Syrienkrieg

Die Witwe und das Biest – eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte aus Syrien

von Alice Al-Shami, Syrien
etwa 10 Min. Lesedauer

Diese Geschichte ist ursprünglich in englischer Sprache erscheinen in Syria Untold, einem unabhängigen digitalen Medienprojekt, das sich mit der Geschichte des Krieges in Syrien und Formen des Widerstands beschäftigt.


Anan sitzt allein auf ihrem Balkon, schlürft ihren Kaffee, raucht eine Zigarette nach der anderen und trägt so ein ganz klein wenig zu den Rauchwolken bei, die den Horizont von Damaskus bedecken. Die 50-jährige Frau lebt seit vier Jahren allein. Einsam, ohne den Mann, der 2013 wegen seines politischen Aktivismus vom syrischen Regime verhaftet worden, und an einem Herzinfarkt im Gefängnis gestorben ist, sowie ohne ihren Sohn und ihre Tochter, für die sie eine Wohnung im Ausland besorgt hat – zugunsten der Sicherheit ihrer Kinder, zulasten ihrer Sehnsucht und Einsamkeit.

Anan ist eine wohlhabende Frau. Doch ihr Reichtum konnte weder verhindern, dass ihr Mann verhaftet wurde, noch, dass er in der Haft verstarb. Und auch nicht, dass sein Tod endgültig ist. Aber er half ihr, ein menschenwürdiges Leben zu führen und den luxuriösen Lebensstil beizubehalten, trotz der Wirtschaftskrise, die der Bürgerkrieg ausgelöst hat.

Er ermöglichte ihr auch, ihre Kinder zu besuchen, wenn die Sehnsucht nach ihnen unerträglich wurde. Dennoch bestand sie immer darauf, nach Damaskus zurückzukehren. Die Erinnerungen an ihren Geliebten sind alle hier. Und da die Jahre, die ihr bleiben, weniger sind als die, die sie bereits gelebt hat, will sie ihren Kindern nicht mehr zur Last werden. Darüber hinaus hat sie ein oder zwei Freunde, die auch zu Hause geblieben sind, und sie trösten und ihr manchmal Gesellschaft leisten.

Depressionen durchdringen jedoch ihre Seele wie schwarzer Teer – klebrig, dicht und stinkend. Anan ist nie eine missmutige Frau gewesen. Sie wusste, wie man lebt, sie sah immer zehn Jahre jünger aus, als sie war, trainierte ihren Körper, pflegte ihre Schönheit und trug die feinsten und neuesten Kleider. Sie machte Ferien im Ausland und Fotos von sich selbst. Früher traf sie sich regelmäßig mit Freunden ihrer Klasse. Ihre Tage waren stets voll, obwohl sie nicht einen Tag ihres Lebens gearbeitet hat. Heute schaut sich Anan im Spiegel an, und sie sieht ein blasses, faltiges Gesicht. Sie kann nicht einmal lächeln. Sie trägt nur dunkle Farben, und ihr einst schlanker Körper wird langsam schlaff, was ihre Melancholie nur noch verstärkt.

„Das ganze syrische Volk lebt von Medikamenten, du wirst nicht die Ausnahme sein.“

Sie sitzt so lange auf demselben Stuhl, bis sie das Gefühl in ihren Füßen verliert. Sie schaut Nachrichten oder zappt ziellos durch die Fernsehsender, schaut sich fünf Minuten dieser Serie an, fünf einer anderen, bis sie schließlich ihr Smartphone zur Hand nimmt und solange den Facebook-Newsfeed runterscrollt, bis ihr Hals steif wird.

Von Zeit zu Zeit holt sie alte Fotoalben hervor und weint. Sie hält sich an den Bildern mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern fest, als könnte sie das Geschehene leugnen, als wäre es ein Alptraum, der sich weigert zu enden. Sie hätte gern eine Arbeit, um einen Grund zu haben, das Haus zu verlassen. Vielleicht könnte sie dann endlich von diesem verdammten Stuhl aufstehen. Sie wartet darauf, dass irgendjemand an ihre Tür klopft, aber wenn ein Besucher oder die Reinigungskraft kommt, zittert sie und erlebt den Moment nochmal nach, als Sicherheitsbeamte in ihr Haus einbrachen und ihren Mann zum Auto schleppten, ohne Rücksicht auf sein Alter oder seinen hohen sozialen Status. Ein Freund riet ihr einmal, einen Psychiater aufzusuchen: „Das ganze syrische Volk lebt von Medikamenten, du wirst nicht die Ausnahme sein.“

Der Arzt verschrieb ihr, wie erwartet, Medikamente und Anan begann, jeden Tag Antidepressiva einzunehmen. Es ging ihr nicht besser, aber sie bemerkte eine gewisse Taubheit, die zu ständiger Zerstreutheit führte. Das ging so weit, dass ihr Verstand nicht mehr wach genug war, um das Kochfeuer zu löschen, sie daran zu erinnern, was sie nach dem Öffnen des Kühlschranks aus dem Kühlschrank holen wollte, oder daran zu denken, wo sie ihre Schlüssel, ihre Brille oder ihre Tasche hingelegt hatte, wenn sie das Haus für einen ihrer seltenen Ausflüge verlassen wollte.

„Was passiert, wenn ich all diese Pillen auf einmal nehme?“, fragte sich Anan. Nichts könnte sie daran hindern, außer der Liebe zu ihren beiden Kindern und der Weigerung, sie um eine Mutter trauern zu lassen, die nach dem Tod des Vaters im Gefängnis Selbstmord beging.

„Wer hat gesagt, dass ich einen Hund in meinem Haus haben will? Ich kann mich kaum um mich selbst kümmern!“

An einem Sommertag öffnete Anan die Tür zum Zimmer ihres Sohnes, der sie entgegen aller Ermahnungen, ein solches Risiko nicht einzugehen, besuchte. Die syrischen Sicherheitskräfte behielten die gesamte Familie im Auge. Der Sohn hielt einen kleinen weißen Welpen im Arm.

„Wer hat gesagt, dass ich einen Hund in meinem Haus haben will? Glaubst du, ich bin in der Lage, mich um Hunde zu kümmern? Ich kann mich kaum um mich selbst kümmern!“

„Betrachte ihn als mein Eigentum und pass für mich auf ihn auf. Versuche es einen Monat mit ihm!“

Eine Woche später verließ Anans Sohn das Haus und ließ sie allein mit Bruno zurück. Bruno war ein kleiner Bologneser-Welpe und sah aus wie ein Spielzeug, das sich bewegt. Tatsächlich hörte Bruno nicht auf, sich zu bewegen und Anan überallhin zu folgen, selbst auf die Toilette. Anan hatte Tiere noch nie gemocht.

Haustiere schaffen ein Abhängigkeitsverhältnis, sind eine Verpflichtung, die die Bewegungsfreiheit einschränkt, ganz wie kleine Kinder. Man kann sie weder überallhin mitnehmen, noch kann man sie zu Hause allein lassen, und außerdem muss man alle ihre Grundbedürfnisse erfüllen. Nach und nach vergaß Anan nicht mehr, Bruno zu füttern oder sein Wasser zu wechseln. Sie fand es nötig, das Haus ein- bis zweimal täglich zu verlassen, damit der Hund seine weltverliebten Spaziergänge machen konnte. Wann immer er etwas im Haus zerstörte oder in einer Ecke ein Chaos anrichtete, schimpfte sie mit ihm wie eine Mutter, die ihr Kind ausschimpft, dann räumte sie hinter ihm auf und machte sauber. Alles in ihrem Leben begann, sich um Bruno zu drehen. Als ihr Sohn anrief, beschwerte sie sich: „Wann holst du Bruno wieder ab? Ich kann ihn nicht mehr ausstehen.“

„Morgen, wenn du willst“, lachte der Sohn.

„Das wäre toll!“ antwortete Anan gefasst. Aber am Ende des Tages, als Bruno auf ihrem Schoß saß und sie mit diesem typischen Hundeblick aus bedingungsloser Liebe und Loyalität ansah, vergaß sie das Gespräch mit ihrem Sohn wieder und sprach das Thema für mehrere Wochen nicht mehr an – bis Bruno wieder etwas kaputt und sie wütend machte.

„Weißt du nicht, dass Hunde haram sind?“

Bruno schaffte es, frischen Wind in das Haus zu bringen und half Anan dabei, ihre Fähigkeit zu lachen zurückzugewinnen. Nichts auf der Welt konnte witziger sein, als ihm dabei zuzusehen, wie er mit etwas spielt oder wie er verrückt hin und her springt, wenn es „seine Zeit des Tages” ist. Es gibt nichts auf der Welt, was mit den überwältigenden Gefühlen der Liebe und Wärme mithalten konnte, damit, dass er ihre Gesellschaft genießt und nach einem guten Essen zu ihren Füßen liegt. Anan hatte jetzt einen Grund mehr, sich noch ein wenig ans Leben zu klammern. Denn was sollte aus Bruno werden, wenn ihr etwas passierte?

Bei einem Picknick-Ausflug mit Bruno lief der Hund ein paar Meter von ihr weg und stoppte plötzlich, begeistert mit dem Schwanz wedelnd. „Warte auf mich!“, rief Anan und ging seelenruhig auf Bruno zu. Sie ahnte nicht, was gleich passieren würde. Ein rücksichtsloser Teenager in riesigen Kampfstiefeln trat Bruno plötzlich mit voller Wucht an den Kopf. Der Hund wurde ein paar Meter weit durch die Luft geschleudert, bevor er auf den Boden prallte und ein fürchterliches Jaulen ausstieß.

Für einen Moment stockte Anan der Atem, ihre Füße waren wie gelähmt, dann eilte sie zu Bruno. Seine Schnauze war blutüberströmt und seine Zähne auf dem Boden verteilt. „Du bist ein Monster! Du bist verrückt“, schrie sie den kichernden Teenager an, Bruno in den Armen haltend.

„Weißt du nicht, dass Hunde haram sind?“, stammelte der Teenager verblüfft über ihren Ausbruch.

Harām (arabisch حرام) ist ein arabisches Adjektiv, das im Islam all das bezeichnet, was nach der Scharia „verboten, unverletzlich, heilig, geheiligt, verflucht, fluchbeladen“ ist. In seiner Bedeutung entspricht es im Deutschen am ehesten dem Begriff „Tabu“, das heißt ḥarām ist etwas, das mit einem Tabu belegt ist, wobei es nicht darauf ankommt, ob das mit dem Tabu Belegte positiv oder negativ gesehen wird. Das Gegenteil von ḥarām ist ḥalāl (حلال), das nach der Scharia Freigestellte, das nicht mit einem Tabu belegt ist. Mit dem Begriff können sowohl Handlungen als auch Objekte belegt sein. Das Begriffspaar ḥarām/ḥalāl ist im Islam von höchster Bedeutung. Die vermeintlich gegensätzliche Doppelbedeutung des Begriffs als „heilig“ bzw. „verflucht“ ergibt sich nur aufgrund europäischer Denkgewohnheiten, die aus einem jüdisch-christlichen Kontext stammen, bei denen das „Heilige“, das heißt das positiv mit dem Göttlichen assoziierte, absolut im Vordergrund steht, wenn es um aus der Religion abgeleitete Tabus geht. (Wikipedia)

Anan brachte Bruno zum Tierarzt, sein Blut bedeckte ihre Kleidung. Seine Zähne waren ausgebrochen, der Kiefer zertrümmert, das linke Augenlicht erloschen. Der Tierarzt tat, was er in seiner Klinik tun konnte, aber Bruno konnte nur eine Operation helfen. Anan reiste mit Bruno nach Beirut, wo sie den Hund einer teuren und komplizierten Behandlung unterzog. Er überlebte, aber er war nun ein entstellter, einäugiger, zahnloser Hund.

Anans psychologische Abwehrkräfte brachen fast zusammen. Ihre Depressionen griffen mit Macht nach ihr und hüllten sie in eine tiefempfundene Abscheu vor allen Menschen. Aber sie sammelte ihre Kräfte, verhinderte, dass sie zusammenbrach, und weigerte sich, Bruno auch nur für einen Moment aufzugeben.

Sie zerdrückte seine Nahrung und fütterte ihn mit einer Pipette, gab ihm Schmerzmittel, nahm Wasser in die Hand, damit er trinken konnte, tröstete ihn und entschuldigte sich unablässig dafür, dass sie ihn nicht hatte beschützen können. Der Hund stöhnte und das schmerzte sie unendlich, es ließ sie unermüdlich aufbleiben, um alles für seine Genesung zu tun. Es dauerte mehrere Wochen, bis Bruno sich erholte. Bruno dachte nicht an das Auge, das er verloren hatte, oder seine fehlenden Zähne oder sein Gesicht, das nun schief war.

Bruno nahm seine alten Spielchen wieder auf, ständig angezogen von all den Dingen, die die Welt rechts von ihm bereit hielt. Er überwältigte Anan mit Liebe und erfüllte ihre Zeit mit Fürsorge. Sie ließ ihn auf der Straße nicht mehr zu weit weglaufen, aber sie beraubte ihn nicht seiner geliebten Ausflüge. Sie interessierte sich so wenig wie er dafür, wenn sich Menschen über sein groteskes Aussehen lustig machten.

Anan, dieser Frau, die in tausend Stücke zerbrochen war, hätte nichts Besseres passieren können, als sich um einen Hund zu kümmern, der von einem Jungen verunstaltet worden war. Für Bruno gab es keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt. Es war ein Gefühl, das sie gegen keinen Schatz der Erde eingetauscht hätte. Bruno, dieses schwache, behinderte Wesen, war stärker als all die in- und ausländischen Medikamente, bei denen Anan einst Zuflucht gesucht hatte. Bis zum heutigen Tag lebt er bei ihr, und bis heute gibt es eine Szene, wo auch immer sie zusammen auftauchen.

Ihrer bedingungslosen Liebe zueinander tut das keinen Abbruch. Manchmal denkt Anan daran, was mit einem von ihnen passieren wird, wenn der andere stirbt. Diese dunklen Gedanken verfolgen sie aus den alten Tagen ihrer Depression, aber sie versucht, sie zu vertreiben und denkt so, wie Bruno denkt, unbekümmert über die Zukunft und absolut vertieft darin, seinen Tag zu leben – so gut er kann – mit jemandem, den er liebt.


Alice Al-Shami ist eine syrische Autorin, die für das unabhängige Reporterkollektiv Syria Untold arbeitet. Sie veröffentlicht aus Sicherheitsgründen unter einem Pseudonym. Diese Reportage ist in Zusammenarbeit mit Radio Souriali entstanden. Du kannst sie hier auch auf Englisch oder Arabisch lesen. Übersetzung: Naziha Baassiri, Christian Gesellmann, mit Hilfe von Deepl.

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