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Flow

Der Zustand, den wir alle ersehnen

von Dominik Heißler
etwa 13 Min. Lesedauer

Wenn ich am Computer saß, konnte man nichts mehr mit mir anfangen. Und das tat ich als Jugendlicher sehr oft. Ich zockte fast alles: Ogame, Starcraft, Need for Speed, Fifa. Stundenlang. Dass sich meine Familie oft beschwerte, war mir egal. Ich wollte zocken. Denn beim Zocken war ich voll im Flow.

Im Flow vergisst man die Zeit. Alles in einem richtet sich dann darauf aus, diese eine Aufgabe zu lösen. Was man tut, meldet dabei unmittelbar zurück: Es klappt. Man blendet alles aus, was sonst noch um einen herum geschieht. Und hat dennoch das Gefühl zu kontrollieren, was man tut. Im Flow verschmelzen wir mit unserer Tätigkeit, fühlen uns eins damit. Wir fühlen uns grenzenlos. Das kann gut sein – aber auch gefährlich.

Alles fließt – und das schon seit Jahrtausenden

Der Begriff Flow wurde in den 70er Jahren vom ungarischen Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi (sprich: Tschick-sent-mihaji) erfunden. Csikszentmihalyi befragte zunächst viele Künstler und Sportler, wann sie glücklich seien. Die schilderten ihm alle in ähnlichen Worten einen Zustand absoluter Versunkenheit: als ob alles fließen würde. Später befragte er auf der ganzen Welt Leute in ihrem Alltag. Zehntausende Daten kamen so zusammen.

Aber die Erfahrung von Flow gab es natürlich schon vorher. Im Zen-Buddhismus werden seine Prinzipien seit über tausend Jahren vermittelt. Auch in der westlichen Philosophie erinnern viele Formulierungen an Flow: Die deutschen Idealisten etwa beschreiben eine Harmonie, die nicht (rational) erfahren werden kann. Søren Kierkegaard will zu mehr „Leidenschaft“ anregen. Das Flow-Konzept wiederum ist ein Versuch, sich dem Glück von psychologischer Seite anzunähern. Quasi westlicher Zen-Buddhismus.

Im Flow sind wir alle wieder ein bisschen wie das Kind, das zu lange im Freibad herumtollt. Deine Lippen sind schon blau, du bibberst, hast dir das Knie aufgeschlagen. Aber du bist so versunken darin, die Rutsche rauf- und runterzuturnen, dass du das alles gar nicht merkst. Bis die Eltern nerven. Dann kommt man plötzlich wieder zu sich, spürt die Kälte, das Knie – und freut sich auf die warme Decke. Wir beneiden Kinder manchmal um diese tiefe Versunkenheit. Dabei erleben wir das auch als Erwachsene.

Flow ist für jeden anders und für alle gleich

„Jeder Mensch hat Flow-Erfahrungen“, sagt Gerhard Huhn. Der 74-Jährige ist Flowcoach. Das heißt, er vermittelt die Prinzipien des Flows an Unternehmen und Privatleute. Selbst in diesen Zustand kommt er unter anderem, wenn er in einem Kurs merkt, dass die Augen seiner Klienten zu leuchten beginnen, sagt er. Aber jeder hat einen anderen Zugang: Bloß, weil ich beim Schreiben in den Flow komme, heißt das nicht, dass das bei dir auch so ist. Dazu kommt, sagt der Coach, dass wir Flow in verschiedener Intensität wahrnehmen. Es ist nicht so, dass man entweder ganz darin ist oder gar nicht.

KR-Leserin Daniela* kennt das Gefühl vom Zeichnen, von der Arbeit, vor allem aber vom Sport. Sie trainiert für einen Triathlon und organisiert ihren Tagesablauf drum herum. Morgens vor der Arbeit geht sie laufen, manchmal auch danach noch Radfahren. „Ich bin erst dann wirklich geistig frisch und leistungsfähig, wenn ich mich körperlich ausgetobt habe“, schreibt sie. Beim Sport hat sie die Kontrolle, hier fühlt sie sich sicher.

10 Punkte zum Flow? Gibt es nicht.

„Flow ist ein Signal“, sagt der Coach. „Körper und Geist melden uns so zurück, dass gerade alles stimmig ist.“ Dadurch wissen wir also, dass wir da sind, wo wir hingehören. Dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Aber ist das so einfach? Folge dem Flow – und du lebst gut und glücklich? Wer es schon versucht hat, weiß: Einfach ist das nicht.

Eine allgemeine Antwort, wie das geht, gibt es leider auch nicht. „Jeder muss für sich herausfinden, was ihm wichtig ist, und was seine Stärken sind“, sagt Huhn. Jeder muss also selber an sich arbeiten und sich kennenlernen. Und dann entsprechend handeln. Flow kann dabei zwar helfen – aber eine Garantie, wie oder bei was man da reinkommt, gibt es nicht.

Menschen leben im Chaos und streben nach Ordnung

„Flow wird oft überhöht“, sagt Gerhard Huhn. Moment mal? Sagt mir da ein Coach: Dieser Zustand wird überhöht? Tut er. Und zeigt mir Werbung:
„Komm in den Flow – und steigere deine Leistung um bis zu 500 Prozent!“, steht da. „Steigere deine Kreativität um bis zu 200 Prozent!“ Gleich unter dem Bild eines Navy-Seals erscheint ein buddhistischer Mönch. „Überwinde deine Ängste! Verlängere dein Leben! Fühl dich gesund und rundum gut! Hack the Flow State! Kauf dir jetzt meine Videos und du lebst den Flow!“

„Dieses Extreme, dieser Verweis auf Selbstoptimierung!“, sagt Coach Gerhard Huhn, „das ist komplett meine Gegenposition.“ Denn er will einen anderen Flow vermitteln. Einen, der nichts mit den Grenzerfahrungen zu tun hat, die da so wort- und bildreich beworben werden. Sein Flow soll alltagstauglich sein, ein Lebenskonzept.

Csikszentmihalyi ist mit Buchtiteln wie „Flow – das Geheimnis des Glücks“ selbst nicht ganz unschuldig an solchen Heilsversprechen. Auch wenn er im Vorwort gleich betont: „Ein Leben voller Freude ist eine einzigartige Schöpfung, die man nicht nach Rezept vollziehen kann.“Er wolle stattdessen „allgemeine Prinzipien“ vorstellen.

Hinter dem Flow-Konzept steckt – wie auch hinter jeder praktischen Philosophie – ein Menschenbild. Menschen befinden sich laut Csikszentmihalyi in „psychischer Entropie“: in ständiger Unordnung, in Chaos, in einer Welt, die wir nicht begreifen. Dieses Chaos macht sich in uns als Wut, Schmerz, Angst bemerkbar. Ordnung wiederum wird mit positiven Gefühlen verbunden, besonders aber mit dem Zustand optimaler Erfahrung, dem Flow. Darum versuchen Menschen immer wieder, Ordnung und Strukturen zu schaffen.

„Glück ohne Flow gibt es nicht“, sagt Huhn. Das klingt hart. Denn nur weil ich nicht in diesem Zustand bin, heißt das ja nicht, dass ich unglücklich bin. Und tatsächlich ist Flow auf Dauer auch gar nicht möglich. Denn bei einer solchen Erfahrung wird unter anderem das „Glückshormon“ Dopamin ausgeschüttet. „Das Dopamin wird auch schnell wieder abgebaut“, sagt Huhn. „Wichtig ist, dass man das eigene Leben nicht mit angezogener Handbremse lebt, oder auf das verzichtet, was lebendig und glücklich macht.“

Selbstkenntnis und Fokus führen uns zum Hochgefühl

Aber wie kommt man nun in den Flow? Zum einen darf die Aufgabe, die man vor sich hat, nicht zu einfach und nicht zu schwer sein. Das eine würde zu Langeweile, das andere zu Überforderung führen. Der Bereich, in dem sich Sollen und Können treffen, heißt Flow-Kanal. Je nach Fähigkeiten und Talent ist dieser Kanal natürlich bei jedem anders. Aber: Jeder hat einen solchen Kanal. Es sei außerdem wichtig, sagt Huhn, zu wissen, warum man etwas tut. Wenn man etwas macht, was man eigentlich nicht tun will, kommt man schwerer in den Flow.

Unterbricht einen außerdem alle zwei Minuten das Handy, kann man sich unmöglich so konzentrieren, dass sich Flow einstellt. Ablenkungen sollte man also ausschalten. KR-Leser Felix macht das intuitiv so. Stehen Klausuren oder eine Hausarbeit an, schottet er sich von der Außenwelt ab: kein Smartphone, kein Social Media, die Zimmertür in der WG lehnt er an oder schließt sie ganz.

Auch die richtige Musik kann einem helfen, in den Flow zu kommen. Programmierer Torsten hat sich dafür eine Playlist zusammengestellt. Für Stefan, auch Programmierer, sind „Ruhe und keine festen Termine am Tag wichtig“.

Dass man mitunter auch Widerstände überwinden muss, damit es klappt, weiß Triathletin Daniela*. „Manchmal bin ich morgens einfach müde oder winterdepressiv und es dauert, bis ich reinkomme.“ Wenn sie das Training trotzdem durchzieht, versetzt sie es danach in den Flow, es durchgezogen zu haben.

Sie hat noch andere Taktiken: sich den Grund der „Quälerei“ visualisieren oder an härtere Einheiten denken, die sie schon geschafft hat. „Oder man lässt die Gedanken ganz weit weg wandern, und die Beine laufen dann fast schon von alleine.“ Das fasziniere sie auch so am Sport, sagt sie, dass „man den Geist auf Reisen schicken kann und der Körper arbeitet“.

Aber Flow bringt auch Stress, Schlafmangel, Suchtverhalten, Selbstüberschätzung

Flow bringt aber auch Symptome von Stress mit sich. Eine Studie wies dabei erhöhte Werte des Stresshormons Kortisol nach. Auch ist die Herzratenvariabilität geringer, ein Zeichen, dass der Körper nicht gut auf Belastungen reagiert. Pausen sind also einzuhalten, auch wenn es sich gerade richtig gut anfühlt. KR-Leserin Franziska kennt das vom Studium. Sie schrieb mitunter so intensiv an ihren Hausarbeiten, dass sie keine Pausen mehr machte und sogar vergaß zu essen. „Danach war ich ausgelaugt“, erinnert sie sich.

Student Felix hat nach den Lernphasen mitunter Probleme, sich zu „resozialisieren“. Auch der Schlafmangel setzt ihm dann zu, weil er im Flow oft bis nachts arbeitet. Und Torsten stellt zwar im „Tunnel“ in kurzer Zeit sehr viel Programmcode her. „Der ist aber in der Regel von eher schlechter Qualität.“

„Flow macht süchtig“, sagt Triathletin Daniela*. „Das reduziert das soziale Umfeld und macht blind für die Welt.“ Ihr Leben plant sie um ihr Hobby herum: Familienurlaub macht sie nur dort, wo es genug Sportmöglichkeiten gibt. Verabredungen trifft sie nur zum Brunch, damit genug Zeit fürs Training ist. Ihr Geld gibt sie nicht für Freizeitaktivitäten wie Kino- oder Theaterbesuche aus, sondern spart es für das nächste Teil fürs Zeitfahrrad.

Auch Flow-Begründer Csikszentmihalyi beschreibt diese dunkle Seite des Flows. Manche Leute würden die Erfahrung so sehr schätzen, „dass sie, einfach nur, um sie zu haben, große Kosten auf sich nehmen“.

Wissenschaftlich wurde Flow bei der Befragung von Big Wave Surfern mit Abhängigkeit verbunden. „Es ist wie eine Droge“, meint da einer der Befragten. Und wie bei einer Droge müssen einige auch die Dosis steigern: immer schneller surfen, auf immer größeren Wellen.

Facebook und Fifa funktionieren mit dem Flow-Konzept

Meine Schwester nahm es mit Humor, dass ich so viel am PC zockte. Sie verpasste mir damals den Spitznamen „CD“, Computer-Domi. Ab und zu spielten wir sogar zu zweit an einer Tastatur. Meine Mutter machte sich große Sorgen, dass ich süchtig sein könnte. Und mein Vater zog den Netzstecker, wenn ich seiner Meinung nach zu lange am Rechner saß. Den Streit nahm ich bereitwillig in Kauf. Ich wollte mich ja weiterhin im Spiel verlieren.

Heute weiß ich, dass Computerspiele mit System entworfen werden. „Es gibt wohl keinen Spieleentwickler mehr, der nicht Csikszentmihalyi studiert hat“, sagt Gerhard Huhn. Triathletin Daniela* hat einmal in der Gamingbranche gearbeitet. Sie bestätigt, dass mit Elementen aus dem Flow-Konzept gearbeitet wird. Die Schwierigkeit der Level wird entsprechend angepasst, es gibt Belohnungen und Gruppeneffekte – bei World of Warcraft etwa spielten sich oft ganze Gilden (Zusammenschlüsse von Spielern) in einen Rausch.

Nicht nur Spieleentwickler nutzen die Prinzipien von Flow. Auch Glücksspiele tun das. Ein einarmiger Bandit etwa folgt dem Zufallsprinzip. Dennoch glaubt der Spieler, mit jeder Münze, die er einwirft, jetzt endlich das System geknackt zu haben. Auch der monotone Rhythmus saugt den Spieler ein. Die Automaten sind entsprechend designt, um die Spieler beim Spiel zu halten. Auch die Gestaltung sozialer Netzwerke ist darauf ausgelegt, dass Nutzer so viel Zeit wie möglich auf der jeweiligen Plattform verbringen, dass sie nicht aufhören zu klicken, scrollen oder wischen.

Im Flow steigt zudem der Glaube an das eigene Können, an die eigene Selbstwirksamkeit. Die Angst vor Kontrollverlust ist geringer. Was einerseits dazu führt, dass man positiver an neue Aufgaben herangeht. Andererseits geht man dadurch aber auch Risiken ein, die man sonst nicht eingehen würde.

Programmierer Torsten spielt in seiner Freizeit Jugger. Kommt er dabei in den Flow, hat er das „Gefühl, unbesiegbar zu sein“. Beim Jugger hat er so tatsächlich noch nie einen Zweikampf verloren. Da ist Flow kein Problem. Aber beim Felsklettern, beim Big Wave Surfen oder beim schnellen Autofahren kann das gefährlich sein – und nicht nur für einen selbst. Anfänger scheinen für diese Form der Selbstüberschätzung übrigens besonders empfänglich.

Auch Unternehmen verwenden das Konzept

Können aber gar Unternehmen mithilfe des Flow-Konzepts ihre Beschäftigten derart manipulieren, dass die länger bei der Arbeit bleiben und sich für das Unternehmen aufopfern? Dass sie ihre Freunde und Familie ähnlich hintanstellen wie einige Extremsportler oder Computersüchtige? Eine Studie belegt, dass Flow-Erfahrungen im Labor erzeugt werden können, indem man eine Situation schafft, in der Fähigkeiten und Aufgabe zusammenpassen. Flow führe außerdem dazu, dass man eher bereit sei, Aktivitäten noch einmal anzugehen. Und die Voraussetzungen für Flow-Erfahrungen sind ja bekannt. Warum sollte das nicht auch bei der Arbeit gehen?

In der Dystopie „The Circle“ etwa kommt Protagonistin Mae nicht aus dem Staunen heraus: über die fortgeschrittene Technik, die heile Welt im Unternehmen, das sich sogar um Maes kranke Eltern kümmert. So befeuert das Unternehmen ihre innere Motivation und ihre Flow-Erfahrungen. Mae will etwas zurückgeben und gibt in der Folge wirklich alles für die Firma (auf).

Gerhard Huhn glaubt nicht, dass Unternehmen das Konzept ausnutzen können. „Flow kann nicht von außen verordnet werden“, sagt er. Zudem könnten die Chefs einer Firma gar nicht wissen, wie sie ihre Beschäftigten in den Flow bringen können. „Wenn sich Chefs das anmaßen, sind wir bei einer Sekte.“

Eine Metastudie aus dem Jahr 2017 legt nahe, dass es eine Win-Win-Situation für das Unternehmen und für die Mitarbeiter wäre, das Flow-Konzept zu verwenden: Leistung und Wohlbefinden der Beschäftigten würden steigen. Zudem fördere Flow nicht nur die Energie am Arbeitsplatz, sondern sogar die am Feierabend.

Die Autoren empfehlen regelmäßige Mitarbeitergespräche, um Feedback zu geben und die passenden Tätigkeiten und Aufgaben zu finden. Ein „Klima des Vertrauens“ müsse geschaffen werden und Spaß erlaubt sein. Außerdem gebe es keinen Flow ohne Pausen.

In der Studie heißt es: „In jedem Fall darf gelegentlich auch Zeit für Spaß unter KollegInnen sein. Spaß sorgt für erfrischende Pausen, die leistungsfähig halten und wiederum die Wahrscheinlichkeit von Flow in anschließenden Tätigkeiten erhöhen.“

Ein Ort, wo das umgesetzt wird, ist der kalifornische Hauptsitz des Outdoor-Ausstatters Patagonia. Der liegt direkt am Meer, in der Eingangshalle stehen viele Surfboards und ein Gong ertönt, sobald die Wellen über einen Meter hoch sind. Alle Mitarbeiter dürfen dann ihre Arbeit unterbrechen und surfen gehen.

Schließlich ist es wohl so, wie KR-Leserin Ruth schreibt: Flow selbst ist weder gut noch schlecht. Er kann dabei helfen, dass man den eigenen Weg besser findet. Mit Flow kann aber auch manipuliert werden. Darum ist es wichtig, wachsam zu sein und zu wissen, was man braucht. „Wenn man Flow nur bei einer Tätigkeit hat, ist das problematisch“, sagt Coach Huhn. Ich selbst hatte damals wohl Glück: Ich war nicht nur der „CD“, der Computer-Domi, sondern auch der Handball- und der Bücher-Domi.


Die Triathletin heißt nicht Daniela – sie wollte aber nicht mit ihrem richtigen Vornamen zitiert werden.

Vielen Dank euch für eure zahlreichen Mails, Denkanstöße und Erfahrungen! Daniela, Felix, Jele, Franziska, Ruth, Johannes, Annette, Stephan, Stefan, Ute, Winfried, Nana, Ute, Torsten, Franziska, Martin, Sarah, Bennet, Norman.

Redaktion: Christian Gesellmann; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

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