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©️ Carina Kaiser

Landflucht

Ein Dorf wehrt sich gegen die Leere

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„Hallo Marlies“, sagt Jochen, als die gelbe Ladentür aufspringt. Dabei schnellt sein Arm automatisch in die Richtung, in der die Eichsfelder Mettwurst liegt. „Guck mal Marlies, nimm dir mal eine mit, die ist lecker“, ruft er ihr zu, sein Finger zeigt noch immer auf die neue Ware. Erst als Marlies sich eine Wurst in den Korb legt, ist er zurück im Gespräch und verschränkt die Arme wieder vor der Brust.

Jochen Ackmann sitzt am Kopfende eines Holztisches, dessen abgewetzte Stellen dem Besucher zeigen: An diesem Tisch im Dorfladen von Freden wurde schon viel gesessen und viel diskutiert. Der morgendliche Schwall von Menschen ist schon abgeebbt, der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und kühler Morgenluft weht zu Ackmann hinüber. Auch wenn der Tisch, an dem er sitzt, augenscheinlich nicht zur restlichen Einrichtung des Dorfladens passt, spielt er eine essenzielle Rolle im Leben der Dorfbewohner.

Wer am Nachmittag wiederkommt, wird Ackmann noch genauso dasitzen sehen. Er ist das Auge und das Ohr des Dorfladens. Von seinem Platz aus kann er fast bis zum hintersten Bereich des Ladens spähen.

Als gerade niemand an der Kasse steht, winkt Ackmann die Mitarbeiterin kurzerhand zu sich heran. „Angela, tu da noch die Dosenwurst dazu“, wirft er in belehrendem Ton rüber. Und als die Wurstsorten, eine neben der anderen, übersichtlich aneinandergereiht liegen, wirkt er zufrieden.

In den 80er Jahren schloss in Freden ein Tante-Emma-Laden nach dem anderen. Im Dorf siedelten Supermarktketten an und verschwanden bald wieder. Sie hinterließen verunstaltete Grundstücke, Ruinen und Erinnerungen an bessere Zeiten. Nachdem auch der letzte Supermarkt schließen musste, weil der Betreiber den Mietvertrag wegen zu hoher Energiekosten nicht verlängern wollte, hatten die Bewohner keine Einkaufsmöglichkeit im näheren Umkreis mehr. Das war nicht nur für die älteren Bewohner ohne Auto ein schwerer Rückschlag. Viel schlimmer noch: Man hatte der Dorfgemeinde ihre einfachste Kontaktmöglichkeit entzogen.

Jochen Ackmann sitzt an seinem Stammplatz im Dorfladen.

Rüdiger Paulat ist gelernter Einzelhandelskaufmann und Ortsbürgermeister von Freden. Täglich sitzt er mehrere Stunden am Tisch bei Ackmann, um Ware zu bestellen, entgegenzunehmen und um zu schauen, ob alles nach Plan läuft. Paulats Augen wirken müde. In seinem Augenweiß kräuseln sich rote Äderchen, als hätten seine Augen nicht genügend Ruhe bekommen. Ackmann und Paulat arbeiten im Dorfladen als ehrenamtliche Geschäftsführer, sind in Freden verwurzelt, hier geboren und aufgewachsen. In den vergangenen Jahren haben sie viele Menschen kommen und gehen sehen.

Die Leute kommen, um nicht allein zu sein

Die Bewohner hofften lange auf eine neue Einkaufsmöglichkeit. Doch als sie hörten, dass der Plan einzelner Investoren platze, die alte Markt-Ruine abzureißen und etwas Neues zu errichten, schien die Lage hoffnungslos. Durch die sinkende Einwohnerzahl und die zu geringe Kaufkraft in Freden werde sich ein neuer Markt nicht rentieren, hieß es.

Auch wenn die Gemeinde mit etwas über 3.000 Einwohnern dicht besiedelt scheint, verlieren sich die Häuser zwischen den leerstehenden Wohnungen und Ruinen. Pro Quadratkilometer zählt Freden 88 Einwohner. Zum Vergleich: Die nächstgelegene Großstadt Hannover liegt eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernt und fasst 30mal so viele Bewohner pro Quadratkilometer.

Paulat erinnert sich an einen einschlägigen Moment in dem Jahr ohne Laden: „Ich hab zwei ältere Frauen beobachtet, die sich auf dem Parkplatz zufällig getroffen haben. Sie haben sich gefreut, sich zu sehen, aber auch festgestellt, dass sie sich vor einem Jahr das letzte Mal gesehen haben“, erzählt er.

Annie Hartmann ist mit dem Auto da. Ihre Beine sind zu schwach, um sie zum Dorfladen zu tragen. Vor kurzem ist ihr Ehemann gestorben. „Hier bin ich nicht so alleine“, sagt sie und platziert ein Stück Himbeertorte neben der Kaffeetasse. Von der Theke bis zum Tisch sind es nur ein paar Meter, trotzdem hat sie auf dem kurzen Stück etwas Kaffee verschüttet. Sie spricht so leise, dass man den Kopf zu ihr herunterbeugen muss.

Ackmann setzt gerade im Gespräch fort, als die Ladentür aufgeht und eine junge Frau zielstrebig in den Laden prescht. Im Laufen nickt sie noch kurz zum Tisch rüber, ohne aber genau erkennen zu können, wen sie eigentlich grüßt. „Die da jetzt reinkommt, die wollte T-Shirts drucken, und da sollte draufstehen: Wir kaufen nicht bei Rewe, wir kaufen nur im Dorfladen“, sagt Ackmann und demonstriert mit den Händen vor seinem Oberkörper die geplante Größe der Aufschrift.

So entstand die Dorfladen-Initiative

Man wollte Worten Taten folgen lassen. Paulat rief eine Bürgerversammlung ein, und die Bewohner strömten in den großen Festsaal, der sich sonst nur zu den jährlichen Fredener Musiktagen mit Menschen füllt. Gemeinsam beschloss man, einen eigenen Dorfladen zu verwirklichen.

Wochenlang suchte die Gemeinde nach Investoren und möglichen Förderprogrammen, rief zu Spendenaktionen auf, hielt Ausschau nach einem geeigneten Mietobjekt und freiwilligen Helfern. Jeder Sponsor und jede helfende Hand war willkommen und trieb das Projekt „Dorfladen“ weiter voran.

Etwa fünf Monate später fand in dem Gebäude, in dem der Dorfladen entstehen sollte, ein Tag der offenen Tür statt. Über 500 Besucher drängten in den leerstehenden Raum, der an seine einstige Funktion als Getränkemarkt kaum noch erinnert. „Es kamen immer mehr und mehr Menschen“, berichtet Paulat. Die Wände waren kahl, der Steinboden war kalt, trotzdem wurde hier gegessen und geklönt. Die Stimmung war ausgelassen. Trotzdem konnte es sich noch niemand vorstellen: Dieser Ort sollte bald Mittelpunkt des Dorfes werden.

In kürzester Zeit fanden sich Fredener Handwerksbetriebe und Privatpersonen, die bei Umbau und Renovierung des Ladens helfen wollten. Man organisierte regionale Anbieter, die später den Laden beliefern sollten, und gründete einen ehrenamtlichen Förderverein. Am Ende standen 95.000 Euro für den Laden zur Verfügung, und am Wochenende vor der Eröffnung konnten die Ladeneinrichtung und die Ware geliefert werden.

„Ich denke, wir haben das ganz professionell gemacht“, sagt Paulat und zieht die Wangen hoch zu einem Lächeln. Ackmann und Paulat erzählen die Geschichte nicht zum ersten Mal. Ständig fallen sich beide ins Wort oder verbessern einander. Wie sie so dasitzen, könnte man meinen, sie seien Zwillinge. Beide Mitte 70, Brille und Bart, das karierte Hemd lässig aufgeknöpft. Sie sind stolz, dass der Laden mittlerweile schwarze Zahlen schreibt. Paulat erklärt, dass zwar kein Inhaber von den Einnahmen leben könne, aber das sei egal. Für die Fredener zählt nicht der Gewinn – sondern das Dorfleben.

Blick auf den Dorfladen in den Morgenstunden.

Wie sieht es aus, wenn ein Dorf ausstirbt?

Silke Faass ist eine von denen, die den Dorfladen überhaupt erst möglich gemacht hat. Sie hat die Vision mitentwickelt. Silke stammt aus dem Ort. Lange war sie weg, aber am Ende zog es sie doch zurück. Sie hätte gern die ehrenamtliche Geschäftsführerposition im Laden übernommen, aber das ließ ihr Job in der Tierarztpraxis nicht zu. „Es ist schon gut so“, sagt sie, während sie mit ihrem Auto durch die Fredener Straßen kurvt.

An dem kleinen Bahnhof von Freden, irgendwo zwischen Hannover und Göttingen, hält sie an. Ein jüngeres Mädchen steigt aus einem Zug und läuft geradewegs zu einem roten Auto, das offenbar nur auf sie gewartet hat. Ein älterer Herr verschwindet in der Unterführung. Danach ist es wieder: still.

Silke stellt sich auf den Bahnsteig und zeigt auf einzelne, verlassene Gebäude: „Das ist leer; das ist verlassen; da drin war mal ein Metzger; da drin ein Friseur; die Gaststätte gibt es nur noch so halb, da kennt niemand die Öffnungszeiten.“ Beim Erzählen zieht sie den Reißverschluss ihrer Fleecejacke bis eng unters Kinn.

In der Ferne, aber in Sichtweite vom Bahnsteig, liegt eine große Wiese. Darauf, umringt von Zäunen und Gestrüpp, die Überreste eines Backsteingebäudes. Die Fensterscheiben der einstigen Fabrik sind eingeworfen. „Zu Hoch-Zeiten haben hier mal über 380 Leute gearbeitet“, erzählt Silke.

Die gesamte Gemeinde litt unter der Landflucht. „Wir werden immer mehr wie der Osten“, sagt Silke und lacht danach einmal laut auf, als habe sie nur einen lockeren Witz erzählt. Dann wird ihr Gesichtsausdruck starr. Denn die Lage ist ernst. Die Gemeinde hat in den vergangenen zehn Jahren fast ein Achtel ihrer Bewohner verloren. Den gesamten Landkreis Hildesheim, zu dem Freden gehört, verließen seit 2004 knapp 10.000 Menschen.

Es zieht die Menschen in die urbanen Zentren, dorthin, wo sich Kreativität und Kultur ballen, wo Jobausschreibungen die Zukunft versprechen und das Internet kein Limit kennt. Gerade junge Menschen finden im Leben auf dem Lande kaum mehr Erfüllung.

„Ein bitteres Stück Realsatire“

Ortskerne und Kleinstädte waren lange Zeit auch Orte, die die Versorgung der Bewohner sicherstellen konnten – und wo Leben herrschte. Fabriken, Ärzte, Bäcker, Gasthöfe, Geschäfte des täglichen Bedarfs belebten die Dorfkerne. Aber die meisten Familienbetriebe machten nach und nach zu, weil die Kinder keine Lust hatten, die Tradition ihrer Eltern weiterzuführen. „Früher konnte der Friseur die Haare am Ende des Tages zusammenfegen und vom Verdienst seine Familie ernähren“, sagt Silke traurig. Sie kennt die Menschen, die vom Dorfsterben am härtesten betroffen sind, viele sogar beim Namen. Die meisten waren oder sind Freunde, Bekannte der Familie oder sind mit ihr zur Schule gegangen. Wenn die Menschen nicht ganz weggezogen sind, pendeln sie täglich in die umliegenden Städte.

Heute erzählt man sich in Freden mehr „war“- als „ist“-Geschichten. Deswegen ist der Dorfladen so wichtig. Weil er nicht nur Wurst und Sonderbestellungen im Angebot hat. Sondern auch Zuversicht. Zumindest jetzt noch.

Der kleine Dorfladen braucht nur eine einzige Kasse.

Denn kürzlich kamen wieder neue Investoren ins Dorf, wieder von Rewe. Sie kauften die Konsumruine direkt neben dem Laden, boten Paulat und Ackmann eine Kooperation an. Rewe wolle das Warensortiment, den Bäcker und die Angestellten übernehmen. Die Absicht der Supermarktkette war klar: Gewinn – egal, ob der den Ruin des Dorfladens bedeuten würde. Sollten die Investoren nicht von ihrem Plan absehen, wären all die Arbeit, das investierte Geld und die Kontaktecke verloren.

Als der geplante Ausbau des neuen Rewe-Geschäfts konkreter wurde, musste eine Lösung her. Innerhalb weniger Tage verteilte man im Dorf Zettel, hängte Ankündigungen aus, aktivierte seine Kontakte und setzte eine Meldung in die örtliche Zeitung, die zu einer weiteren Bürgerversammlung aufrief. Silke übernahm die Pressearbeit, lud politische Vertreter ein und formulierte ein ausführliches Schriftstück mit Fotos zu den Ereignissen der letzten Jahre: „Ein bitteres Stück Realsatire“, stand oben auf dem Blatt.

Konzerne machen Dörfer platt, Vereine halten sie zusammen

In den Festsaal, wo einige der Dorfbewohner sich am Vortag bei Plastikblumen und Spitzendeckchen noch zum nachmittäglichen Tanztee getroffen hatten, drängten sich am Abend der Bürgerversammlung 260 Leute. Das örtliche Fernsehen und ein Bundestagsabgeordneter waren dabei. Der versprach mit Rewe zu verhandeln. „Das ging über zwei Stunden, und die Reden waren richtig kämpferisch“, berichtet Silke. „Die Dorfladeninitiative hat dann noch einen offenen Brief an Rewe geschrieben. Das alles hat denen wohl so Druck gemacht, dass sie vorerst von einem neuen Laden abgesehen haben“, ergänzt Paulat. Man habe anerkannt, dass der Laden dem „dörflichen Volk“ gehöre.

„Das ist doch für ein Dorf nicht bedarfsorientiert“, holt Silke aus: „Rewe ist es egal, ob wir hier mit dem Markt untergehen. Insgeheim hoffen sie, dass die Kaufleute uns den Laden kaputt machen.“ Ihre Stimme wird lauter, sie schüttelt energisch den Kopf. „Am Ende wird das alles als faire soziale Marktwirtschaft abgetan.“ Sie schnauft kurz auf. „Das ist eine soziale Marktwirtschaft, bei der das Wort „sozial“ untergeht“, setzt sie fort.

Auch Silkes jüngere Schwester Aline wäre nach dem Studium beinahe nicht zurück nach Freden gekommen. Aline erinnert sich noch genau an das Gefühl: „Als ich damals mit dem Umzugswagen über den Berg fuhr und das Dorf vor mir sah, habe ich gedacht, das ist der größte Fehler, den du machen kannst“, erzählt sie und lacht dabei über sich selbst. Doch sie zog der Wunsch zurück, die Apotheke weiterzuführen, die seit 1896 in Familienbesitz ist.

Aline saust hinter dem Holz-Tresen der Apotheke hin und her, reißt Schubladen auf und macht sie mit einem kurzen Schubs wieder zu. Ihre Brille hat sie auf den Kopf geschoben, um die Haare aus dem Gesicht zu halten. Jedem Kunden wirft sie ein Lächeln zu, ihr langgezogenes „Hallo“ verspricht Heilung.

Dem dörflichen Leben hat sie sich wieder weitestgehend angepasst, ist in diversen Vereinen, wie ihre Schwester Silke auch im Förderverein des Dorfladens. Trotzdem hat es fünf Jahre gedauert, bis sie sich in Freden wieder heimisch fühlte. Der Jeder-kennt-jeden-Mentalität auf dem Dorf würde sie auch heutzutage gerne mal entfliehen. „Manchmal möchte man einfach mal entspannt im Café oder in der Kneipe sitzen und Leute gucken. Hier kennt man aber alle, da ist das nicht so spannend.“

Großer Andrang bei der Zwei-Jahres-Feier des Dorfladens.

Rüdiger Paulat

Aber sie weiß, wie wichtig der Zusammenhalt des Dorfes ist, vor allem in Zeiten wie diesen. Da die Gemeinde wegen der Landflucht vieles nicht mehr tragen kann, ist das Dorf gezwungen, sich um sich selbst zu kümmern. Das Freibad, der Musikladen, der Dorfladen: So gut wie jedes Freizeitangebot wird hier ehrenamtlich durch einen Verein geführt. Erst kürzlich hat sich eine Initiative für junge Eltern gefunden, die die Spielplätze wieder schön machen möchte. In dem Flüchtlingsverein haben sich weitere tatkräftige Helfer gefunden, heute sind die Geflüchteten gut in die Gemeinde integriert. „Dass das vorbildlich ist, vergisst man oft“, sagt Aline: „Du vergisst das, wenn du selbst drinsteckst. Hier sind wir oft müde und brauchen Hilfe von außen.“

In einem Monat soll nun doch ein Rewe-Markt eröffnen. „Da können wir uns warm anziehen“, sagt Silke mit hartem Blick, der langsam weicher wird. Denn eigentlich ist sie zuversichtlich. „Wir haben es schließlich schon einmal geschafft.“


Im Krautreporter Podcast „Verstehe die Zusammenhänge“ spricht Martin Gommel mit Carina Kaiser über ihren Artikel:

Dass Dörfer aussterben und es vor allem junge Menschen immer mehr in Großstädte zieht, ist nichts Neues. Doch was passiert eigentlich in einem 3.000-Seelendorf, wenn irgendwann gar nichts mehr geht und sogar der allerletzte Laden dicht macht? Ein kleines Wunder. Und darüber spricht Martin Gommel mit Carina Kaiser, die in genau dieses Dorf gefahren ist und sich das Wunder angesehen hat.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel; Fotos: Carina Kaiser.