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Freundschaft

Können wir Freunde sein, auch wenn ich mehr Geld habe als du?

von Susan Mücke
etwa 12 Min. Lesedauer

KR-Leserin Evelyn und ihrem Partner ist eine nachhaltige und gesunde Lebensweise wichtig – und sie können sich das auch leisten. Die 33-Jährige arbeitet im Naturschutz und achtet auch privat auf fairen und ökologischen Anbau. Evelyn hat jedoch viele Freunde, die nur sehr wenig Geld für ihren Lebensunterhalt haben und sich diesen Lebensstil schlicht nicht leisten können. Sie sagt: „Ich weiß, dass wir privilegiert sind und verlange nicht, dass alle meine abgefahrenen Öko-Ansprüche teilen.“

Aber im Alltag fällt es ihr doch schwer, damit umzugehen. Neulich etwa war sie mit ihrer hochschwangeren Freundin shoppen, die von Hartz IV lebt und Kleidung für sich selbst, ihren Sohn und das ungeborene Kind brauchte. Sie wollte zu Primark gehen, einem Discounter, den Evelyn meidet. Doch ihrer Freundin zuliebe ging sie mit, weil sie weiß, dass die Familie nicht viel Geld hat.

Im Laden entdeckte die Freundin ein Paar Schuhe für 7 Euro, was die sehr teuer fand. Evelyn dachte nur an die schlechten Bedingungen, unter denen die Schuhe mutmaßlich produziert worden waren und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. In einem anderen Geschäft wiederum hatte sie kurz den Impuls, ihrer Freundin Schuhe zu schenken – wollte sie jedoch nicht beschämen und ließ es sein.

Evelyn weiß selbst zu gut, wie es ist, wenig Geld zu haben. Als sie arbeitslos und lange krank war, hat ihr Freund zwei Jahre lang für ihren Lebensunterhalt gesorgt. Heute sagt sie: „Ich habe mich damals viel kleiner gefühlt als er, abhängig. Ich war froh, dass ich ihm das später zurückgeben und nach dem Studium für ihn die Miete zahlen konnte.“

Ihr Freundeskreis hat sich in den vergangenen Jahren entlang des finanziellen Gefälles verändert: „Konsumverhalten ist eine wichtige Sache und Ausdruck der Persönlichkeit geworden“, sagt Evelyn. Deshalb ist es ihr wichtig, einen guten Weg zu finden, um mit ihrer Freundin umzugehen, die nun mal deutlich weniger Geld hat.

Das ist Geld

Geld ist zunächst einmal eine ökonomische Kategorie, ein „rationales Mittel“ wirtschaftlichen Handelns, wie der Soziologe Max Weber es genannt hat. Gleichzeitig aber ist es nicht einfach nur ein Tauschmittel, um Güter zu erwerben. Es ist ein symbolisches Medium, oder wie die Soziologin Jutta Allmendinger schreibt: „Geld hat ein enormes Symbolisierungspotenzial und kann aufgeladen werden mit vielfältigen Bedeutungen. Geld können wir gegen Anerkennung, Liebe und Zeit tauschen.“

In einem Forschungsprojekt sind Sozialwissenschaftler der Frage nachgegangen, welche Rolle Geld in Partnerschaften spielt. In der Befragung betrachtete etwa ein Paar das monatliche Einkommen der Frau, einer Verwaltungsangestellten, als schnödes Geld, während das unregelmäßige Einkommen des musizierenden Ehemannes als wertvoll galt. Ein anderes Paar versah das Geld mit Gefühlen: Je mehr die Frau verdiente, desto stärker empfand der Mann ihre Liebe.

Unter den 30- bis 39-Jährigen, die in einer Beziehung leben, haben nur 44 Prozent ein gemeinsames Konto. In Deutschland halten Beziehungen dann länger, wenn beide Partner ähnlich verdienen. Fast jedes dritte Paar streitet wegen der Finanzen, hat eine Postbank-Studie ergeben. Und Konflikte drohen in einer Partnerschaft häufiger, wenn die Frau mehr verdient als ihr Mann. Auch unter Freunden spielt Geld eine Rolle. So hat die Umfrage ergeben, dass bereits jeder zehnte Deutsche eine Freundschaft aus finanziellen Gründen gekündigt hat. Häufiger waren es Männer.

Es gibt den Ausdruck „Wer zahlt, schafft an.“ Das heißt, wer das Geld hat, der entscheidet auch, was gekauft wird, und sagt, wo es langgeht. Geld verleiht gesellschaftliche Geltung und Macht. Es wirkt häufig im Verborgenen, denn viele Menschen haben verinnerlicht, dass man über Geld nicht spricht.

Der Blick in andere Länder zeigt, dass das keinesfalls so sein muss. Während Paare hierzulande häufig unterscheiden zwischen meinem Geld, deinem Geld und unserem Geld, ist Geld in Spanien meistens schlicht gemeinsames Geld und hat für Beziehungen keinen Wert. In Schweden ist es ähnlich. Paare in Spanien ziehen erst dann zusammen, wenn sie gemeinsam eine Wohnung erwerben können. Paare zeigen ihre Zusammengehörigkeit, indem sie gemeinsam in der Bar oder im Restaurant auftreten. Das Geld wird dort stets und sofort zu gemeinsamem Geld. Deshalb hat es weder die Macht, Beziehungen zu stiften noch sie zu trennen.

Mehr dazu in „Die Liebe und das liebe Geld“ von Jutta Allmendinger (PDF).

Hierzulande beeinflusst das Geld unsere Beziehungen zu anderen Menschen, wenn auch meistens subtil und unbewusst. Welche Rolle wir ihm beimessen, hängt auch davon ab, was wir selbst über Vertrauen, Hilfsbedürftigkeit und Not gelernt haben.

Das sagt der Kommunikationspsychologe

Frank Naumann hat sich intensiv mit Freundschaften beschäftigt. Der Kommunikationspsychologe sagt: „Freundschaften beruhen immer auf moralischen Verpflichtungen. Denn Moral regelt Beziehungen, die keinem Gesetz unterliegen.“ Hilft man dem anderen finanziell aus, erweist man ihm einen Dienst und setzt ihn gleichzeitig unter Druck, einen Gegendienst zu leisten. Naumann vergleicht das mit einem Bankkonto: „Man selbst versucht immer, in einem Haben-Überschuss zu sein. Ist man länger im Soll, kann die ganze Beziehung in ein Ungleichgewicht geraten.“

Entziehen kann man sich dieser Dynamik nicht. Es sei denn, man macht Geld nicht zum Thema. „Freundschaften beruhen in der Regel nicht auf Geld“, sagt Naumann. „Freunde sind Leute, die uns in irgendeiner Weise ähnlich sind, die wir über Hobbys wie Sport oder Urlaub, Schule, Studium, Beruf oder Nachbarschaft kennengelernt haben. Die Anlässe sorgen in der Regel dafür, dass die materiellen Bedingungen unter Freunden nicht so weit auseinanderklaffen.“

Dennoch kann die Situation entstehen, dass der einstige Schulfreund plötzlich mehr Geld verdient als man selbst, dass man erbt oder sich verschuldet. Dann entsteht auf einmal ein finanzielles Gefälle. Eine stabile Freundschaft kann das aber aushalten, wenn man es nicht zum Thema macht, das heißt zum Beispiel materiellen Erfolg nicht durch Statussymbole zur Schau stellt und damit Neid provoziert. Entscheidend ist auch der Umgang mit Geld. Ein Sparsamer und ein Großzügiger, ein Nachlässiger und ein Genauer werden wohl kaum einen entspannten Urlaub zusammen verbringen, da die Unterschiede mit Geld umzugehen über kurz oder lang zum Problem werden können.

Naumanns Ratschläge:

1. Borge beziehungsweise verschenke kein Geld
Bei Freundschaften wirkt immer ein moralischer Druck mit, dem Freund unter die Arme zu greifen. Wenn du aber Geld nicht verleihen möchtest, gerätst du womöglich in Erklärungsnot und ziehst dich mit einem unwohlen Gefühl langsam zurück. Umgekehrt fühlt sich der Freund womöglich zurückgestoßen, wenn du seine Bitte ablehnst. Gibst du doch, entsteht ein Gefälle. Denn derjenige, der empfängt, bringt sich in die Bringschuld, was eine ungute Dynamik von Aufrechnen und Kompensieren in Gang setzen kann. Wenn du kein Geld verleihen möchtest, sage das klar. Besser für die Beziehung wäre noch, wenn der andere dich gar nicht erst darum bittet. Wer in materieller Not ist, kann den Freund lieber um einen Tipp für einen günstigen Kredit bitten. Denn „Geld wird in Freundschaften zum Problem, wenn man es zum Problem macht.“

2. Macht das, was alle machen können
Unternehmt etwas, das ihr beide ohne schlechtes Gewissen tun könnt. Wenn du etwa den Restaurantbesuch zahlst oder, was noch schlimmer wäre, deinen Freund zwingst, so zu tun, als könnte er sich das selbst leisten, wird er dir das heimlich übelnehmen und sich auf Dauer unter einem Vorwand zurückziehen. Ist Essengehen nicht drin, macht etwas anderes.

3. Toleriere statt zu belehren
Wir suchen uns in der Regel Freunde, die uns in unserer Meinung stärken. Dennoch wird es auch immer Themen geben, bei denen wir nicht der gleichen Ansicht sind, etwa, wenn es um Konsum und Nachhaltigkeit geht. Andere Verhaltensweisen muss man aushalten können. Unterschiede gilt es anzuerkennen und zu tolerieren. Das ist auch für den eigenen Seelenfrieden wichtig. Der größte Fehler, den du machen kannst, ist, deine Freunde zu belehren. Damit überschreitest du eine Schwelle. Außerdem wirst du den anderen kaum von deinen Werten überzeugen.

4. Fokussiere dich auf die Gemeinsamkeiten
Was für langjährige Partnerschaften gilt, trifft auch auf Freundschaften zu: Betone das Gemeinsame und ignoriere das Trennende. Schaue auf die Eigenschaften und Interessen, die euch einen. Im Zweifelsfall solltet ihr Aktivitäten meiden, bei denen sich fundamentale Unterschiede auftun, zum Beispiel Shoppen oder Diskussionen über Nachhaltigkeit, die zu ideologischen Auseinandersetzungen führen könnten. Wenn Evelyn Primark ablehnt und ihr das so wichtig ist, dass sie sich dort die ganze Zeit unwohl fühlt, ist sie wahrscheinlich nicht die richtige Begleiterin. Sie könnte dann jemand anderen vorschlagen, der womöglich kein Problem mit Billig-Schuhen hat. Gleichzeitig gilt: Wer mehr Geld hat, gibt auch mehr aus, kauft auch mehr. Wohingegen Konsummuffel häufig einen guten ökologischen Fußabdruck haben.

Das sagen die KR-Leser

Nicola hat eine Freundin, die nur etwas mehr Geld bräuchte, um sich ihr Leben deutlich zu erleichtern. Sie sagt: „Für mich wäre es problemlos möglich, ihr 200 Euro monatlich zu überweisen. Ich würde dadurch nichts an Lebensqualität einbüßen, und für sie wäre es eine wahnsinnige Veränderung. Ich würde mich vielleicht sogar besser fühlen, wenn ich es ihr schenken könnte – aber sie möchte das nicht. Es fühlt sich für sie nicht richtig an, und sie hat Angst um ihre Unabhängigkeit.“

Volker ist in seinem Freundeskreis einer derjenigen mit dem besten Einkommen. Er rät zu Großzügigkeit: „Mal eine Runde in der Kneipe ausgeben oder den Fahrer machen. In jeder Situation, die mit Geld ausgeben verbunden ist, kann man spendabel reagieren. Nicht dafür feiern lassen, einfach machen.“ Ähnlich macht das Ellen, die viele Freunde hat, die am Rande von Hartz IV leben: „Ich habe ein komfortables Einkommen und bin dann nicht knauserig. Lade gern mal zum Kaffee ein oder übernehme beim Einkaufen die Rechnung.“

Doch nicht jeder möchte eingeladen werden, manche empfinden es eher als demütigend, auch wenn es nicht so gemeint ist. Hier ist Sensibilität gefragt oder ein offenes Wort. Katarina ist es wichtig, auf Augenhöhe zu bleiben. Sie ist in einer Familie aufgewachsen, die sich wenig leisten konnte und verdient jetzt recht gut. Sie rät von Geschenken ab: „Nicht immer einladen, das ist demütigend und lässt einen immer das Ungleichgewicht spüren – auch wenn es gut gemeint ist.“ Auch Sandra erinnert sich noch an die Zeiten, in denen sie in Restaurants die Karte nach dem günstigsten Gericht durchgesehen hat. Sie hat sich nicht getraut, „dem anderen zu sagen, dass sie sich das eigentlich grad nicht leisten kann, essen zu gehen“. Sie sagt: „Dafür hätte ich mich geschämt.“

Viele Leser waren selbst schon einmal in der Situation, dass sie weniger Geld hatten als ihre Freunde. Was hätten sie sich an Stelle von Evelyns Freundin gewünscht? Knut rät zunächst zur Selbstdiagnose: „Schaue zuerst einmal, was dein Problem ist und wie du (tief im Inneren) die Leute beziehungsweise die Lage deiner Freunde bewertest.“ Geht es dir etwa um das liebe Geld, um kulturelle Unterschiede oder ideologische Diskrepanzen? Welche Rolle misst du dem Geld bei, und schaue dich in deinem Freundeskreis um: Bist du die Einzige, die vergleichsweise viel Geld hat? Und konsumierst du dadurch nicht womöglich auch mehr als die anderen, die sich nicht viel leisten können?

Ingetraut und ihre Familie hatten ein kleines Unternehmen, das irgendwann schließen musste. Danach bezogen sie Hartz IV. Das hatte einschneidende Auswirkungen auf ihren Freundeskreis. Ingetraut sagt: „Wir sind aus allen vorherigen Freundschaften rausgeflogen. Keiner wusste mit uns umzugehen, keiner fragte, wie wir das sehen, keiner gab von dem, was er übrighatte. Keiner lud uns zu einem guten Essen ein. Es dauerte, bis wir einen neuen Freundeskreis fanden, in dem es offen zuging.“ Deshalb rät sie Evelyn, sich Gedanken zu machen, „ob du etwas zur Änderung der Situation beitragen könntest. Sprich das Thema offen an und zeige dich nie gönnerhaft.“

Auch Ute ist überzeugt, dass die meisten engeren Freundschaften früher oder später auseinander gehen, wenn das finanzielle Niveau zu unterschiedlich ist. Sie sagt: „Lockere Freundschaften können länger halten, wenn man darauf achtet, nur die gemeinsamen Interessen wahrzunehmen, bei denen Geld keine Rolle spielt.“

Und Marion hat die Erfahrung gemacht, dass „auch Menschen, die finanziell gut gestellt sind, echte Geizkrägen sein können – und umgekehrt. Das ist zum Teil einfach Charaktersache. Die Hauptsache ist, dass sich Geben und Nehmen die Waage halten.”

Es ist wichtig, dass die ärmere Freundin ihr Gesicht wahren kann und nicht bevormundet wird. Jeanette etwa möchte nicht, dass andere ihr ihre Meinung aufdrücken: „Wenn ich besserverdienende Freunde um Rat frage, weil ich zum Beispiel bei C&A etwas kaufen möchte und die Standardgeschäfte der Freundin alle einen großen Namen haben, erwarte ich, dass sie mir sagt, ob mir das Kleidungsstück steht – und nicht, ob das Material ihren Ansprüchen entspricht.“

„An dem finanziellen Ungleichgewicht kann man erstmal nichts ändern“, sagt Micha. „Vielleicht aber findet ihr andere Ungleichgewichte (Fähigkeiten, Netzwerk, geschätzte zweite Meinung), die im gegenseitigen lockeren Austausch ein Gefühl der Balance herstellen. Freundschaft ist Geben und Nehmen, da helfen, wo der andere nicht kann. Wenn man Geld nur als eines von vielen Vermögen ansieht, ist es nicht mehr so wichtig.“


Mit bestem Dank an alle KR-Leser, die sich beteiligt haben: Karoline, Marion, Katarina, Ute, Bea, Knut, Falco, Jeanette, Maria, Gabriel, Lena, Ellen, Solveig, Nicola, Steff, Hans, Peer, Werner, Eva, Klara, Wolfgang, Micha, Henrikje, Martin, Martina, Klara, Hanna, Julia, Volker, Grete, Ina, Therese, Sonja, Paul, Eleysa, Sandra, Diandra, Detlev, Joana, Maria, Ben, Anna, Ingetraud, Wolfgang, Gerd, Verena, Stefanie, Sarah, Sandra, Inga, Melanie, Jana, Andre, Hans David, Florian, Sonja, Ines, Jessica, Mia, Katrin, Maria, Dagmar – und an Evelyn für ihre Frage.

In der Kolumne „Gebrauchsanweisung für dein Leben“ beantworte ich gemeinsam mit Experten eure persönlichen Fragen aus dem Alltag. Wenn du auch eine Frage hast, stelle sie hier.

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