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©️ Unsplash / Kylli Kittus

Freundschaft

Wie du mit einem Freund sprichst, dem es schlechter geht als dir

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Freundschaften sind immer dann kompliziert, wenn man sich miteinander vergleicht:

Geht es einem guten Freund schlecht, während wir selbst gerade glücklich sind, wissen wir häufig nicht, wie wir damit umgehen sollen. Gespräche geraten ins Stocken, Antworten werden einsilbig, verlegene Pausen entstehen. Ein Problem, das auch KR-Mitglied Ella hat, die sich fragt: Wie kommt man aus dieser Schieflage wieder raus?

Ella lebt gerade ein ziemlich ideales Leben, findet sie. Sie reist um die Welt, mit einem Freund, den sie liebt. Sie arbeitet freiberuflich an sozialen Projekten, die ihr Spaß machen. Die 29-Jährige ist gesund und glücklich. Sie spricht gerne über ihre Abenteuer, hört aber auch gerne anderen zu. Dennoch geraten Gespräche schnell in Schieflage, wenn sie zum Beispiel mit ihrer alten Studienfreundin telefoniert, die sich von einer Beziehungskrise in die nächste quält. Während Ella ausführlich erzählt, was sie erlebt, antwortet ihr Gegenüber nur einsilbig: „Och, noch immer derselbe Job, hat sich nicht viel getan. Erzähl du lieber.“

Dabei interessiert Ella auch, was bei dem anderen passiert, auch die kleinen Dinge des Alltags. Sie hat jedoch den Eindruck, der andere will nichts erzählen und entfernt sich immer mehr von ihr. Nun möchte sie wissen, wie sie gegensteuern kann und fragt: „Wie rede ich mit Menschen, denen es schlechter geht als mir – ohne sie oder mich in Verlegenheit zu bringen?“

Wohl jeder hat das in seinem Alltag schon erlebt: Man telefoniert mit der Freundin, erzählt begeistert von der letzten Reise, und plötzlich stockt die Unterhaltung. Peinliche Pausen entstehen, jeglicher Versuch, das Gespräch zu retten, misslingt. Zurück bleiben ein unangenehmes Gefühl und die Frage, was ist hier gerade falsch gelaufen? Habe ich zu viel erzählt? Einen wunden Punkt erwischt? Was tun?

So funktionieren Freundschaften

Ein wichtiger Grundsatz ist, dass Freundschaften auf lange Sicht im Gleichgewicht bleiben. Das heißt, dass sich das Geben und Nehmen die Waage halten muss, über Wochen, Monate oder – bei engen Freunden – auch über Jahre gesehen. Freundschaften unterliegen immer Schwankungen und Rollenwechseln. Gute Freundschaften sollten es aushalten können, wenn es einem der beiden Freunde über längere Zeit schlecht geht, er etwa ein krisengeschütteltes Jahr hat und in dieser Zeit mehr Hilfe braucht als einbringt. Sinn einer Freundschaft ist doch, dass der andere auch in schwierigen Situationen profitiert. Wenn man aber seit fünf Jahren immer derjenige ist, der anruft, die E-Mails schreibt, Treffen initiiert, sollte man sich einmal fragen, ob man das so möchte, denn auf lange Sicht sollte Balance bestehen.

Geht es dem Gegenüber schlechter als mir, gilt folgende Grundregel: Die menschliche Seele will keinen Rat, sie will nicht gerettet werden, sondern einfach nur gesehen, gehört und begleitet, so wie sie ist, sagt der amerikanische Philosoph Parker Palmer. Häufig aber versuchen wir, aufzumuntern („Kopf hoch!“) oder mit guten Ratschlägen zur Seite zu stehen. Paradoxerweise bewirkt das genau das Gegenteil: Der andere fühlt sich unverstanden und abgelehnt. Durch gezeigtes Mitleid und Rücksichtnahme fühlen sich andere Menschen meist erst recht schlecht. Häufig steckt der Wunsch dahinter, den Schmerz des anderen zu heilen, ihn wegzunehmen, aber das funktioniert nicht.

„Die Regel lautet: Sprich und dir kann geholfen werden.“
Kirsten Trapp, psychologische Psychotherapeutin

Grundsätzlich ist es immer gut, mit Freunden auch in schlimmeren Phasen in Kontakt zu bleiben. Aber nicht jeder hält negative Schwingungen in seinem Umfeld gut aus. Dabei lohnt es sich häufig, am Ball zu bleiben, sich nicht zurückzuziehen. Denn die gute Nachricht ist: Man kann aktiv etwas gegen das Ungleichgewicht tun.

Das sagen die Therapeuten

Dirk Lambert und Kirsten Trapp führen eine Gemeinschaftspraxis in Hamburg. Wenig überraschend ist ihr wichtigster Rat als Psychotherapeuten: Sprich direkt an, was dir Unbehagen bereitet. Rede von dir und stelle Aussagen über dein eigenes Empfinden in den Raum, etwa: „Auf mich wirkt es so, dass du gar nichts mehr von dir erzählen möchtest. Ich bin doch interessiert daran. Ich habe das Gefühl, dass unsere Gespräche in letzter Zeit einseitig sind.“ Wenn man keinen Vorwurf formuliert, sondern glaubwürdig macht, wie die Situation auf einen wirkt, gibt man der Freundin die Gelegenheit, sich zu öffnen. Man vergewissert sich so auch, ob die eigene Wahrnehmung überhaupt richtig ist.

Ein paar einfache Kniffe helfen, das Gespräch aus der Schieflage zu befreien, sagt Dirk Lambert:

„Beginne das Gespräch nicht mit der Frage ‚Na, wie geht’s?’ Denn sie impliziert häufig, dass du bloß nichts Schlimmes hören willst. Das merkt dein Gegenüber und antwortet einsilbig: ‚Ja, ganz okay.’ Frage tiefer nach, etwa indem du an etwas anknüpfst aus einem früheren Gespräch oder aus alten Zeiten und stelle bewusst offene Fragen: ‚Mensch, was ist los auf unserem Kiez?‘“

„Erzählt die Freundin dann etwas von sich, halte den Kontakt“, sagt Kirsten Trapp. „Das gelingt, indem du verbal zustimmend reagierst (‚Mhm’, ‚ja’, ‚aha’), dein Gegenüber bestätigst und das, was es sagt, mit eigenen Worten wiederholst, zum Beispiel: ‚Habe ich dich richtig verstanden, dass du …‘ oder: ‚Stimmt, das ist echt scheiße, dass …’ Du signalisierst damit, dass du den Zustand des anderen wahrnimmst und drückst Empathie aus.“

Lass Ruhe einkehren. Eine enge Freundschaft hält erstmal auch Schweigen oder Nippen am Tee aus. Benenne stellvertretend für den anderen sein darunter liegendes Gefühl. Dabei kannst du ruhig ein wenig wahrsagen: „Mensch, du musst ja richtig wütend sein, wenn dein Freund so mit dir umgeht.“ Du gibst auf diese Weise gleichzeitig Einblick in das, was es bei dir auslösen würde. „Oder lästert zusammen – das ist beste Psychohygiene“, sagt Kirsten Trapp. Wenn du auf verbindende Sachen zurückgreifst und bewusst Gemeinsamkeiten hervorkehrst, baust du auch ab, dass die Freundin womöglich denkt, dass sie ohnehin nicht mithalten kann mit deinem Glück.

„Wahrzunehmen, dass man selbst glücklich ist, ist erstmal gut“, sagt Dirk Lambrecht, „aber das eigene Glück mit anderen zu vergleichen ist schlecht. Glück ist kein Wettbewerb.“

Als ich der Persönlichkeitspsychologin Katrin Rentzsch von der Universität Bamberg die Situation Ellas wiedergebe, ist ihr erster Gedanke: Hier ist der Neid am Werk. Rentzsch ist Spezialistin für Persönlichkeit und soziale Beziehungen. In einer Studie ergründet sie gemeinsam mit Kollegen das uralte menschliche Gefühl des Neides, untersucht dessen Mechanismen und Konsequenzen und versucht, ihm mit empirischen Methoden beizukommen.

Das sagt die Wissenschaftlerin

„Neid entsteht, wenn ich mich in einem bestimmten Moment mit meinem Gegenüber sozial abgleiche. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Der Vergleich vollzieht sich von unten nach oben“, sagt Katrin Rentzsch. „Schneide ich dann schlechter ab als etwa meine Freundin, löst das Neid und vielleicht Scham bei mir aus.“ Ellas Freundin könnte genau das empfinden und reagiert mit Rückzug und Abwehr. Denn womöglich sehnt sie sich bewusst oder unbewusst selbst gerade nach einem neuen Job, ist unzufrieden mit ihrem Leben oder wünscht sich mehr Abwechslung. Ellas aufregende Abenteuer stellt sie ihrem eigenen Erleben gegenüber. Das Gefühl, schlechter abzuschneiden, macht sie sprachlos, sie zieht sich zurück. Eng damit zusammen hängt die Scham, die immer dann entsteht, wenn man meint, versagt zu haben oder nicht zu genügen. Ob das objektiv berechtigt ist, spielt keine Rolle, wichtig ist das innere Bewertungssystem.

„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, wusste schon der Philosoph Sören Kierkegaard. Hinzu kommt, dass wir dazu neigen, die anderen grundsätzlich für glücklicher zu halten, als sie eigentlich sind, wie eine Studie der Stanford University in Kalifornien gezeigt hat. Die Probanden überschätzten, wie viel Freude die Mitmenschen in deren Leben spürten.

„Man vergleicht sich ständig. Doch nicht jedes Mal, wenn man schlechter abschneidet, löst das Neid aus“, sagt Katrin Rentzsch. Verantwortlich dafür ist die sogenannte Domänen-Spezifik. Das heißt, nur der soziale Vergleich bei Themen, die mich gerade beschäftigen und die für mich wichtig sind, kann zu Neid führen. „Wenn ich mich nicht für schnelle Autos interessiere und total zufrieden bin mit meinem alten Golf, wird es mich nicht weiter berühren, wenn der andere mir von seinem neuen Porsche erzählt. Wenn ich mir aber schon lange ein neues Auto wünsche, wird mich das sicher neidisch machen.“

Es ist nicht grundsätzlich falsch, sich zu vergleichen. Aber es gibt „eine gesellschaftliche Tendenz, die uns dazu animiert, uns immer nach oben zu vergleichen“, sagen Dirk Lambert und Kirsten Trapp. Entscheidend sind aber nicht die anderen, sondern dass man sein Leben mit den eigenen Zielen und Wünschen ins Verhältnis setzt.

Vor diesem Hintergrund könnte es im Gespräch schon mal helfen, nicht gerade über das zu sprechen, was bei der Freundin im Argen liegt und ihr nicht von der eigenen glücklichen Beziehung vorzuschwärmen, während sie mit Liebeskummer im Bett liegt. Besser über die tollen gemeinsamen Zeiten sprechen und nicht über Männer.

„Die Tatsache, dass es einem gerade besser geht, sollte man als Ressource anbieten.“
KR-Mitglied Julia

Das heißt aber nicht, dass man das eigene Leben unter der Decke halten muss. KR-Mitglied Achim jedenfalls hat die Erfahrung gemacht, dass das nichts bringt. Er führt ein privilegiertes Leben, und gerade deshalb spricht er darüber nicht: „Meine Strategie ist, möglichst wenig von mir und meinen Segnungen zu erzählen. Das ist allerdings keine gute Idee, denke ich. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass mein Gegenüber das berechtigte Gefühl hat, dass ich etwas verheimliche. Eine tiefe Verbindung ist dadurch meist nicht möglich.“

Ich selbst habe mich im Gespräch mit Freunden und Familienmitgliedern schon sowohl in Ellas auch in der Situation ihres Gegenübers wiedergefunden. Wie können alle vom Alltagswissen der anderen profitieren, ist eine leitende Frage dieser Kolumnenreihe. Deshalb habe ich eine Umfrage unter den KR-Mitgliedern gestartet und euch gefragt: Habt ihr ähnliche Situationen wie Ella erlebt, und welchen Rat habt ihr für sie? Mehr als 80 Leserinnen und Leser haben mir geantwortet und ihre Erfahrungen geteilt. Die Ratschläge lassen sich grob in vier Gruppen bündeln.

Das raten die KR-Mitglieder

1. Hinterfrage dich selbst

Am Anfang der Konfliktlösung sollte die Selbstanalyse stehen. Beim Erzählen von sich selbst fließen oft Informationen ein, die man selbst gar nicht als angeberisch wahrnimmt, weil man sie für selbstverständlich erachtet. „Es hilft, aus sich herauszutreten und die Sätze von außen zu betrachten“, sagt Ilka.

Man muss sich bewusst machen, dass die Einschätzung, dem anderen gehe es „schlechter als mir“, nur die eigene Bewertung ist. „Sie schafft eine Über- beziehungsweise Unterordnung in Ellas Kopf und kann deshalb schon eine Ursache der beklagten Schieflage sein“, sagt Frank. Entsprechend rät Susanne: „Gehe erstmal nicht davon aus, dass alle Menschen neidisch sind. Ich nehme an, dass es für eine Freundin mindestens unterhaltsam ist, Geschichten aus der Welt zu hören, die ihre Freundin erlebt hat.“ Ähnlich sieht das auch Sabine: „Es ist ungesund, sich immer nur mit seinen eigenen Problemen zu beschäftigen, und das spüren auch die meisten Menschen. Deswegen schauen wir so gerne Filme mit Happy End oder lesen Romane oder lassen uns Geschichten erzählen. Ellas Geschichten sind halt auch schön.“ Ein Abend mit guten Freunden dient dazu, Abstand zu seinem Problem zu gewinnen, sich abzulenken.

2. Baue Brücken

Auch Dorothea erlebt in Freundschaften und in ihrer Familie oft ein Ungleichgewicht, aber sie sagt: „In Beziehungen kann es nicht immer darum gehen, Schieflagen oder Verlegenheiten erfolgreich zu umschiffen. Die Situation anzuerkennen und erstmal so stehenzulassen, wäre gut." Auch für Anne kann es nicht darum gehen, Unterschiede aufzuheben und sich zu verstellen: „Gegenüber meinen Nachbarn zum Beispiel bin ich auch privilegiert. Aber das wissen die, sie haben halt ein anderes Leben als ich und sind damit zufrieden und auch durchaus stolz auf ihre Leistungen. Wenn ich versuchen würde, diesen Unterschied aufzuheben, dann würde ich doch diesen Stolz untergraben, finde ich.“

Oli sagt: „Lass dein Gegenüber nicht so davonkommen, sondern halte es an, mit zu überlegen, was gerade Gutes passiert. Es geht einem Menschen ja nicht immer nur schlecht. Und wenn der andere in seinem Leben gerade nichts Gutes findet, erzähle Gleichnisse aus deinem Leben, wie du dich aus einer Talsohle befreit hast.“ Man sollte auf mögliche Brücken und Schnittmengen achten. Eine solche Brücke könnte sein zu zeigen, was man für Freude an den kleinen alltäglichen Dingen hat oder über gemeinsame Interessen zu sprechen. "Ellas Job ist es, diese positiven Dinge aufzuspüren", meint Svenja.

Uta hat im Laufe der Zeit verstanden, „dass man nicht alles (alle Erfahrungen) mit allen teilen kann. Ich rede ja auch über Bücher, die ich lese, nicht unbedingt mit jemandem, von dem ich weiß, dass er nicht gern liest.“

Die Tatsache, dass es einem gerade besser geht, sollte man als Ressource anbieten, sagt Julia, die Waise ist und häufig erlebt, dass es anderen schwerfällt, ihr zu begegnen. „Ratschläge sind Schläge und bewirken nichts, wenn sie nicht gewollt sind. Das Thema ist: Zuhören, denn ich möchte ein Recht auf mein Leid haben, die Chance, es zu erzählen, ohne es gleich weggedrückt oder weggetröstet zu bekommen.“

3. Höre zu und frage nach

Zwei Personen machen niemals identische Erfahrungen, deshalb können sie auch die Perspektive des anderen nicht vollständig verstehen, sagt Francesca. Aber die Anteilnahme eines nahestehenden Menschen, ohne Beschönigung und Aufmunterung, ist sehr viel wert. „Ich finde die Frage ‚Was beschäftigt dich gerade?’ hilfreich. Wenn ich sie selbst gestellt bekomme, wird mir immer wieder etwas bewusst, was in meine Stimmung mit reinspielt, was ich vorher nicht auf dem Schirm hatte“, sagt Leonie.

Man signalisiert wirkliches Interesse und stößt das Gegenüber an, seine Lage und Gedanken in Worte zu fassen. Die Frage ist neutral und kann sowohl auf Positives wie auch Negatives abzielen. Häufig öffnet das die Gesprächstür. Dabei auch Pausen aushalten und nicht auf die Gegenfrage anspringen, bevor der andere nicht von sich erzählt hat. „Wenn man erst einmal das Gespräch mit den eigenen erfreulichen Inhalten geflutet hat, hat der andere keine Lust, von sich selbst zu erzählen“, sagt Heidi, die ihr Leben als Single ohne Kinder genießt, während ihre Freundin „in einer aussichtslosen Situation als freiberufliche Alleinerziehende von zwei Söhnen lebt“.

Je mehr Details man nachfragt, umso mehr erzählt das Gegenüber. Das kann wie ein Ventil wirken und gibt den Menschen ihre Bedeutung und Würde zurück. Oft ist es weniger die Wortwahl, sondern der emotionale Subtext, der die Situation dann ent- oder anspannt.

4. Verstehe den anderen

„Wenn es mir in solchen Situationen schwerfällt, etwas zu sagen, dann nur, weil mich meine Ängste zurückhalten”, sagt Simon. Wenn ich aber fühle, dass ich mich für diese Ängste nicht schämen muss, kann ich auch leichter und schneller offen reden.“ Flo geht es ähnlich: „Irgendwann will man dann doch mal quatschen und weiß Bescheid, wer ein offenes Ohr hat und auch respektiert, dass ich meine Zeit brauche, bis ich dann mal drüber rede.“

Evi kann sich vorstellen, dass Ella zaghafte Versuche ihrer Freundin, von Problemen zu berichten, in ihrem Enthusiasmus schlichtweg überhört. „Ich war mal in einer ähnlichen Lage und hatte das Gefühl, dass mein Problem nicht in die heile Welt des anderen gepasst hat. Aber für so etwas sollten Freunde nun auch mal ein Ohr haben. Man selbst ist schließlich ganztags damit beschäftigt – und dann hat man auch wieder Lust, sich am Erfolg des anderen zu freuen.“

„Wenn ich das Gefühl habe, meine Themen passen gerade nicht, halte ich mich eher zurück“, sagt Julia. „Ich finde es dann hilfreich, wenn andere nachfragen, aber so, dass ich nicht das Gefühl habe, sie wüssten schon, was ich sagen werde beziehungsweise haben schon eine Meinung dazu.“ Aber Julia weiß auch, dass es nicht so leicht ist, so zu fragen und aufmerksam zu sein.

Das sagt Momo

(Danke für den Hinweis, Julia und Matthias)

Jemand, die die Kunst des Zuhörens perfekt beherrschte, war Momo, das kleine Mädchen aus dem gleichnamigen Kinderbuch von Michael Ende. Momo brachte durch aktives Zuhören jeden Gesprächspartner zum Reden. Sie bewirkte auch, dass es den Menschen, die zu ihr kamen, besser ging, dass sie ihre Konflikte sogar ganz allein lösen konnten. Und das gelang ihr so:

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war das Zuhören.

Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur recht wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte – nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme.

Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm plötzlich Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten.

Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten.

Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.

Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt, und er ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte das alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

So konnte Momo zuhören!


Mit bestem Dank an alle KR-Mitglieder, die sich beteiligt haben: Carolina, Frank, Beatrice, Matthias, Nani, Hans, Floria, Julia, Pierre, Eva, Désirée, Denise, Joseas, Volker, Oli, Francesca, Michael, Thomas, Dorothea, Monika, Hans, Julia, Florian, Michael, Roger, Heidi, Evi, Britta, Achim, Christine, Ilka, Simon, Flo, Ronny, Brigitte, Ariane, Fabian, Florian, Barbara, Antje, Falk, Amy, Bastian, Anne, Petra, Karl-Heinz, Frank, Matthias, Sabine, Ralph, Monika, Barbara, David, Volker, Martin, Konrad, Grete, Therese, Martin, Julia, Robert, Tanja, Susanne, Bruno, Daniel, Isabel, Paul, Valendra, Achim, Ellen, Holger, Svenja, Susanne, Leonie, Dagmar, Stephan, Christof, Fridolin, Kerstin, Susanne, Matthias, Daniela, Sylvia, Uta und an Ella für ihre Frage.

Redaktion: Sebastian Esser; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacherfoto: unsplash /
Kylli Kittus).