© Verlag C.H.Beck / Olivier Middendorp

Fake News

„Wenn Sie verlässliche Informationen haben wollen, dann zahlen Sie gutes Geld dafür“

etwa 28 Min. Lesedauer

Dieser Tage bekommen wir immer wieder zu hören, wir würden in einem neuen und beängstigenden Zeitalter des Postfaktischen leben, und um uns herum wimmle es nur so von Lügen und Fiktionen. An Beispielen fehlt es nicht. Ende Februar 2014 marschierten russische Spezialeinheiten, die keinerlei Uniformabzeichen trugen, in der Ukraine ein und besetzten wichtige Einrichtungen auf der Krim.

Die russische Regierung und Präsident Putin persönlich leugneten wiederholt, dass es sich dabei um russische Truppen handle, und bezeichneten sie als spontane „Selbstverteidigungsgruppen“, die sich ihre russisch aussehende Ausrüstung möglicherweise in Geschäften vor Ort besorgt hätten. Als sie diese reichlich lächerliche Behauptung aufstellten, wussten Putin und seine Gehilfen ganz genau, dass sie logen.

Russische Nationalisten können diese Lüge damit entschuldigen, dass sie einer höheren Wahrheit diene. Russland habe sich in einem gerechten Krieg befunden, und wenn es in Ordnung ist, für eine gerechte Sache zu töten, so ist es doch mit Sicherheit auch okay, dafür zu lügen, oder nicht?

Die höhere Sache, die angeblich den Einmarsch in der Ukraine rechtfertigte, war die Bewahrung der heiligen russischen Nation. Den russischen Nationalmythen zufolge ist Russland ein heiliges Gebilde, das trotz wiederholter Versuche bösartiger Feinde, es zu erobern und zu zerteilen, seit tausend Jahren besteht. Nach den Mongolen, den Polen, den Schweden, Napoleons Grande Armée und Hitlers Wehrmacht waren es in den 1990er Jahren die NATO, die USA und die EU, die es zu zerstören suchten, indem sie Teile seines Körpers abtrennten und daraus „Fake Countries“ wie die Ukraine bildeten.

Für viele russische Nationalisten ist die Vorstellung, die Ukraine sei eine eigene Nation außerhalb Russlands, eine weitaus größere Lüge als alles, was Präsident Putin während seiner heiligen Mission, die russische Nation wieder zu vereinen, von sich gab.

Ukrainische Bürger, außenstehende Beobachter und Berufshistoriker mögen ob dieser Erklärung in Empörung geraten und sie als eine Art „Atombombenlüge“ im russischen Täuschungsarsenal betrachten. Zu behaupten, die Ukraine gebe es als Nation und als unabhängiges Land nicht, lässt eine lange Liste historischer Fakten außer Acht – beispielsweise, dass in den tausend Jahren angeblicher russischer Einheit Kiew und Moskau nur rund 300 Jahre lang Teil desselben Lands waren.

Es verstößt zudem gegen zahlreiche internationale Gesetze und Verträge, die Russland früher akzeptiert hat und die die Souveränität und die Grenzen der unabhängigen Ukraine garantierten. Vor allem aber ignoriert es, was Millionen Ukrainer über sich selbst denken. Haben sie nichts zu sagen, wenn es darum geht, wer sie sind?

Ukrainische Nationalisten würden sicherlich mit russischen Nationalisten darin übereinstimmen, dass es so etwas wie „Fake Countries“ gibt. Die Ukraine gehört allerdings nicht dazu. Stattdessen sind diese Fake-Länder die „Volksrepublik Lugansk“ und die „Volksrepublik Donezk“, die Russland eingerichtet hat, um seinen Einmarsch in der Ukraine zu bemänteln. Ganz gleich, welcher Seite man zuneigt, hat es den Anschein, als würden wir tatsächlich in einer fürchterlichen Zeit des Postfaktischen leben, in der nicht nur einzelne militärische Zwischenfälle, sondern ganze Geschichten und Nationen gefälscht sein können.

Propaganda und Desinformation sind nichts Neues

Aber wenn wir uns tatsächlich im Zeitalter des Postfaktischen befinden, wann genau war dann das goldene Zeitalter der Wahrheit und der Fakten? In den 1980er Jahren? Den 1950er Jahren? Den 1930er Jahren? Und was hat unseren Übergang ins postfaktische Zeitalter ausgelöst? Das Internet? Die sozialen Medien? Der Aufstieg von Putin und Trump?

Ein kursorischer Blick auf die Geschichte macht deutlich, dass Propaganda und Desinformation nichts Neues sind, und selbst die Gewohnheit, ganze Nationen zu leugnen und Fake-Länder zu schaffen, weist eine lange Historie auf. So inszenierte die japanische Armee 1931 Scheinangriffe auf sich selbst, um den Einmarsch in China zu rechtfertigen, und schuf anschließend das „gefälschte“ Land Mandschukuo, um die eigenen Eroberungen zu legitimieren. China selbst leugnet seit Langem, dass Tibet je als unabhängiges Land existiert hat. Die britische Besiedlung Australiens wurde mit dem Rechtsgrundsatz der terra nullius (also „niemandes Land“) gerechtfertigt, womit man 50.000 Jahre Geschichte der Aborigines einfach ausradierte.

Anfang des 20. Jahrhunderts sprach eine beliebte zionistische Parole von der Rückkehr eines „Volkes ohne Land (der Juden) in ein Land ohne Volk (Palästina)“. Die Existenz der örtlichen arabischen Bevölkerung wurde passenderweise ignoriert. 1969 sprach die israelische Premierministerin Golda Meir davon, es gebe kein palästinensisches Volk und habe ein solches nie gegeben. Derartige Ansichten sind in Israel selbst heute noch weit verbreitet, trotz jahrzehntelanger bewaffneter Konflikte mit etwas, das angeblich gar nicht existiert.

So hielt beispielsweise die Parlamentsabgeordnete Anat Berg im Februar 2016 in der Knesset eine Rede, in der sie Wirklichkeit und Geschichte des palästinensischen Volkes in Zweifel zog. Ihr Beleg? Der Buchstabe „p“ existiere im Arabischen nicht, wie also könne es dann ein palästinensisches Volk geben? (Im Arabischen steht für das „p“ ein „f“, und der arabische Name für Palästina lautet „Filasṭīn“).

Tatsächlich haben die Menschen schon immer in einer Zeit des Postfaktischen gelebt. Homo sapiens ist eine postfaktische Spezies, deren Macht davon abhängt, Fiktionen zu schaffen und daran zu glauben. Seit der Steinzeit dienten selbstverstärkende Mythen dazu, menschliche Kollektive zu einen. Ja, Homo sapiens eroberte diesen Planeten vor allem dank der einzigartigen menschlichen Fähigkeit, Fiktionen zu schaffen und zu verbreiten. Wir sind die einzigen Säugetiere, die mit zahlreichen Fremden zusammenarbeiten können, weil nur wir fiktionale Geschichten erfinden, sie verbreiten und Millionen andere davon überzeugen können, an diese Geschichten zu glauben. Solange jeder an die gleichen Fiktionen glaubt, befolgen wir alle die gleichen Gesetze und können deshalb erfolgreich kooperieren.

Wer also Facebook, Trump oder Putin dafür verantwortlich macht, eine neue und beklemmende Zeit des Postfaktischen einzuläuten, sei daran erinnert, dass sich Millionen Christen schon vor Jahrhunderten in eine selbstverstärkende mythologische Blase eingeschlossen haben und es niemals wagten, die faktische Wahrhaftigkeit der Bibel infrage zu stellen, während Millionen Muslime fraglos an die Wahrheit des Koran glauben.

Auch Religion ist Fake News

Jahrtausendelang waren ein Großteil dessen, was als „Nachrichten“ und
„Fakten“ in menschlichen sozialen Netzwerken kursierte, Geschichten über Wunder, Engel, Dämonen und Hexen, und mutige Reporter berichteten live aus den tiefsten Tiefen der Unterwelt. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Eva von der Schlange in Versuchung geführt wurde, dass die Seelen aller Ungläubigen nach ihrem Tod in der Hölle schmoren oder dass der Schöpfer des Universums es nicht mag, wenn ein Brahmane eine Unberührbare heiratet – und doch glauben Milliarden von Menschen seit Jahrtausenden an diese Geschichten. Manche Fake News halten ewig.

Ich bin mir bewusst, dass viele Menschen womöglich empört aufschreien, wenn ich Religion mit Fake News gleichsetze, aber genau darum geht es. Wenn tausend Menschen einen Monat lang an irgendeine erfundene Geschichte glauben – dann handelt es sich um Fake News. Wenn eine Milliarde Menschen ein Jahrtausend lang daran glauben – dann haben wir es mit Religion zu tun, und man ermahnt uns, das nicht als Fake News zu bezeichnen, um die Gefühle der Gläubigen nicht zu verletzen (oder uns nicht ihren Zorn zuzuziehen).

Allerdings will ich damit keineswegs die Wirksamkeit oder potenzielle Güte von Religion leugnen. Im Gegenteil. Im Guten wie im Schlechten gehört Fiktion zu den effektivsten Utensilien im Werkzeugkasten der Menschheit. Indem sie Menschen zusammenbringen, machen Glaubensbekenntnisse menschliche Kooperation im großen Maßstab möglich. Sie inspirieren Menschen dazu, neben Armeen und Gefängnissen auch Krankenhäuser, Schulen und Brücken zu
bauen.

Adam und Eva haben nie existiert, aber die Kathedrale von Chartres ist noch immer wunderschön. Ein Großteil der Bibel mag Fiktion sein, aber sie kann noch immer Milliarden erfreuen, und sie kann die Menschen nach wie vor dazu ermutigen, barmherzig, mutig und kreativ zu sein – so wie andere große Werke der Fiktion wie Don Quijote, Krieg und Frieden und Harry Potter.

Die Bibel hat einiges mit Harry Potter gemein

Auch hier mögen sich einige durch meinen Vergleich der Bibel mit Harry Potter wieder beleidigt fühlen. Wenn Sie ein wissenschaftlich denkender Christ sind, könnten Sie all die Irrtümer und Mythen in der Bibel damit erklären, dass Sie behaupten, das heilige Buch sei nie dazu gedacht gewesen, als Tatsachenbericht gelesen zu werden, sondern als eine metaphorische Geschichte, die tiefe Weisheit enthält. Aber gilt das nicht auch für Harry Potter?

Wenn Sie ein fundamentalistischer Christ sind, werden Sie vermutlich darauf beharren, dass jedes Wort der Bibel im buchstäblichen Sinne wahr ist. Nehmen wir für einen Augenblick an, Sie hätten recht und die Bibel wäre in der Tat das unfehlbare Wort des einen wahren Gottes. Wie aber steht es dann mit dem Koran, dem Talmud, dem Buch Mormon, den Veden, der Avesta und dem ägyptischen Totenbuch? Wären Sie nicht versucht zu behaupten, diese Texte seien ausgeklügelte Fiktionen, die von Menschen aus Fleisch und Blut (oder vielleicht von Teufeln) geschaffen wurden?

Und wie halten Sie es mit der Göttlichkeit römischer Kaiser wie Augustus und Claudius? Der römische Senat behauptete, er verfüge über die Macht, Menschen in Götter zu verwandeln, und erwartete anschließend von den Untertanen des Reiches, dass sie diese Götter verehrten. War das nicht eine Fiktion?

Tatsächlich finden wir in der Geschichte zumindest ein Beispiel für einen falschen Gott, der die Fiktion höchstpersönlich anerkannte. Wie schon erwähnt, beruhte der japanische Militarismus der 1930er und frühen 1940er Jahre auf einem fanatischen Glauben an die Göttlichkeit von Kaiser Hirohito. Nach Japans Niederlage verkündete Hirohito öffentlich, das sei nicht wahr und er sei überhaupt kein Gott.

Selbst wenn wir also darin übereinstimmen, dass die Bibel das wahre Wort Gottes ist, haben wir es immer noch mit Milliarden gläubigen Hindus, Muslimen, Juden, Ägyptern, Römern und Japanern zu tun, die seit Jahrtausenden an Fiktionen glauben. Aber das bedeutet nicht, dass diese Fiktionen zwangsläufig wertlos oder schädlich sind. Sie könnten trotzdem wunderschön und inspirierend sein.

Aus dem Tod eines Jungen wird eine Ritualmordlegende

Natürlich waren nicht alle religiösen Mythen gleichermaßen segensreich. So wurde am 29. August 1255 in einem Brunnenschacht in der englischen Stadt Lincoln die Leiche eines neun Jahre alten Jungen namens Hugh gefunden. Obwohl es damals noch kein Facebook und kein Twitter gab, verbreitete sich schnell das Gerücht, Hugh sei einem Ritualmord durch örtliche Juden zum Opfer gefallen.

Je länger die Geschichte herumerzählt wurde, desto größer wurde sie, und einer der bekanntesten englischen Chronisten der damaligen Zeit – Matthäus Paris – verfasste eine detaillierte und blutrünstige Darstellung dessen, wie hochrangige Juden aus ganz England sich in Lincoln versammelt hätten, um das entführte Kind zu mästen, zu foltern und schließlich zu kreuzigen. 19 Juden wurde der Prozess gemacht und sie wurden wegen angeblichen Mordes hingerichtet. Ähnliche Ritualmordlegenden kursierten auch in anderen englischen Städten, was zu einer Reihe von Pogromen führte, bei denen ganze Gemeinden massakriert wurden. Schließlich wurde 1290 die gesamte jüdische Bevölkerung aus England vertrieben.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Ein Jahrhundert nach der Vertreibung der Juden aus England nahm Geoffrey Chaucer – der Vater der englischen Literatur – eine Ritualmordlegende, die sich an der Geschichte des Hugh of Lincoln orientiert, in seine Canterbury Tales auf (es ist die „Erzählung der Priorin“). Die Erzählung gipfelt im Tod der Juden am Galgen.

Ähnliche Ritualmordlegenden wurden anschließend zu einem wichtigen Teil jeder antisemitischen Bewegung vom spätmittelalterlichen Spanien bis zum modernen Russland. Ein fernes Echo davon kann man sogar noch in der 2016 verbreiteten Fake-News-Geschichte vernehmen, wonach Hillary Clinton an der Spitze eines Kinderpornorings stand, der Kinder im Keller einer beliebten Pizzeria als Sexsklaven hielt. Genügend Amerikaner glaubten diese Geschichte, sodass Clintons Wahlkampf Schaden nahm, und einer marschierte sogar mit einem Gewehr bewaffnet in besagte Pizzeria und verlangte, dass man ihm den Keller zeige (wie sich herausstellte, hatte die Pizzeria gar keinen Keller).

Was Hugh of Lincoln angeht, so weiß niemand, wie er wirklich zu Tode kam, aber er wurde in der Kathedrale von Lincoln beigesetzt und als Heiliger verehrt. Er stand im Ruf, verschiedene Wunder vollbracht zu haben, und zu seinem Grab pilgerten die Menschen noch Jahrhunderte nach der Vertreibung aller Juden aus England. Erst 1955 – zehn Jahre nach dem Holocaust – distanzierte sich die Kathedrale von Lincoln von der Ritualmordlegende und brachte in der Nähe von Hughs Grabmal eine Tafel an, auf der es heißt:

Erdichtete Geschichten von „Ritualmorden“ an christlichen Jungen durch jüdische Gemeinden waren in Europa während des Mittelalters und auch noch später gang und gäbe. Diese Fiktionen kosteten viele unschuldige Juden das Leben. Lincoln hatte seine eigene Legende, und das angebliche Opfer wurde im Jahr 1255 in der Kathedrale beigesetzt. Solche Geschichten gereichen der Christenheit nicht zur Ehre.

Nun, manche Fake News halten nur 700 Jahre.

Einmal eine Lüge, immer die Wahrheit

Altehrwürdige Religionen waren nicht die Einzigen, die Fiktion nutzten, um Kooperation zu festigen. In jüngeren Zeiten hat jede Nation ihre eigene nationale Mythologie geschaffen, während Bewegungen wie der Kommunismus, der Faschismus und der Liberalismus ausgefeilte selbstverstärkende Glaubensbekenntnisse schufen. Joseph Goebbels, der Meister der nationalsozialistischen Propaganda und vielleicht versierteste Medienzauberer der Moderne, erklärte seine Methode angeblich kurz und bündig so: „Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben.“ Und Hitler schrieb in „Mein Kampf“: „Aber alle Genialität der Aufmachung der Propaganda wird zu keinem Erfolg führen, wenn nicht ein fundamentaler Grundsatz immer gleich scharf berücksichtigt wird. Sie hat sich auf wenig zu beschränken und dieses ewig zu wiederholen.“ Kann irgendein Fake-News-Händler von heute das besser hinbekommen?

Die sowjetische Propagandamaschine war gleichermaßen flexibel in Sachen Wahrheit und schrieb die Geschichte immer wieder gerne um, von ganzen Kriegen bis zu einzelnen Fotografien. Am 29. Juni 1936 brachte die offizielle Parteizeitung Prawda („Wahrheit“) auf ihrer Titelseite ein Foto, auf dem ein lächelnder Josef Stalin Gelja Markisowa, ein sieben Jahre altes Mädchen, auf dem Arm hielt. Das Bild wurde zu einer stalinistischen Ikone, denn es festigte Stalins Ruf als Vater der Nation und verklärte die „glückliche sowjetische Kindheit“.

Druckerpressen und Fabriken im gesamten Land begannen damit, wie am Fließband Millionen Plakate, Skulpturen und Mosaike der Szene zu produzieren, die anschließend in öffentlichen Einrichtungen von einem Ende der Sowjetunion bis zum anderen ausgestellt wurden. So wie keine russisch-orthodoxe Kirche ohne eine Ikone der heiligen Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm auskam, so gab es keine sowjetische Schule ohne eine Ikone von Papa Stalin, der die kleine Gelja im Arm hält.

Doch in Stalins Reich war Ruhm oft eine Einladung zur Katastrophe. Binnen eines Jahres wurde Geljas Vater aufgrund erfundener Vorwürfe, er
sei ein japanischer Spion und ein trotzkistischer Terrorist, verhaftet. 1938 wurde er hingerichtet, eines von Millionen Opfern des stalinistischen Terrors. Gelja und ihre Mutter wurden nach Kasachstan verbannt, wo die Mutter schon bald unter mysteriösen Umständen starb. Was aber sollte man nun mit den unzähligen Ikonen tun, die den Vater der Nation mit der Tochter eines verurteilten „Volksfeindes“» zeigten?

Kein Problem. Von diesem Augenblick an verschwand Gelja Markisowa, und das „glückliche sowjetische Kind“ auf dem allgegenwärtigen Bild wurde als Mamlakat Nachangowa präsentiert – ein dreizehn Jahre altes tadschikisches Mädchen, das sich den Leninorden verdient hatte, weil es jede Menge Baumwolle auf den Feldern pflückte (wenn jemand glaubte, das Mädchen auf dem Bild sehe nicht wie eine Dreizehnjährige aus, wusste er genau, dass er solch gegenrevolutionäre häretische Ansichten besser nicht laut äußerte).

Durch Wiederholung wird aus Fiktion schließlich „Wahrheit“

Die sowjetische Propagandamaschine funktionierte so gut, dass es ihr gelang, fürchterliche Gräueltaten zu Hause zu verheimlichen, während sie im Ausland eine utopische Vision verbreitete. Heute beklagen sich Ukrainer, Putin habe zahlreiche westliche Medien im Hinblick auf russische Aktionen auf der Krim und im Donbass erfolgreich getäuscht. Doch in der Kunst der Täuschung kann er Stalin nicht ansatzweise das Wasser reichen.

Anfang der 1930er Jahre priesen linke westliche Journalisten und Intellektuelle die UdSSR als eine ideale Gesellschaft, zu einer Zeit, als Ukrainer und andere Sowjetbürger aufgrund der menschengemachten Hungersnot, die Stalin ins Werk setzte, millionenfach starben. Ist es im Zeitalter von Facebook und Twitter mitunter auch schwer zu entscheiden, welcher Version der Ereignisse man glauben soll, so ist es zumindest für ein Regime nicht mehr möglich, Millionen umzubringen, ohne dass die Welt Kenntnis davon erlangt.

Neben Religionen und Ideologien setzen auch Unternehmen auf Fiktion und Fake News. Zur Markenbildung gehört oft, die gleiche fiktionale Geschichte immer wieder zu erzählen, bis die Menschen zu der Überzeugung gelangen, sie sei wahr.

Welche Bilder kommen Ihnen in den Kopf, wenn Sie an Coca-Cola denken? Denken Sie an gesunde junge Menschen, die Sport treiben und Spaß zusammen haben? Oder denken Sie an übergewichtige Diabetespatienten, die in einem Krankenhausbett liegen? Wenn Sie jede Menge Coca-Cola trinken, wird Sie das nicht jung, nicht gesund und nicht athletisch machen – es erhöht vielmehr ihre Chancen, an Fettleibigkeit und Diabetes zu erkranken. Doch seit Jahrzehnten investiert Coca-Cola Milliardenbeträge in das Unterfangen, das eigene Produkt mit Jugend, Gesundheit und Sport in Verbindung zu bringen – und Milliarden Menschen glauben unbewusst an diesen Zusammenhang.

Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit auf der Agenda von Homo sapiens nie sehr weit oben stand. Viele Menschen gehen davon aus, wenn eine bestimmte Religion oder Ideologie die Wirklichkeit falsch darstellt, würden ihre Anhänger das früher oder später erkennen, denn sie würden gegen klarsichtigere Rivalen keine Chance haben. Nun, das ist nichts als ein weiterer tröstlicher Mythos. In der Praxis hängt die Macht menschlicher Kooperation von einem fein austarierten, fragilen Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Fiktion ab.

Die Realität darf nicht zu sehr verzerrt werden

Wenn Sie die Realität zu sehr verzerren, wird es Sie in der Tat schwächen, weil Sie auf unrealistische Weise handeln. So behauptete beispielsweise 1905 ein ostafrikanisches Medium namens Kinjikitile Ngwale, es sei von dem Schlangengeist Hongo besessen. Der neue Prophet hatte für die Menschen in der deutschen Kolonie Ostafrika eine revolutionäre Botschaft im Gepäck: Tut euch zusammen und vertreibt die Deutschen. Um dieser Botschaft mehr Nachdruck zu verleihen, versorgte Ngwale seine Anhänger mit einer Zaubermedizin, die angeblich deutsche Gewehrkugeln in Wasser (was auf Suaheli maji heißt) verwandelte. So begann der Maji-Maji-Aufstand. Er scheiterte. Denn auf dem Schlachtfeld verwandelten sich deutsche Kugeln nicht in Wasser. Stattdessen durchlöcherten sie gnadenlos die Leiber der schlecht bewaffneten Rebellen.

2.000 Jahre zuvor war die große jüdische Revolte gegen die Römer von einem ähnlich inbrünstigen Glauben beseelt, wonach Gott für die Juden kämpfen und ihnen dabei helfen werde, das scheinbar unbesiegbare Römische Reich zu schlagen. Auch dieses Unterfangen scheiterte und hatte die Zerstörung Jerusalems und die Vertreibung der Juden zur Folge.

Andererseits kann man Menschenmassen nicht erfolgreich organisieren, ohne dabei auf irgendeine Mythologie zu setzen. Wenn Sie sich an die nackte Realität halten, wird Ihnen kaum jemand folgen. Ohne Mythen wäre es unmöglich gewesen, nicht nur den gescheiterten Maji-Maji-Aufstand und die misslungene Revolte der Juden zu organisieren, sondern auch die erfolgreicheren Rebellionen des Mahdi und der Makkabäer.

Tatsächlich haben falsche Geschichten einen natürlichen Vorteil gegenüber der Wahrheit, wenn es darum geht, Menschen zusammenzubringen. Wenn Sie die Loyalität einer Gruppe beurteilen wollen, können Sie das am besten dadurch überprüfen, dass Sie die Menschen an eine Absurdität glauben lassen, anstatt sie zu bitten, an die Wahrheit zu glauben. Wenn ein Oberhäuptling sagt: „Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter“, so bedarf es keiner Loyalität zu diesem Häuptling, um ihm zu applaudieren. Wenn der Oberhäuptling aber sagt: „Die Sonne geht im Westen auf und im Osten unter“, werden nur wahre Getreue Beifall klatschen. Wenn all Ihre Nachbarn an die gleiche haarsträubende Geschichte glauben, so können Sie darauf zählen, dass sie in Krisenzeiten zusammenstehen. Wenn sie lediglich bereit sind, an beglaubigte Tatsachen zu glauben, was beweist das schon?

Geld und Unternehmen sind nur Konventionen

Nun könnten Sie einwenden, dass es zumindest in einigen Fällen möglich ist, Menschen mittels einvernehmlicher Abmachungen und nicht durch Fiktionen und Mythen erfolgreich zu organisieren. So verbinden im Bereich der Wirtschaft Geld und Unternehmen Menschen deutlich effektiver als irgendein Gott oder heiliges Buch, auch wenn jeder weiß, dass es sich bei beidem, Geld wie Unternehmen, nur um eine menschliche Konvention handelt.

Im Fall eines heiligen Buches würde ein wahrer Gläubiger sagen: „Ich glaube, dass das Buch heilig ist“, während im Falle des Dollars ein wahrer Gläubiger lediglich sagen würde: „Ich glaube, dass andere Menschen glauben, dass der Dollar wertvoll ist.“ Es ist offenkundig, dass der Dollar nur eine menschliche Schöpfung ist, doch Menschen überall auf der Welt respektieren ihn. Wenn dem so ist, warum können dann Menschen nicht alle Mythen und Fiktionen fahren lassen und sich auf der Basis einvernehmlicher Konventionen wie dem Dollar organisieren?

Solche Konventionen unterscheiden sich freilich nicht eindeutig von Fiktionen. So ist beispielsweise der Unterschied zwischen heiligen Büchern und dem Geld weit kleiner, als es auf den ersten Blick erscheint. Wenn Menschen eine Dollarnote sehen, vergessen die meisten, dass es sich lediglich um eine menschliche Konvention handelt. Wenn sie das grüne Stück Papier mit dem Bild des toten weißen Mannes darauf sehen,
betrachten sie es als etwas, das für sich genommen einen Wert hat. Sie erinnern sich nur selten daran: „Tatsächlich ist das ein wertloses Stück Papier, aber weil andere Menschen es als wertvoll betrachten, kann ich es verwenden.“

Betrachtet man ein menschliches Gehirn in einem fMRT-Scanner, so würde man bei einem Menschen, dem ein Koffer voller Hundertdollarnoten vor die Nase gehalten wird, erkennen, dass nicht die skeptischen Teile des Gehirns („Andere Menschen glauben, dass das wertvoll ist“) in Aufregung versetzt werden, sondern eher die gierigen Teile („Verdammte Scheiße, ich will das haben!“).

Umgekehrt heiligen in der weit überwiegenden Mehrheit der Fälle Menschen die Bibel oder die Veden oder das Buch Mormon erst, wenn sie lange und wiederholt mit anderen Menschen zu tun hatten, die diese Schriften als heilig betrachten. Wir lernen auf genau die gleiche Weise, heilige Bücher zu respektieren, wie wir lernen, Geldscheine zu respektieren.

Insofern besteht in der Praxis keine strikte Trennung zwischen „wissen, dass etwas nur eine menschliche Konvention ist“ und „glauben, dass etwas in sich wertvoll ist“. In vielen Fällen sind die Menschen ambivalent oder vergessen diese Unterscheidung ganz.

Die Regeln im Fußball sind nur menschliche Erfindungen

Nehmen wir noch ein Beispiel: Wenn Sie sich hinsetzen und eine tiefgründige philosophische Diskussion darüber führen, dürfte fast jeder zustimmen, dass Unternehmen fiktionale Geschichten sind, die von Menschen geschaffen wurden. Microsoft besteht nicht aus den Gebäuden, die es besitzt, den Menschen, die es beschäftigt, oder den Aktionären, denen es dient – Microsoft ist vielmehr eine verschachtelte rechtliche Fiktion, die von Gesetzgebern und Anwälten gewoben wurde. Doch 99 Prozent unserer Zeit verbringen wir nicht mit tiefgründigen philosophischen Erörterungen und behandeln Unternehmen deshalb, als handle es sich um reale Gebilde in der Welt, so wie Tiger oder Menschen.

Die Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit lässt sich aus vielerlei Gründen verwischen, das Spektrum reicht von „Spaß haben“ bis zu „Überleben“. Man kann keine Spiele spielen oder Romane lesen, wenn man den Nichtglauben nicht zumindest für einige Zeit aussetzt. Um an Fußball wirklich Spaß zu haben, müssen Sie die Spielregeln akzeptieren und zumindest für 90 Minuten vergessen, dass sie nichts weiter als menschliche Erfindungen sind. Wenn Sie das nicht tun, wird es Ihnen völlig lächerlich erscheinen, dass 22 Menschen einem Ball hinterherjagen.

Fußball mag zunächst Spaß sein, kann aber dann zu etwas viel Ernsthafterem werden, wie jeder englische Hooligan oder argentinische Nationalist bestätigen wird. Fußball kann dazu beitragen, persönliche Identitäten auszubilden, er kann große Gemeinschaften festigen, und er kann sogar Gründe für Gewalt liefern. Nationen und Religionen sind Fußballmannschaften auf Steroiden.

Menschen verfügen über die bemerkenswerte Fähigkeit, gleichzeitig zu wissen und nicht zu wissen. Oder genauer gesagt: Sie können etwas wissen, wenn sie wirklich darüber nachdenken, doch die meiste Zeit denken sie nicht darüber nach, und deshalb wissen sie nicht.

Wenn Sie sich wirklich darauf konzentrieren, merken Sie, dass Geld Fiktion ist. Aber üblicherweise richten Sie Ihr Augenmerk nicht darauf. Wenn man Sie danach fragt, wissen Sie, dass Fußball eine menschliche Erfindung ist. Doch im Eifer der Partie fragt Sie niemand danach. Wenn Sie Zeit und Energie darauf verwenden, können Sie zu der Erkenntnis kommen, dass Nationen kunstvolle Spintisierereien sind. Aber mitten in einem Krieg haben Sie weder die Zeit noch die Energie dafür. Wenn Sie die letzte Wahrheit wollen, merken Sie, dass die Geschichte von Adam und Eva ein Mythos ist. Aber wie oft fragen Sie nach der letzten Wahrheit?

Wer Macht will, muss Fiktionen verbreiten

Wahrheit und Macht können nur so weit miteinander einhergehen. Früher oder später schlagen sie getrennte Wege ein. Wenn Sie Macht wollen, werden Sie irgendwann damit beginnen müssen, Fiktionen zu verbreiten. Wenn Sie die Wahrheit über die Welt erfahren wollen, frei von allen Fiktionen, dann werden Sie irgendwann auf Macht verzichten müssen. Sie werden Dinge eingestehen müssen – zum Beispiel über die Quellen ihrer eigenen Macht –, die Verbündete verärgern, Anhänger entmutigen oder den sozialen Frieden gefährden.

An der Kluft zwischen Wahrheit und Macht ist nichts Geheimnisvolles. Zur Bestätigung suche man sich einen typischen weißen Amerikaner und stelle die Rassenfrage, schnappe man sich einen durchschnittlichen Israeli und bringe das Gespräch auf die Besatzung oder versuche mit einem richtigen Kerl über das Patriarchat zu sprechen.

Im Laufe der Geschichte sahen sich Wissenschaftler diesem Dilemma wiederholt gegenüber: Dienen sie der Macht oder der Wahrheit? Sollten sie danach streben, die Menschen zu vereinen, indem sie sicherstellten, dass alle an dieselbe Geschichte glaubten, oder sollten sie ihnen die Wahrheit sagen, auch um den Preis von Uneinigkeit? Die einflussreichsten gelehrten Unternehmungen – ob von christlichen Priestern, konfuzianischen Mandarins oder kommunistischen Ideologen – stellten Einigkeit über Wahrheit. Und genau darum waren sie so mächtig.

Als Spezies ist den Menschen Macht lieber als Wahrheit. Wir verwenden viel mehr Zeit und Mühe auf den Versuch, die Welt zu kontrollieren, als darauf, sie zu verstehen – und selbst wenn wir sie verstehen wollen, tun wir das üblicherweise in der Hoffnung, dass das Verständnis der Welt es uns erleichtern wird, sie zu kontrollieren. Wenn Sie also von einer Gesellschaft träumen, in der die Wahrheit regiert und Mythen ignoriert werden, so dürfen Sie von Homo sapiens nicht allzu viel erwarten. Sie sollten ihr Glück lieber bei den Schimpansen versuchen.

Raus aus der Gehirnwaschmaschine

All das heißt nicht, dass Fake News kein ernsthaftes Problem darstellen oder dass Politiker und Priester eine Art Freibrief besitzen, zu lügen, dass sich die Balken biegen. Es wäre auch völlig falsch, kämen wir zu dem Schluss, dass alles ohnehin nur Fake News ist, dass jeder Versuch, die Wahrheit herauszufinden, zum Scheitern verurteilt ist und dass es keinerlei Unterschied zwischen seriösem Journalismus und Propaganda gibt.

Hinter allen Fake News stehen reale Fakten und reales Leid. In der Ukraine beispielsweise kämpfen russische Soldaten wirklich, Tausende sind wirklich gestorben, und Hunderttausende haben wirklich ihr Zuhause verloren. Menschliches Leid wird oftmals durch den Glauben an Fiktionen verursacht, aber das Leid selbst ist doch ganz real.

Statt also Fake News als Norm zu akzeptieren, sollten wir sie als ein viel komplizierteres Problem anerkennen, als wir das in der Regel tun, und noch stärker bestrebt sein, Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden. Erwarten Sie dabei keine Perfektion. Eine der allergrößten Fiktionen besteht darin, die Komplexität der Welt zu leugnen und in absoluten Kategorien ursprünglicher Reinheit im Gegensatz zum satanischen Bösen zu denken.

Kein Politiker sagt die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, aber einige Politiker sind trotzdem weit besser als andere. Wenn ich die Wahl
hätte, würde ich Churchill mehr vertrauen als Stalin, auch wenn der britische Premierminister nicht davor zurückschreckte, die Wahrheit großzügig auszuschmücken, wenn es ihm zupass kam. Ähnlich ist keine Zeitung frei von Voreingenommenheit und Fehlern, aber einige Zeitungen sind aufrichtig darum bemüht, die Wahrheit herauszufinden, während andere eine Gehirnwaschmaschine sind. Hätte ich in den 1930er Jahren gelebt, so wäre ich hoffentlich so klug gewesen, der New York Times mehr zu glauben als der Prawda und dem Stürmer.

Zwei Faustregeln zur Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit

Es liegt in unser aller Verantwortung, dass wir Zeit und Mühe darauf verwenden, unsere eigenen Voreingenommenheiten zu erkennen und unsere Informationsquellen zu verifizieren. Wie in früheren Kapiteln schon erwähnt, können wir nicht alles selbst unter die Lupe nehmen. Aber genau deswegen müssen wir zumindest sorgfältig darauf achten, welches unsere bevorzugten Informationsquellen sind – ob nun eine Zeitung, eine Website, ein Fernsehsender oder eine Person. In Kapitel 20 werde ich eingehender danach fragen, wie wir Gehirnwäsche verhindern und Wirklichkeit von Fiktion unterscheiden können. Hier möchte ich zwei simple Faustregeln geben.

Wenn Sie verlässliche Informationen haben wollen, dann zahlen Sie gutes Geld dafür. Wenn Sie Ihre Nachrichten umsonst bekommen, könnte es sein, dass Sie das Produkt sind. Stellen Sie sich vor, ein zwielichtiger Milliardär würde Ihnen folgenden Deal anbieten: „Ich werde Ihnen 30 Euro im Monat zahlen, und im Gegenzug werden Sie mir gestatten, Sie eine Stunde am Tag einer Gehirnwäsche zu unterziehen und in Ihrem Kopf all die politischen und kommerziellen Einseitigkeiten unterzubringen, die mir so vorschweben.“ Würden Sie auf diesen Deal eingehen?

Kaum jemand, der einigermaßen bei Verstand ist, würde das tun. Und so bietet der zwielichtige Milliardär einen etwas anderen Deal an: „Sie werden mir erlauben, Sie eine Stunde am Tag einer Gehirnwäsche zu unterziehen, und im Gegenzug werde ich Ihnen für diese Dienstleistung nichts in Rechnung stellen.“ Jetzt klingt der Deal plötzlich für Hunderte Millionen Menschen verführerisch. Folgen Sie nicht deren Beispiel.

Die zweite Faustregel lautet: Wenn irgendeine Frage Ihnen besonders wichtig erscheint, bemühen Sie sich, die einschlägige wissenschaftliche Literatur zu lesen. Und mit wissenschaftlicher Literatur meine ich seriöse Artikel, Bücher, die von angesehenen Verlagen veröffentlicht wurden, und die Schriften von Professoren renommierter Institutionen. Die Wissenschaft hat ganz offenkundig ihre Grenzen und in der Vergangenheit viele Fehler begangen. Trotzdem ist die wissenschaftliche Community seit Jahrhunderten unsere verlässlichste Wissensquelle. Wenn Sie glauben, die wissenschaftliche Community liege bei irgendetwas falsch, so ist das mit Sicherheit möglich, aber Sie sollten zumindest die wissenschaftlichen Theorien, die Sie ablehnen, kennen und über empirische Belege verfügen, die Ihre These stützen.

Wissenschaftler sollten Science Fiction schreiben

Wissenschaftler müssen sich ihrerseits stärker in aktuellen öffentlichen Debatten engagieren. Sie sollten keine Angst haben, sich zu Wort zu melden, wenn die Debatte ihr Fachgebiet berührt, ob das nun die Medizin oder die Geschichtswissenschaft ist. Schweigen bedeutet nicht Neutralität; es stärkt den Status quo. Natürlich ist es äußerst wichtig, weiter akademische Forschung zu betreiben und die Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften, die lediglich ein paar Fachleute lesen, zu veröffentlichen. Aber gleichermaßen wichtig ist es, die neuesten wissenschaftlichen Theorien einem allgemeinen Publikum zu vermitteln, durch populäre Wissenschaftsbücher und sogar durch die gekonnte Verwendung von Kunst und Fiktion.

Heißt das, dass Wissenschaftler Science-Fiction schreiben sollten? Das ist tatsächlich keine so schlechte Idee. Kunst spielt eine Schlüsselrolle dabei, das Weltbild der Menschen zu prägen, und im 21. Jahrhundert ist Science-Fiction vermutlich die wichtigste Gattung von allen, denn sie bestimmt, wie die meisten Menschen über Dinge wie künstliche Intelligenz, Bioengineering und Klimawandel denken. Wir brauchen zweifellos gute Wissenschaft, aber aus politischer Sicht ist ein guter Science-Fiction-Film viel mehr wert als ein Artikel in Science oder Nature.


In „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ erzählte Yuval Noah Harari vom Aufstieg des Homo sapiens zum Herrn der Welt. In „Homo Deus“ ging es um die Zukunft unserer Spezies. Mit seinem neuen Buch schaut Harari nun auf das Hier und Jetzt und stellt die drängenden Fragen unserer Zeit. Eine Auswahl: Warum ist die liberale Demokratie in der Krise? Ist Gott zurück? Soll Europa offen bleiben für Zuwanderer?

Verlag C.H.Beck, aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn, 459 Seiten, 24,95 €

Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.