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Wiedervereinigung

Tag der Ungerechtigkeit: Am 28. März war Equal Pay Day für Ostdeutschland

von Josa Mania-Schlegel
etwa 8 Min. Lesedauer

Zehn Tage nach dem offiziellen Equal Pay Day ruft Krautreporter am 28. März den ostdeutschen Equal Pay Day 2019 aus. Im Schnitt verdienen Ostdeutsche 24 Prozent weniger als Westdeutsche. Aufs Jahr hochgerechnet, arbeiten sie quasi bis heute umsonst. Warum ist das so? Und hört das jemals wieder auf? Ein Klärungsversuch in sieben Thesen und Grafiken.


1) Noch 30 Jahre nach dem Mauerfall verdienen Ostdeutsche weniger als Westdeutsche. Zur Zeit etwa ein Viertel weniger.

Die ostdeutsche Lohnlücke in den Jahren 1996, 2017 und 2018. Quelle: gehalt.de

Zwischen ost- und westdeutschen Gehältern klafft seit der Wiedervereinigung eine Lücke. Und sie schließt sich nur allmählich. Im Jahr 2018 lag sie bei 23,9 Prozent. Sie war damit um fast drei Prozentpunkte größer als die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen.

Auf den Kalender umgerechnet, ist der ostdeutsche Equal Pay Day des Jahres 2019 also heute, am 28. März. Das bedeutet: Würden die Ostdeutschen den Stundenlohn ihrer westdeutschen Kollegen erhalten, dann müssten sie – um auf ihr Jahresgehalt zu kommen – erst heute anfangen zu arbeiten. Anders formuliert: Bis heute hat der Osten im Jahr 2019 für „umme“ gearbeitet.

Der Equal Pay Day ist ein Gedankenexperiment, bei dem der prozentuale Lohnunterschied zweier Gruppen in Kalendertagen abgezählt wird. So soll versinnbildlicht werden, wie viel Arbeitszeit eine Gruppe – die schlechter bezahlt wird als eine andere – quasi unbezahlt verrichtet.

Der klassische Equal Pay Day bezieht sich auf den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen, der aktuell 21 Prozent beträgt und damit dieses Jahr auf den 18. März fiel: Bis zum 18. März waren 21 Prozent des neuen Jahres rum. Übrigens: Ein ostdeutscher Equal Pay Day im Jahr 1996 (33 Prozent Lohnunterschied) wäre erst auf den 30. April gefallen – den 121. Tag des Jahres.

Aber lässt es sich nicht dafür im Osten günstiger leben? Tatsächlich kostet eine Wohnung in München fünf Mal so viel wie in Görlitz. Das ist aber ein Extrembeispiel. Umgekehrt ist anderes im Osten teurer. Stromkunden zahlen in den neuen Ländern ein Viertel mehr, weil sie immer noch die modernisierte Infrastruktur abzahlen. Ökonomen wie Joachim Ragnitz schätzen den Preisunterschied zwischen Ost und West letztlich auf 10 bis 15 Prozent – und damit geringer als die Gehaltslücke.

2) Die Sachsen bekommen im Osten das höchste Gehalt. Sie verdienen aber immer noch weniger als die Westdeutschen mit dem niedrigsten Gehalt – die Schleswig-Holsteiner.

Das durchschnittliche Gehalt von Vollzeitbeschäftigten in allen Bundesländern, inklusive Sonderzahlungen. Quelle: Statistisches Bundesamt.

In den 30 Jahren seit dem Mauerfall hat es kein ostdeutsches Bundesland geschafft auszureißen, also: ein westdeutsches Land in seinen Gehältern zu überholen. Die ost-west-deutsche Lohnlücke ist also ein spezifisch ostdeutsches Problem. Es ist kein einzelnes Bundeslandes, das die anderen mit runterzieht.

Der größte Abstand liegt dabei zwischen den Görlitzern in Sachsen, die im Schnitt 2.183 Euro brutto im Monat verdienen, und den Ingolstädtern aus Bayern, die 4.635 Euro bekommen – und damit mehr als das Doppelte.

3) In der Liste der 100 größten deutschen Unternehmen kommen zwei aus dem Osten. Auf den Plätzen 79 und 98.

Auszug der umsatzstärksten deutschen Unternehmen. Zahlen von 2014. Quelle: Die Welt.

Die größten Unternehmen in Deutschland heißen Volkswagen, Daimler und E.ON und sitzen in Wolfsburg, Stuttgart und Essen. Erst auf Platz 79 taucht der Osten auf: die Leipziger Gas AG, die Stadtwerke mit Erdgas versorgt. Auf Platz 98 liegen die Leunawerke, einst der größte Chemiebetrieb der DDR. Jenoptik, Glashütte oder Rotkäppchen, die gerne als ostdeutsche Erfolgsgeschichten genannt werden, sucht man unter den größten deutschen Unternehmen vergebens.

Und wo große Unternehmen fehlen, fehlt kleineren Unternehmen die Konkurrenz und der Anreiz, im Wettbewerb um Arbeitnehmer höhere Löhne zu zahlen, um mitzuhalten. Dass der Osten so schlecht verdient, liegt also auch daran, dass kein einziger Großkonzern hier seinen Sitz hat.

Dazu kommt, dass der Osten seine wenigen großen Unternehmen nicht einmal selbst in der Hand hat. Die Gas AG gehört dem Karlsruher Gaskonzern EnBW. Leuna ist im Besitz des französischen Ölkonzerns Total.

4) Die Zahl der Ostdeutschen, die in ihrem Beruf etwas produzieren (zum Beispiel Energie, Metall oder Maschinen), hat sich in den Jahren nach der Wiedervereinigung halbiert.

Die verbliebenen Arbeitsplätze der produzierenden Gewerbe in den Jahren nach dem Mauerfall. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung.

Dass es heute keine großen Unternehmen mehr im Osten gibt, ist auch deshalb ein Bruch, weil genau das einmal typisch für den Osten war. Im Jahr des Mauerfalls arbeiteten drei von vier DDR-Bürgern in einem der 257 Kombinate, den großen Industriebetrieben, die in staatlicher Hand waren.

Als der SED-Staat zusammenbrach, verschwand damit auch der wichtigste Arbeitgeber des Ostens. Die Treuhandanstalt sollte die Unternehmen ohne Eigentümer verwalten. Jeden zweiten verkauften sie an westdeutsche Unternehmer, den Rest lösten sie größtenteils auf.

Der Historiker Marcus Böick nennt die Treuhand ein „zentrales Symbol für die Schattenseiten der Wiedervereinigung“. Denn oft ging es den Interessenten, an die sie verkaufte, nur darum, potenzielle Konkurrenz auszuschalten. Anstatt den Osten wirtschaftlich anzukurbeln, wurde die Belegschaft häufig entlassen, und das Gelände verwahrloste.

Die Leunawerke gelten heute beispielweise als ein Musterbeispiel deutsch-deutscher Industriegeschichte. Und das, obwohl der einst größte Chemiebetrieb der DDR heute nur noch ein Drittel so viele Mitarbeiter beschäftigt wie früher.

Ein anderes Beispiel sind die Pittlerwerke im Leipziger Norden, wo seit 1889 Werkzeugmaschinen gebaut wurden. Zu DDR-Zeiten interessierten sich Fiat und Rolls Royce für die feinen sächsischen Drehbänke. Nach der Wende sicherte sich Tornos, ein Schweizer Maschinenhersteller und gewissermaßen Konkurrent der Leipziger, das Werk.

Anstatt es weiterzuführen, luden die Schweizer die interessantesten Maschinen auf einen Laster und holten sie in die Schweiz. Den Großteil der Arbeiter entließen sie und führten das Leipziger Werk nur halbherzig weiter, bis es 1997 einging. Ich habe vor einer Weile einen ehemaligen Werksleiter der Pittlerwerke getroffen und seine Geschichte aufgeschrieben, die du hier nachlesen kannst.

In den ersten zwei Jahren nach dem Mauerfall verloren plötzlich 2,1 Millionen ehemalige DDR-Bürger ihre Arbeit. Bis zur Jahrtausendwende stieg die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern auf 18,7 Prozent. Über die Jahre blieb sie immer doppelt so hoch wie im Westen.

Das wirkt sich alles auf die Löhne aus. Denn die ostdeutsche Industrielandschaft ist kein Innovationszentrum, sondern eher eine verlängerte Werkbank für den Westen. So lässt VW in Zwickau seine Karosserien bauen, lackieren und montieren. In Leipzig werden zwei Porsche-Modelle gefertigt. Opel und Daimler haben Fließbänder in Thüringen. Die gut bezahlten Posten in der Entwicklung blieben aber – genau wie die Vorstände – schon immer im Westen.

5) Das bislang wirksamste Mittel gegen die Ost-West-Lohnlücke: Tarifverträge.

Quelle: Deutscher Gewerkschaftsbund.

Durch die angeglichenen Tarife in Ost und West ließ sich die Lohnlücke teilweise schließen. Aber eben nur dort, wo Arbeit nach Tarif verrichtet wird. Während produzierende Jobs ohne Tarif etwa 17 Prozent schlechter bezahlt werden als im Westen, herrscht bei Tariflöhnen annähernd Gleichstand.

Aber nur 16 Prozent aller ostdeutschen Betriebe haben ihre Gehälter an Tarife gebunden. Im Westen ist es immerhin gut jeder vierte Betrieb. Der Unterschied hat historische Gründe. In der DDR gab es praktisch keine Gewerkschaften. Und viele ostdeutsche Arbeitnehmer tun sich bis heute schwer, sich zu organisieren.

6) Ja, ostdeutsche Löhne steigen. Westdeutsche Löhne zwar auch - aber nicht ganz so stark.

Entwicklung des durchschnittlichen Bruttomonatsverdiensts ohne Sonderzahlungen im produzierenden Gewerbe und Dienstleistungsbereich. Quelle: Statistisches Landesamt Sachsen, Statistisches Bundesamt.

Tatsächlich steigen die ostdeutschen Löhne Jahr für Jahr. In Sachsen verdient man in produzierenden Berufen heute monatlich 727 Euro mehr als noch 2016. im Westen steigen die Löhne auch - aber nicht ganz so stark. Wenn es so weitergeht holt der Osten den Westen also ein. Bloß wann?

Dazu passt ein Satz, den Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff kürzlich sagte. Manche Ost-West-Unterschiede, so Haseloff, seien „auch in den nächsten 100 Jahren nicht glattzustreichen“. Also eher keine Hoffnung?

7) Ostdeutsche Frauen verdienen mehr als ostdeutsche Männer. Das ist nicht nur eine gute Nachricht. Aber auch Grund zur Hoffnung.

Die Gehälter von Männern und Frauen im Verhältnis. Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Doch, eine zweite gute Nachricht haben wir zum Schluss. Im Osten gibt es keinen Gender Pay Gap. Das heißt, es gibt ihn schon. Er beträgt aber nur zwei Prozentpunkte – und fällt zugunsten der Frauen aus. Frauen verdienen im Osten zwei Prozent mehr als Männer. In einer Stadt wie Cottbus sogar 17 Prozent mehr.

„Wo die Männer weniger verdienen, besteht tendenziell ein Pay Gap zugunsten der Frauen“, sagt die Hallenser Arbeitsforscherin Michaela Fuchs. Verdienen also gar nicht die Ostfrauen besonders gut – sondern nur die Ostmänner sehr schlecht? Sicher resultiert der umgekehrte Gap auch aus den Wendewirren, als viele typische Männerberufe verschwanden und gelernte Arbeiter in schlechter bezahlte Jobs wechseln mussten, für die sie gar nicht ausgebildet waren.

Und trotzdem machen Cottbus und der umgekehrte Gender Pay Gap des Ostens Hoffnung. Denn ostdeutsche Frauen verdienen heute bereits genauso viel wie ihre westdeutschen Kolleginnen. Das hat mit dem Selbstverständnis der ostdeutschen Frau als Arbeiterin zu tun. In der DDR gingen mehr als 90 Prozent aller Frauen arbeiten oder befanden sich in der Ausbildung. Hausfrauen gab es praktisch nicht. Im Westen arbeitete damals nur jede zweite Frau.

Und noch heute prägt dieses Mindset die ostdeutschen Frauen. In einer Umfrage findet jede zweite ostdeutsche Frau, dass Mütter Vollzeit arbeiten sollten. Im Westen sagt das nur jede fünfte. Was natürlich auch daran liegt, dass Kinderbetreuung im Osten deutlich einfacher zu haben ist.

Letztlich verursachen den Ost-West-Pay-Gap also – genau wie den Gender Pay Gap – die gut verdienenden westdeutschen Männer. Wenn Frauen und Ostdeutsche da je aufschließen wollten, bräuchte es also nur eines: mehr westdeutsche Männer, die zu Hause bleiben und die Kinder großziehen.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

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