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Arbeitsmarkt

Wenn Unternehmen ihre Bewerber einfach sitzenlassen

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Die Zeiten in Deutschland sind noch gut für Arbeitnehmer. Die Arbeitslosigkeit geht seit zehn Jahren stetig zurück, und es gibt viele Branchen, die händeringend Angestellte suchen. Das neue Einwanderungsgesetz macht es Fachkräften leichter, in Deutschland zu arbeiten. Plattformen wie Xing, LinkedIn helfen, sich selbst und seine Fähigkeiten online bestens zu präsentieren. Zudem gibt es immer mehr Headhunter, die gezielt nach Menschen mit bestimmten Fähigkeiten suchen und sie für Firmen anwerben.

Das klingt wie ein Schlaraffenland. Doch in einigen Branchen ist die Situation für Berufseinsteiger trotzdem schwierig. Denn immer mehr Bewerber erhalten keine Antworten auf ihre Anschreiben und wissen somit nicht, ob die Bewerbung angekommen ist, das Verfahren noch läuft oder der Job bereits besetzt wurde. Einige Unternehmen stellen sich einfach tot. Im Dating würde man sagen, sie „ghosten“ ihre Bewerber.

Die Interviewpartner haben sich über verschiedene Aufrufe, in der Krautreporter-Mitgliederpost oder über Social Media, bei mir gemeldet und mit mir über ihre Erfahrungen gesprochen. In gemeinsamer Absprache wurde entschieden, nur die Vornamen der Interviewpartner zu veröffentlichen, da sich viele noch in Bewerbungsprozessen befinden und deshalb nicht wollen, dass ihr voller Name online auftaucht.

Krautreporter-Mitglieder aus der Medien-, der IT-, der Personal- und Software-Branche haben mir erzählt, was sie in ihren Bewerbungsphasen häufig erlebt haben:

„Ich habe in einem Jahr rund 100 Bewerbungen rausgeschickt und nur wenige Antworten darauf erhalten – fünf Mal wurde ich zu einem Gespräch eingeladen“, sagte KR-Mitglied Sonja. Teilweise habe sie fast ein Jahr auf eine Antwort warten müssen. „Das ist lächerlich. Nach so einer langen Zeit können sie sich das dann auch wirklich sparen.“

Von einer befreundeten Personalerin erhielt Sonja die Info, dass sie einfach mit 30 Jahren schon zu alt sei und Arbeitgebern auch besser verheimlichen sollte, dass sie verlobt ist. „Sie meinte, sonst glauben alle, dass ich sofort ein Kind bekommen will und eh nicht mehr zur Verfügung stehe.”

Bewerber wissen nicht, ob sie überhaupt noch ein Eisen im Feuer haben

Thomas hatte sich als studierter Geisteswissenschaftler schon darauf eingestellt, viele Bewerbungen schreiben zu müssen, bis er einen Job bekommt. Doch die geringe Resonanz auf seine Anschreiben ärgerte ihn: „Ich habe vielleicht auf ein Viertel meiner Bewerbungen überhaupt eine Antwort bekommen. Man weiß dann einfach nicht, ob man abgelehnt wurde oder sich das Verfahren noch zieht. Also kann ich mir auch nie sicher sein, ob ich gerade noch Eisen im Feuer habe. Das ist extrem respektlos.“ Thomas hakte deshalb nach: „Nur in wenigen Fällen fand ich überhaupt eine Telefonnummer. In den größeren Unternehmen wurde mir dann gesagt, dass man zu laufenden Verfahren keine Auskunft geben könne oder dass keiner zuständig sei.“

Stefanie wurde zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Vor Ort teilte man ihr mit, dass die Stelle bereits vergeben worden sei, man sie aber nicht hatte ausladen wollen. Trotz des fast zweistündigen Gesprächs, und dem Versprechen des Personalers sich zu melden, hörte sie nie wieder etwas.

Markus nahm sich frei, ging eine Woche unentgeltlich zum Probearbeiten und mietete sich während dieser Zeit sogar in ein Hotel ein: „Nach meinem letzten Arbeitstag wurde mir Feedback versprochen, aber es hat sich nie wieder jemand gemeldet. Die Reise- und Hotelkosten musste ich selbst tragen.“

Warum tun Firmen das?

Zu viele Akademiker und zu wenig Jobs in vielen Branchen

Einer, der sowohl die Bewerber- als auch die Firmenseite kennt, ist Thomas Heiden. Er arbeitet als Headhunter. Seine Aufgabe ist es, für ein Unternehmen passende Bewerber zu suchen, diese zu begeistern und im Idealfall in eine zu besetzende Position zu bringen. In der Regel geht es bei ihm jedoch um Führungspositionen.

Heiden weiß aber auch, dass der Markt für Berufseinsteiger in einigen Branchen, wie den Medien oder im Kreativbereich, sehr schwierig geworden ist, denn immer mehr Akademiker drängen in den Berufsmarkt. Den Fachkräftemangel gibt es zwar, aber nur in einzelnen Bereichen, vor allem in denen, für die man nicht studieren muss.

Esther Göbel hat sich bei Krautreporter mit dem Thema Überqualifikation beschäftigt.

Laut Heiden ist es durch das Internet und Bewerbungsportale sehr einfach geworden, freie Stellen zu finden. Zudem machen Computer und Vorlagen es immer leichter, große Massen an Bewerbungen zu schreiben und so zu verändern, dass man sie einfach ans nächste Unternehmen schicken kann. „Noch vor zehn Jahren hat jeder Bewerber sein Anschreiben ausgedruckt, dazu eine teure Mappe gekauft und per Post eingesendet. Durch die Digitalisierung ist es für die Bewerber extrem leicht geworden, eine große Masse an Anschreiben rauszuschicken. Wo also früher große Firmen 3.000 Bewerbungen im Jahr erhalten haben, trudeln heute teilweise über 30.000 ein.” Heiden ist sich sicher, dass die Unternehmen die Bewerber nicht vorsätzlich schlecht behandeln, sondern einfach überlastet und unstrukturiert sind.

„Da stimmen die Prozesse nicht, Aufgaben werden unklar verteilt und wenige Dinge automatisiert. Da schleichen sich sehr einfach Fehler sein, die im Endeffekt die Bewerber treffen.” Sich nach einem Bewerbungsgespräch, Assessment Center oder Probearbeiten nicht zu melden oder Zusagen zurückzuziehen, ist seiner Meinung nach jedoch einfach nur unprofessionell und wirft kein gutes Licht auf ein Unternehmen.

Das Gleichstellungsgesetz und die Datenschutzgrundverordnung machen viel kaputt

Sein Headhunter-Kollege Alexander Walz glaubt, dass auch aktuelle Gesetze dafür sorgen, dass Unternehmen ohne Begründung oder gar nicht absagen. „Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz hat viel kaputt gemacht. Früher konnte man einem Bewerber klar sagen, warum er eine Position nicht bekommen hat. Das ist heute nicht mehr möglich. Man macht sich mittlerweile angreifbar, wenn man ehrlich sagt, wieso man sich für einen anderen Bewerber entschieden hat. Bevor sich Unternehmen also die Finger verbrennen, machen sie gar nichts mehr.”

Zudem sei das Bewerberwesen wesentlich anonymer geworden. Wenige Telefongespräche, noch weniger persönliche Treffen. Einen Bewerber zu vergessen, sei damit also deutlich wahrscheinlicher geworden.

Auch die Datenschutzgrundverordnung hat viel auf dem Bewerbermarkt verändert. Unternehmen müssen nun Daten und Lebensläufe von Bewerbern löschen, sobald die ausgeschriebene Stelle besetzt wurde. Das führt dazu, dass der klassische Ansatz – „Wir behalten Sie im Blick und melden uns bei Ihnen, sobald wieder etwas frei wird” – verboten ist. Stattdessen müssen Stellen immer wieder ausgeschrieben und mit den Menschen besetzt werden, die sich explizit darauf bewerben.

Aber nicht nur die Unternehmen „ghosten” die Bewerber: „Ich wurde von einem Headhunter kontaktiert, der meinen Lebenslauf wollte und meinte, dass ich perfekt zu einer Stelle passen würde, die er besetzt”, erzählt KR-Leserin Sonja. „Ich habe mich extrem gefreut und viel Arbeit in den Lebenslauf gesteckt. Ich dachte eben, da könnte etwa draus werden. Aber ich habe nie wieder etwas von dem Headhunter gehört.”

Es gibt viele schwarze Schafe unter den Headhuntern

Wie Sonja geht es vielen – das bestätigt auch Headhunter Thomas Heiden. „Normalerweise steckt ein Headhunter viel Arbeit in so einen Auswahlprozess, wählt sorgsam die Kandidaten, schärft deren Profile und ist bei allen Gesprächen und Verhandlungen dabei. Es gibt jedoch auch schwarze Schafe, die einfach nur unaufgefordert Xing- und LinkedIn- Profile kopieren und sie bei Unternehmen einschicken. Falls es dann zu einer Vermittlung kommt, wollen diese Headhunter trotz des geringen Aufwands mit 25 bis 30 Prozent an Jahresgehalt, Dienstwagen und Mobilfunkvertrag finanziell beteiligt werden.“ Bei solch unprofessionellen Akteuren sei es auch kein Wunder, wenn die Bewerber keine Absage erhalten – da haben die Firmen aber oft gar nichts mit zu tun. Die wissen zum Teil noch nicht mal, dass ein Bewerber in ihrem Namen angefragt wurde.

Wieso „geghostet“ wird, kann sich also von Fall zu Fall unterscheiden, sicher ist aber, was für Auswirkungen das auf die Berufseinsteiger hat: „Ich finde es extrem schwer, denn mit jeder fehlenden Antwort verliere ich die Lust und fange auch an, an mir selbst zu zweifeln. Sind meine Qualifikationen etwa so schlecht, dass es den Firmen nicht mal wert ist, mir zu antworten? Oder war meine Bewerbung einfach nicht gut genug? Ich weiß es nicht, und diese Ungewissheit schadet meinem beruflichen Selbstbewusstsein”, beschreibt KR-Mitglied Melanie.

Anika wünscht sich, „dass man nicht mehr nur als Zahl, sondern als Mensch gesehen und auch entsprechend behandelt wird. Das bedeutet eben auch, bei Absagen Feedback zu erhalten, damit man weiß, woran man zukünftig arbeiten kann. Aber um das alles zu ermöglichen, müsste man das gesamte Bewerbungssystem überarbeiten.”

KR-Mitglied Thomas schlägt konkret vor, Bewerbern immer zu sagen, in welchem Abschnitt sie gerade stecken – sei es notfalls durch eine automatisierte Mail, die an alle Bewerber herausgeschickt wird. Unternehmen sind heute schon verpflichtet, zumindest eine Eingangsbestätigung zu versenden.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz betont, dass es in naher Zukunft einen Wirtschaftsabschwung geben könnte. Falls das eintritt, die Unternehmen Probleme bekommen und Angestellte entlassen werden müssen, wird die Situation für Berufseinsteiger noch deutlich schlechter werden. Wenigstens eine Absage sollten die Bewerber dann erhalten.


Redaktion: Sebastian Esser/Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Fotoredaktion: Martin Gommel.