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Erwachsenwerden

Wie gehe ich mit meinen Eltern um, die politisch so ganz anders ticken als ich?

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Krautreporter-Mitglied Laura hat eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Vor sechs Jahren ist sie fürs Studium vom Land in die Stadt gezogen, besucht Mutter und Vater aber regelmäßig. Laura ist die erste in ihrer Familie, die studiert hat, ihr Vater ist Handwerker. Sie isst vegan, versucht abfallarm zu leben und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Gerade macht sie sich selbständig.

Im Sommer beschloss die 25-Jährige, mal wieder mit ihren Eltern in den Urlaub zu fahren – zum ersten Mal seit ihrer Jugend. Auf dem gemeinsamen Roadtrip durch Irland hat sie mehr als sonst mit ihnen über Politik gesprochen und war danach traurig darüber, wie engstirnig sie vor allem ihren Vater wahrgenommen hat. Besonders wenn es um das Thema Flüchtlinge geht. „Dabei ist er gleichzeitig ein herzensguter Mensch – und nun mal auch mein Papa.“ Der Vater hatte ihr im Sommer 2014 zwar geholfen, Spenden zu sammeln, aber immer, wenn das Gespräch auf die Flüchtlingspolitik kommt, beschwert er sich, dass „zu viele da sind und alle nur was nehmen wollen“. Während die Mutter in solchen Momenten intuitiv versucht, das Thema zu wechseln, bleibt Laura dran und hält dagegen. Sie möchte nicht aufhören zu erzählen, was sie beschäftigt. Auch wenn sie häufig von ihrem Vater zwar „flapsig, aber auch irgendwie ernst gemeint“ zu hören bekommt: „Ach ja, du bist ja jetzt eine Studierte.“

„Zwei Lebenswelten prallen aufeinander“, sagt Laura und möchte wissen, wie sie damit umgehen kann.

Das ist die Eltern-Kind-Beziehung

Die Frage nach dem Verhältnis zu den Eltern beschäftigt uns mehr als andere Beziehungen. Sie berührt uns tief, weil die Eltern die ersten und prägendsten Menschen in unserem Leben sind. Der Schriftsteller Peter Weiss nennt sie „Portalfiguren“ des Lebens und beschreibt in seiner autobiographischen Erzählung „Abschied von den Eltern“ seinen Versuch, mit ihnen zusammenzuleben als ein jahrzehntelanges Nebeneinander-Ausharren.

In deutschen Familien haben sich seit Peter Weiss’ Erzählung von 1961 die Eltern-Kind-Beziehungen jedoch stark gewandelt. Das Generationenbarometer 2009 kommt zu dem Ergebnis, dass Kinder heute in den Mittelpunkt der Familie gerückt sind. 76 Prozent der 2.222 Befragten gaben an, dass sie ihre Kinder anders behandelten, als sie es selbst in ihrer Kindheit erlebt hätten: weniger autoritär, mit viel mehr Freiheit. 89 Prozent der Eltern beschreiben es als wichtiges Ziel, ihren Kindern Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen mitzugeben. Sie wollen sie bewusst zu eigenständigen Persönlichkeiten erziehen, die ihre Fähigkeiten entfalten und sich durchsetzen können. Die Mehrheit der Befragten sagte, dass ihr innerer Zusammenhalt stark bis sehr stark sei.

Erziehung ist wichtig, aber in erster Linie sind Eltern auch Vorbilder, denen wir als Kinder nacheifern und die wir unbewusst nachahmen. Von denen wir uns aber auch permanent abgrenzen und emanzipieren. Besonders stark fällt dieser Zusammenhang in Familien auf, wo die Kinder ihre Eltern bildungsmäßig überflügeln.

Das sagt die Soziologin

Als klassischem Arbeiter- beziehungsweise Handwerkerkind ist Laura der Bildungsaufstieg gelungen. Sie ist als erste aus ihrer Familie an die Uni gegangen, so etwas stellt die Beziehung zu den Eltern vor besondere Herausforderungen. „Arbeiterkinder berichten häufig von dem Gefühl, dass sie sich den Eltern entfremdet haben. Teilweise können sie sich mit den Eltern nicht mehr auf Augenhöhe zu den Themen austauschen, die sie im Studium und Studentenleben beschäftigen“, sagt Hannah Rindler von der Initiative Arbeiterkind e.V. Für viele Nicht-Akademiker-Eltern ist es schlicht schwer zu begreifen, was die Kinder machen, so wie Lauras Vater fragt: „Kannst du mir mal auf den Zettel schreiben, was du da studierst“, nämlich Angewandte Kultur- und Literaturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Journalistik und Politik.

Häufig sind solche Bemerkungen aber auch Ausdruck der unbewussten Sorge, sein Kind gerade zu verlieren, weil man nicht mehr versteht, was es tut. Was für alle Familien wichtig ist, gilt deshalb besonders in dieser Konstellation: „Eine gewisse Trennungskompetenz ist für beide Seiten wichtig. Eltern (und auch Kinder) müssen lernen loszulassen.“ Damit der Vater aber gar nicht erst das Gefühl bekommt, dass man ihn seiner Bildung wegen kritisiert, sollte man die Eltern frühzeitig einbinden und teilhaben lassen: Indem man sie zum Beispiel mal einlädt, an die Uni mitzukommen, sagt Hannah Rindler, die Arbeiterkinder bei ihren ersten Schritten ins Studium berät.

Mittlerweile kommen zwar knapp die Hälfte aller Studierenden aus einem nicht-akademischen Elternhaus, aber zwischen ihnen und ihren Kommilitonen steht oft eine gläserne Wand. „Sie haben das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, wenn etwa das Auftreten von Lehrenden oder auch Studierenden aus akademischen Elternhäusern so anders ist als das eigene (‚Bildungssprache‘). Oder wenn die anderen schon von eindrucksvollen Praktika oder Auslandsaufenthalten erzählen, die man als Arbeiterkind vielleicht nicht hat, weil die Netzwerke dafür fehlen, Vitamin B oder finanzielle Ressourcen“, sagt Rindler.

In vielen Fällen verdanken Arbeiterkinder es aber auch ihren Eltern, dass sie studieren können, zum Beispiel, weil die für eine gute Bildung gesorgt, ihre Kinder gefördert und zu offenen, engagierten und selbständigen Menschen erzogen haben. Eltern vermitteln nicht nur Wissen, sondern auch Werte. Umso erschütternder kann es für junge Erwachsene sein, wenn sie feststellen, dass sie plötzlich in einen Wertekonflikt mit ihren Eltern geraten – so wie Laura.

Das sagt die Konfliktberaterin

„Werte sitzen sehr tief“, sagt Ursula Wawrzinek. Die Betriebswirtschaftlerin und Sozialpädagogin berät seit 20 Jahren Unternehmen in strategischer Konfliktlösung. Das heißt für sie nichts anderes, als dass sie Menschen dabei begleitet, „mit ihren Unterschiedlichkeiten friedvoll umzugehen“. Wenn es sich dabei um einen Wertekonflikt handelt, ist ein Streit besonders gefährlich, denn „Werte sind das Ergebnis unserer Erfahrungen, Prägungen und der Zeit, in der wir gelebt haben. Streiten wir darüber, können wir uns gegenseitig sehr tief verletzen. Oft wenden wir uns von Menschen ab, die unsere Werte nicht teilen. Letztlich gilt: Über Werte kann man nicht streiten.“ Im Wertekonflikt gibt es keine Lösung, vielmehr sind Toleranz und Akzeptanz gefragt.

Das Konfliktmuster ist dabei immer das gleiche, ob in Familien oder unter Kollegen: „Ich habe recht und du bist doof“, sagt Ursula Wawrzinek, die in ihrem Buch „Vom Umgang mit sturen Eseln und beleidigten Leberwürsten“ typische Streitfallen und Abwärtsspiralen analysiert. Typisch sei, dass die Gesprächspartner in einen Schlagabtausch gehen wie beim Tischtennis, sich aber nicht wirklich dabei austauschen. „Indem ich in der Haltung bin: Ich habe recht, sieh das doch endlich ein, richte ich meine Konzentration ganz auf mich selbst, suche nach noch besseren Argumenten und noch anschaulicheren Beispielen.“ Am Ende kann es nur Gewinner und Verlierer geben.

Um dieser Streitfalle zu entgehen, empfiehlt die Konfliktexpertin folgende Strategie in drei Schritten:

1. Nimm gedanklich die Haltung eines Journalisten ein

Zunächst ist es wichtig sich klarzumachen, was man sich von seinem Gesprächspartner wünscht: dass er zuhört zum Beispiel, sich mit der eigenen Meinung auseinandersetzt, sich um Verständnis bemüht. Dann dreht man das Ganze um und legt diese Ansprüche bei sich selbst an. Denn dem anderen, in diesem Fall Lauras Vater, geht es ja wahrscheinlich ähnlich. Es hilft, sich vorzustellen, dass man ein Mikrofon in die Hand nimmt. Und dann stellt man Fragen, um herauszufinden, was den anderen antreibt: „Was sind deine Sorgen? Was wünschst du dir?“

Wichtig: Verstehen heißt nicht, dass man einverstanden sein muss. Doch auch die eigene Position sollte man nicht als Wahrheit verkaufen. Wenn man den Eltern zudem sagen kann, was man an ihnen schätzt, begibt man sich auf Augenhöhe mit ihnen. Man wächst selbst ein Stück, wenn man sie nicht zu Übermenschen macht. Denn es erfordert auch Größe, ihnen innerlich die Erlaubnis zu geben, anderer Ansicht zu sein und ihre Meinung als eine von vielen zu akzeptieren. Dieser Prozess kann schmerzhaft sein und hat etwas Trennendes, was mit Enttäuschung, Wut, Verzweiflung oder Traurigkeit einhergehen kann. Doch bei all dem sollte man auch die Erziehungsleistung der Eltern anerkennen, indem man sagt: „Ich denke, das ist Teil eurer Erziehung, dass ich tolerant bin.“

2. Stimme zu, wo immer es geht

Typischerweise fokussiert man sich in Auseinandersetzungen auf die Stellen, an denen man gegenreden kann. Und spricht nicht die an, bei denen man innerlich rechtgibt. Es ist aber sinnvoll, seine Zustimmung auszusprechen, auch wenn sie nur für kleine Punkte gilt. Der Effekt wird sein, dass der andere sich mehr verstanden fühlt – und sich dann auch der anderen Position öffnet.

3. Stelle deine eigene Position gleichwertig neben die des anderen

Respekt für die Sicht des anderen bedeutet auch, dass man nicht versucht, Menschen umzuerziehen. Das gilt besonders für die eigenen Eltern. Fakt ist: Jeder hat seine eigene Meinung und jede Meinung ist in sich stimmig und richtig. Im Streit ist aber jeder in seiner eigenen Sicht gefangen und beharrt darauf, dass der andere sich ändern muss. Wirft man dem Gesprächspartner Engstirnigkeit vor, sollte man darauf achten, ob man selbst nicht gerade engstirnig ist. „Weißt du, Papa, ich merke gerade, wir sind bei dem Thema extrem emotional“, wäre eine Aussage, die das benennt, was in dem Moment passiert. Man schafft damit etwas, das in den allermeisten Familien nicht gelingt.

Jeder Mensch möchte gesehen und anerkannt werden. In seiner politischen Haltung drückt jeder aus, wie er leben möchte. Umso kränkender ist es, wenn man das Gefühl vermittelt bekommt, das eigene Denken wäre nicht in Ordnung. Das ist nicht nur für Laura, sondern auch für ihren Vater eine tiefgreifende Verletzung. Denn auch er möchte von seiner Tochter gesehen werden.

Das sagen die KR-Mitglieder

Isi steckt in einem ähnlichen Konflikt. Sie ist selbst Vegetarierin, wählt die Grünen und studiert Sozialwissenschaften, während ihr Vater einen Supermarkt leitet und hinter der FDP steht. „Trotzdem“, sagt sie, „haben wir mehr Gemeinsamkeiten als man denkt.“ Ihr Rat: „Lass dich nicht auf Zwischen-den-Zeilen-Provokationen ein. Suche nach Gemeinsamkeiten und nicht nach Unterschieden. Verstehe, warum deine Eltern denken, was sie denken, und prüfe einmal, ob sie in ihren Taten nicht sogar die gleiche Einstellung ausdrücken wie du.“

Auch Torstens Familie ist politisch uneins. Seine Eltern sind aus der DDR geflohen und „heute bekennende AfD-Wähler und teilweise ziemlich plump rassistisch“. Bis vor Kurzem hat er immer versucht, mit ihnen zu diskutieren, während sie wiederum versucht haben, ihn „mit kruden Artikeln und Theorien diverser Blogs“ zu überzeugen. Er sagt: „Nach zwei Jahren stelle ich fest: Das bringt null! Es mündet sogar in Antipathie für meine eigenen Eltern, die ich immer als liebevoll wahrgenommen habe. Um einen Bruch zu vermeiden, wird ab sofort nicht mehr diskutiert. Oft denke ich mir bei Nachrichten nun: ‚Du weißt genau was sie jetzt wieder denken’, aber eine Diskussion will ich partout vermeiden.“

Magdalena rät ebenfalls, die Rollen zu trennen: „Mama und Papa können tolle Eltern sein, unabhängig davon, ob sie als Bürgerinnen und Bürger andere Meinungen vertreten. Wäre natürlich schön, wenn man sich da in der Familie einig ist, aber Teil der Emanzipation des Kindes von seinen Eltern ist eben auch, dass es die Dinge anders sehen kann. Wenn ich Lauras Papa oder Mama wäre, wäre ich stolz drauf, meine Tochter zu einem eigenständig denkenden politischen Menschen erzogen zu haben.“

Simons Strategie ist, ruhig und sachlich zu argumentieren und das Gespräch abzubrechen, wenn es emotional wird: „Auch meine Eltern ticken vollständig anders als ich. Und das in sämtlichen Lebenslagen. In vielen hitzigen Diskussionen ist mir aufgefallen, dass sie ihre Meinung ohnehin nicht ändern wollen und meine Gegenargumente als Angriff auf ihre Persönlichkeit wahrnehmen, weshalb sie schnell emotional werden. Umstimmen konnte ich sie bisher leider in noch keinem Punkt.

Uwe sagt: „Nimm hin, dass manche ältere Menschen verfestigte Ansichten haben, die Teil ihrer Identität geworden sind. Egal wie bescheuert diese Ansichten sind, sie werden nicht davon ablassen; und dann ist es besser für deinen Seelenfrieden, dich nicht daran aufzureiben.”

Ein Leser, der sich „Alter Mann“ nennt, ist mit Anfang 30 an den Punkt gekommen, an dem er akzeptieren kann, dass seine Eltern eine eigene Meinung haben, „an der ich zwar interessiert bin, aber ich muss sie weder bekehren noch bin ich verletzt, wenn sie meine Denkweisen oder meinen Lebensstil nicht zu schätzen wissen.“ Denn „man bleibt sein Leben lang Kind, nicht aber abhängig“.


Mit bestem Dank an alle KR-Mitglieder, die sich beteiligt haben: Anne, Astrid, Hans, Martin, Robert, Uwe, Magdalena, Timon, Matthias, Celine, Simon, Marcel, Marcel, Friedrich, Vera, Barbara, Anna, AlterMann, Petra, Anne, Eva, Stefanie, Monika, Michael, Knut, Connie, Tom, Torsten, Alex, Isi, Silke, Claudia, Stefanie, Moritz, Frank, Julia, Bruno, Günter, Therese, Anna, Barbara, Achim, Kathi, Nathalie, Stefan, Brigitte, Michael, Maik, Wolfgang, Marie, Dirk, Anja, Sam, Inga, Jess, Annika, Martin, Jochen, Anna, Regina, Daniela, Steffi, Ralph, Lena, Roswitha, Lisa, Reinhard, Alisa, Heike, Daniel, Blackhe, Louis, Alexandra, Nicole, Thomas, Svenja, Sonja, Matthias und Laura für ihre Frage.

Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.