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Sexarbeit

Warum Frauen Sex kaufen

Interview von Theresa Bäuerlein
etwa 15 Min. Lesedauer

Sie hat nicht die Biografie, die man sich bei einer Frau vorstellt, die sexuelle Dienstleistungen anbietet. Kristina Marlen hat erst studiert, unter anderem Jura, dann wurde ihr klar, dass ihr die Arbeit mit Körpern mehr lag. Also machte sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Sex gegen Geld war für die erklärte Feministin lange ein Tabu – bis sie es selbst brach. Und feststellte, dass sie das nicht erniedrigte, sondern glücklich machte.

Ich habe Kristina Marlen vor einem Jahr im Rahmen einer anderen Recherche kennengelernt, bei der es darum ging, wie das Prostituiertenschutzgesetz Sexarbeiterinnen, die ihre Arbeit freiwillig machen, schadet (und nicht nur denen). Kristina wurde mir als Gesprächspartnerin empfohlen. Tatsächlich hatte ich zunächst fest vor, sie als Protagonistin einzubeziehen, habe aber dann einen anderen Artikel geschrieben, als ich ursprünglich vorhatte – weil ich zu dem Schluss kam, dass ich dieses Gesetz einmal gründlich und sachlich durcherklären musste, bevor ich mich „Sonderfällen“ wie Kristina Marlen widmete.

Aber die Begegnung mit ihr ging mir nicht aus dem Kopf, und so habe ich sie im Herbst 2018 noch einmal getroffen – ohne genau zu wissen, was daraus entstehen würde. Das Ergebnis ist dieses Interview.

Du hast einmal geschrieben, sexuell selbstbestimmte Frauen seien „scary“. Was meintest du damit?

Eine Frau, die wirklich in ihre Körperlichkeit reingeht und keine Scheu hat vor der Größe und der Wuchtigkeit, die sexuelle Lust entfalten kann: Das schüchtert manche schon ein. Männer finden es ja eigentlich super, wenn eine Frau sexuell selbstbewusst ist. Aber sie erleben dann auch, dass eine Frau ganz schön viel Raum beim Sex einnehmen kann. Zu mir kommen Frauen, die mehrfache Orgasmen haben und ejakulieren – für viele ist das total fremd, weil sie das nicht kennen, sich ekeln und denken, jetzt passiert etwas Schlimmes. Und: Wir sind ja so geprägt, dass wir meinen, Lust muss immer schön aussehen und hygienisch sein. Auch die Frauen selbst finden es deshalb oft schwierig, die Angst und die Scham loszulassen.

Eine Anmerkung, die Marlen wichtig ist: „Wenn ich hier von Frauen rede, meine ich übrigens Menschen mit Vulva, die eine weibliche Sozialisation erfahren haben und sich als Frauen identifizieren. Zu mir kommen aber auch Transpersonen, die sich nicht als Frau identifizieren oder Frauen, die keine Vulva haben oder eben nicht von Geburt an.“

Wegen was schämen die Frauen sich?

Es ist schwierig, dafür Worte zu finden, weil man sich dann gleich anhört wie in einem Selbstfindungsseminar. Es geht um Wildheit, um Nicht-Zivilisiertheit vielleicht, die sich auch körperlich zeigt. Und die sich nicht darum schert, ob sie zu viel ist.

Du schreibst von Frauen, die zu dir kommen und so heftig auf deinem Arm reiten, dass du später zum Orthopäden musst. Das klingt ziemlich entfesselt.

Frauen lernen ja ganz schnell und früh, dass sie zu viel sind, wenn sie laut oder wild werden und dabei nicht hübsch aussehen. Ich war früher zum Beispiel immer ein zu wildes Kind und hatte sogar beste Freundinnen, deren Mütter nicht mehr wollten, dass ich mit ihnen spiele, weil die dann immer so dreckig nach Hause kamen, weil wir in irgendwelchen Wäldern rumgetobt sind. Ich erinnere mich noch gut an das Schuldgefühl, das ich dann hatte.

Mädchen und Frauen wird immer noch beigebracht, dass sie zurückhaltend sein sollen.

Ich spreche ungern in Klischees wie „Männer und Frauen sind so“, weil ich auch so viele Ausnahmen kenne und meine Praxis mich lehrt, nicht in Klischees zu denken, sondern den Menschen zu sehen. Aber ich denke, dass es zu einer männlichen Sozialisation gehört, dass sich das weibliche Gegenüber in gewisser Weise domestiziert verhält – dass sie gefällt. Und insofern glaube ich, dass es durchaus zu Überraschungen führen kann, wenn eine Frau sich sexuell holt, was sie will. In meiner Praxis erlebe ich das sehr stark, aber das ist aber auch ein besonderes Setting, weil ich da als Dienstleisterin komplett für die Frau da bin. Für viele ist das auch ein Schlüsselerlebnis, weil sie noch nicht erlebt haben, dass es wirklich um sie gehen kann, auf einer sexuellen Ebene.

„Es spricht ja nichts gegen Heterosex, aber man muss zugeben, dass er manchmal ein bisschen langweilig ist.“

Die meisten Menschen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen, sind Männer. Zu dir kommen aber auch viele Frauen. Die nicht unbedingt lesbisch sind.

Mittlerweile habe ich 40 Prozent weibliche Kundinnen, würde ich sagen.

Wie kommt das?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, sie wollen herausfinden, was sonst noch möglich ist. Gerade, wenn Frauen vor allem an Heterosex gewöhnt sind. Es spricht ja nichts gegen Heterosex, aber man muss zugeben, dass er manchmal ein bisschen langweilig ist. Ich kenne das ja selbst, wenn ich mit Männern Sex habe. Dann weiß ich nach spätestens nach dem dritten Mal: Wenn ich jetzt nicht irgendwas mache, dass dem ganzen einen anderen Dreh verleiht – und ich habe ja ein Repertoire durch meine Arbeit und mein Privatleben – dann würde das immer in einer bestimmten Routine weitergehen. Bisschen lecken, bisschen blasen, dann wird gefickt.

Kaufen Frauen deswegen selten Sex bei Männern?

Ich denke, es kann für eine Frau schon ein tolles Gefühl sein, wenn sie einen Mann bezahlt. Aber sie kriegt dann ja auch nur wieder den Sex, den sie schon kennt. Ich habe ein paar männliche Sexarbeitsfreunde, das sind wirklich hübsche Kerle – wenn eine Frau das will, ist sie bei denen sehr gut aufgehoben. Aber das Problem als Frau ist ja nicht, irgendwo Sex zu bekommen. Häufig sind sie eben ein bisschen gelangweilt davon. Sie wollen wissen, was es noch so gibt.

Ja, was ist denn da noch?

Allein schon eine Situation, in der es nicht das Gefühl gibt von Vorspiel, Hauptgang und dann schlafen wir ein. Meine ganze Arbeit dreht sich darum, wie sexuelle Energie entsteht, wie ich die halten kann, ich lenke die wie einen dramaturgischen Faden. Wie kann ich andere Formen von Körperlichkeit reinbringen – ein bisschen weg von den Genitalien, wieder hin zu den Genitalien, eine Ganzkörpersinnlichkeit, die aber nicht asexuell wird. Dann gibt es noch andere Elemente – das kann BDSM sein, muss aber nicht. Und ich schließlich habe einfach Sextechniken, die, glaube ich, unter Heteros nicht so bekannt sind.

BDSM umfasst Fesselung und Disziplinierung, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus.

Die Sexarbeiterinnen Kristina Marlen und Mareen Scholl

Du redest vom Handwerk.

Ja. Die Erfahrung habe ich wirklich regelmäßig, dass ich Frauen berühre und sie mir sagen: „Was ist das denn?!“ – und dann erkläre ich, jetzt bin ich mit meinen Fingern ungefähr bei deiner G-Fläche und dann fragt sie wieder: „Oh Gott, was ist das?“ – und ich sage, jetzt bin ich bei der Zervix, und wenn ich jetzt hier hochgehe ...

Meistens lernt man ja, dass bei Frauen die Klitoris wichtig für die Lust ist. Und das war's dann.

Und auch da ist die Aufklärung ziemlich dürftig. Die Klitoris ist ja nicht nur dieser kleine Punkt, den man auf Querschnitten sieht, sondern ein fettes Organ mit Schenkeln, die sich tief in den Körper ziehen und mit Schwellkörpern – das wird in keinem Anatomiebuch dargestellt. Das weibliche Genital ist überhaupt ein dreidimensionales Empfindungsorgan, die ganzen Beckenbodenmuskeln sind daran auch noch beteiligt, und es besteht Empfindsamkeit bis zur Zervix. Das weiß niemand, oder es ist viel zu unbekannt.

„Wie soll Frau sich kennenlernen, wenn die einzige sexuelle Praxis im Geschlechtsverkehr besteht?“

Viele Frauen kennen ihren Körper gar nicht so genau. Wenn sie vor allem heterosexuelle Begegnungen hatten, wissen sie, wie Geschlechtsverkehr funktioniert, aber der ist für das weibliche Genital nicht unbedingt die funktionalste Form, Lust zu haben. Und wie soll Frau sich kennenlernen, wenn die einzige sexuelle Praxis im Geschlechtsverkehr besteht? Das allein herauszufinden ist schon ein Riesending, das war für mich auch so.

Also, klar, ich hatte auch tollen Sex in tollen Szenarien, die mich angemacht haben, dass ich mal einen Typen aufgerissen und in irgendeinem Bus gevögelt habe. Aber ich meine dieses rein physische Verstehen – wie weit ist meine Klit von meinem Vaginaleingang weg, wieso funktioniert diese Stellung so für mich und diese nicht …

Wo soll man das auch lernen!

Dass Männer masturbieren, ist auf eine Art selbstverständlicher, wie ein Sport, die machen ja Kekswichsen und so. Und ich wüsste nicht, dass Frauen oder kleine Mädchen etwas Ähnliches machen. Wir lernen, da ist ein Loch, da ist ja nichts. Und dann ist es auch noch irgendwie etwas, das eventuell komisch riecht, wenn man es nicht wäscht. Und dieses Gefühl bleibt. So kommt es, dass Mädchen sexuelle Gefühle haben und die gar nicht so wahrnehmen, während bei Männern klar ist, was das ist und worauf das hinausläuft.

Es gibt Tests, bei denen Männern und Frauen pornografische Darstellungen gezeigt werden und man fragt, ob sie erregt sind und misst es auch auf körperliche Ebene. Bei Männern ist das Ergebnis relativ kongruent: Wenn sie sagen, sie seien erregt, dann sind sie es auch. Viele Frauen sagen, bei ihnen passiert nichts, gleichzeitig ist messbar hohe Erregung da. Ich habe auch irgendwann gemerkt, dass ich die Signale meiner Erregung gar nicht wahrgenommen habe. Es gab von Möse zu Gehirn quasi keine vernünftige Verknüpfung.

Die Studie, von der Kristina Marlen hier spricht, ist hier zu finden.

Woran liegt das?

Das muss antrainiert sein, das kann biologisch nicht so gedacht sein.
Aber es geht ja auch anders, das weiß ich. In einer Session gebe ich erstmal dem ganzen Körper das Gefühl, gehalten zu sein, willkommen zu sein. Das erlaubt der Frau eine psychische Bereitschaft, sich weiter fallen zu lassen, und das erlaubt dann auch langsamere Formen der Erregung. Heterosex-Situationen lassen nicht immer langsame und tiefere Formen von Erregung zu, die Frauen aber brauchen, um eine tiefere Form der Lusterfahrung zu erleben. Das geht nicht bei Sex, der zehn Minuten dauert.

Ich denke aber, in meinen Sessions spielt auch eine wichtige Rolle für Frauen, dass da überhaupt die heterosexuelle Dynamik wegfällt.

Heterosexuelle Dynamik …?

Es gibt bestimmte Verhaltensweisen, sobald Männer und Frauen im Raum sind. Es gibt einstudierte Techniken von Frauen, Aufmerksamkeit zu bekommen wegen dieses Bemühens um die Anerkennung durch den männlichen Blick. Das ist so ein bestimmtes Gebaren – anders kann ich das gar nicht nennen. Frauen haben den Blick von außen verinnerlicht. Das ist manchmal schmerzhaft zu erkennen, bei sich selbst und anderen. Ich möchte das nicht bewerten, ich kann nur sagen, dass es so ist. Darin steckt ja auch ein Lustgewinn.

Ich weiß ja auch selbst noch, wie das ist: Wenn man sich sexy fühlt und schön und von allen bewundert wird, dann würde man eher nicht benennen, dass es hier um einen Attraktivitätswettbewerb handelt, in dem man versucht zu punkten – und eben gerade super abschneidet.

Aber wenn ich es von außen betrachte, wirkt es manchmal schon so, als habe ich es hier nicht mit vollständigen Personen zu tun, sondern mit Menschen, die Selbstwert über eine Anerkennung von außen gewinnen, nämlich, wenn ein Mann sie wahrnimmt und für attraktiv erklärt. Das passiert zum Teil unabhängig von Bildungstand und Status. Ab einem bestimmten Alter verändern sich sowieso die Regeln des Spiels, und das ist häufig auch nochmal ein schmerzhafter Punkt für Frauen.

Außerdem: Wenn es um Sex zwischen Männern und Frauen geht, entwickelt die Penetration so eine Zentrifugalkraft – alles geht dahin. Das hat mich schon beschäftigt, weil ich weiß, dass auch Ehen entlang dieser Dynamiken verlaufen.

Ich glaube: Für Männer ist die Hure ein verbotenes Lustobjekt, das sie sich kaufen können. Für Frauen verkörpert sie die schlimmste Version ihrer selbst, die sie sein kann. Wenn eine Frau also Interesse daran hat, ihre eigene Lust besser zu verstehen, geht sie garantiert nicht in den Puff.

Man muss ja auch erstmal auf die Idee kommen, sich selbst dazu zu ermächtigen, so etwas auszuprobieren. Sexuelle Dienstleistungen zu kaufen, das ist ja ein Tabu für Frauen. Es fehlt aber auch einfach an Angeboten. Es gibt ganz viele Rotlichtbezirke, wo du als Frau gar nicht reindarfst. Ich kenne aber auch einige Kollegen und Kolleginnen, die sagen, dass sie – na ja, nennen wir es mal Respekt – vor weiblichen Kunden haben, weil sie gar nicht wissen, was sie mit denen machen sollen.

Natürlich kommt es auf die Branche an, es gibt ja wirklich sehr viele Äste in der Sexarbeit. Bei den Tantra-Massagen hat man sich schon stark auf bestimmte Formen weiblicher Sexualität konzentriert. Aber dort distanziert man sich auch von Sexarbeit und verkauft eher ein Erlebnis von Sinnlichkeit oder Therapie.

Ich kenne auch Frauen, die in Swingerclubs gehen. Aber das als Frau allein zu machen, ist echt eine harte Nummer. Da gibt es immer eine Traube von zehn wichsenden Männern, die als Schwarm herumziehen und alle Szenarien ansehen. Und als Frau musst du dich eher erst mal wehren gegen Angebote, die du nicht möchtest, bevor du dich darauf konzentrieren kannst, was du willst. Deswegen gehen Frauen da meistens eher mit Partner hin.

Kaufen Frauen auch deswegen keinen Sex, weil die emotionale Beziehung für sie wichtiger ist?

Das ist ein Klischee, und ich halte es für eine Lüge. Emotion ist für Frauen im Zweifel auch Arbeit, und zwar eine, die sie auch in privaten Beziehungen übernehmen. Frauen genießen es sehr, wenn sie das mal nicht machen müssen.

Was viele Frauen bei den Mainstream-Angeboten nicht so attraktiv finden, ist nicht die fehlende Emotionalität, sondern das mechanistische. Das heißt nicht, dass sie sich immer verlieben müssen, wenn sie mit jemandem ins Bett gehen. Von Mainstream-Pornos können alle Geschlechter erregt werden. Aber das eine sind die Reize, und das andere ist der Schritt, dass man sich tatsächlich auf Sex einlässt. Der hat für Frauen auch mit Vertrauen zu tun, denn eine weibliche Sozialisation bedeutet immer auch, potenziell Übergriffen ausgesetzt zu sein.

Eine bekannte Forscherin in den USA, Marta Meana, hat die These aufgestellt, dass die Lust von Frauen hauptsächlich durch das Begehren der Männer entsteht.

Ich würde das zum Teil leider bestätigen. Und ich glaube, dass die Frauen, die zu mir kommen, sehr müde sind davon. Ich erinnere mich auch an einen Punkt in meinem Leben, an dem ich so richtig die Schnauze voll davon hatte. Es war geradezu zellulär spürbar, dass ich dachte: Ich weiß eigentlich gar nicht, was mir gefällt. Ich weiß, wie ich Yoga mache und Sport, aber ich weiß zu wenig über das, was mich anmacht.

Das ist ganz verbreitet, eine Kundin hat es letztens so beschrieben: „Ich bin nicht in meinem Körper, ich bin die ganze Zeit in einer Anstrengung nach sexueller Anerkennung. Und wenn ich über meine Lust nachdenke, fällt mir immer nur ein, wie ich aussehe und wie ich auf eine bestimmte Art begehrt werde.“

Es war bei mir auch nicht so, dass etwas in mir gebrodelt hat, das endlich rausmusste. Wenn ich in mich hineingeblickt und mich gefragt habe: „Was brauche ich eigentlich?“ – habe ich erstmal nichts gesehen. Genau das ist für viele Frauen ein Schlüsselerlebnis, irgendwann.

Ist das der Punkt, an dem sie zu dir kommen?

Ganz viele haben genau so einen Moment hinter sich. Es ist schwer, das zu formulieren und nicht gleich wieder einen Stempel daraus zu machen, wie „die Hure ist immer ein Opfer“. Hier wäre das eben: „Es gibt eine Leerstelle, wo das weibliche Begehren ist.“ Man muss aber trotzdem konstatieren, dass häufig leider genau das stimmt.

Aber das heißt nicht, dass das Begehren nicht da ist.

Ja. Wenn wir feststellen, dass empirisch etwas stimmt, heißt das aber nicht, dass das die Sexualität der Frau ist. Das war es, was ich vorhin meinte: Wenn ich von weiblichem Begehren spreche und Aussagen über „die Frauen“ treffe. Damit meine ich, das sind Körper, die diese Geschichte haben. Das ist nicht das sexuelle Wesen der Frauen. Und vielleicht muss jetzt einfach ein Wendepunkt stattfinden.

Es gab ja die sexuelle Revolution, aber mit der Befreiung an sich ist noch nicht die Frau befreit. Seit 68 ist klar, dass die sexuellen Beziehungen nicht losgelöst sind von den ökonomischen Bedingungen. Wenn du in diesem Gebilde an einem Faden ziehst, wirst du irgendwann beim Gender Pay Gap landen. Die ganze patriarchale Ordnung ist da am Start.

Du sprichst ja auch von der „weiblichen Potenz“.

Der Begriff ist nicht von mir, die Philosophin Svenja Flaspöhler hat den benutzt. Aber ich finde mich darin sehr stark wieder, weil ich feststelle, wie es ist, als starke Frau durch die Welt zu gehen. Auf welche Irritationen ich stoße und was ich hinter mir lassen muss.

Zum Beispiel?

Ich verstehe immer mehr in der Tiefe, was für eine Domestizierung wir als Frauen quasi permanent erleben. Ich lese feministische Literatur, seit ich 14 bin, mit Mitte zwanzig habe ich darüber Reden gehalten, ohne wirklich etwas verstanden zu haben. Aber erst später habe ich in der Tiefe begriffen, wie wir kleingehalten und belächelt werden, weil wir niedlich sein sollen. Und habe dann angefangen, das nicht mehr zu machen, sondern mit einem Selbstverständnis herumzulaufen, das Männer nur im Umgang mit anderen Männern gewohnt sind. Ich merke immer wieder, dass das etwas ist, das nicht gewöhnlich ist.

In diesem Video erzählt Kristina Marlen mehr über ihren Werdegang – und auch darüber, warum sie denkt, dass Sexarbeiter in der #metoo/Bewegung eine wichtige Rolle spielen.


Redaktion: Rico Grimm; Bildredaktion: Martin Gommel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.

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