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Wie AfD und rechte Gruppen aus einem Streit unter Schülern eine virale Kampagne machten – eine Rekonstruktion

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Glaubt man Andreas Lindner, dann geschah es auf dem Weg zum Hort. Spätestens halb drei hatte seine neunjährige Tochter Schulschluss. Dann schlenderte sie, wie immer, mit ihren Mitschülern an den Plattenbauten des Heckertgebiets im Chemnitzer Süden entlang. Es sind immer dieselben dabei: alle, deren Eltern nachmittags noch arbeiten. Auch die vier Jungs, zwei von ihnen Migranten. Wie immer kommt es zu kleinen Rangeleien. Dann zieht der eine sein Messer.

Nach dem Wochenende taucht die Geschichte der Grundschülerin aus Chemnitz in der Boulevardpresse auf. Sie erscheint auf rechten Online-Portalen. AfD und NPD verbreiteten sie tausendfach via Facebook weiter. Schließlich landet sie in zwei überhitzten Landtagswahlen in Bayern und Hessen. Aber ist sie überhaupt passiert?

Um herauszufinden, wo die Geschichte ihren Anfang nahm, wollte ich den Mann treffen, der sie zum ersten Mal hörte. Andreas Lindner, ein Chemnitzer Busfahrer, hatte die Geschichte von seiner Tochter erzählt bekommen. Danach rief er aufgewühlt bei einer Zeitung, der sächsischen Morgenpost an. „Sie erzählte, dass zwei Jungs mit Migrationshintergrund andere Jungs mit einem Messer bedroht hätten“, wird er dort zitiert. Für den Artikel ließ er sich noch gemeinsam mit seiner Tochter vor der Schule fotografieren. Doch heute will Lindner sich dazu nicht mehr äußern. Er sei „froh, dass wieder Ruhe ist“.

Migranten und Messer?

Also fragte ich Ronny Licht, den Reporter der Morgenpost, der Lindners Geschichte aufschrieb. „Eltern und Lehrer in Angst: Messer-Kontrollen in Chemnitzer Grundschule!“, titelte er am 12. September auf TAG24, dem Onlineportal der Morgenpost. Und klein darunter: „Wirbel nach vermeintlicher Attacke auf Weg zum Hort.“ Aber auch Licht will sich nicht mehr zu seinem Artikel äußern.

Mir kommen erste Zweifel: Wie viel kann dran sein an einer Geschichte, über die niemand mehr sprechen will?

Ich rufe Roman Schulz an. Schulz, 58, trägt braunes Baumwollsakko und ist Pressesprecher des sächsischen Landesschulamtes. Er war der dritte Mann, der Lindners Geschichte hörte. Er ist es gewohnt, dass Journalisten ihn anrufen, wegen Lehrerverbeamtungen oder den guten sächsischen Abiturienten. Als ihn Anfang September der Reporter Ronny Licht anruft, geht es um etwas anderes. Es geht um Migrantenschüler mit Messern.

„Wir haben 1.350 Schulen in Sachsen, und diese Schulen betreuen einzelne Referenten“, sagt Schulz. „Normalerweise melden sich die Referenten, wenn etwas an einer Schule passiert.“ Schulz wurde nichts gemeldet.

Aber Messer und Migranten, das war natürlich das Thema seiner Stadt. Keine zwei Wochen war es her, dass hier zwei Flüchtlinge einen Mann mit einem Messer getötet haben sollen. Es kam zu Ausschreitungen, an denen sich auch gewaltbereite Rechtsextremisten beteiligten. Alle redeten plötzlich von Chemnitz, die Stadt der Hitlergrüße und Hetzjagden. Sollte jetzt ein Vorfall mit Kindern den Protesten neuen Aufwind geben?

Niemand wusste von einem Angriff

Die Chemnitzer Charles-Darwin-Grundschule ist ein schmucker verglaster Neubau im Süden der Stadt. Von seinem Büro aus bräuchte Roman Schulz mit dem Auto nur zehn Minuten dort hin. Aber weil es die sächsische Bürokratie so will, fährt Schulz nicht persönlich hin. Sondern er kontaktiert seine Referentin Michaela Bausch, die für sogenannte Migrationsklassen in Chemnitz da ist. Schüler mit Migrationshintergrund besuchen an vielen sächsischen Schulen eine Klasse, um gemeinsam Deutsch zu lernen. 54 Prozent der Schüler an der Charles-Darwin-Schule sind Migranten – die meisten davon Russlanddeutsche, die nach der Wende in die umliegenden Plattenbauten gezogen waren.

Auch Michaela Bausch hatte nichts von einem Messer gehört. Also rief sie die Schulleiterin Ulrike Friedrich an. Und auch sie wusste nichts. Außer, dass der kurze Weg zwischen Hort und Schule nicht unter die Aufsichtspflicht ihrer Schule fällt. Trotzdem nahm sich Friedrich, die hier seit 2010 Schulleiterin ist, nun der Sache an. „Ich konnte nicht sagen, das geht mich nichts an“, erklärt sie.

Anhand der Beschreibung des Vaters Andreas Lindner, der sich bis heute nicht persönlich bei Friedrich gemeldet hat, machte die Schulleiterin die vier Schüler aus, von denen sie wusste, dass es Raufbolde sind. Sie lud die betroffenen Eltern und den Präventionsbeauftragten der Polizei Chemnitz an einen Tisch. Und sie wies ihre Lehrer an, zwei Tage lang die Schulranzen der verdächtigen Schüler, der zwei Jungs mit Migrationshintergrund, zu kontrollieren.

Auf Facebook gingen um diese Zeit längst erste Gerüchte über den Fall an der Charles-Darwin-Grundschule rum. Statt einer Bedrohung mit einem Messer, wie es der Vater Lindner geschildert hatte, war dort schon von einem „Messerangriff“ die Rede. Da setzte Schulleiterin Friedrich einen Elternbrief auf. „Im Internet kursieren Behauptungen, dass an der Charles-Darwin-Grundschule Kinder mit einem Messer angegriffen worden seien“, schrieb sie. „Wir möchten klarstellen, dass dies eine Falschmeldung ist.“

Die Geschichte aus Chemnitz landete in Bayern und Hessen

Die Geschichte von Andreas Lindners Tochter könnte hier zu Ende sein. Eltern, Lehrer und Behörden hatten sie nun beackert. Heraus kam nicht viel. Denn man fand keine Messer. Man fand aber auch keinen Gegenbeweis dafür, dass es ein Messer gegeben haben könnte. „Am Ende stand Aussage gegen Aussage“, sagt Friedrich. Sie ahnte nicht, dass die Geschichte noch lange nicht am Ende war.

Am Anfang der nächsten Woche lief die Kette der Informationen wieder zurück. Schulleiterin Friedrich informierte die Referentin Bausch über ihre Schritte. Bausch berichtete diese dem Landesschulsprecher Schulz. Und dieser telefonierte ein zweites Mal mit dem Boulevard-Journalisten Ronny Licht, der seinen Artikel schrieb. Und der einen Fehler machte: Er schrieb in seinem Artikel von „Angreifern“, und das, obwohl ein Angriff nie belegt wurde.

Auf TAG24 erscheint alle zehn Minuten ein Artikel, auch noch spät abends. Normalerweise haben die Artikel bis zu fünftausend Klicks. Die Geschichte von den Messerkontrollen an einer Chemnitzer Grundschule wurde bis heute fast 50.000 Mal geklickt. Weil sie sich rasend schnell verbreitete.

Zwei Stunden nachdem der Artikel online war, erschien er auf der Facebookseite Pro Chemnitz. Die Bürgerbewegung hatte ihre gut 26.000 Abonnenten schon zu jenen Protesten aufgerufen, die schließlich zu den Ausschreitungen von Chemnitz geführt hatten. Der Post über die Charles-Darwin-Grundschule wurde von der Pro-Chemnitz-Seite aus hundertfach geteilt. Er landete auch auf einigen Facebookseiten der AfD.

Die erzgebirgische AfD-Bundestagsabgeordnete Verena Hartmann etwa kommentierte: „Chemnitz kommt nicht zur Ruhe“, und verbreitete, dass „Migrantengewalt an einer Grundschule eskaliert und vertuscht“ werde. Auch der Bundesverband der AfD teilte die Fehlmeldung mit seinen 435.000 Lesern: „Grundschüler (9) greift Mitschüler mit Messer an.“ Den Post versah man mit Logos der Landtagswahlen in Bayern und Hessen.

Hielten „Mainstream-Medien“ den Deckel drauf?

Die Wahlwerbung der AfD wurde auf Facebook tausendfach geteilt, auch von AfD-Verbänden in Bayern und Hessen. Mit der Geschichte von der Chemnitzer Grundschule wurde nun in Süd- und Westdeutschland für die Partei geworben, wo die AfD innerhalb von drei Wochen bei zwei Landtagswahlen antreten sollte.

Und es erschien ein weiterer Artikel. Das Compact Magazin, ein rechtsgerichtetes Blatt, das oft als AfD-Sprachrohr fungiert, titelte: „Neunjähriger Migrant greift in Chemnitz Mitschüler mit Messer an.“ Dazu stellte das Magazin die Abbildung eines blutverschmierten Messers. Der Chefredakteur des Compact-Magazins, Jürgen Elsässer, tritt regelmäßig bei AfD-Veranstaltungen auf. Und neben der NPD Sachsen teilten nun auch Seiten der AfD den Artikel des Portals.

Doch der Text ist voller Fehler, nicht einmal das Datum des fraglichen Tages stimmt. Die Mühe, beim Landesschulsprecher Roland Schulz anzurufen, machte sich der Autor auch nicht. Stattdessen bezeichnet er ihn als „Mitarbeiter des Merkelsystems“. Er argumentiert mit einem hohen Migrantenanteil an der Schule gegen die deutsche Asylpolitik, enthält seinen Lesern aber vor, dass viele Familien der Migrantenschüler schon seit Generationen in Chemnitz leben. Und er unterlässt es zu erwähnen, dass die engagierte Schulleiterin Ulrike Friedrich überzeugt ist, dass es gar keinen Angriff gab. Stattdessen schreibt er, dass „Mainstreammedien“ den „Deckel draufhielten“.

Dass die AfD falsche Zahlen im Zusammenhang mit Migranten nennt, ist nicht neu. Erst vergangene Woche schrieb der sächsische AfD-Abgeordnete Maximilian Krah, dass es in Chemnitz seit Januar 56 Vergewaltigungen von Ausländern gegeben habe. Als Quelle gab er die Polizei an, welche die Zahl kurz darauf dementierte. Auch die AfD-Vorsitzende Alice Weidel argumentierte kürzlich im Bundestag, dass zwei Drittel aller Flüchtlinge keine Ausbildung hätten. Belegen konnte sie die Zahl nicht.

Vielleicht gab es gar kein Messer

Im Chemnitzer Fall lieferte das Nachrichtenportal Compact womöglich gezielte Falschmeldungen, also: Fake News, als Futter für den AfD-Wahlkampf. „Wer es hochkochen will, kocht es hoch“, so Schulsprecher Schulz. Seine Behörde sei da weitgehend machtlos. „Jeder Dödel kann heute eine Agentur aufmachen und irgendwas schreiben“, sagt er.

Da half es auch nicht, dass sich das Recherche-Netzwerk correctiv! nun des Falles annahm. In der Rubrik „Fakten für die Demokratie“, wo Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht werden, erklärte es den Compact-Artikel für falsch. „Compact stellt die Ereignisse übertrieben dar“, schreibt correctiv. Auch die Chemnitzer Freie Presse veröffentlichte einen Artikel, und erläutert, dass laut Angaben von Schülern „zwei Kinder mit Migrationshintergrund“ ein Messer „gezeigt" haben könnten. Gab es also gar keine Bedrohung? Gab es womöglich gar kein Messer?

Das weiß auch Schulleiterin Ulrike Friedrich nicht. „Ganz aufklären wird man es nie“, sagt sie. Einen Angriff, wie ihn die AfD schildert, habe es aber nie gegeben. Dafür spricht auch, dass es nie zu einer polizeilichen Anzeige kam.

Chemnitz, eine der sichersten Großstädte

In Chemnitz wird seit dem Angriff auf Daniel H., für den ein Iraker und ein Afghane verdächtigt werden, weiter jeden Montag demonstriert. Unter anderem für mehr Sicherheit in der Stadt. Und offenbar genügen Geschichten, wie die einer Chemnitzer Grundschülerin, um weiter Angst zu schüren. 75 Prozent der Chemnitzer fühlen sich nachts nicht sicher.

Und das, obwohl Kriminalitätsraten gleichzeitig sinken. Laut Freier Presse gehört Chemnitz sogar zu den 15 sichersten Großstädten Deutschlands. Und, umgekehrt, haben sich die Straftaten gegen Flüchtlinge verdoppelt.

Schulsprecher Schulz ist ein Stück weit froh, dass er mit Fake News erstmal nichts mehr zu tun haben muss. „Es ist irre, was da an Hetze passiert ist“, sagt er. „Früher, als kleiner Junge, hatte man immer sein Taschenmesser mit dabei.“

Und eines ist ihm noch wichtig: „Wir haben hier an unserer Schule genauso viele Probleme wie jedes andere Land“, sagt er – „in migrantischen Klassen, genau wie in deutschen.“


Im Krautreporter Podcast „Verstehe die Zusammenhänge“ spricht Martin Gommel mit Josa Mania-Schlegel über seinen Artikel:

In der letzten Folge hat Martin mit Carina Kaiser über ein Wunder gesprochen – und in diesem Podcast ist das exakte Gegenteil das Thema: Wir sehen anhand einer messerscharfen Recherche von Josa Mania-Schlegel, wie schnell sich ein ungeklärter Vorfall unter Grundschülern in Chemnitz zu den fiesesten Fake-News verwandelt, die man sich vorstellen kann.


Redaktion: Christian Gesellmann; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.