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Social-Media-Manipulation, Folge 2

10 Fragen, mit denen du einen Fake-Account auf Twitter erkennst

etwa 7 Min. Lesedauer

Alle Folgen von „Social-Media-Manipulation“:


Twitter steht im Ruf, den Bot-Armeen dieser Welt ein perfektes Biotop zu bieten. Obwohl das soziale Netzwerk in den letzten Jahren einiges getan hat, um eine „gesunde Gesprächskultur“ zu fördern, ist das Problem nicht verschwunden. Wenn du Twitter nutzt, wird dir das sicher immer wieder auffallen: Dir folgen Accounts, bei denen du dir weder erklären kannst, wie sie auf dich aufmerksam geworden sind, noch welche Verbindungen zwischen euch bestehen könnten. Viele Frauen aus meinem Umfeld kennen zum Beispiel das Phänomen, das amerikanische (Ex-)Soldaten ihnen kurz folgen und dann wieder verschwinden. Sind das alles Bots?

Wie im Internet manipuliert wird und welche Folgen das für unser Zusammenleben, unsere Gesellschaft und unsere demokratischen Prozesse hat, interessiert mich besonders, seitdem klargeworden ist, dass demokratische Wahlen dadurch in Gefahr sind. Ich habe mich mit diesem Thema ausführlich in dieser Serie über Wahlmanipulation am Beispiel des Brexit beschäftigt.

In Folge 1 dieser Serie über Social-Media-Manipulation hast du schon viel darüber gelesen, wie schwer es sein kann, Fake-Accounts zu erkennen und warum das so ist. Twitter ist berühmt-berüchtigt für seine „Bot- Armeen“. Aber wie du gesehen hast, besteht nur ein kleiner Teil des Problems aus echten Bots. Es gibt zwar unfassbar viele Bots, die häufig auch nur eine kurze Halbwertszeit haben und unter anderem deshalb so schwer dingfest zu machen sind. Aber sie sind nur ein Teil von gesteuerten Desinformationskampagnen. Für normale Twitter-Nutzer wie dich und mich ist es schwierig, hinter die Architektur und Aktivitäten dieser gesteuerten Aktionen zu blicken. Dafür brauchen wir Internetforscher und -analysten. Aber du kannst mit dieser Checkliste mehr Klarheit gewinnen, wenn dir ein Account verdächtig vorkommt.

Jeder einzelne Punkt der Checkliste ist für sich genommen noch kein klares Anzeichen dafür, dass es sich um ein automatisch oder halbautomatisch gesteuertes Profil handelt. Aber je mehr Anzeichen aus dieser Liste du bei einem Twitter-Account findest, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Fake-Account handelt. Mit den folgenden Fragen kannst du dich selbst gegen das Trollbot- und Fake-Account-Problem besser wappnen.

1. Wann wurde der Account erstellt?

Auffällig sind junge Accounts mit einer geringen Followerzahl, die aus nicht ersichtlichem Grund auf dich aufmerksam werden. Wenn es keine gemeinsamen Bekannten gibt und du auf die Frage „Warum folgt mir der Account?“ keine plausible Antwort findest, können erst kürzlich erstellte Accounts verdächtig sein.

2. Wann hat der Account zuletzt getwittert?

Auffällig ist, wenn der Account schon lange nichts mehr getwittert hat, dir aber trotzdem zu folgen beginnt.

3. Wie viele Grammatik- und Rechtschreibfehler sind in den Tweets?

Wenn ein Account Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hat, muss das nichts heißen: Weder erlaubt es das Urteil, dass der dazugehörige Mensch dumm ist (Legasthenie sagt zum Beispiel nichts über Intelligenz aus), noch dass es sich um einen russischen Bot handelt, der nur einen Deutsch-Schnellkurs gemacht hat. Dennoch können schlechtes Deutsch oder Englisch ein Hinweis sein, dass der Account aus dem Ausland betrieben wird und zu einer gesteuerten Kampagne gehört.

4. Ist das Profilfoto echt?

Viele Trollbots nutzen Stockfotos für das Profil oder Fotos von gehackten Accounts. Mit der umgekehrten Bildersuche von Google kannst du überprüfen, ob das Foto für mehrere Accounts benutzt wird. Wenn ja, ist das höchst verdächtig.

5. Gibt es überhaupt ein Profilfoto?

Ein fehlendes Profilfoto kann darauf hinweisen, dass der Account im Schnellverfahren erstellt wurde. Auch Bot-Bastler können Faulpelze sein.

6. Twittert der Account nur kontroverse und hochpolitische Inhalte?

Wenn du den Eindruck hast, sämtliche Botschaften sollen Zwietracht säen, provozieren und diffamieren, oder wenn nur extreme politische Positionen vertreten werden, ist der Account verdächtig. Kennst du echte Menschen, die sich so verhalten würden? Sie sind extrem selten und haben vermutlich keine Freunde. Warum solltest du dich online mit so einem Profil auseinandersetzen?

7. Wie oft twittert der Account?

Diese Frage ist weniger hilfreich, als sie scheint. Denn nicht alle Accounts, die viel twittern, sind verdächtig. Menschen, die zum Beispiel von Konferenzen aus twittern, wollen zwar Aufmerksamkeit für ihr Thema erzielen, machen sich damit aber nicht gleich verdächtig. Vor einigen Jahren haben Internetforscher die magische Grenze von 50 Tweets pro Tag in die Welt gesetzt. Das ist jedoch inzwischen total überholt. Bots können viel oder wenig twittern, man kann dafür keine allgemeingültige Grenze ziehen.

8. Wann twittert der Account?

Ein Account, der vorgibt, deutsch zu sein, aber aus einer ganz anderen Zeitzone twittert, ist verdächtig. Du kannst auf der Website Scot or Bot dieses Tool finden, mit dem sich die Zeitzone der Tweets darstellen lässt.

9. Welchen Ort gibt der Account an?

Ausländische Fake-Accounts nutzen häufig recht unspezifische Ortsangaben, zum Beispiel „Deutschland“ oder „Europa“. Die meisten echten Menschen auf Twitter sind da viel spezifischer und schreiben ihren Wohnort hin.

10. Hat der Account kürzlich seinen Namen, die Bio oder die Agenda geändert?

Fake-Accounts mit vielen Followern tauschen manchmal all dies plötzlich aus, mit dem Ziel eine andere Zielgruppe anzusprechen. Auch, wenn massenhaft Tweets aus dem eigenen Profil gelöscht werden, deutet das auf das Umfunktionieren eines eingeführten Fake-Accounts hin. Natürlich ändern auch echte Menschen von Zeit zu Zeit ihre Positionen, aber sie löschen nicht unbedingt massenhaft alte Tweets, ändern ihren Namen, Bio und Agenda in einem Aufwasch.

Quellen für die Tipps:

Was kannst du tun, wenn du einen „falschen Freund“ gefunden hast oder selbst attackiert wirst?

Wenn du glaubst, dass du es bei einem verdächtigen Account mit einem Bot oder Trollbot zu tun hast, solltest du Twitter Bescheid geben. Hier beschreibt Twitter, wie das geht. Wenn du unsicher bist, ob ein automatisierter Account gegen die Twitter-eigenen Regeln verstößt, kannst du das bei Twitter überprüfen. Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz hat auf seiner Website Informationen darüber, was du machen kannst, wenn du der Meinung bist, dass Twitter nicht korrekt mit deiner Meldung umgeht, zum Beispiel, wenn der Trollbot Hasspostings verbreitet, die strafrechtlich relevant sein könnten.

Wenn du selbst unter Attacke einer Trollbot-Horde geraten bist, lautet die Empfehlung von Experten, die Accounts nicht zu blocken, sondern zu muten – also stummzuschalten. Dadurch ist es für die Trollbots weniger ersichtlich, dass du auf ihre Provokation reagierst, weil sie darüber von Twitter nicht benachrichtigt werden. Außerdem solltest du sofort Screenshots von den Postings machen, inklusive der unter dem Tweet angezeigten Meta-Informationen wie Datum und Ort.

Wenn das nicht reicht, weil sich bereits echte Menschen in die von Fake-Accounts angezettelte Attacke einschalten, kannst du in die Offensive gehen und dein Netzwerk um Hilfe bitten. Am besten rufst du nicht selbst öffentlich dazu auf, sondern bittest jemanden, das für dich zu tun. Dabei ist es einerseits wichtig, respektvoll und bestimmt zu kommunizieren, andererseits möglichst viele Unterstützer in kurzer Zeit zu gewinnen. Im Report „Hass auf Knopfdruck“ findest du dazu weitere nützliche Infos. Gleichzeitig sollten die Plattformbetreiber informiert und dazu aufgefordert werden, gegen die Angriffe Maßnahmen zu ergreifen. Außerdem kannst du die Internet-Wache der zuständigen Landespolizei aktivieren.

Was Twitter gegen Fake-Accounts tut

Im Oktober 2018 hat Twitter alle Accounts und deren Tweets veröffentlicht, bei denen es ab dem Jahr 2016 eine Verbindung zu gesteuerten Desinformationskampagnen sieht. Das soll dazu beitragen, dass staatliche und internationale Abwehrorganisationen und Forschungsgruppen besser verstehen, wie diese Desinformationskampagnen strukturiert sind, um Strategien für den Umgang damit entwickeln zu können.

Twitter reguliert außerdem inzwischen stärker die Schnittstelle für App-Entwickler und Twitter-Analysten, die sogenannte API, um besser nachvollziehen zu können, welche Daten die Plattform verlassen. Allerdings wird nur eine Telefonnummer verlangt, so dass nicht klar ist, wie sehr diese Maßnahme Missbrauch verhindert.

Im Juli 2018 hat Twitter außerdem 70 Millionen Accounts von der Plattform gelöscht, was auch dazu führte, dass einige prominente User viele Follower verloren haben. Und wohl auch dazu, dass Twitter zuletzt 9 Millionen tägliche User weniger auf der Seite hatte. Dennoch sagt Twitter, dass es mit dem Aufräumen weitermachen will. All das wird jedoch das Problem nicht lösen, da sind sich so ziemlich alle Experten einig.

Beim Twittern ist vor allem die Geschwindigkeit ein Problem. Deshalb ist schon viel gewonnen, wenn du Tempo rausnimmst und die Links, die du weiterverbreitest, vorher prüfst.


Hier geht es zu Folge 3 meiner Serie: 7 Fragen, mit denen du ein Fake-Profil auf Facebook erkennst.

Desinformationskampagnen und Falschinformation sind auch ein großes Problem bei Medizin- und Gesundheitsthemen.

Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.