsein. Er sagte uns, wenn ein Mann uns auf diese Weise berührt, kommen wir in die Hölle, unsere Haut wird sich wie eine Vagina öffnen, und Babys werden aus ihr herauskommen, und es wird für alle Ewigkeit schmerzen. Er fügte dann hinzu: Wenn du Analsex mit einem Mann hast, werden auch Babys aus deinem Arsch kommen. Er hat uns wirklich erschreckt. Niemand stellte es infrage, weil Schwulsein für uns keinen Sinn ergab, wir wussten nicht einmal, was es bedeutet. Er sagte, dass Mann und Mann das nicht tun; so einfach ist das.

Dieses Ding namens Porno

Als ich in der neunten Klasse war, hatte ich einen Freund, der zwei Jahre älter war und in einem Videoverleih arbeitete. Eines Tages hing ich mit ihm und seinem Kumpel ab, und er fragte mich, ob ich schon einmal Pornos gesehen habe. Ich sagte nein. Die beiden kicherten und holten einen Porno. Ich glaube, es war ein 70er-Jahre-Porno. Jeder hatte Haare, viele Schamhaare, viele Achselhaare. Ich ging danach zu meinen Freunden und sagte: „Leute, da gibt es so ein Ding namens Pornografie! Wir müssen uns das wirklich ansehen.“

Es war in Syrien sehr teuer, eine PlayStation zu kaufen, deshalb liehen Videotheken sie auch für einen Tag aus. Das Schöne an so einer PlayStation war, dass sie DVDs abspielen konnten. Ich ging zu dem Verleih, wo mein Freund arbeitete, und fragte den Besitzer nach einem Porno. Er zögerte erst, rückte dann aber einen raus.

Doch wir hatten noch ein weiteres Problem. Ich konnte den Fernseher im Wohnzimmer unseres Hauses nutzen, um PlayStation zu spielen, aber wir konnten dort keinen Porno anschauen. Also mussten wir zusätzlich auch einen kleinen Fernseher ausleihen. Wir hatten nicht genug Geld. Deshalb luden wir noch ein paar weitere Jugendliche ein. Alle waren sehr ungeduldig, sie wollten den ersten Porno ihres Lebens sehen.

Es war eine ganz andere Art von Pornografie als die, die ich vorher gesehen habe. Moderner, mit diesem ungarischen Pornostar mit riesigen Titten. Alle erstarrten in Ehrfurcht. Sie war rasiert, sie war blond, sie war weit, sie war wie nichts, was wir je zuvor gesehen hatten. Es war das erste Mal, dass die meisten dieser Jugendlichen jemals den nackten Körper einer Frau oder den Penis eines anderen gesehen haben. Wir hatten noch nie einen unbeschnittenen Penis gesehen. Ein Junge ging angewidert weg.

Männer nehmen Schaden, wenn ihr Frauenbild aus Pornos stammt

Ein paar Jahre später, in der neunten Klasse, bekam ich meinen ersten Computer. Ich war der erste in der Nachbarschaft, der einen hatte. Ich hatte zuvor bereits eine Menge Musik heruntergeladen und an die Kinder in meiner Schule verkauft, also war es nur logisch, dasselbe mit Pornos zu machen. Wann immer ich eine Diskette bekam, lud ich meine Freunde ein. Mein Zimmer wurde für vier oder fünf Jahre der Pornoraum.

Möglicherweise haben die Pornos uns geschadet. Du erzeugst damit all diese Vermutungen über Frauen, besonders in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Im Laufe der Zeit prägt es das, was du über sie denkst. Für viele meiner Freunde war es wirklich schädlich, denn Pornos waren ihre wichtigste Quelle, um etwas über Frauen zu lernen. Ich hatte zumindest Freundinnen und eine Art Kontakt zu ihnen. Aber für viele meiner Freunde gab es diesen Luxus nicht. Sie hatten nicht einmal den Mut, einfach ein Mädchen zu bitten, ihre Freundin zu sein.

Das einzige, was wir wirklich von Pornos gelernt haben, war Bumsen. Vorspielszenen waren nicht wirklich sinnlich, und es ging nie um die Frau, es ging immer um den Mann. Der wollte sein Ding machen und kommen. Ich weiß nicht, wie traumatisierend das für viele junge Frauen in unserer Gesellschaft sein muss. Vor allem, weil Frauen bis zu ihrer Heirat Jungfrauen sein müssen, haben wir einfach Analsex gehabt, ohne wirklich zu wissen, was wir taten.

Viele dieser Probleme sind auf den Mangel an Sexualerziehung und an Mitgefühl zurückzuführen. Ich bin wirklich dankbar für meine Mutter. Sie hat zumindest versucht, mich und meinen Bruder dazu zu bringen, mitfühlend zu sein und Frauen so zu sehen, wie sie wirklich sind.


Für ihr Projekt „Stumbling on Sexuality“ fragte die in Berlin lebende US-Amerikanerin Shauna Blackmon Leute, wie sie mit Sexualität in Berührung gekommen sind und wie sie das geprägt hat. Man kann auch seine eigene Geschichte vorschlagen. Mehr zum Thema hier.

Übersetzung: Vera Fröhlich; Redaktion: Philipp Daum; Bildredaktion: Martin Gommel.