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Südwesten

Die Rivalität zwischen Badnern und Schwaben, verständlich erklärt

von Dominik Heißler
etwa 22 Min. Lesedauer

Lass uns mal mit einem Witz anfangen. Stell dir vor: Fußballspiel in einer schwäbischen Stadt. Vor dem Anpfiff macht der Schiedsrichter die Seitenwahl, wirft eine Euro-Münze in die Luft und ... ?

Was ist das Ergebnis?

2.000 Verletzte. Und was ist ein Perpetuum mobile?

Ächz ...

Das ist ein Schwabe, der einem anderen Schwaben hinterherrennt, der ihm zehn Cent schuldet.

Okay, ich hab es verstanden. Schwaben sind geizig, und du magst sie nicht.

Nein, eigentlich habe ich überhaupt nichts gegen Schwaben ...

... hrmpf …

… jedenfalls nichts, was hilft!

Nicht witzig!

Okay, okay, ich hör auf. Du fragst dich sicher, warum wir das hier machen.

Ja.

Also, ich bin Badner. Aufgewachsen bei Karlsruhe. Jetzt habe ich eine Weile in Berlin gelebt, und neulich hat wieder jemand zu mir gesagt: Ach Karlsruhe, du bist also Schwabe, oder …? Und ich habe ihm sofort klargemacht: Ich! bin! kein! Schwabe! Ich bin Badner! Das ist ein himmelschreiender Unterschied!

Das ist dein Problem!

Genau das meinte der andere auch. Und darum wollte ich herausfinden, woher meine heftige Reaktion kam. Daraus ist dieser Text entstanden. Jetzt kann ich dir erklären, warum es einen Haufen Schwaben-, aber kaum Badnerwitze gibt. Warum die Badner ständig ihre Hymne singen, und die Schwaben immerzu den Flur kehren. Aber selbst, wenn du noch nie davon gehört hast, dass es Badner überhaupt gibt ...

Baden, Schwaben. Mir doch egal!

Selbst, wenn du Plattdeutsch sprichst und dir Berge fremd sind! Selbst, wenn du noch nie südlich von Köln warst! Ich verspreche dir, es lohnt sich. Denn Baden-Württemberg ist ein gutes Beispiel, wie verschiedene Identitäten zusammenwachsen können, und zwar friedlich. Jogi Löw: Badner. Jürgen Klinsmann: Schwabe. Zusammen: Sommermärchen. Carl Benz, der das Auto erfand: Badner. Gottlieb Daimler, mit dessen Firma Benz fusionierte: Schwabe. Aber natürlich gab es auch kritische Momente.

Aha?

Fast hätte es Baden-Württemberg nie gegeben! 1952 hat die Mehrheit der Badner dagegen gestimmt, mit den Schwaben aus Württemberg ein gemeinsames Bundesland zu bilden. Sogar ich bin – fast 50 Jahre später – mit dem unbestimmten Wissen aufgewachsen: Gesamtbaden war dagegen! Wir wollten das nicht! Aber 1970 stimmten die Badner noch mal ab: Da waren 80 Prozent dafür. Das zeigt: Hier wurde erfolgreich eine gemeinsame Identität geschmiedet. Die Rivalität ist immer noch da, das gegenseitige Necken, aber große Konflikte gibt es nicht. Das ist in anderen Teilen Deutschlands auch passiert, aber an den Badnern und Schwaben kann man das besonders gut sehen.

Okay, überzeugt. Du redest die ganze Zeit von Schwaben – aber das Land heißt Baden-Württemberg, nicht Baden-Schwaben. Was ist da los?

Großschwaben oder Rhein-Schwaben waren 1952 tatsächlich als Namen im Gespräch. Aber du kannst dir sicher denken, dass die Badner starke Vorbehalte dagegen hatten. Also wurde es, in alphabetischer Reihenfolge, Baden-Württemberg. Baden kommt von einer Adelsfamilie mit Stammsitz in Baden-Baden, die Württemberger thronten auf dem Wirtenberg bei Stuttgart.

Und wie passen da die Schwaben dazu?

Gar nicht. Die passen nie.

Nicht! witzig!

Sorry. Das ist bei mir fast schon ein Reflex. Viele Schwaben nehmen diese badischen Neckereien übrigens gelassen. „Man verteidigt sich quasi aus Routine ... Aber ich lache darüber“, schrieb mir Schwäbin Eva. Rainer, auch Schwabe, gab zu bedenken: „Schwaben ignorieren diese Rivalität.“

Was ist denn jetzt mit den Schwaben?

Okay, okay. Schwaben waren ursprünglich Sueben oder Alemannen. Im frühen Mittelalter bezeichneten beide Begriffe dasselbe Volk. Alemannen nannten sie sich wohl selbst, Sueben war die Fremdbezeichnung. Sie tauchten auf, nachdem erst die Kelten und dann die Römer aus der Region verschwunden waren. Das Haus Württemberg entstand dann dort, wo diese Schwaben siedelten. Außerdem: „Schwaben“ ist einfacher auszusprechen als „Württemberger“.

Ich habe unter den Krautreporter-Lesern eine Umfrage gemacht, welche Vorurteile und Anekdoten ihnen zu dem Konflikt einfallen. Geantwortet haben über 80 Badner, Schwaben und Neigschmackte – das sind Menschen, die weder Badner noch Schwaben sind, aber dort wohnen. „Alles südlich von Köln ist schwäbisch“, schrieb mir ein Badner Krautreporter-Mitglied. Das wirkt sich sicher auch auf das badische Selbstwertgefühl aus und führt zu Abwehrreflexen: Hallo, wir sind auch noch da! Für uns in Baden-Württemberg ist übrigens alles nördlich von Mannheim Norddeutschland.

Für die Franzosen sind alle Deutschen „Allemands“, was irgendwie auch passt. Denn Alemannen bedeutet wohl wirklich „alle Mannen“. Einige Schweizer und Norddeutsche nennen alle Süddeutschen Schwaben.

Moment. Das ist mir ein bisschen peinlich: Aber wo genau liegt denn Baden – und wo Württemberg?

Was einfacher zu beantworten ist: Baden-Württemberg liegt im Südwesten Deutschlands, umgeben von Hessen, Bayern, der Schweiz, Frankreich und, über den Bodensee, Österreich. Was schwieriger ist: Wo die genaue Grenze zwischen Baden und Württemberg liegt. Das sorgt immer wieder für hitzige Diskussionen, wenn Badner und Schwaben zusammen an einem Tisch sitzen – und ist also definitiv keine peinliche Frage.

Elena schreibt: „Seit ich aus meinem schwäbischen Dorf nach Stuttgart gekommen bin, werde ich sehr oft von Badnern mit dem Thema konfrontiert. Badner scheinen ganz genau zu wissen, wo die ‚Landesgrenzen‘ verlaufen. … Ich weiß nicht mal, welche Stadt wohin gehört und bin oft überrascht (und teilweise genervt) von der Leidenschaft, die (junge!) Badner bei dem Thema zeigen.“

Danke dir. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass diese Rivalität den Badnern wichtiger ist als Schwaben.

Ich muss gestehen: Wir Badner sind da emotionaler. Die meisten meiner schwäbischen Freunde wussten nichts von dem Thema, bis sie nach Baden zogen. Ich will gar nicht so genau darüber nachdenken, was diese Einseitigkeit über uns Badner aussagt. Und das, wo wir uns doch als viel geselliger und weltoffener sehen als die Schwaben!

„Die Badner sind diejenigen, die in diesem Punkt empfindlich sind“, schreibt auch Hanna. „In meiner Kindheit in Schwaben war diese Konkurrenz nie ein Thema. Erst seit ich in Baden lebe, kenne ich das Problem überhaupt“. Silke, Neigschmackte, vermutet sogar ein Minderwertigkeitsgefühl, „weil die Badner ungern an die schaffigeren Württemberger angehängt werden“. Schaffiger heißt übrigens fleißiger.

Woher kommen diese Vorurteile?

Württemberg hatte schon im 19. Jahrhundert eher einen konservativen Ruf. Das meistgenannte Argument dafür ist die Religion: Schwaben sind hauptsächlich evangelisch oder pietistisch. Das habe schon früh zu Frömmigkeit und Sparsamkeit geführt – und zu einer gewissen Gehemmtheit. Eigenschaften, die viele Leute den Schwaben heute noch nachsagen.

„Für mich fühlt sich das Verhältnis an wie die südwestdeutschen Varianten des katholischen bzw. protestantischen Lebensstils. Lebens- und feierlustig die einen, rechtschaffen und (über)korrekt, vielleicht sogar missionarischer die anderen“, schreibt Silke.

Lukas wohnt als Freiburger Badner seit einigen Jahren in Württemberg. Er sagt: „Ich mag den lockeren Umgang unter Badnern mehr als den eher steiferen, den die Schwaben pflegen. Die kommen nicht so gerne aus sich raus, und selbst wenn, weiß ich persönlich nie, ob ich das für bare Münze nehmen kann.“ Außerdem „lassen sich Badner schwerer aus der Ruhe bringen als die Schwaben, die immer am ‚schaffe‘ sind.“

Tina, Schwäbin, wohnt in Baden und schreibt: „Man wird im Badischen selbst nach mittlerweile über 18 Jahren immer wieder damit konfrontiert, dass man doch Schwabe sei – wenn auch meist frotzelnd. Mir wurde aber auch schon die Türe vor der Nase zugemacht, als klar war, dass ich Schwäbin bin. Da kann ich dann nur den Kopf schütteln.“

Susan lebt als Neigschmackte in Freiburg und fühlt sich unter den Badnern sehr wohl. „Ich schätze ihre Bodenständigkeit, Gelassenheit und Zurückhaltung. Schwaben habe ich oft als sehr geschwätzig und kleinkariert wahrgenommen. Aber da vermischt sich wohl Erfahrung mit Vorurteil 😉“

Ja, der schwäbische Geiz, ein Klassiker unter den Vorurteilen!

Aber die eine Erklärung dafür gibt es nicht. Im 19. Jahrhundert gab es eine Hungersnot in der Region, in Württemberg und in Baden – da mussten die Menschen sparen, um zu überleben. Dazu kam, dass anders als in Baden das Ackerland in Württemberg an alle Erben gleichermaßen verteilt wurde – das Land wurde damit kleiner, die Erben waren gezwungen hauszuhalten.

Tatsächlich haben mir mehr als 20 Badner, Schwaben und Neigschmackte als Vorurteil genannt, dass Schwaben geizig seien.

Okay, jetzt hab ich was: Für Schwaben ist ein Wochenende kein Wochenende, wenn sie nicht sauber gemacht haben.

Haha, da fällt mir direkt ein Lied dazu ein:

https://youtu.be/0G4SSl9dgww?t=112

Warum erzählst du mir die ganze Zeit nur Schwabenwitze? Gibt es keine über Badner?

Doch, schon. Aber oft sind die dann austauschbar wie „Das Beste an Karlsruhe ist der Schnellzug nach Stuttgart“ oder „Badischer Wein, von der Sonne verhöhnt“.

Und bei den Schwaben geht es immer um Geiz oder Sauberkeit. Ist an diesen Vorurteilen denn was dran?

Was die Sauberkeit angeht, sage ich aus tiefster Badnerseele: Jawoll! Die Schwaben haben sogar eine besondere Tradition: die Kehrwoche. In einem Mehrparteienhaus zeigen kleine Schilder an, wer den Flur („kleine Kehrwoch“) und wer den Gehsteig („große Kehrwoch“) zu säubern hat. Die Kehrwoche war in Stuttgart bis 1988 sogar gesetzlich festgeschrieben!

Klingt irgendwie humorlos.

Da halte ich die „Herrgottsbscheißerle“ dagegen. Eine schwäbische Erfindung, kennst du sicher!

Nein.

Freitags sollte man als Christ ja kein Fleisch essen. Die Schwaben wollten aber nicht drauf verzichten und haben das Fleisch in Teig eingepackt. Die Idee: So sieht es der liebe Herrgott nicht.

Ah, Maultaschen. Maultaschen und Spätzle und Schupfnudel, alles schwäbisch, oder?

Jawoll, aber wir Badner essen das auch gern. Typisch badisch sind übrigens Wurstsalat, Schwarzwälder Kirschtorte und Brägele, also Bratkartoffeln mit Speck.

Also alles Spätzlefresser im Südwesten!

Was soll ich sagen? Die sind schon gut. Und hochpolitisch. Vor ein paar Jahren beklagte Wolfgang Thierse von der SPD, damals Bundestagsvizepräsident, die Gentrifizierung – „Schwäbisierung?“ – des Berliner Stadtteils Prenzlauer Berg. Die Schwaben wehrten sich und bewarfen die Käthe-Kollwitz-Statue mit Spätzle. Thierse war Anwohner. Die Aktion wurde als „Spätzle-Attentat“ bekannt. Die Täter verkündeten: „Unsere Spätzleschaber werden nicht ruhen, bis Schwabylon frei ist. Und sei es, dass der gesamte Prenzlberg unter einer Spätzleschicht schwäbischer Wut verschwindet.“

Ich mag Maultaschen lieber.

Ich auch.

Dann haben wir das also auch geklärt. Aber die Rivalität kam ja wohl nicht daher, dass sich die Leute über Maultaschen gestritten haben, oder?

Nein, auch wenn ich das verstehen würde. Wir müssen ein bisschen zurückreisen. Also, das Haus Baden gibt es als Adelsgeschlecht seit dem 13. Jahrhundert. Das Haus Württemberg ist knapp hundert Jahre älter. Aber Anfang des 19. Jahrhunderts passierte etwas beziehungsweise jemand: Napoleon. Der führte einen Krieg und ordnete Europa neu.

Das geht mir zu schnell. Zeig mir endlich eine Karte!

Ich zeig dir gleich zwei. Die eine zeigt den Südwesten um das Jahr 1770, ein paar Jahrzehnte vor Napoleon. Dort siehst du die vielen Kleinstaaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ein kunterbuntes Gebrösel. Mindestens 250 sollen es allein im Südwesten gewesen sein, aber das änderte sich teilweise täglich. Mittendrin, lachsfarben, Württemberg, und die orangen Flecken am westlichen Rand, Baden.

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Kenne ich aus dem Geschichtsunterricht! Die andere?

Das ist die hier. Sie zeigt das gleiche Gebiet nach der sogenannten napoleonischen Flurbereinigung.

Baden und Württemberg besaßen 1815 zusammenhängende Herrschaftsgebiete. Hohenzollern war eine preußische Exklave.

Flurbereinigung?

Das bedeutet: Napoleon vereinigte Anfang des 19. Jahrhunderts die ganzen Grafschaften, Fürstentümer, Orden, Bistümer, Städte und machte daraus zwei Länder. Zwei Puffer, die er zwischen sich und Preußen und Österreich schieben konnte. Deswegen sieht Baden auch so langgezogen aus. Übrigens haben Baden und Württemberg noch heute fast dieselbe Form.

Baden und Württemberg sind dadurch echt viel größer geworden.

Baden wurde viermal so groß, Württemberg verdoppelte seine Fläche. Und auf all diesen Gebieten lebten Menschen mit ihrer eigenen Geschichte und eigenen Traditionen. Im Norden etwa die Kurpfalz, also Mannheim, ein wirtschaftliches Zentrum, und Heidelberg, mit seiner Universität. Die „Pälzer“ waren den Badnern übrigens schon damals durch ihre laute Fröhlichkeit bekannt. Und eben ihre Mundart. Das passt bis heute.

Andreas aus Nordbaden schrieb mir, dass er gar kein Badner sei: „Ich bin Kurpfälzer. Und das ist bekanntlich das Höchste, was ein Mensch werden kann.“

Die waren bestimmt nicht begeistert, auf einmal von Fremden regiert zu werden.

Bestimmt nicht. Das war den badischen und württembergischen Herrschern klar. Sie versuchten also, eine gemeinsame Identität für ihr Herrscherhaus und ihr Land zu schaffen. Und das erfolgreich.

Wie haben sie das gemacht?

Sie suchten, fanden und schufen Gemeinsamkeiten. Beide Länder förderten ihre Universitäten, Handwerksbetriebe und die Landwirtschaft. Sie bauten die Eisenbahnlinien aus. In Württemberg zogen Amtsschreiber von Dorf zu Dorf, um die Dialekte und die regionale Geschichte zu erfassen. Auch die badischen Herrscher ließen ein Wörterbuch des Badischen schreiben, was linguistisch gesehen totaler Quatsch ist. Viele Bürger identifizierten sich mit Baden, weil die Herrscher die Leibeigenschaft abschafften und eine der freiheitlichsten Verfassungen Europas verabschiedeten. Außerdem entstanden die Landeshymnen: das Badnerlied und das württembergische „Preisend mit viel schönen Reden”.

Klingt erstmal harmlos.

Naja, ich bin früher als Jugendlicher mit Freunden nachts über die Straßenfeste gelaufen und habe das Badnerlied gegrölt. Das hat einen offiziellen Text – und der ist tatsächlich harmlos. Viel beliebter ist der inoffizielle Text, der die Schwaben beschimpft. So in etwa: „In Karlsruh’ spielt der KSC, in Freiburg der SC. In Stuttgart gurkt der VfB! Oh weh, oh weh, oh weh!“. Und die letzte Zeile des Refrains geht so: „Der Schwab muss raus aus dem Ba-ha-dner-land, die Sau!“ KR-Leser Uli irritieren diese „immer wieder gern gesungenen inoffiziellen Strophen“ sehr. „Da klingt für mich ein Hass durch, den ich nicht verstehe, denn bin zwar Schwabe, habe aber überhaupt nichts gegen Badner.“

Schwabe Simon kennt nach vier Jahren in Baden einige (auch junge) Leute, die die badische Hymne auswendig singen können. Württemberger, die „Preisend mit viel schönen Reden“ vortragen können, kennt er nur eine Handvoll.

Und Magnus fuhr in den 80ern mit Ludwigsburger – schwäbischem – Kennzeichen auf einen Campingplatz in St. Tropez. Sofort begrüßte ihn das lautstark proklamierte Badnerlied. „Am Lagerfeuer abends war es aber total nett, und ich war willkommen.“

Die Melodie des Badnerlieds wurde allerdings vom Sachsenlied übernommen. In dem werden ebenfalls die Städte und die wunderbare Landschaft gepriesen, nur eben in Sachsen. „Preisend mit viel schönen Reden“ erinnert an die französische Nationalhymne und teilweise sogar an das Badnerlied. Das zeigt ganz gut, wie international solche Regionalhymnen eigentlich sind.

Woher kommt jetzt diese Rivalität?

Ich habe mich mit dem Landeshistoriker Wilfried Setzler von der Universität Tübingen unterhalten. Er sagt, dass gerade die Badner ein Feindbild schufen – denn für sie war es schwerer, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Württemberg hatte schon vor Napoleon ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet, Baden war auf viele Regionen verteilt.

Aber warum suchten sich die Badner gerade die Schwaben aus und nicht andere Nachbarn wie Frankreich oder die Schweiz?

„Mit den Württembergern war man verbandelt“, erklärt Setzler am Telefon. Aber die Badner haben sich das nicht ausgesucht – diese Rivalität ist wie nebenbei gewachsen. Journalisten und Politiker griffen sie auf, Kulturschaffende wirkten mit ein. So stärkten sich die gut gelaunten Badner in ihrem Selbstbild, indem sie die Schwaben zu Miesepetern machten. Und die fleißigen Schwaben setzten sich vom versoffenen Badner ab.

Tatsächlich könnte auch der Neid der Großherzöge von Baden auf die formal höheren Könige von Württemberg eine Rolle gespielt haben. Die Großherzöge setzten damals bei Napoleon durch, dass sie auch als „königliche Hoheiten“ angesprochen werden sollten – ein Titel, mit dem sich ihre Nachfahren in Schloss Salem bis heute gerne ansprechen lassen.

Wie ernst war diese Rivalität im 19. Jahrhundert?

Badner und Schwaben führten nie Kriege gegeneinander. Als preußische Truppen die Revolution von 1848 in Baden niederschlugen, ließ Württemberg die preußischen Soldaten passieren. Auf Seiten der Revolutionäre kämpfte allerdings auch eine „schwäbische Legion“.

Okay, das war schon echt viel. Hast du was Leichtes für Zwischendurch? Was Süßes vielleicht?

Was Süßes? Damit stehen wir vor der diskussionswürdigen Frage: Spezi oder doch gelben Sprudel?

https://youtu.be/Sx6i-CmMIXA

Gewöhnungsbedürftig, wie ihr da redet – aber danke dir! Machen wir weiter mit der Geschichte.

Okay, dann erzähle ich dir jetzt den wichtigsten Grund für unsere Rivalität: Baden und Württemberg, Baden und Schwaben, haben 1952 geheiratet! Und es war keine Liebesheirat. Ein Teil hat nämlich erstmal laut und deutlich „Nein!“ gesagt. Und zwar der badische.

Halt, Heirat?

Nach dem Zweiten Weltkrieg stimmten Badner und Württemberger darüber ab, ob sie ihre Länder vereinen wollten oder nicht.

Damals war ganz Deutschland besetzt, oder?

Genau. In Südwestdeutschland waren nördlich der Autobahn von Karlsruhe nach Ulm die Amerikaner, südlich davon die Franzosen. Die Amerikaner hielten die Zügel eher locker, der Norden konnte recht selbstbestimmt sein Ding machen. Im Süden sah es anders aus.

Drei Verwaltungszonen, zwei Besatzer. Die Franzosen (grün) waren ungleich restriktiver als die Amerikaner (blau).

Wie denn?

„Die französische Besatzung war drückend“, sagte mir Landesgeschichtler Heinz Krieg von der Universität Freiburg am Telefon. Die Franzosen waren selbst noch vom Krieg gezeichnet und litten Not. Sie wollten Vergeltung, verlangten Reparationen, plünderten. Die unterschiedliche Erfahrung in den besetzten Zonen hält Heinz Krieg für „extrem wichtig“ – und spricht von einem südbadischen „Sonderbewusstsein“, das dadurch entstanden sei.

Die Befürworter und die Gegner des Zusammenschlusses warben mit solchen Wahlplakaten um Stimmen

Südbaden war also gegen die Heirat.

Genau. Bei der Volksbefragung im Dezember 1951 stimmten die Südbadner in der Mehrheit gegen den Zusammenschluss. Ebenso die Gegend um Karlsruhe, wo ich herkomme.

In manchen Regionen Badens stimmten bis zu 90 Prozent gegen den Bindestrich zwischen Baden und Württemberg

Aber das sieht echt so aus, als ob Gesamtbaden dagegen gewesen wäre! Warum wurden die Länder trotzdem zusammengelegt?

Schau dir die Karte mal genau an. Die dicken Linien grenzen die vier Wahlbezirke voneinander ab. Südbaden stimmte klar gegen den Südweststaat, Württemberg klar dafür, und auch in Nordbaden machten die Befürworter das Rennen, wenn auch knapp. Baden und Württemberg wurden zu Baden-Württemberg.

Lukas schreibt: „Den Konflikt nehme ich sehr ernst, vielleicht zu ernst. Ich bin Freiburger und darauf auch sehr stolz. Ich liebe meine Stadt und sage, wie wohl jeder, dass es die schönste und beste Stadt überhaupt ist.“ Ich habe ihn gefragt, warum er diesen Konflikt ernst nimmt und wie sich das äußert. Er sagt, er nehme das humorvoll – aber er sei eben auch damit aufgewachsen und habe selbst gemerkt, dass viele Schwaben geizig und etwas verklemmter seien. In den Geschäften fühlt er sich teils abschätzig und weniger freundlich behandelt.

So richtig fair wirkt das nicht.

Das dachten sich auch die Gegner des Bindestrichs und klagten vor dem Bundesverfassungsgericht. Mit Erfolg. 1970 stimmten die Badner erneut über den Zusammenschluss ab. Aber da hatten sie sich schon gut an die Schwaben gewöhnt. Dieses Mal stimmten 80 Prozent für Baden-Württemberg.

Das heißt, sie hatten bereits gut zusammengefunden. Wie?

Das Land war wirtschaftlich stabil. Und als gemeinsames großes Bundesland hatte Baden-Württemberg großen Einfluss auf die Bundespolitik. Aber in der Nachkriegszeit ist auch ein gemeinsames Bewusstsein für Baden-Württemberg entstanden. Darüber habe ich mit dem Historiker Heinz Krieg gesprochen. Ihm war wichtig, dass Identität nicht in den Genen steckt. „Sie existiert nur in unseren Köpfen – und wird immer wieder neu konstruiert.“ Die Politiker in Baden-Württemberg bemühten sich darum, beide Landesteile gleichermaßen zu berücksichtigen und ihnen die Freiräume zu lassen, ihre eigene Identität zu behalten. Sie wollten die regionale Vielfalt erhalten und gleichzeitig zur Einheit wachsen lassen. Also eigentlich Inklusion im besten Sinne.

Das ist mir zu abstrakt. Hast du Beispiele?

Karlsruhe, die frühere Hauptstadt Badens, hatte viele Kompetenzen an Stuttgart verloren. Dafür wurden dort das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof angesiedelt. Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft wurden in allen Landesteilen zugleich gefördert. Bis heute gibt es ein badisches und ein württembergisches Landesmuseum, zwei Landesbibliotheken, zwei Staatstheater. Die Universitäten in Ulm und Konstanz wurden gegründet, um der Peripherie zu zeigen: Wir denken an euch. Die Landesgartenschau findet im Wechsel in Baden und Schwaben statt.

Und das funktioniert bis heute ohne Probleme?

Einige Badner achten bis heute ganz genau darauf, dass Baden nicht zu kurz kommt: Die Vereinigung der „Baden in Europa“ hat sich 1992 gegründet. Sie wendet sich gegen einen „Stuttgarter Zentralismus“ und setzt sich für „starke badische Regionen“ und „badische Identität“ ein. Aber auch umgekehrt beklagen sich manchmal Schwaben darüber, dass den Badnern zu viel zugestanden wird. Ich glaube, das hält sich gut die Waage.

Sebastian, Badner, sieht „einen ernsthaften Konflikt in der Frage der Mittelverteilung innerhalb des Landes. Hier haben viele aus dem ländlichen Raum das Gefühl, dass vor allem die Region Stuttgart zum Zug kommt, was dann manchmal auf ‚das bekommen alles die Schwaben‘ reduziert wird.“ Badnerin Karin hebt dagegen hervor: „Baden ist im großen Bundesland quasi der Underdog, aber dafür hat es unter anderem das Bundesverfassungsgericht.“

Puh. Ich bin ein bisschen platt. Hast du noch was zur Entspannung, so zum Abschluss?

Ja!

https://www.youtube.com/watch?v=F5uwbY938zM

Haha, sehr gut! Aber ihr habt einen echt schlimmen Dialekt im Südwesten.

Ansichtssache! Die Lesermails schwanken zwischen „niedlich“, „komisch“ und „definitiv kein Deutsch“.

Redet ihr alle gleich?

Überhaupt nicht! Bei mir daheim hat sogar jedes Dorf seinen eigenen Dialekt – und wir hören daran, wo jemand herkommt.

Moment mal. Heißt das: Ich kann euch am Dialekt unterscheiden und so das ganze Genörgel vermeiden?

Schwierig. Ich bin dort aufgewachsen, und selbst mir gelingt das nicht immer. Außenstehende brauchen wohl noch mehr Übung.

Thomas bezeichnet sich als Nordlicht und fühlt sich „für die (definitiv existierenden) Unterschiede nach wie vor nicht besonders gut sensibilisiert“. Er beschwert sich, dass Badner und Schwaben es übel nehmen, „wenn ich behaupte, dass ihre Dialekte einander ähneln (nicht identisch sind! Nur ähnlich) – und das, obwohl es handfeste sprachwissenschaftliche Beweise dafür gibt.“

Mist.

In Baden gibt es nämlich kurpfälzische, alemannische, schwäbische und fränkische Dialekte – und die haben viele Gemeinsamkeiten. Einen badischen Dialekt gibt es aber nicht, auch wenn wir Badner immer wieder steif und fest das Gegenteil behaupten. Zum Beispiel hier: „Die Grumbiere net newe die Zwiwwle!“

https://www.youtube.com/watch?v=S23CBCmwJsE

Was soll das denn bitte bedeuten?

„Die Kartoffeln nicht neben die Zwiebeln!“ Das sagt man ungefähr dort, wo ich herkomme, also bei Karlsruhe – aber eben nicht in ganz Baden. Kartoffeln können auch „Herdäpfel“ oder „Erdbirnen“ sein. Das siehst du auch ganz gut im baden-württembergischen Dialektatlas.

Aha. Aber das zu wissen hilft mir doch kein bisschen, einen Badner von einem Schwaben zu unterscheiden!

Vielleicht hilft dir ein weiteres Hörbeispiel, dieses Mal auf Schwäbisch.

https://www.youtube.com/watch?v=rxf-VdyZEAE

Die „Prenzlschwäbin“ hat eine andere Sprechmelodie als der badische Marktleiter. Da hört man den typisch schwäbischen Singsang raus.

Agnes, Badnerin, hat mich auf die Prenzlschwäbin hingewiesen. Sie meint sogar, Schwabe sei in Berlin ein Schimpfwort. Ein anderer Leser schrieb: „Schwaben übernehmen Berlin.“ Das Spätzle-Attentat hatten wir ja schon.

Ja, ihr Schwaben hört das raus. Aber ich doch nicht!

Kein Grund zu verzweifeln! Ich mache jetzt etwas, was Badner normal nicht machen und sage: Ja, es stimmt, Badisch und Schwäbisch sind gar nicht so verschieden. Weder beim Reden noch sprachwissenschaftlich betrachtet.

Aber ich habe auch Gleichgesinnte! Nadja aus Baden schrieb mir: „Schwätzet eh alle glo; i trink ja lieber vier Virddele wie en Liter.“ Eva kommt aus dem „Grenzgebiet“ um Heilbronn: „Ich bin selbstverständlich Schwäbin – Außenstehende hören in unserem Dialekt im Zabergäu aber badische oder sogar fränkische Färbung. Man muss sich also oft verteidigen, wenn man falsch zugeordnet wird! 😂“

Schwäbisch gehört linguistisch betrachtet übrigens zu den alemannischen Dialekten. Alemannen sind heute die Menschen im Süden von Baden. (Balsam auf die badische Seele, dass das Schwäbische im Alemannischen aufgeht!).

Ein gutes Beispiel für den alemannischen Dialekt bietet Trainer Christian Streich vom SC Freiburg:

https://www.youtube.com/watch?v=FCrhcY_PSkk

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Also kann ich die als Außenstehender kaum auseinanderhalten. Sonst irgendwelche Tipps?

Also ich fände es schon gut, wenn mich jemand fragt, ob ich denn Badner oder Schwabe bin. Bloß nicht gleich in die schwäbische Ecke drängen 😉 Ich selber habe dank der Arbeit für diesen Text jetzt zwar weniger Probleme damit. Wenn mich das nächste Mal jemand als Schwabe bezeichnet, lächele ich einfach still in mich hinein.

Wie kommst du denn zu dieser großartigen Einsicht?

Wenn wir jemanden nur als Badner oder nur als Schwabe sehen, sprechen wir ihnen die Vielfalt ihrer Persönlichkeit ab. Ich bin Badner, ja, aber ich bin auch Baden-Württemberger, Deutscher, Europäer, Weltbürger. Ich bin Bruder und Sohn, freiberuflicher Journalist, Lehrer. Je nach Situation ist ein anderer Teil von mir sichtbar. Begegnet mir ein Schwabe, werde ich zum Badner. Arbeite ich an einem Text, bin ich der Journalist. Aber ich bin gleichzeitig auch immer alles davon.

Also frage ich einfach nach: Woher bist du?

Naja, da schwingt immer die Erwartung mit: Ich weiß, wer du bist, wenn du mir sagst, woher du kommst. Das ist mindestens ebenso Quatsch, wie ein Wörterbuch des badischen Dialekts zu verfassen. Antworte ich dann, euphorisch empört: „Nein, ich bin kein Schwabe!“, weiß ich wiederum nicht, wie das bei dir ankommt. Vielleicht sollten wir uns erst über andere Dinge unterhalten und uns einschätzen lernen.

Denkst du, ihr seid gut zusammengewachsen?

Auf jeden Fall. Klar, ab und zu gibt es ein bisschen Knatsch, der eine beschwert sich, weil der andere zu gut wegkommt, wir frotzeln gerne, vor allem wir Badner, aber das ist in 99 Prozent der Fälle nichts Ernstes. „Seggel gibt es hüben wie drüben“, schrieb mir Uli, Schwabe. Keiner, der mir auf meine Umfrage geantwortet hat, hat ernsthaft was gegen den Nachbarn. Einige sind genervt, weil sie die Sprüche schon seit vielen Jahren ertragen müssen, als Badner, Schwaben oder Neigschmackte. Aber wir haben uns gut miteinander arrangiert. Das Necken gehört dazu.

Trennen? Niemals!


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.

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