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Freundschaft

Ein Konto, zwölf EC-Karten – wie es ist, sein Einkommen mit anderen Menschen zu teilen

von Susan Mücke
etwa 4 Min. Lesedauer

Ich stand neulich vor einer Gewissensentscheidung. Eine Freundin hatte eine größere Summe Geld geerbt. Sie wollte es jedoch nicht selbst behalten, sondern mit ihren Freunden teilen – jeweils für einen konkreten Zweck geben, den die verfolgten, etwa eine lange anstehende Anschaffung, eine Anschubfinanzierung für ein Projekt oder ähnliches.

Eigentlich ein schöner Gedanke. Dennoch fühlte ich intuitiv, dass eine solche Gabe die Freundschaft ins Ungleichgewicht bringen würde, zur Belastung werden könnte, zur nicht einlösbaren Verpflichtung. Was, wenn die Freundin daran unausgesprochene Bedingungen knüpfte oder in einigen Jahren das Geschenk bereute? Ich schlug ihr stattdessen vor, in etwas zu investieren, etwa ein Grundstück, von dem sie schon länger träumte, das zwar ihr gehörte, aber mehrere gemeinschaftlich nutzen könnten. Mal schauen, was daraus wird.

Jemand, der sein Einkommen mit anderen Menschen geteilt hat, ist KR-Mitglied Ben Hadamovsky. Er hat mir erzählt, wie der Blick in den gemeinsamen Kontoauszug die Freundschaft verändert.

Ben ist 52 Jahre alt, Künstler und Weltumsegler. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im Ökodorf Gemeinschaft Schloss Tempelhof in Baden-Württemberg zusammen mit 100 anderen Leuten. Hier entstand auch die Idee, eine Einkommensgemeinschaft zu gründen.


Wie habt ihr euch gefunden?

Wir waren eine Gruppe von zwölf mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten Freunden. Ich habe in unserem Dorf Leute gesucht, die bei einem Experiment Einkommensgemeinschaft mitmachen würden. Zwölf Männer und Frauen haben sich auf meinen Aushang hin gemeldet. Wir kannten uns seit zwei Jahren. Vom 25-jährigen Arbeitslosen bis zum 70-jährigen gut situierten Rentner, Selbständigen wie ich und Festangestellten, Singles und Familien waren die unterschiedlichsten Leute vertreten.

Wie habt ihr das Ganze organisiert?

Bei uns in Tempelhof weiß ohnehin jeder vom anderen, was er verdient, besitzt oder schuldet. Alle haben ihre Finanzen offengelegt. Unsere kleine Einkommensgemeinschaft richtete dann ein gemeinsames Konto bei der Bank ein mit zwölf Inhabern, zwölf EC-Karten und zwölf Kontoauszügen. Das war gar nicht so einfach, eine Bank zu finden, die das mitmachte. Fortan ließ jeder sein Einkommen auf das Konto überweisen.

Ich als Selbständiger brachte meinen monatlichen Gewinn ein (ich behielt ein eigenes Geschäftskonto). Beim Arbeitslosen war es entsprechend vergleichsweise wenig, beim Gut-Verdiener deutlich mehr. Kinder waren insofern mit eingepreist, als dass wir zum Beispiel ein höheres Einkommen als die Singles einbrachten, eben ein Familieneinkommen.

Ben Hadamowsky auf seinem Segelboot. Jeder kann mitfahren und jeder kann zahlen, was er für richtig hält.

© Rico Grimm

Hat dann jeder entsprechend seinem Einkommen Geld ausgegeben? Beziehungsweise hast du für dich kontrolliert, wie viel du monatlich abhebst?

Jeder führt ohnehin im Inneren für sich selbst extrem gut Buch – sowohl finanziell als auch sozial. Das war auch in unserer Gemeinschaft nicht anders. Ein Grundgedanke war zum Beispiel immer, dass wenn jemand einmal kein Einkommen hatte, zu sagen: Du bist gerade krank – mache dir keinen Stress, du kannst das später nachholen. Jeder bekam einen Kontoauszug in die Hand, aber wir haben nicht minutiös protokolliert, wer wie viel rausgenommen hat. Wir sind auch ins Minus gekommen, weil Freiberufler am Jahresanfang weniger hatten als in der Mitte, wegen der Steuerzahlungen.

Man muss aber auch sagen: Es ist schon ein gutes Gefühl, wenn plötzlich nicht nur 3.000 oder 5.000 Euro auf dem Konto sind, sondern 80.000. Die Gemeinschaft schafft Entspannung beim Thema Geld. Investitionen fanden in der Zeit zum Beispiel aber auch nicht statt, größere Anschaffungen wie ein Auto oder ähnliches – das wäre spannend gewesen. Wir hatten letztlich alle das Gefühl, dass jeder sich selbst trägt. Allerdings löst sich das Empfinden auf: Das ist mein Geld, weil ich es verdient habe. Aber das kann ja auch in der Familie so sein, wenn es nur noch gemeinsames Geld gibt.

KR-Mitglied Jonas möchte wissen, wie man damit umgeht, wenn klar ist, dass eine Person dauerhaft mehr einbringt, von dem die anderen dann auch leben. Wie behält man die Augenhöhe?

Dass wir uns unseren individuellen Wert an der finanziellen Leistungsfähigkeit bemessen – das verschwindet natürlich nicht durch die Einkommensgemeinschaft. Auch wir konnten das nur bedingt ablegen. Unsere Gemeinschaft ist aber leider nicht an diesen Punkt gekommen. Sie ist auseinander gegangen, bevor es richtig hart werden konnte.

KR-Mitglied Alina fragt, was der Grund war, die Gemeinschaft wieder aufzulösen?

Das ganze Experiment war auf fünf Jahre angelegt, Schluss war aber schon nach einem Jahr. Letztlich sind wir an der Vermögensfrage gescheitert. Das wäre der nächste Schritt gewesen, nicht nur die Einkommen zu vergemeinschaften, sondern zu überlegen, wie wir mit Immobilien, Investment-Fonds, Erspartem umgehen. An dieser Stelle haben drei Leute gesagt, sie machen nicht mehr mit. Die Einkommensgemeinschaft ist dadurch auseinandergebrochen. Sie am Ende zu lösen und auseinanderzudividieren, war auch nicht leicht, denn wir mussten klären, wer wie viel mit rausnimmt.

Noch heute fühlen wir uns aber in besonderer Weise verbunden, wenn wir uns im Dorf über den Weg laufen. Wir empfinden mehr Verantwortung für uns alle zwölf. Und die Kinder quatschen auch noch die anderen vor dem Dorfladen an, ob sie ihnen mal eben was bezahlen können.


Diesen Text habe ich für meinen Newsletter zur Kolumne „Gebrauchsanweisung für dein Leben“ geschrieben. Hier kannst du dich kostenlos für meinen Newsletter eintragen. Du erfährst, an welchen Themen ich gerade arbeite und kannst dich an meinen Recherchen beteiligen.

Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.