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Geschlechterstereotype

Warum alle Männer Hochstapler sind

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„Eigentlich ist alles, was Männlichkeit ist, eine Panik vor dem nicht Männlichsein“, lautet eine These der Männlichkeitsforschung. Diese „Panik“ ist der Grund dafür, warum Männer zum Beispiel so ein großes Ding daraus machen, dass sie super lange ohne Pause Auto fahren können oder nur ganz selten auf Toilette gehen müssen. Oder so tun, als würden sie sich nicht die Augenbrauen zupfen, obwohl sie sich die Augenbrauen zupfen. Um nicht effemiert (weiblich, verweichlicht) zu wirken, spielen wir den harten Hund.

Mit diesem Thema, der toxischen Maskulinität, habe ich mich in meinem letzten Artikel auseinandergesetzt. Bei der Recherche bin ich auf den Literaturwissenschaftler Wieland Schwanebeck gestoßen, der sich an der TU Dresden mit Hochstaplern beschäftigt – fiktiven und echten. Er hat sich gefragt, warum eigentlich fast alle bekannten Hochstapler Männer sind. Schwanebeck hat eine interessante These: Männlichkeit an sich ist eine Form der Hochstapelei. Über das und die Frage, warum uns Hochstapler, die ja eigentlich nichts anderes als Betrüger sind, trotzdem so faszinieren, habe ich mich mit ihm in seinem Büro in Dresden unterhalten.


Herr Schwanebeck, kennen Sie diese Folge der Simpsons, in der Homer sich einen kolossalen Oberarm antrainiert und den anderen untrainiert lässt, damit er Leute in ein Armdrück-Duell hineintricksen kann? Ist das Hochstapelei?

Nein, kenne ich nicht. Aber Sport ist ein interessantes Thema, weil man meinen könnte, dass Betrug dort eher auffällt. Als ich begann, mich mit dem Thema Hochstapelei auseinanderzusetzen, dachte ich, dass das vor allem auf der Ebene der Geistesarbeit stattfindet, wo man eine Expertise vortäuschen kann, einen Habitus. Aber da, wo es körperlich wird, ist es normalerweise schnell überprüfbar – entweder ich kann die fünf Kilometer laufen oder nicht. Aber der Hochstapler Felix Krull bei Thomas Mann behauptet von sich, er sei ein grandioser Tennisspieler, obwohl er nie Tennis gespielt hat. Er schafft es beim Spiel tatsächlich, Leute mit einer sehr souveränen Performance zu täuschen, indem er so tut, als würde er sich unter Wert verkaufen.

https://www.youtube.com/watch?v=2kJqpHl9ciY

Es gab auch das Phänomen der „falschen Brasilianer” im Fußball. Der berühmteste von ihnen ist wohl Carlos Henrique Raposo, genannt „Kaiser”, der bekannt wurde, weil er 20 Jahre lang als Fußballprofi Geld verdiente, ohne je zu spielen.

Genau, da haben Männer immer wieder Profiverträge bei europäischen und südamerikanischen Fußballclubs erhalten, einfach nur, weil sie Brasilianer sind und ein paar Tricks konnten. In Wahrheit hatten sie weder die Kondition noch die technischen Fähigkeiten, um im Profifußball mitzuhalten. Trotzdem schafften sie es, über Jahre im Kader zu bleiben und gute Gehälter zu kassieren, zum Beispiel, indem sie Verletzungen vortäuschten. Hochstapler gibt es also auch im Sport. Das hat mich überrascht.

Kein Hochstapler: Wieland Schwanebeck

© Ulrike Kohn

Was genau ist ein Hochstapler?

Einen Straftatbestand Hochstapelei gibt es nicht. Straffällig werden Sie, wenn Sie eine Urkunde fälschen. Aber wenn Sie irgendwo reinkommen und so tun, als wären Sie Arzt, obwohl Sie es nicht sind, ist das erstmal einfach nur eine Lüge. Soziologen würden sagen: Ein Hochstapler ist jemand, der es schafft, direkt oder indirekt, Leute über die Menge an Kapital zu täuschen, über die er verfügt. Dieses Kapital kann Geld sein oder Besitz oder das, was man in der Soziologie kulturelles oder symbolisches Kapital nennt: die Abschlüsse oder Adelstitel, die ich habe; die Klasse oder das Milieu, dem ich angehöre.

Eine besondere Form des Betrügers sind ja auch die Tiefstapler. Ich habe Schwanebeck auch danach gefragt:

„Tiefstapler sind Leute, die aus strategischen Gründen Fähigkeiten zunächst einmal verbergen, sich nicht anmerken lassen, dass sie diese haben. Es gibt den schönen Satz von Karl Valentin: ‚Machen Sie sich nicht so klein, so groß sind Sie nämlich gar nicht.‘ Also je mehr Bescheidenheit vorgetäuscht wird, desto größer ist die Gefahr, dass das als eine Strategie des Einschmeichelns erkannt wird. Wahrscheinlich sind die Hochstapler diejenigen, denen man eher eine böswillige Täuschungsabsicht unterstellt, weil hier eher einleuchtet, wie Leute dadurch hinters Licht geführt werden können. Aber täuschen kann man aus beiden Richtungen.“

Ein Börsenspekulant tut ja im Grunde auch nichts anderes, als mit Kapital zu arbeiten, das er gar nicht hat, und gerade in diesem Feld gab es einige spektakuläre Fälle – etwa Bernie Madoff, der mit Anlagebetrug einen Schaden von 50 Milliarden Dollar angerichtet hat. Täuscht der Eindruck, dass es in der Finanzwelt mehr Hochstapler gibt als, sagen wir mal, auf dem Bau?

Es gibt sogar die These, dass das ganze Feld der Hochstapelei, und interessanterweise auch die tonangebende Form der Männlichkeit, in den letzten zehn bis dreißig Jahren maßgeblich vom Finanzsektor geprägt wurde, von Leuten, die im Grunde nur noch mit fiktiven Werten jonglieren – an der Börse und sonstwo.

Der Betrüger Bernie Madoff

© U.S. Department of Justice / Wikimedia

Das Prestige, das man sich auf dem Bau erarbeiten kann, hält sich hingegen in Grenzen. Und wie wollen sie als Bauarbeiter andere Leute über ihre Fähigkeiten als Bauarbeiter täuschen? Da fliegen Sie schnell auf. Anders auf der Ebene der Spekulation – das ist ja das Rechnen und Jonglieren mit zum Teil fiktiven oder aberwitzigen Zahlenkolonnen. Mich interessiert: Wo finde ich Erzählungen? Und die findet man an der Börse genauso wie in der Politik oder in der Fiktion. Im Handwerk eher weniger.

In einer legendären Szene des Films Wolf of Wall Street, in dem Leonardo DiCaprio den (echten) Hochstapler Jordan Belfort spielt, bekommt er von seinem Chef erklärt: „Regel Nummer 1 an der Wall Street: Niemand hat die geringste Ahnung, wie sich die Börse entwickelt, ob ein Kurs sinkt oder fällt. Wir kreieren nichts. Weil das alles nicht echt ist. Wir verkaufen Ideen.” Danach klärt er ihn über die zwei Schlüssel zum Erfolg an der Börse auf: regelmäßig Masturbieren und Kokain konsumieren.

https://www.youtube.com/watch?v=wM6exo00T5I

Die Hochstapler wollen mehr Prestige, mehr Aufmerksamkeit. Je weiter sie im Mittelpunkt stehen, desto angreifbarer, nachprüfbarer machen sie sich aber natürlich auch. Der perfekte Hochstapler wäre einer, von dem wir nicht wissen, dass er einer ist, weil er so unauffällig ist. Vielleicht sitzt der in einem Aufsichtsrat oder Vorstand. Aber die völlige Anonymität halten viele dann doch nicht aus. Sie entlarven sich irgendwann selbst.

Ich habe mir den Film Catch Me If You Can angeschaut. Da spielt Leonardo DiCaprio den Hochstapler Frank Abagnale, der sich erfolgreich als Flugzeugpilot, Arzt und Anwalt ausgibt, obwohl er nur ein Schüler ist. Ich fand den Film ein bisschen flach, aber …

Das ist schade! Ich finde den wunderbar. Die Soziologen halten große Stücke auf den Film, weil da eigentlich alles zum Thema Hochstapelei prototypisch vorgeführt wird: Wie verschafft man sich Zutritt zu einem fremden Milieu, wie täuscht man über die eigene Kapitalmenge.

Stimmt natürlich. Ich fand es alles nur ein bisschen zu einfach dargestellt.

Das ist ja auch gerade die Kunst dabei. Warum sind Hochstapler so beliebt, obwohl sie doch anderen Schaden zufügen? Weil es eben einen gewissen Humor beinhaltet, wenn das Schwierige plötzlich so einfach ist. 15 Semester Medizin studieren und eine Facharztausbildung – das schaffen die wenigsten von uns. Aber diese Illusion, dass man theoretisch trotzdem als Arzt durchgehen könnte, wenn man sich nur einen weißen Kittel und ein Stethoskop besorgt, sich etwas Fachjargon aus dem Fernsehen antrainiert – das ist doch eine herrliche Fiktion.

https://www.youtube.com/watch?v=hSgMWEgir2k

Was mir an Catch Me If You Can aufgefallen ist: Es war für Leonardo DiCaprio als Frank Abagnale gar nicht so leicht, sich selbst zu enttarnen. Er versucht es ja mehrmals. Zum Beispiel beichtet er seinem Schwiegervater: „Ich bin kein Anwalt, ich bin kein Arzt. Nur ein kleiner Hochstapler, der in ihre Tochter verliebt ist.“ Aber der Schwiegervater, der selbst Staatsanwalt ist, glaubt ihm nicht. Im Gegenteil, er ist gerührt und sagt: „Du bist wie ich. Du bist ein Romantiker.“

Hochstapler sind oft eine Projektionsfläche für das, was die Leute erwarten. Sie sehen in ihnen den besten Teil von sich selbst. Die Wahrheit ist dann oft gar nicht so interessant.

Weil man sich dabei selbst versichern kann: So anders als ich sind „die Leute da oben” gar nicht?

Das hat damit zu tun, ja. Ein gewisses Ressentiment gegenüber Eliten kommt noch dazu. Ärzte, Anwälte und so sind ja auch umstrittene Statusgruppen, die oft viel Macht und Prestige und Geld auf sich konzentrieren. Sozialneid spielt da schon eine Rolle. Solange niemand wirklich zu Schaden kommt, gibt man sich einfach gern der Illusion hin, dass der Hochstapler eine Art Rebell wäre.

Gab sich als Arzt, Anwalt, Co-Pilot aus: Frank Abagnale

© Marcus JB / Wikimedia

Und das ist er nicht?

Wovon werden Hochstapler angezogen, welches Ziel verfolgen sie? Sie wollen vom Prestige oder den finanziellen Vorteilen einer gewissen Statusgruppe profitieren, wollen ihr angehören, ohne sich die Einstiegsqualifikation dafür erarbeiten zu müssen. Und wenn es dann eine Entlarvung gibt, sie in manchen Fällen in den Knast gehen, weil sie eben doch Leuten geschadet haben, dann versuchen sie das umzudrehen. Dann sagen die: 'Ja, gut, ich habe mich ja entlarvt, um eben zu zeigen, was hier für fragwürdige Konventionen existieren und wie willkürlich es im Grunde ist, wer Zugang zum Vorstandszimmer hat' und so weiter. Aber die Hochstapelei selbst, die hat nichts Subversives, die zeigt einfach nur die Sehnsucht, zu einer privilegierten Gruppe zu gehören.

Der Briefträger Gert Postel zum Beispiel, der in den 1990er-Jahren bei Leipzig eine psychiatrische Klinik geleitet hat, hat seine Geschichte, wie so viele andere Hochstapler, nicht nur sehr gut vermarktet. Er hat sich nach seiner Enttarnung zu einer Ikone der Anti-Psychiatrie-Bewegung aufgeschwungen.

Wenn es um Elitenkritik geht, um aufgesetztes Rebellentum, fällt einem natürlich unwillkürlich auch Donald Trump ein, der aber stellt die Hochstaplerforschung vor ein großes Problem, sagt Schwanebeck über den US-Präsidenten:

„Einerseits täuscht Trump natürlich permanent Wissen vor, das er überhaupt nicht hat. Andererseits ist das bei ihm auch immer furchtbar plump und durchschaubar. In der Hochstaplerforschung suchen wir ja traditionell nach Fällen wie Frank Abagnale, nach der eleganten Inszenierung, dem Mann mit Charisma, von dem wir uns gern hinters Licht führen lassen. Das ist Trump ganz und gar nicht. Er ist laut und offensiv hässlich. Manchmal glaube ich, dass er mit seinen Wählern so ein stillschweigendes Übereinkommen hat nach dem Motto: ‚Ihr wisst selber, dass ich hier nicht dazugehöre und keine Ahnung habe.‘“

Wie sind Sie selbst auf das Thema Hochstapler gekommen?

Meine Doktorarbeit habe ich über den Talentierten Mr. Ripley von Patricia Highsmith geschrieben. Aber der Einstieg für mich ins Thema war die Frage: Was hat Hochstapelei mit Männlichkeit zu tun? Da ging die Geschichte von Karl-Theodor zu Guttenberg gerade durch die Medien.

... der damals Bundesverteidigungsminister war und seine Doktorarbeit gefälscht hatte.

Und von da an habe ich mich durch Hochstaplergeschichten gelesen, fiktive wie nicht fiktive, die Grenzen sind da sowieso fließend. Frank Abagnale ist nach seiner Enttarnung mit seiner Geschichte auf Vortragsreise gegangen, das macht er bis heute. Er hat ein Buch geschrieben, zusammen mit einem Ghostwriter, und er sagt, das hat gar nicht unbedingt so viel mit ihm zu tun, aber das störe ihn auch nicht weiter. Es gibt den Film, und es gibt ein Broadway-Musical. Das sind alles Formen der Inszenierung, der Selbstinszenierung.

Fälschte seine Doktorarbeit: Karl-Theodor zu Guttenberg

Die Fußballer, Guttenberg, Postel, Abagnale – warum sind die bekannten Hochstapler alle Männer?

In der abendländischen Philosophie wird immer wieder argumentiert, Männlichkeit sei Aufrichtigkeit, sei Unverrückbarkeit, Härte, etwas, das sich nicht widerspricht. Das ist irgendwie so John Wayne. John Wayne war im Film mit 25 Jahren der gleiche Cowboy, der er mit 70 war, hat immer den gleichen Hut getragen, hat irgendwie immer dasselbe Pferd geritten, zugespitzt gesagt.

Ich stieß dann in Theorien der Männlichkeit, in Abhandlungen gerade auch aus der amerikanischen Kulturgeschichte auf die These: Eigentlich ist alles, was Männlichkeit ist, eine Panik vor dem Nicht-Männlichsein. Männlich ist man, wenn man nicht weiblich ist, nicht „verweichlicht“, wenn man nie an sich selbst zweifelt. So ist aber in Wirklichkeit doch fast kein Mann. Und das muss immer wieder überspielt werden.

Wir Männer tun ja sehr viel dafür, härter und stärker zu wirken, als wir sind. In gewisser Weise sind wir also ständig am Täuschen, oder?

Genau. Wenn Männlichsein eine Leistung ist, die viel mit Rollenspiel zu tun hat, weil es auch habituelle Komponenten gibt – ich bin zum Beispiel kostümiert, wenn ich Arzt bin und in den Dienst gehe, ich bin irgendwie auch kostümiert, wenn ich im Sportverein mit meinen Kumpels unterwegs bin – dann hat Hochstapelei auch eine Alltagsdimension.

Ihre These lautet, dass Männlichkeit eine Statusgruppe ist, so wie Arzt oder Anwalt?

Ich bin sehr davon überzeugt – auch wenn das in der Soziologie umstritten ist –, dass Männlichkeit eine Statusgruppe ist, in die man reinkommen kann, genau wie der Arztberuf oder der Adel Statusgruppen sind, für die es Zugangsschranken gibt. Mein Sohn ist jetzt im Kindergarten, und es ist irre, mit was für Vorstellungen darüber, wie Geschlecht zu funktionieren hat, ein Kind schon zu tun hat. Wer mit wem spielen darf, wie das Spiel geregelt wird, wie man mit Schmerz oder Enttäuschung umgeht. Es gibt Studien darüber, dass die Menschen mit einer anderen Stimmlage sprechen, je nachdem, ob sie mit einem weiblichen oder männlichen Baby zu tun haben.

Was hat das mit Hochstaplern zu tun?

Hochstapler sind sehr versierte Psychologen des Alltags, die auf sowas reagieren, die nicht nur ihre eigene Persönlichkeit in den Raum stellen, sondern auch auf die Erwartungshaltung eingehen, mit der andere kommen. Dieser Satz von Simone de Beauvoir: Du wirst nicht als Frau geboren, du wirst zur Frau gemacht – der ist natürlich genauso auch auf Männer anwendbar. Die Aneignung dieses Satzes durch die ‚andere Seite‘ ist aber nicht gegen den Feminismus gerichtet, auch wenn das zum Teil so verstanden wurde. In einer patriarchalischen Gesellschaft kommt Protest natürlich oft aus der Bewegung derer, die diskriminiert und ausgeschlossen werden. Männlichkeitsforschung betrachtet das einfach aus einer anderen Perspektive, weil man natürlich darüber nachdenken muss, dass auch Männlichkeit sich wandelt, wenn wir das Verhältnis zueinander konstruktiver gestalten wollen. Die Rollenbilder werden immer poröser. John Wayne ist heute nicht mehr tonangebend.


Ich bin auf Wieland Schwanebeck aufmerksam geworden, weil ich einen Essay von ihm in dem sehr empfehlenswerten Buch „Männeraufbruch 2019 – Jahrbuch für Männer in der Gegenwart“ gelesen habe.

Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.