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Ernährung

Stell dir vor, du gehst spazieren – und bist danach gegen Fleisch allergisch

von Maryn McKenna
etwa 18 Min. Lesedauer

An einem Morgen im Frühsommer fahre ich durch die Wälder im Herzen von North Carolina. Ich bin auf dem Weg zu Tami McGraw, sie will mit mir frühstücken. „Möchtest du Emu probieren?“, fragt sie. „Oder vielleicht etwas Ente?“

Seit Jahren ist in McGraws Leben nichts mehr normal. Wenn sie Rind- oder Schweinefleisch isst, Milch, Käse oder gelatinehaltige Desserts, schwillt ihre Kehle an, ihr Blutdruck sinkt drastisch. Trägt sie einen Wollpullover, bekommt sie Ausschlag. Brät sie Speck, zwingen die Dämpfe sie in die Knie. Geht sie aus dem Haus, muss sie Tabletten gegen einen Allergieanfall dabeihaben und einen automatischen EpiPen gegen einen anaphylaktischen Schock.

Ein anaphylaktischer Schock ist eine allergische Extremreaktion des Organismus und kann innerhalb kurzer Zeit zu einer lebensbedrohlichen Situation führen.

McGraw ist kein Einzelfall: Weltweit sind tausende von Menschen allergisch gegen das Fleisch von Säugetieren und alles, was von ihnen kommt: Milchprodukte, Wolle, Gelatine aus den Hufen, Kohle aus den Knochen. Nach einem Jahrzehnt der Forschung haben Wissenschaftler endlich eine Idee davon, was die Verursacher sind: Wir sammeln sie auf Wanderungen oder im Garten auf, lassen sie als Untermieter im Fell eines Haustieres in unsere Wohnung – die Zecken.

Die Krankheit heißt nach dem Fleischbestandteil, der sie auslöst, „Alpha-Gal-Allergie“. Allergien entstehen, wenn unser Immunsystem etwas als fremd ansieht. Wissenschaftler stellt das Zuckermolekül Alpha-Gal vor eine Herausforderung: Sie müssen neu klären, wie Allergien auftreten, wie sie ausgelöst werden, wen sie gefährden – und wann.

Die Symptome der Fleischallergie sind schwer zu erkennen

1987 stand Sheryl van Nunen vor einem Rätsel. Sie war Leiterin der Allergieabteilung eines Krankenhauses in einem Vorort von Sydney. Diesmal war ein Mann zu ihr gekommen, der mitten in der Nacht mit einer heftigen Reaktion aufgewacht war.

Van Nunen wusste sofort, dass etwas daran ungewöhnlich war. Denn die meisten allergischen Reaktionen treten rasch auf und nicht erst Stunden später. Auch beeinträchtigen nur wenige Allergene die Menschen nach dem Schlafengehen (Latex zum Beispiel – man kann Sex mit einem Latexkondom haben, einschlafen und wegen eines Allergieanfalls aufwachen). Die Ärztin überprüfte den Mann auf die offensichtlichen Reizstoffe, sie warf einen gründlichen Blick auf seine Krankengeschichte und machte einen Hauttest auf alles, was er in den Stunden vor dem Schlafengehen gegessen und berührt hatte. Das einzige potenzielle Allergen, das ein positives Ergebnis lieferte, war Fleisch.

Allergene sind Substanzen (meist Proteine), die das Immunsystems alarmieren und Überempfindlichkeitsreaktionen (allergische Reaktionen) auslösen können.

Die Ärztin legte den Fall gedanklich in der Kategorie „Unwägbarkeiten des Immunsystems“ ab und arbeitete weiter. Doch dann kamen weitere Patienten. In den 90er Jahren gab es sechs ähnliche Fälle; bis 2003 hatte sie mindestens 70 gesehen, alle mit dem gleichen Problem und bei allen war anscheinend ein Fleischgericht das Problem, das sie ein paar Stunden zuvor gegessen hatten. Noch eine Gemeinsamkeit: „Immer wieder hörte ich den Satz: ‚Mich haben schon oft Zecken gebissen‘“, berichtet van Nunen.

Tami McGraws Symptome traten 2010 auf, nachdem sie und ihr Mann Tom in eine Siedlung am Rande eines Naturschutzgebiets gezogen waren. Dort gab es Bäche und Wälder, aber auch Hirsche, Vögel und Nagetiere – die Hauptwirte der Zecken.

Eines Tages biss sich eine Zecke in ihrer Kopfhaut fest, die Stelle schwoll wulstartig und war monatelang rot. Einmal kletterte ein ganzer Schwarm von Babyzecken ihre Beine hoch. Sie musste die Tiere in einem heißen, mit Bleichmittel versetzten Bad abwaschen. Danach wurde ihr in unregelmäßigen Abständen schwindlig. Sie fühlte sich krank.

„Ich hatte unerklärliche allergische Reaktionen und Nesselsucht, und mein Blutdruck spielte verrückt“, sagt sie. Die Ausschnitte ihrer T-Shirts waren ausgeleiert, weil sie ständig an ihnen zerrte. McGraw hatte das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Ärzte diagnostizierten bei ihr abwechselnd Asthma oder frühzeitige Wechseljahre oder einen Tumor an der Hirnanhangdrüse. Sie verschrieben Antibiotika, etwas zum Inhalieren und Steroide. Sie schickten sie zu MRT-Aufnahmen, Lungenfunktionstests, zum Herzultraschall. Ohne Ergebnis.

Oft wissen wir nicht, in welchen alltäglichen Dingen tierische Stoffe stecken

In der Rückschau entdeckt McGraw Hinweise auf die Ursache ihres Problems. Sie schien immer mittwochs einen Asthma-Inhalator benutzen zu müssen – an diesem Wochentag verbrachte sie Stunden in ihrem Auto und lieferte dampfend heißes „Essen auf Rädern“ aus. Ausgerechnet samstags musste sie in eine Notfallklinik – nach einem üppigen Frühstück mit Eiern und Würsten.

Dann hatte eine enge Freundin ein beängstigendes Erlebnis. Sie fiel nach dem Joggen auf dem heißen Beton ihrer Einfahrt in Ohnmacht. Sie erzählte McGraw: „Zuerst dachten die Ärzte, ich sei von einer Biene gestochen worden, während ich gejoggt habe. Aber jetzt vermuten sie, dass ich vielleicht eine Allergie gegen rotes Fleisch habe.“

McGraw dachte: Vielleicht habe ich das ja auch.

Sie googelte. Dann bat sie ihren Arzt, einen wenig bekannten Bluttest zu machen, der zeigen sollte, ob ihr Immunsystem auf einen Bestandteil von Säugetierfleisch reagiert. Das Testergebnis war so stark positiv, dass ihr Arzt sie zu Hause anrief, um ihr zu sagen, sie solle sofort vom Herd weggehen.

Danach lernte McGraw allmählich, wie viel Materialien von Säugetieren in unserem täglichen Leben vorkommt. Einmal nahm sie Kapseln mit flüssigem Schmerzmittel ein und wachte mitten in der Nacht auf, die Haut übersät von juckenden Quaddeln, ausgelöst von der Gelatinehülle des Medikaments.

Als sie einen Lippenbalsam kaufte, verursachte das darin enthaltene Lanolin Blasen auf ihren Lippen. Im Garten wurde sie auf dem Gras ohnmächtig und musste mit einem EpiPen wiederbelebt werden. Sie hatte auf Gülle und Knochenmehl in Säcken mit gekauftem Kompost reagiert.

Bei der Erforschung der bizarren Krankheit halfen Zufälle

Die Entdeckung neuer Krankheiten folgt oft einem bestimmten Muster. Zunächst erkennen einzelne Patienten, dass sie seltsame Symptome haben. Gemeinsam mit Leidensgenossen bringen sie ihre Erfahrungen in die Medizin ein – die Ärzte sind erst einmal skeptisch. Doch nach einiger Zeit geben die Mediziner zu, dass die Patienten tatsächlich recht hatten.

Doch so lief das nicht bei der der Alpha-Gal-Allergie. Denn seltsame Zufälle lenkten die Aufmerksamkeit der Forscher auf die bizarre Krankheit, und zwar fast sofort nach deren Auftreten.

Die Geschichte beginnt mit dem Krebsmedikament Cetuximab, das 2004 auf den Markt kam. Cetuximab ist ein Protein, das in Zellen von Mäusen gezüchtet wird. In ersten Studien reagierten ein oder zwei von 100 Krebspatienten überempfindlich auf das neue Medikament: Ihr Blutdruck fiel, sie hatten Atembeschwerden.

Diese ein bis zwei Prozent blieben konstant, bis Cetuximab an größere Gruppen verabreicht wurde. In Kliniken in North Carolina und Tennessee waren 25 von 88 Empfängern überempfindlich. Einige waren so krank, dass sie als Notfall mit Adrenalin im Krankenhaus behandelt werden mussten. Ungefähr zur gleichen Zeit brach ein Patient in einer Krebsklinik in Bentonville (Arkansas) nach der ersten Dosis Cetuximab zusammen und starb.

Die Hersteller ImClone und Bristol-Myers Squibb überprüften die Studie. Nichts war auffällig. Die Forscher vermuteten eine Art Mausallergie bei den Betroffenen.

Dann kam der erste Zufall: Eine Krankenschwester erwähnte den Todesfall gegenüber der Immunologin Tina Hatley. Hatley hatte kürzlich eine Fortbildung im Allergiezentrum der Universität von Virginia abgeschlossen. Sie sprach über den Fall mit ihrem ehemaligen Vorgesetzten, Thomas Platts-Mills.

Der wollte dem Problem auf den Grund gehen und stellte ein Team zusammen, in dem auch Hatley war. Ziemlich schnell kamen sie der Ursache des Problems auf die Spur. Die Menschen reagierten auf das Medikament, weil sie eine bereits bestehende Empfindlichkeit hatten. Die wurde durch einen hohen Anteil an Antikörpern gegen einen Zucker angezeigt, der in den Muskeln der meisten Säugetiere vorhanden ist, jedoch nicht bei Menschen oder anderen Primaten. Der Name des Zuckers ist Galaktose – alpha-1,3-Galaktose, kurz Alpha-Gal genannt.

Alpha-Gal kennen viele Wissenschaftler, weil es für dauerhafte Misserfolge verantwortlich ist: Seine Fähigkeit, intensive Immunreaktionen auszulösen, ist der Grund, warum Organe von Tieren nie erfolgreich in den Menschen transplantiert wurden. Aber es blieb ein Rätsel, warum die Menschen auf das Medikament reagierten. Um eine allergische Reaktion hervorzurufen, muss jemand bereits eine vorangegangene Belastung haben – aber die Studienteilnehmer, die heftig reagiert hatten, bekamen alle ihre erste Dosis Cetuximab.

Die Teammitglieder untersuchten die Patienten und ihre Familien auf alles, was das Problem erklären könnte. Die Reaktionen zeigten sich regional – Patienten in Arkansas, North Carolina und Tennessee litten unter der Überempfindlichkeit, solche in Boston und Nordkalifornien jedoch nicht.

Dann stolperte Teammitglied Christine Chung aus Nashville über einen faszinierenden Hinweis. Fast jeder fünfte Patient, der in einer Krebsklinik in ihrem Krankenhaus aufgenommen wurde, hatte einen hohen Anteil an Antikörpern gegen Alpha-Gal. Aber als sie die gesunden Nachbarn dieser Patienten untersuchte und sie als Kontrollgruppe behandelte, hatte ebenfalls fast jeder fünfte Antikörper gegen Alpha-Gal.

Fast ein Jahrzehnt später lässt diese Korrelation Platts-Mills immer noch schmunzeln. Die Alpha-Gal-Reaktion „hatte nichts mit Krebs zu tun“, sagt er. „Es lag am ländlichen Tennessee.“

Jetzt lautete die Frage: Was im ländlichen Tennessee könnte eine solche Reaktion auslösen? Für die Antwort brauchte es einen zweiten Zufall. Jacob Hosen, ein Forscher im Labor von Platts-Mills, entdeckte eine Karte, die von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erstellt wurde und die die Häufigkeit von Brasilianischem Fleckfieber zeigt. Sie überschnitt sich mit den Brennpunkten, an denen die Cetuximab-Reaktionen aufgetreten waren.

Das Brasilianische Fleckfieber wird durch den Biss einer Zecke übertragen: Amblyomma americanum, eine der häufigsten Zecken im Südosten der USA. Sie wird auch Einzelsternzecke genannt, wegen eines weißen Flecks auf der Rückseite des Weibchens. Die Forscher fragten sich: Wenn die Zecken das Fleckfieber verursachten, könnten sie dann vielleicht auch für die Allergie verantwortlich sein?

Der Klimawandel bahnte der Zecke den Weg nach Norden

Die Hypothese wurde durch eine Reihe neuer Patienten bekräftigt, die in die Klinik von Platts-Mills kamen. Sie waren alle erwachsen – Allergien treten in der Regel in der Kindheit auf. Sie hatten noch nie zuvor eine allergische Reaktion gehabt – jetzt aber kamen sie mit Schwellungen, Nesselsucht und im schlimmsten Fall einem anaphylaktischen Schock in die Klinik. Auch sie hatten einen hohen Anteil an Antikörpern gegen Alpha-Gal. Keiner war jedoch ein Krebspatient.

Scott Commins, ein weiterer Mitarbeiter in der Gruppe von Platts-Mills, rief jeden neuen Patienten an und fragte ihn, ob ihn jemals eine Zecke gebissen habe. „94,6 Prozent haben die Frage bejaht“, sagt er. „Und die anderen wenigen Prozent sagten: ‚Weißt du, ich bin die ganze Zeit draußen. Ich kann mich an keine Zecke erinnern, aber ich weiß, dass ich bestimmt schon mal gebissen wurde.‘“

Platts-Mills wandert gerne. An einem Wochenende lief er über die Hügel von Virginia und stapfte durch grasbewachsenes Unterholz. Fünf Stunden später kam er nach Hause, zog seine Stiefel und Socken aus und entdeckte, dass seine Beine und Füße mit kleinen Punkten gesprenkelt waren. Die Punkte sahen aus wie gemahlener Pfeffer, aber sie saßen tief in seiner Haut – er musste sie mit einem stumpfen Messer abkratzen – und juckten heftig. Er konservierte ein paar und schickte sie zu einem Insektenkundler. Es handelte sich um die Larvenform der Einzelsternzecken.

Platt-Mills nutzte die Gelegenheit. Er ließ er sich von seinem Laborteam Blut abnehmen und seine Antikörperwerte überprüfen. Sie waren zunächst niedrig, stiegen dann aber Woche für Woche an. Platts-Mills ist Engländer und ging zu einer Veranstaltung der Royal Society of Medicine in London. „Und zu diesem Zeitpunkt“, sagt er fröhlich, „habe ich zwei Lammkoteletts gegessen und zwei Gläser Wein getrunken.“

Mitten in der Nacht wachte er mit Nesselausschlag auf.

Die Fleischallergie ist nicht nur ein amerikanisches Problem

Die Einzelsternzecke findet in den USA keine große Beachtung. Fast jeder kennt dagegen die Hirschzecke (Ixodes scapularis). Sie überträgt den Erreger der Borreliose, an der jedes Jahr schätzungsweise 300.000 Menschen in den USA erkranken.

Die Einzelsternzecke überträgt diese Krankheit nicht, aber andere schwere Krankheiten wie das Q-Fieber oder Ehrlichiose.

Und das Verbreitungsgebiet scheint größert zu werden. Rick Ostfeld, ein Krankheitsökologe am Cary Institute of Ecosystem Studies nördlich von New York City, sagt: „Der Klimawandel dürfte dabei eine Rolle spielen.“

Die Einzelsternzecke ist ein robustes, unsichtbares Raubtier. Sie ist nicht wählerisch bei der Auswahl ihrer Lebensumstände – sie toleriert die Feuchtigkeit der Atlantikstrände, und ihre Westausbreitung wurde nur von der Texas-Wüste gestoppt. Sie ernährt sich Dutzenden von Tieren.

Vögel könnten ihr dabei geholfen haben, so schnell nach Norden vorzudringen. Und sie hat eine besondere Vorliebe für Weißwedelhirsche, die inzwischen die amerikanischen Vororte besiedelt haben. Und im Gegensatz zu den meisten Zecken beißt sie den Menschen in allen drei Phasen ihres Lebenszyklus: als erwachsenes Tier, als Nymphe und als die mohnsamengroße Larve, die Platt-Mills attackiert haben. Sie sitzen zu Hauf auf Grashalmen und springen zu Hunderten ab.

Zecken erkennen Gerüche mit Organen, die in ihr erstes Beinpaar eingebettet sind. Sie schnüffeln nach Kohlendioxid im Atem eines Tieres voll warmem sauerstoffhaltigem Blut. Wenn die Einzelsternzecken Wind davon bekommen, heben sie ab. „Die Borreliose-Zecke ist eine langsame Zecke“, sagt William Nicholson, Mikrobiologe beim CDC. „Amblyomma rennt zu dir.“

Es gibt so wenig Forschung über Alpha-Gal-Allergien, dass sich die Wissenschaftler nicht einigen können, in welchem Stadium des Bisses die Sensibilisierung der Opfer beginnt. Ein Aspekt der Epidemiologie ist jedoch klar: Die Allergie wird nicht nur durch die Einzelsternzecke verursacht.

In Australien konnte van Nunen nicht verstehen, was genau die Zeckenbisse ihrer Patienten mit deren Fleischallergie zu tun haben. Aber etwas anderes war nicht zu übersehen. Die Strände, die die Küste nördlich und südlich von Sydney säumen, sind voller Zecken.

Im Jahr 2007 erfasste van Nunen 25 allergische Patienten, die gegen Fleisch allergisch waren. Alle bis auf zwei hatten schwere Hautreaktionen auf einen Zeckenbiss; mehr als die Hälfte hatte einen schwere anaphylaktischen Schock erlitten. Dies war die Grundlage für einen Vortrag, der leider nicht vollständig veröffentlicht wurde. Es dauerte bis 2009, bis die amerikanische Virginia-Gruppe auf dem Kenntnisstand der Australierin war.

Das war bedauerlich, denn das entscheidende Detail in van Nunens Forschung war nicht nur, dass ihre Fälle früher lagen als die ersten Fälle der US-Forscher. Sie wurden auch durch Bisse einer anderen Zecke verursacht: Ixodes holozyclus, Lähmungszecke genannt. Die Alpha-Gal-Allergie war also nicht nur in einem Teil der USA aufgetreten. Sie war ein globales Problem.

Und sie ist es noch. Alpha-Gal-Reaktionen im Zusammenhang mit Zeckenbissen wurden inzwischen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz, Japan, Südkorea, Schweden, Norwegen, Panama, Brasilien, der Elfenbeinküste und Südafrika gefunden. Diese Fälle gehen auf mindestens sechs weitere Zeckenarten zurück. (Auf einer Online-Karte, in die sich Patienten selbst eintragen, sind mehr als ein Dutzend weitere Länder markiert.)

Überall dort, wo Zecken Menschen beißen – außer in der Arktis und Antarktis – ist eine Alpha-Gal-Allergie aufgetreten. In Belgien reagierten die Patienten heftig auf ein Medikament, das in Kaninchenzellen hergestellt wurde. In den italienischen Alpen waren Männer, die in den Wäldern jagten, stärker gefährdet als Frauen, die in ihrem Dorf blieben. In Deutschland war das reaktionsfreudigste Lebensmittel eine traditionelle Delikatesse, die Schweinenieren. In Schweden war es Elch.

Van Nunen selbst hat inzwischen mehr als 1.200 Patienten gesehen. „Die nächstgrößere Klinik etwa 350“, sagt sie. Diese Fälle sind alle in zwei Jahrzehnten aufgetreten, weniger als die Spanne einer einzigen menschlichen Generation also. Van Nunen vermutet, dass der Anstieg nicht auf irgendetwas bei ihren Patienten zurückzuführen sein kann; weder genetische noch epigenetische Veränderungen könnten so schnell stattfinden. „Es muss umweltbedingt sein“, sagt sie.

Die Allergie passt nicht ins Bild der Wissenschaftler

Julie LeSueur, 45 Jahre alt, lebt in Richmond, Virginia, und wird seit vier Jahren von Platts-Mills überwacht. Was bei ihr als Fleischallergie begann, weitete sich zu Reaktionen auf alles aus, was mit Tieren zu tun hat, auch Gelatine in Medikamenten und tierische Produkten in der Kosmetik. Als nächstes reagierte ihr Immunsystem auf eine Reihe anderer Reizmittel, von Nüssen bis zu Schimmelpilzen. Inzwischen nutzt sie sogar vegane Seife und Shampoo, die eine Apotheke für sie zusammenstellt. „Ich bin jetzt die ganze Zeit zu Hause“, sagt sie mir am Telefon. „Ich habe Glück, wenn ich von der Couch runterkomme.“

Commins und Platts-Mills beschrieben die Alpha-Gal-Allergie vor einem Jahrzehnt, und van Nunen sah ihren ersten Patienten 20 Jahre zuvor. Ein Labortest für die Allergie ist seit 2010 auf dem Markt. Warum aber ist es für Patienten immer noch schwierig, die Diagnose zu bekommen und zu verstehen, was sie essen oder welchem Stoff sie sich aussetzen können? Weil die Alpha-Gal-Allergie einigen Grundprinzipien der Immunologie widerspricht.

Lebensmittelallergien werden überwiegend durch Proteine verursacht, tauchen im Kindesalter auf und lösen in der Regel schnell Symptome aus. Alpha-Gal ist aber ein Zucker. Alpha-Gal-Patienten vertragen Fleisch jahrelang, bevor ihre Reaktionen beginnen; und Alpha-Gal-Reaktionen dauern Stunden. Darüber hinaus geht das Spektrum der Reaktionen weit über das Normale hinaus: nicht nur Hautreaktionen bei leichten Fällen und Anaphylaxe bei schwersten, sondern auch stechende Magenschmerzen, Bauchkrämpfe und Durchfall.

Aber Alpha-Gal-Reaktionen sind definitiv eine Allergie. Das führte sowohl van Nunen als auch Commins zu der Frage, ob das Krankheitsbild dazu beitragen wird, die Allergieforschung umzugestalten, das Verständnis dafür zu erweitern, was eine Allergieantwort ist, und zu neuen Konzepten zu führen, wie Allergien ausgelöst werden.

Selbst Impfstoffe können einen Allergieanfall auslösen

Die nicht erkannten Gefahren sind nicht nur Pullover und Seifen und Gesichtscremes. Zu den Medizinprodukten tierischen Ursprungs gehören beispielsweise das Gerinnungsmittel Heparin, das aus Schweinedarm und Kuhlunge gewonnen wird, und Impfstoffe, die in bestimmten Zelllinien herangezogen werden.

„Wir haben enorme Schwierigkeiten, die Menschen diesbezüglich zu beraten“, sagt van Nunen. „Manchmal muss man sich sieben Stunden hinsetzen, sieben E-Mails schreiben und vier Telefongespräche führen, um einer 23-jährigen Frau, die auf Reisen ist, sagen zu können: ‚Ja, Sie können diese Marke des japanischen Enzephalitis-Impfstoffs verwenden, weil sie kein bovines Material verwenden. Der Impfstoff wird in (Zellen von) Grünen Meerkatzen hergestellt, und ich habe diesen Affen nachgeschlagen, und er enthält kein Alpha-Gal.‘“

Einige Austauschherzklappen werden in Schweinen kultiviert; sie können eine Alpha-Gal-Sensibilisierung verursachen, die später einen Allergieanfall auslösen kann. Und Herzpatienten mit einer Alpha-Gal-Allergie scheinen die Ersatzherzklappen schneller als sonst zu verschleißen, was sie dem Risiko der Herzinsuffizienz aussetzt, bis sie einen Ersatz bekommen können.

Es wächst auch die Erkenntnis, dass Alpha-Gal ein Berufsrisiko sein kann. Letztes Jahr behandelten Forscher in Spanien drei Landarbeiter, die Nesselsucht und Schwellungen bekamen und Schwierigkeiten beim Atmen hatten, nachdem sie mit Fruchtwasser in Kontakt kamen, während sie Kälbern bei der Geburt halfen. Alle drei – eine 36-jährige Frau, eine 56-jährige Frau und ein 53-jähriger Mann – wussten bereits, dass sie eine Alpha-Gal-Empfindlichkeit haben, hätten aber nie gedacht, dass Hautkontakt riskant sein würde.

Commins hat Jäger behandelt, die Reaktionen entwickelt haben, weil sie beim Ausweiden von Hirschen mit Blut bespritzt wurden. In den beiden Hauptgruppen von Facebook, in denen sich die Patienten zusammenfinden, machen sich häufig Arbeiter aus Schulkantinen Sorgen wegen der Dämpfe beim Kochen von Fleisch.

Es kann auch zu mehr Schlaganfällen kommen

Mit ziemlicher Sicherheit gibt es Menschen, bei denen eine fleischhaltige Mahlzeit oder ein medizinischer Eingriff eine Alpha-Gal-Reaktion von unbekanntem Ausmaß auslösen könnte. Und es kann weitere Gefahren geben, die auf sie zukommen.

Ein Viertel der Patienten, die in das medizinische Zentrum für Herzkatheterisierung der Universiät von Virginia kamen, um lebensbedrohliche Blutgefäßblockaden zu beseitigen, war – ohne es zu wissen – für Alpha-Gal sensibilisiert. Das gaben Platts-Mills und andere Forscher im Juni 2018 bekannt.

Die Patienten mit der unentdeckten Allergie hatten mehr arterielle Plaque als nicht betroffene Personen. Besonders besorgte die Forscher, dass ihre Plaques von einer Art waren, die sich eher von der Arterienwand löst und Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen kann – ein Risiko für Herzkranke, das größer ist, als erwartet.

Wissenschaftler haben also erkannt, dass Menschen, die gegen Fleisch allergisch sind, auch auf Pflegeprodukte, Medikamente, Impfstoffe und Herzklappen überempfindlich reagieren. Und die Forschung steht erst am Anfang.


Maryn McKenna ist eine Journalistin mit dem Schwerpunkt Gesundheit und Ernährung. Sie ist Kolumnistin bei „Wired“ und schreibt unter anderen für das „New York Times Magazine“, den „Atlantic“, „Mother Jones“ und „National Geographic“. McKenna lebt in Atlanta.

Dieser Artikel erschien auf Englisch im Online-Magazin Mosaic der Stiftung Wellcome. Wir haben ihn übersetzt und gekürzt und veröffentlichen ihn unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0).

Übersetzung: Vera Fröhlich; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Bildredaktion: Martin Gommel.