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Europa

„Ihr wisst nicht, wie gut es uns geht!“

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Tarek bezeichnet sich als Internet-Friedensaktivist. Seine Geschichte erzählt, wie es dazu kam. 1983, er war ein Jahr alt, flüchtete seine Familie aus dem Libanon. Er, die sieben Geschwister und die Eltern landeten in Berlin. Doch das erhoffte bessere Leben ließ auf sich warten. Der Vater, ein Militär, ging wieder zurück in die zerbombte Heimat. Und Tareks Mutter setzte in Deutschland eine Zwangsheirat für seine 14-jährige Schwester an.

Die Heirat endete in einer Tragödie, die Tarek veränderte. „Der 21-jährige Mann hatte eine richtige Frau erwartet“, sagt Tarek, „und er verhielt sich auch so.“ Tareks Schwester wurde vergewaltigt. Sie trennte sich von ihrem Mann und nahm sich, 15 Jahre später, das Leben. „Da habe ich mir zum ersten Mal Gedanken über den Islam gemacht“, sagt Tarek.

Der junge Mann aus dem Libanon, der mittlerweile in der Nähe von Wilhelmshaven lebte, knöpfte sich den Islam regelrecht vor. „Ich wollte verstehen, was meine Schwester das Leben gekostet hat“, sagt er. Er traf sich mit Experten, Jahre später sogar mit der bekannten Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Und er las sich selbst einiges aus dem Koran an.

„Es geht uns so gut wie lange nicht“, sagt Tarek.

Schließlich entwickelte er eine Wut auf jene, die den Islam zum Anlass für Gewalt nehmen. „Von Zwangsheirat oder Kopftuch tragen steht einfach nichts im Koran“, sagt er. „Und auch nichts von Terror.“

Im Sommer 2017 organisierte Tarek eine Demonstration in Köln. Zu einer Zeit, in der islamistische Anschläge in Brüssel, Nizza und Berlin ganz Europa in Atem hielten, machten viele den muslimischen Glauben für den Terror verantwortlich. Mit seiner Demo wollte Tarek, der selbst Muslim ist, im Namen aller deutschen Muslime Haltung beziehen. „Nicht mit uns“ nannte er die Demonstration.

Heute ist Tarek 36 und lebt immer noch im Norden Deutschlands. In seinen Facebook-Posts geht er Salafisten und Rechtsextreme gleichermaßen an. Oft werden sie tausendfach geteilt, genau wie sein neuester, in dem er sich gegen die teils rechten Ausschreitungen in Frankreich stellt.

„Es geht uns so gut wie lange nicht“, sagt Tarek dazu. „Die Autos werden immer dicker, auf Facebook sieht man nur Urlaubsbilder.“ Er habe nie verstanden, wie viel in Deutschland, in Europa von Politikern erwartet werde. „Die Politik kann nicht unser komplettes Leben organisieren“, sagt er. „Letztlich ist jeder selbst verantwortlich, was aus seinem Leben wird.“


Facebook, Tarek Mohamad. 26. November um 04.49 Uhr.

Was ich mache, fragt mich Facebook gerade. Soll ich es dir sagen, Mark Zuckerberg? Okay, ich erzähle es dir.

Ich sehe lauter Fotos von einem brennenden Frankreich. Ich lese mir die Kommentare dazu durch. Sie lauten unter anderem wie folgt:
„Wann gehen wir endlich auf die Straße?!😡😡😡😡😡“
„Wir sind ein Volk von Feiglingen und Angsthasen! Respekt, Frankreich!“👏🏻
„Guck nach Paris, Merkel! Bald steht das deutsche Volk auch auf! 💪🏻
„Wir können nur Jammern! Aber die Franzosen zeigen ihre Eier in der Hose!“

Beim Blick auf die Profile dieser Leute entdeckte ich immer wieder, dass diese mit der AfD sympathisieren. Ist es wirklich das, was diese Menschen wollen? Brennende Straßen? Brennende Häuser? Inmitten unserer Kinder? Sorry: Aus meiner Sicht sind diese Menschen wahnsinnig geworden.

Ich werde euch etwas erzählen. Ich selbst bin mit meinen Eltern als Kind aus dem Krieg geflohen. Ihr könnt euch nicht im Geringsten vorstellen, was in einem Krieg vor sich geht. Ihr würdet euch einnässen und euch vor Todesangst in einem Loch verstecken und nur noch hoffen und beten.

Diesen Menschen, die wollen, dass das Volk aufsteht, ist offenbar langweilig. Sie sehnen sich kriegsähnliche Situationen herbei – und ersticken dabei in ihren endzeitlichen Gedanken. Was mich wirklich beunruhigt, ist, dass dieses Verhalten aus einer nationalsozialistischen Rhetorik entstanden ist. Ich will sie kurz beschreiben:

  • Erster Schritt: „Mache den Menschen Angst. Nehme Ihnen jegliche Hoffnung, mit Katastrophen-ähnlichen Szenarien und Zuständen.“

  • Zweiter Schritt: „Mache eine Person, ein Volk oder ganze Ethnien für diese Situation verantwortlich. Mache dir die Psychologie des Menschen zunutze und hole mit emotionalen Reden alles aus seinen Gefühlen und Ängsten heraus, bis sich das ganze in Wut anstaut.“

  • Dritter Schritt: „Nun kommt die Erlösung. Zeige den Menschen, dass es nur mit dir wieder bergauf geht. Mach ihnen Hoffnung! Feuere sie an, diesen Weg mitzugehen.“

Diese Methode nutzten die Nazis im Dritten Reich extrem erfolgreich. Und offenbar gibt es immer noch genügend Menschen, die dafür empfänglich sind und eine Haltung daraus entwickeln. Was die schrecklichen Resultate einer solchen Haltung sein können, wissen wir alle.

Also: Ernsthaft? Wollen wir alle wie tollwütige Wahnsinnige auf die Straße gehen? Wollen wir Straßen, Häuser und Autos in Brand stecken, weil das Benzin aufgrund einiger unglücklichen Umstände kurzzeitig knapp und 0,2 Cent teurer war? Was sollen unsere Kinder von uns denken, wenn wir wie unzivilisierte Psychopathen auf die Straße gehen und verbale Lynchjustiz betreiben?

Ich sage euch nochmal eines: Ihr wisst gar nicht, wie gut es uns geht.

Ich empfehle jedem eine Rundreise zu machen. Lasst euer Geld aber zu Hause! Angeblich habt ihr ja eh keines, weil Merkel uns in die Armut geführt hat. Angefangen in Afrika, wo ihr aus Pfützen Wasser trinken könnt, weiter nach Syrien, wo euch sekündlich Bomben um die Ohren fliegen, bis sie euch im besten Fall das Trommelfell zerschmettern. Danach dürft ihr gerne nach Nordkorea und etwas Kritisches gegen den Diktator äußern.

Von da aus geht es weiter nach Indien, wo ihr euch mit einer Krankheit ansteckt und zuschauen könnt, wie ihr medizinische Hilfe bekommt. Auf dem Rückweg empfehle ich euch eine Reise in den Iran oder Afghanistan, wo ihr euch als Atheist oder Homosexuellen outen dürft.

Ich verspreche euch eins: Ihr werdet unter Tränen schwören, dass ihr nie, nie wieder wegen eines Liter Öls die Straßen niederbrennen wollt.


Redaktion: Josa Mania-Schlegel und Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Rico Grimm; Bildredaktion: Martin Gommel.